"LET THERE BE LIGHT" Ministries
DER GROSSE KONFLIKT
Inhalt
Einleitung
Ehe die Sünde in die Welt kam, erfreute sich Adam eines freien Verkehrs mit seinem Schöpfer; aber seit der Mensch sich durch die Übertretung von Gott trennte, wurde ihm dies hohe Vorrecht entzogen. Durch den Erlösungsplan wurde jedoch ein Weg geöffnet, durch den die Bewohner der Erde noch immer mit dem Himmel in Verbindung treten können. Gott hat mit den Menschen durch seinen Geist verkehrt und der Welt göttliches Licht vermittels der Offenbarungen an seine erwählten Knechte mitgeteilt. „Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“ (2. Petr. 1, 21.)
Während der ersten 2500 Jahre der menschlichen Geschichte gab es keine geschriebene Offenbarung. Die von Gott gelehrt worden waren, teilten ihre Erkenntnis anderen mit, und sie pflanzte sich vom Vater auf den Sohn durch die kommenden Geschlechter fort. Die Herstellung des geschriebenen Wortes begann zur Zeit Moses, und zwar wurden die vom Geiste Gottes eingegebenen Offenbarungen zu einem inspirierten Buch vereinigt. Dies geschah 1600 Jahre lang, von Mose, dem Geschichtschreiber der Schöpfung und der Gesetzgebung an, bis auf Johannes, den Schreiber der erhabensten Wahrheiten des Evangeliums.
Die Bibel bezeichnet Gott als ihren Urheber, und doch wurde sie von Menschenhänden geschrieben und zeigt auch in dem eigenartigen Stil ihrer verschiedenen Bücher die besonderen Züge der jeweiligen Verfasser. Ihre offenbarten Wahrheiten sind alle von Gott eingegeben (2. Tim. 3, 16), gelangen aber in menschlichen Worten zum Ausdruck. Der Unendliche hat durch seinen Heiligen Geist den Verstand und das Herz seiner Knechte erleuchtet. Er hat Träume und Gesichte, Symbole und Bilder gegeben, und diejenigen, denen die Wahrheit auf solche Weise offenbart wurde, haben die Gedanken in menschliche Sprache gekleidet.
Die Zehn Gebote wurden von Gott selbst gesprochen und mit seiner eigenen Hand geschrieben. Sie sind von Gott und nicht von Menschen verfaßt. Aber die Bibel mit ihren von Gott eingegebenen, in menschlicher Sprache ausgedrückten Wahrheiten stellt eine Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen dar. Eine solche Vereinigung bestand in Christus, welcher der Sohn Gottes und des Menschen Sohn war. Mithin gilt dasselbe von der Bibel, was von Christus geschrieben steht: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh. 1, 14.)
In verschiedenen Zeitaltern und von Menschen geschrieben, die dem Rang und der Beschäftigung, dem Verstand und den Geistesgaben nach sehr ungleich waren, bieten die Bücher der Bibel nicht nur eine große Verschiedenheit im Stil, sondern auch in der Natur der entfalteten Gegenstände dar. Die verschiedenen Schreiber bedienen sich verschiedener Ausdrucksweisen; oft wird die gleiche Wahrheit von dem einen nachdrücklicher betont als von dem andern. Und da mehrere Schreiber einen Gegenstand von verschiedenen Gesichtspunkten und Beziehungen betrachten, mag der oberflächliche, nachlässige oder mit Vorurteil erfüllte Leser da Ungereimtheiten oder Widersprüche sehen, wo der nachdenkende, andächtige Forscher mit klarerer Einsicht die zugrunde liegende Übereinstimmung erblickt.
Da die Wahrheit von verschiedenen Persönlichkeiten vorgeführt wird, sehen wir sie auch von ihren verschiedenen Gesichtspunkten aus. Der eine Schreiber steht mehr unter dem Eindruck von der einen Seite des Gegenstandes; er erfaßt die Punkte, welche mit seiner Erfahrung übereinstimmen oder in dem Maße, wie er sie begreift oder würdigt; ein anderer nimmt sie von einer anderen Seite auf, aber jeder stellt das dar, was unter der Leitung des Geistes Gottes auf sein eigenes Gemüt den stärksten Eindruck macht, und so hat man in jedem eine bestimmte Seite der Wahrheit und doch eine vollkommene Übereinstimmung in allem. Und die auf diese Weise offenbarten Wahrheiten verbinden sich zu einem vollkommenen Ganzen, das den Bedürfnissen der Menschen in allen Umständen und Erfahrungen des Lebens angepaßt ist.
Es hat Gott gefallen, der Welt die Wahrheit durch menschliche Werkzeuge mitzuteilen, und er selbst hat vermittels seines Heiligen Geistes die Menschen befähigt, dies Werk zu verrichten. Er hat die Gedanken geleitet in der Wahl dessen, was zu reden oder zu schreiben war. Der Schatz war irdischen Gefäßen anvertraut worden, ist aber nichtdestoweniger vom Himmel. Das Zeugnis wird vermittels der unvollkommenen Ausdrücke der menschlichen Sprache getragen und ist dennoch das Zeugnis Gottes, und das gehorsame, gläubige Gotteskind sieht darin die Herrlichkeit einer göttlichen Macht, voller Gnade und Wahrheit.
In seinem Wort hat Gott den Menschen die zur Seligkeit nötige Erkenntnis übergeben. Die Heilige Schrift soll als eine maßgebende, rechtskräftige, untrügliche Offenbarung seines Willens angenommen werden. Sie ist der Maßstab des Charakters, der Kundgeber der Vorschriften, der Prüfstein der Erfahrung. „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.“ (2. Tim. 3, 16. 17.)
Doch hat die Tatsache, daß Gott seinen Willen dem Menschen durch sein Wort offenbart hat, die beständige Gegenwart und Leitung des Heiligen Geistes nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil, unser Heiland verhieß den Heiligen Geist, damit dieser seinen Knechten das Wort eröffne, dessen Lehren beleuchte und anwende. Und da der Geist Gottes die Bibel eingab, ist es auch unmöglich, daß die Lehren des Geistes dem Wort je entgegen sein können.
Der Geist wurde nicht gegeben und kann auch nie dazu mitgeteilt werden, um die Bibel zu verdrängen; denn die Schrift erklärt ausdrücklich, daß das Wort Gottes der Maßstab ist, an welchem alle Lehren und jede Erfahrung geprüft werden müssen. Der Apostel Johannes sagt: „Glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“ (l. Joh. 4, 1.) Und Jesaj a erklärt: ja, nach dem Gesetz und Zeugnis! Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte nicht haben." (Jes. 8, 20.)
Große Schmach ist auf das Werk des Heiligen Geistes geworfen worden durch die Irrtümer etlicher Menschen, welche beanspruchen, von ihm erleuchtet zu sein und behaupten, einer weiteren Führung des Wortes Gottes nicht mehr zu bedürfen. Sie lassen sich von Eindrücken leiten, die sie für die Stimme Gottes in der Seele annehmen; aber der Geist, der sie beherrscht, ist nicht der Geist Gottes. Ein solches Befolgen der Gefühle, wodurch die Heilige Schrift vernachlässigt wird, kann nur zu Verwirrung, Täuschung und Verderben führen. Da das Amt des Heiligen Geistes für die Gemeinde Christi von höchster Wichtigkeit ist, gehört es auch zu den listigen Anschlägen Satans, durch die Irrtümer der Überspannten und Schwärmer Verachtung auf das Werk des Geistes zu werfen und das Volk Gottes zu veranlassen, diese Quelle der Kraft, welche uns der Herr selbst vorgesehen hat, zu vernachlässigen.
In Übereinstimmung mit dem Worte Gottes sollte der Heilige Geist sein Werk während der ganzen Zeit der Gnadenhaushaltung des Evangeliums fortsetzen. Während der Zeit, da die Schriften des Alten und Neuen Testamentes gegeben wurden, hörte der Heilige Geist nicht auf, außer den Offenbarungen, welche dem heiligen Buche einverleibt werden sollten, auch die Seelen einzelner zu erleuchten. Die Bibel selbst berichtet, daß Menschen durch den Heiligen Geist Warnungen, Tadel, Rat und Belehrungen empfingen in Angelegenheiten, die in keiner Beziehung zur Ubermittlung der Heiligen Schrift standen, und zu verschiedenen Zeiten werden Propheten erwähnt, über deren Aussprüche nichts verzeichnet steht. Gleicherweise sollte, nachdem der Kanon der Schrift abgeschlossen war, der Heilige Geist auch weiterhin sein Werk, zu erleuchten, zu warnen und Gottes Kinder zu trösten, fortsetzen.
Jesus verhieß seinen Jüngern: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe.“ „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten, ... und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“ (Joh. 14, 26; 16, 13.) Die Schrift lehrt deutlich, daß diese Verheißungen, weit davon entfernt, auf die Zeit der Apostel beschränkt zu sein, für die Gemeinde Christi in'allen Zeiten gelten. Der Heiland versichert seinen Nachfolgern: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28, 20), und Paulus erklärt, daß die Gaben und Kundgebungen des Geistes der Gemeinde gegeben worden seien, damit „die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Amts, dadurch der Leib Christi erbaut werde, bis daß wir alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, der da sei in dem Maße des vollkommenen Alters Christi.“ (Eph. 4, 12. 13.)
Für die Gläubigen zu Ephesus betete der Apostel: „Der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis und erleuchtete Augen eures Verständnisses, daß ihr erkennen möget, welche da sei die Hoffnung eurer Berufung, und ... welche da sei die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, die wir glauben.“ (Eph. 1, 17-19.) Das Amt des Geistes Gottes in der Erleuchtung des Verständnisses und dem Auftun der Tiefen der Heiligen Schrift war der Segen, welchen Paulus auf die Gemeinde zu Ephesus herabflehte.
Nach der wunderbaren Ausgießung des Heiligen. Geistes am Pfingsttage ermahnte Petrus das Volk zur Buße und Taufe im Namen Christi zur Vergebung ihrer Sünden und sagte: „So werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird.“ (Apg. 2, 38. 39.)
Im unmittelbaren Zusammenhang mit den Begebenheiten des großen Tages Gottes hat der Herr durch den Propheten Joel eine besondere Offenbarung seines Geistes verheißen. (Joel 3, 1.) Diese Prophezeiung erhielt eine teilweise Erfüllung in der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttage; aber sie wird ihre volle Erfüllung in der Offenbarung der göttlichen Gnade erreichen, weiche das Schlußwerk des Evangeliums begleiten wird.
Der große Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen wird an Heftigkeit zunehmen bis ganz ans Ende der Zeit. Zu allen Zeiten offenbarte sich der Zorn Satans gegen die Gemeinde Christi; und Gott hat seinem Volk seine Gnade und seinen Geist verliehen, um es zu stärken, damit es vor der Macht des Bösen bestehen könne. Als die Apostel das Evangelium in die Welt hinaustragen und es für alle Zukunft berichten sollten, wurden sie besonders mit der Erleuchtung des Geistes ausgerüstet. Wenn sich aber der Gemeinde Gottes die schließliche Befreiung naht, wird Satan mit größerer Macht wirken. Er kommt herab „und hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat.“ (Offb. 12, 12.) Er wird „mit allerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundern“ wirken. (2. Thess. 2, 9.) 6000 Jahre lang hat jener mächtige Geist, einst der höchste unter den Engeln Gottes, es völlig auf Täuschung und Verderben abgesehen, und alle dadurch erlangte satanische Kunst und Verschlagenheit, alle in diesem jahrhundertelangen Ringen entwickelte Grausamkeit werden in dem letzten Kampf gegen Gottes Volk ins Feld geführt werden. In dieser gefahrvollen Zeit sollen die Nachfolger Christi der Welt die Botschaft von der Wiederkunft des Herrn bringen; ein Volk muß zubereitet werden, das bei seinem Kommen "unbefleckt und unsträflich“ vor ihm stehen kann. (2. Petr. 3, 14.) Zu dieser Zeit bedarf die Gemeinde der besonderen Gabe der göttlichen Gnade und Macht nicht weniger als in den Tagen der Apostel.
Durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes sind mir, der Verfasserin dieser Seiten, die Ereignisse des langanhaltenden Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen offenbart worden. Etliche Male wurde es mir gestattet, den großen Kampf zwischen Christus, dem Fürsten des Lebens, dem Herzog unserer Seligkeit, und Satan, dem Fürsten des Bösen, dem Urheber der Sünde, dem ersten Übertreter des heiligen Gesetzes Gottes, in verschiedenen Zeitaltern zu schauen. Satans Feindschaft gegen Christum hat sich gegen dessen Nachfolger bekundet. Derselbe Haß gegen die Grundsätze des Gesetzes Gottes, dieselben trügerischen Pläne, durch welche der Irrtum als Wahrheit erscheint, menschliche Gesetze an Stelle des Gesetzes Gottes gebracht und die Menschen verleitet werden, eher das Geschöpf als den Schöpfer anzubeten, können in der ganzen Geschichte der Vergangenheit verfolgt werden. Satans Bemühungen, den Charakter Gottes verkehrt darzustellen, um die Menschen dahinzubringen, eine falsche' Vorstellung von dem Schöpfer zu hegen und ihn daher eher mit Furcht und Haß als mit Liebe zu betrachten, seine Anstrengungen, das göttliche Gesetz beiseite zu setzen und das Volk glauben zu machen, daß es von dessen Anforderungen frei sei; sein Verfolgen derer, die es wagen, sich seinen Täuschungen zu widersetzen, lassen sich in allen Jahrhunderten deutlich nachweisen. Sie können in der Geschichte der Patriarchen, Propheten und Apostel, der Märtyrer und Reformatoren wahrgenommen werden.
In dem letzten großen Kampf wird Satan dieselbe Klugheit anwenden, denselben Geist bekunden und nach demselben Ziel streben wie in allen vergangenen Zeiten. Was gewesen ist, wird wieder sein, ausgenommen daß sich der kommende Kampf durch eine so schreckliche Heftigkeit kennzeichnet, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Satans Täuschungen werden schlauer, seine Angriffe entschlossener sein. Wenn es möglich wäre, würde er selbst die Auserwählten verführen. (Mark. 13, 22.)
Als mir durch den Geist Gottes die großen Wahrheiten seines Wortes und. die Ereignisse der Vergangenheit und der Zukunft erschlossen wurden, erhielt ich den Auftrag, anderen bekanntzumachen, was mir offenbart worden war, nämlich die Geschichte des Kampfes in der Vergangenheit zu verfolgen und sie besonders so darzustellen, daß dadurch Licht. auf den rasch herannahenden Kampf der Zukunft geworfen werde. In Verfolgung dieser Absicht habe ich mich bestrebt, Ereignisse aus der Kirchengeschichte zu wählen und auf solche Weise zusammenzustellen, daß sie die Enticklung der großen prüfenden Wahrheiten zeigen, welche zu verschiedenen Zeiten der Welt gegeben wurden, die den Zorn Satans und die Feindschaft einer verweltlichten Kirche erregten und die durch das Zeugnis derer aufrechterhalten werden, welche „nicht haben ihr Leben geliebt bis an den Tod.“
In diesen Berichten können wir ein Bild des uns bevorstehenden Kampfes erblicken. Wenn wir sie in dem Licht des Wortes Gottes und durch die Erleuchtung seines Geistes betrachten, können wir unverhüllt die Anschläge des Bösen und die Gefahren sehen, welchen alle ausweichen müssen, die beim Kommen des Herrn „unsträflich" erfunden werden wollen.
Die großen Ereignisse, welche den Fortschritt der Reformation in vergangenen Jahrhunderten kennzeichneten, sind wohlbekannte und von der protestantischen Welt allgemein anerkannte geschichtliche Tatsachen, die niemand bestreiten kann. Diese Schilderung habe ich in Übereinstimmung mit dem Zweck des Buches und der Kürze, welche notwendigerweise beobachtet werden mußte, deutlich dargestellt und so weit zusammengedrängt, wie es zu einem richtigen Verständnis ihrer Anwendung möglich war. In etlichen Fällen, wo ein Geschichtschreiber die Ereignisse so zusammengestellt hat, daß sie in aller Kürze einen gedrängten Überblick über den Gegenstand gewährten, oder wo er die Einzelheiten in passender Weise zusammenfaßte, sind seine Worte angeführt worden; aber in einigen Fällen wurden keine Namen erwähnt, da sie nicht in der Absicht angeführt wurden, den betreffenden Schreiber als Autorität hinzustellen, sondern weil seine Aussagen eine treffende und kraftvolle Darstellung des Gegenstandes boten. In der Beschreibung der Erfahrungen und der Ansichten derer, welche das Reformationswerk in unserer Zeit vorwärtsführen, wurde von ihren veröffentlichten Werken ein ähnlicher Gebrauch gemacht.
Es ist nicht so sehr der Zweck dieses Buches, neue Wahrheiten über die Kämpfe früherer Zeiten zu bringen, als Tatsachen und Grundsätze hervorzuheben, welche einen Einfluß auf kommende Ereignisse haben. Jedoch erlangen diese Berichte über die Vergangenheit, angesehen als ein Teil des Kampfes zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis, eine neue Bedeutung, und durch sie scheint ein Licht auf die Zukunft und erleuchtet den Pfad derer, welche selbst auf die Gefahr hin, aller irdischen Güter verlustig zu gehen, wie die früheren Reformatoren berufen werden, Zeugnis abzulegen „um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi.“
Der Zweck dieses Buches ist, die Begebenheiten des großen Kampfes zwischen Wahrheit und Irrtum zu beschreiben, Satans listige Anschläge und die Mittel, durch welche wir ihm erfolgreich widerstehen können, zu offenbaren, eine befriedigende Lösung des großen Problems der Sünde zu geben, indem ein derartiges Licht über den Ursprung und die schließliche Abrechnung mit allem Bösen gegeben wird, daß dadurch die Gerechtigkeit und die Güte Gottes in all seinem Handeln mit seinen Geschöpfen völlig offenbar werde, sowie die heilige, unveränderliche Natur seines Gesetzes zu zeigen. Daß durch den Einfluß des Buches Seelen von der Macht der Finsternis befreit und Teilhaber werden am „Erbe der Heiligen im Licht" zum Lobe dessen, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat, ist mein ernstliches Gebet. E.G.W. Healsdburg, Cal., Mai, 1888.
KAPITEL 1
DIE ZERSTÖRUNG JERUSALEMS
„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängsten; und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ (Luk. 19, 42-44.)
Vom Gipfel des Ölberges herab schaute Jesus auf Jerusalem. Lieblich und friedvoll war die vor ihm ausgebreitete Szene. Es war die Zeit des Passahfestes, und von allen Ländern hatten sich die Kinder Jakobs versammelt, um dies große Nationalfest zu feiern. Inmitten von Gärten, Weinbergen und grünen, mit Zelten der Pilger besäten Abhängen, erhoben sich die terrassenförmig abgestuften Hügel, die stattlichen Paläste und massiven Bollwerke der Hauptstadt Israels. Die Tochter Zions schien in ihrem Stolz zu sagen: „Ich sitze als eine Königin,... und Leid werde ich nicht sehen;“ So anmutig war sie und wähnte sich der Gunst des Himmels sicher, wie ehedem der königliche Sänger, da er ausrief: „Schön ragt empor der Berg Zion, des sich das ganze Israel tröstet; ... die Stadt des großen Königs.“ (Offb. 18, 7; Ps. 48, 3.) Gerade vor seinen Augen lagen die prächtigen Gebäude des Tempels; die Strahlen der sinkenden Sonne erhellten das schneeige Weiß seiner marmornen Mauern und leuchteten von dem goldenen Tor, dem Turm und der Zinne. In vollendeter Schönheit stand Zion da, der Stolz der jüdischen Nation. Welches Kind Israels konnte bei diesem Anblick ein Gefühl der Freude und der Bewunderung unterdrücken! Aber weit andere Gedanken beschäftigten das Gemüt Jesu. „Als er nahe hinzukam, sah er die Stadt an und weinte über sie.“ (Luk. 19, 41.) Inmitten der allgemeinen Freude des triumphierenden Einzuges, während Palmzweige ihm entgegenwehten, fröhliche Hosiannarufe von den Hügeln widerhallten und Tausende von Stimmen ihn zum König ausriefen, überwältigte den Welterlöser ein plötzlicher und geheimnisvoller Schmerz. Er, der Sohn Gottes, der Verheißene Israels, dessen Macht den Tod besiegt und seine Gefangenen aus den Gräbern hervorgerufen hatte, weinte - keine Tränen eines gewöhnlichen Wehes, sondern eines heftigen, unaussprechlichen Seelenschmerzes.
Christi Tränen flossen nicht um seinetwillen, obgleich er wohl wußte, wohin sein Weg ihn führte. Vor ihm lag Gethsemane, der Schauplatz seines bevorstehenden Seelenkampfes. Das Schaftor war ebenfalls sichtbar, durch welches seit Jahrhunderten die Schlachtopfer geführt worden waren, und das sich auch vor ihm auftun sollte, wenn er „wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt“ (Jes. 53, 7) würde. Nicht weit entfernt lag Golgatha, die Stätte der Kreuzigung. Auf den bald zu betretenden Pfad mußten die Schatten großer Finsternis fallen, da Christus seine Seele zu einem Sühnopfer für die Sünde geben sollte. Doch war es nicht die Betrachtung derartiger Szenen, die in dieser Stunde der allgemeinen Fröhlichkeit den Schatten auf ihn warf. Keine Vorahnungen seiner eigenen übermenschlichen Angst trübten das selbstlose Gemüt. Er beweinte das Los der Tausenden in Jerusalem, die Blindheit und Unbußfertigkeit derer, die er zu segnen und zu retten gekommen war.
Gottes besondere Gunst und Fürsorge, die sich über tausend Jahre dem auserwählten Volke offenbart hatte, lagen offen vor dem Blick Jesu. Dort erhob sich der Berg Morija, wo der Sohn der Verheißung, ein widerstandsloses Opfer, auf den Altar gebunden worden war (l. Mose 22, 9) - ein Sinnbild der Aufopferung des Sohnes Gottes. Dort war der Bund des Segens, die glorreiche messianische Verheißung, dem Vater der Gläubigen bestätigt worden. (l. Mose 22, 16-18.) Dort hatten die gen Himmel aufsteigenden Flammen des Opfers in der Tenne Omans das Schwert des Würgengels abgewandt (l. Chr. 21) - ein passendes Symbol von des Heilandes Opfer für die schuldigen Menschen. Jerusalem war von Gott vor der ganzen Erde geehrt worden. Der Herr hatte „Zion erwählt“, er hatte „Lust, daselbst zu wohnen.“ (Ps. 132, 13.) Dort hatten die heiligen Propheten jahrhundertelang ihre Botschaften der Warnung verkündigt; die Priester hatten ihre Rauchnäpfe geschwungen, und die Wolke des Weihrauchs mit den Gebeten der Frommen war zu Gott aufgestiegen. Dort war täglich das Blut der geopferten Lämmer dargebracht worden, die auf das Lamm Gottes hinwiesen. Dort hatte Jehovah in der Wolke der Herrlichkeit über dem Gnadenstuhl seine Gegenwart offenbart. Dort hatte der Fuß jener geheimnisvollen Leiter geruht, welche die Erde mit dem Himmel verband (l. Mose 28, 12; Joh. 1, 51) - jener Leiter, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und welche der Welt den Weg in das Allerheiligste öffnete. Hätte Israel als eine Nation dem Himmel seine Treue bewahrt, so würde Jerusalem, die auserwählte Stadt Gottes, ewig gestanden haben. (Jer. 17, 21-25.) Aber die Geschichte jenes bevorzugten Volkes gab einen Bericht über Abtrünnigkeit und Empörung. Es hatte sich der Gnade des Himmels widersetzt, seine Vorrechte mißbraucht und die günstigen Gelegenheiten unbeachtet gelassen.
Die Israeliten „spotteten der Boten Gottes- und verachteten seine Worte und äfften seine Propheten,“ (2. Chron. 36, 15. 16) und doch hatte Gott sich ihnen immer noch als der „Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue erwiesen.“ (2. Mose 34, 6.) Ungeachtet der wiederholten Verstoßungen war ihnen immer noch seine Gnade nachgegangen. Mit mehr als väterlicher, mitleidsvoller Liebe für das Kind seiner Sorge sandte Gott „zu ihnen durch seine Boten früh und immerfort; denn er schonte seines Volkes und seiner Wohnung.“ (2. Chron. 36, 15.) Nachdem Vorstellungen, Bitten und Zurechtweisungen fehlgeschlagen hatten, sandte er ihnen die beste Gabe des Himmels; ja er schüttete den ganzen Himmel in jener einen Gabe aus.
Der Sohn Gottes selbst wurde gesandt, um mit der unbußfertigen Stadt zu unterhandeln. War es doch Christus, der Israel als einen guten Weinstock aus Ägypten geholt hatte. (Ps. 80, 9.) Seine eigene Hand hatte die Heiden vor ihm her ausgetrieben. Er hatte ihn „an einen fetten Ort“ (Jes. 5, 1-4) gepflanzt. In seiner Fürsorge hatte er einen Zaun um ihn herum gebaut und seine Knechte ausgesandt, ihn zu pflegen. „Was sollte man doch mehr tun an meinem Weinberge,“ ruft er aus, „das ich nicht getan habe an ihm?“ Doch als er „wartete, daß er Trauben brächte,“ hat er „Herlinge gebracht.“ (Jes. 5, 1-4.) Dessen ungeachtet kam er mit einer noch immer sehnlichen Hoffnung auf Fruchtbarkeit persönlich in seinen Weinberg, damit dieser, wenn möglich, vor dem Verderben bewahrt bleibe. Er grub um den Weinstock herum; er beschnitt und pflegte ihn. Unermüdlich waren seine Bemühungen, diesen selbst gepflanzten Weinstock zu retten.
Drei Jahre lang war der Herr des Lichts und der Herrlichkeit unter seinem Volk ein- und ausgegangen. Er war umhergezogen und hatte wohlgetan und gesund gemacht alle, die vom Teufel überwältigt waren; (Apg. 10, 38; Luk. 4, 18; Matth. 11, 5;) Er hatte die zerstoßenen Herzen geheilt, die Gefangenen losgelassen, den Blinden das Gesicht wiedergegeben, die Lahmen gehen und die Tauben hören gemacht, die Aussätzigen gereinigt, die Toten auferweckt und den Armen das Evangelium verkündigt. An alle ohne Unterschied war die gnadenreiche Einladung ergangen: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28.)
Obgleich ihm Gutes mit Bösem und Liebe mit Haß belohnt wurde (Ps. 109, 5), so war er doch unverwandt seiner Mission der Barmherzigkeit nachgegangen. Nie waren diejenigen abgewiesen worden, die seine Gnade suchten. Selbst ein heimatloser Wanderer, dessen täglicher Teil Schmach und Entbehrung war, hatte er gelebt, um den Bedürftigen zu dienen, das Leid der Menschen zu lindern und Seelen zur Annahme der Gabe des Lebens zu bewegen. Die Wogen der Gnade, obgleich sie sich an widerspenstigen Herzen brachen, kehrten in noch stärkerer Flut mitleidsvoller, unaussprechlicher Liebe zurück. Aber Israel hatte sich von seinem besten Freunde und einzigen Helfer abgewandt, hatte die Mahnungen seiner Liebe verachtet, seine Ratschläge verschmäht, seine Warnungen verlacht.
Die Stunde der Hoffnung und der Gnade nahte sich dem Ende; die Schale des lange zurückgehaltenen Zornes Gottes war beinahe voll. Die nunmehr unheildrohende Wolke, die sich während der Zeit des Abfalles und der Empörung gesammelt hatte, war im Begriff, sich über ein schuldiges Volk zu entladen, und er, der allein von dem bevorstehenden Schicksal hätte retten können, war verachtet, mißhandelt, verworfen worden und sollte bald gekreuzigt werden. Mit Christi Kreuzestod auf Golgatha würde Israels Zeit als eine von Gott begünstigte und gesegnete Nation aufhören. Der Verlust auch nur einer Seele ist ein Unglück, welches den Gewinn und die Schätze einer Welt unendlich überwiegt. Als aber Christus auf Jerusalem blickte, sah er das Schicksal einer ganzen Stadt, einer ganzen Nation - jener Stadt, jener Nation, die einst die Auserwählte Gottes, sein besonderes Eigentum gewesen war.
Propheten hatten über den Abfall der Kinder Israel und die schrecklichen Verwüstungen geweint, welche infolge ihrer Sünden über sie ergingen. Jeremia wünschte, daß seine Augen Tränenquellen wären, daß er Tag und Nacht die Erschlagenen der Tochter seines Volkes und des Herrn Herde, die gefangen geführt worden war, beweinen möchte. (Jer. 8, 23; 13, 17.) Welchen Schmerz muß aber Christus empfunden haben, dessen prophetischer Blick nicht Jahre, sondern ganze Zeitalter umfaßte! Er sah den Würgengel mit dem Schwert gegen die Stadt erhoben, die so lange Jehovas Wohnstätte gewesen war. Von der Spitze des Ölberges, derselben Stelle, welche später von Titus und seinem Heer besetzt wurde, schaute er über das Tal auf die heiligen Höfe und Säulenhallen, und mit seinem tränenumflorten Auge erblickte er ein grauenhaftes Fernbild; die Stadtmauern von einem feindlichen Heer umzingelt. Er hörte das Stampfen der sich sammelnden Horden, vernahm die Stimmen der in der belagerten Stadt nach Brot schreienden Mütter und Kinder. Er sah ihren heiligen, prächtigen Tempel, die Paläste und Türme den Flammen preisgegeben, und wo sie einst gestanden hatten, sah er nur einen Haufen rauchender Trümmer.
Den Strom der Zeit hinabblickend, sah er das Bundesvolk in alle Länder zerstreut, gleich Wracks an einem öden Strande. In der zeitlichen Vergeltung, die im Begriff war, seine Kinder heimzusuchen, sah er die ersten Tropfen aus jener Zornesschale, die sie bei dem Gericht bis auf die Hefe leeren mußten. Göttliches Erbarmen, mitleidige Liebe fand ihren Ausdruck in den trauervollen Worten: Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ (Matth. 23, 37.) 0 daß du, das vor allen andern bevorzugte Volk, die Zeit deiner Heimsuchung und das, was zu deinem Frieden dient, erkannt hättest! Ich habe den Engel der Strafe aufgehalten, ich habe dich zur Buße gerufen, aber umsonst. Nicht nur Knechte, Boten und Propheten hast du abgewiesen, sondern den Heiligen Israels, deinen Erlöser, hast du verworfen; wenn du vernichtet wirst, so bist du allein verantwortlich. „Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.“ (Joh. 5, 40)
Christus sah in Jerusalem ein Sinnbild der in Unglauben und Empörung verhärteten Welt, die dem wiedervergeltenden Gericht Gottes entgegeneilt. Die Leiden eines gefallenen Geschlechts bedrückten seine Seele und entlockten seinen Lippen jenen außerordentlich bittern Schrei. Er sah im menschlichen Elend, in Tränen und Blut die Spuren der Sünde; sein Herz wurde von unendlichem Mitleid mit den Bedrängten und Leidenden auf Erden bewegt; er sehnte sich danach, ihnen allen Erleichterung zu verschaffen. Aber selbst seine Hand vermochte nicht die Flut menschlichen Elends abzuwenden; denn nur wenige würden sich an ihre einzige Hilfsquelle wenden. Er war willens, seine Seele in den Tod zu geben, um ihnen die Erlösung erreichbar zu machen, aber nur wenige würden zu ihm kommen, daß sie das Leben haben möchten.
Die Majestät des Himmels in Tränen! Der Sohn des unendlichen Gottes niedergebeugt von Seelenangst! Dieser Anblick setzte den ganzen Himmel in Erstaunen. Jene Szene offenbart uns die überaus große Sündhaftigkeit der Sünde; sie zeigt, welch eine schwere Aufgabe es selbst für die göttliche Allmacht ist, die Schuldigen von den Folgen der Übertretung des Gesetzes zu retten. Hinunterschauend auf das letzte Geschlecht, sah Jesus die Welt von einer Täuschung befallen, ähnlich derer, welche die Zerstörung Jerusalems bewirkte. Die große Sünde der Juden war die Verwerfung Christi; das große Vergehen der christlichen Welt würde die Verwerfung des Gesetzes Gottes, der Grundlage seiner Regierung im Himmel und auf Erden, sein. Die Vorschriften Jehovas würden verachtet und verworfen werden. Millionen, in den Banden der Sünde und Sklaven Satans, verurteilt, den andern Tod zu erleiden, würden sich in den Tagen ihrer Heimsuchung weigern, auf die Worte der Wahrheit zu lauschen. Schreckliche Blindheit! Seltsame Betörung!
Zwei Tage vor dem Passahfest, als Christus zum letzten Male den Tempel verließ, wo er die Scheinheiligkeit der jüdischen Obersten bloßgestellt hatte, ging er abermals mit seinen Jüngern nach dem Ölberg und setzte sich mit ihnen auf den mit Gras bewachsenen Abhang, der einen Blick über die Stadt gewährte. Noch einmal schaute er auf ihre Mauern, Türme und Paläste; noch einmal betrachtete er den Tempel in seiner blendenden Pracht, ein Diadem der Schönheit, das den heiligen Berg krönte.
Tausend Jahre zuvor hatte der Psalmist die Güte Gottes gegen Israel gepriesen, weil er dessen heiliges Haus zu seiner Wohnstätte gemacht hatte: „Zu Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion.“ Er „erwählte den Stamm Juda, den Berg Zion, welchen er liebte. Und baute sein Heiligtum hoch, wie die Erde, die ewiglich fest stehen soll.“ (Ps. 76, 3; 78, 68. 69.) Der erste Tempel war während der Glanzzeit der Geschichte Israels errichtet worden. Große Vorräte an Schätzen waren zu diesem Zweck vom König David gesammelt und die Pläne zu seiner Herstellung durch die göttliche Eingebung entworfen worden. (l. Chron. 28, 12. 19.) Salomo, der weiseste der Fürsten Israels, hatte das Werk vollendet. Dieser Tempel war das herrlichste Gebäude, welches die Welt je gesehen hatte. Doch hatte der Herr durch den Propheten Haggai betreffs des zweiten Tempels erklärt: „Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer werden, denn des ersten gewesen ist.„ „Ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll dann kommen aller Heiden Bestes; und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Haggai 2, 9. 7.)
Nach der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar wurde er ungefähr fünfhundert Jahre vor der Geburt Christi wieder erbaut von einem Volk, das aus einer lebenslänglichen Gefangenschaft in ein verwüstetes und beinahe verlassenes Land zurückgekehrt war. Unter ihm waren bejahrte Männer, welche die Herrlichkeit des salomonischen Tempels gesehen hatten und bei der Gründung des neuen Gebäudes weinten, daß es so sehr hinter dem ersten zurückstehen müsse. Das damals herrschende Gefühl wird von dem Propheten nachdrücklich beschrieben: „Wer ist unter euch übriggeblieben, der dies Haus in seiner vorigen Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr's nun an? Ist's nicht also, es dünkt euch nichts zu sein?“ (Haggai 2, 3; Esra 3, 12.) Dann wurde die Verheißung gegeben, daß die Herrlichkeit dieses letzteren Hauses größer sein sollte, denn die des vorigen.
Der zweite Tempel kam jedoch dem ersten an Großartigkeit nicht gleich, wurde auch nicht durch jene sichtbaren Zeichen der göttlichen Gegenwart geheiligt, welche dem ersten Tempel eigen waren. Keine übernatürliche Macht offenbarte sich bei seiner Einweihung; die Wolke der Herrlichkeit erfüllte nicht das neu errichtete Heiligtum; kein Feuer fiel vom Himmel hernieder, um das Opfer auf seinem Altar zu verzehren. Die Herrlichkeit Gottes thronte nicht mehr zwischen den Cherubim im Allerheiligsten; die Bundeslade, der Gnadenstuhl und die Tafeln des Zeugnisses wurden nicht darin gefunden. Keine Stimme ertönte vom Himmel, um dem fragenden Priester den Willen Jehovas kundzutun.
Jahrhundertelang hatten die Juden vergebens versucht zu zeigen, inwiefern jene durch Haggai gegebene Verheißung Gottes erfüllt worden war; jedoch verblendeten Stolz und Unglauben ihre Gemüter, so daß sie die wahre Bedeutung der Worte des Propheten nicht verstehen konnten. Der zweite Tempel wurde nicht durch die Wolke der Herrlichkeit Jehovas geehrt, sondern durch die lebendige Gegenwart dessen, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte - welcher Gott selbst war, offenbart im Fleische. Der „aller Heiden Bestes“ war tatsächlich zu seinem Tempel gekommen, als der Mann von Nazareth in den heiligen Vorhöfen lehrte und heilte. Durch die Gegenwart Christi, und zwar nur dadurch, übertraf der zweite Tempel den ersten an Herrlichkeit. Aber Israel hatte die angebotene Gabe des Himmels von sich gestoßen. Mit dem demütigen Lehrer, der an jenem Tage durch das Goldene Tor hinausgegangen, war die Herrlichkeit für immer von dem Tempel gewichen. Schon waren die Worte des Heilandes erfüllt: „Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden.“ (Matth. 23, 38.)
Die Jünger waren bei Jesu Weissagung von der Zerstörung des Tempels mit heiliger Scheu und mit Staunen erfüllt worden, und sie wünschten die Bedeutung seiner Worte völliger zu verstehen. Reichtum, Arbeit und Baukunst waren während mehr als vierzig Jahre in freigebiger Weise zu seiner Verherrlichung verwendet worden. Herodes der Große hatte ihm sowohl römischen Reichtum als auch jüdische Schätze zugewandt, und sogar der Kaiser der Welt ihn mit seinen Geschenken bereichert. Massive Blöcke weißen Marmors von beinahe fabelhafter Größe, zu diesem Zweck aus Rom herbeigeschafft, bildeten einen Teil seines Baues; und auf diese hatten die Jünger die Aufmerksamkeit ihres Meisters gelenkt, als sie sagten: „Meister, siehe, welche Steine und welch ein Bau ist das!“ (Mark. 13, 1.)
Auf diese Worte machte Jesus die feierliche und überraschende Erwiderung: „Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (Matth. 24, 2.)
Die Jünger verbanden mit der Zerstörung Jerusalems die Ereignisse der persönlichen Wiederkunft Christi in zeitlicher Herrlichkeit, um den Thron des Weltreiches einzunehmen, die unbußfertigen Juden zu strafen und das römische Joch am Halse der Nation zu zerbrechen. Der Herr hatte ihnen gesagt, daß er wiederkommen werde; deshalb richteten sich ihre Gedanken bei der Erwähnung der Gerichte, die über Jerusalem kommen sollten, auf jenes Kommen, und als sie auf dem Ölberg um den Heiland versammelt waren, fragten sie ihn: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und welches wird das Zeichen sein deiner Zukunft und des Endes der Welt?“ (Matth. 24, 3.)
Die Zukunft war den Jüngern gnädiglich verhüllt. Hätten sie zu jener Zeit die zwei furchtbaren Tatsachen völlig verstanden - des Heilandes Leiden und Tod sowie die Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels -, so würden sie von Entsetzen überwältigt worden sein. Christus gab ihnen einen Umriß der hervorragendsten Ereignisse, die vor dem Ende der Zeit stattfinden sollen. Seine Worte wurden damals nicht völlig verstanden; aber ihr Sinn sollte enthüllt werden, wann sein Volk der darin gegebenen Belehrung bedürfe. Die Prophezeiung, welche er aussprach, hatte eine doppelte Anwendung, indem sie sich zunächst auf die Zerstörung Jerusalems bezog und gleichzeitig die Schrecken des Jüngsten Tages schilderte.
Jesus erzählte den lauschenden Jüngern von den Gerichten, welche auf das abtrünnige Israel kommen sollten, und sprach besonders von der wiedervergeltenden Rache, die es wegen der Verwerfung und Kreuzigung des Messias ereilen werde. Untrügliche Zeichen sollten dem furchtbaren Ende vorausgehen. Die gefürchtete Stunde würde plötzlich und schnell hereinbrechen. Und der Heiland warnte seine Nachfolger: „Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung (davon gesagt ist durch den Propheten Daniel), daß er steht an der heiligen Stätte (wer das liest, der merke darauf!), alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist.“ (Matth. 24, 15. 16; Luk. 21, 20.) Wenn die abgöttischen Standarten der Römer auf dem heiligen Boden, welcher sich einige Feldwege außerhalb der Stadtmauern ausdehnte, aufgepflanzt sein würden, dann sollten die Nachfolger Christi sich durch die Flucht retten. Wenn das Warnungszeichen sichtbar würde, dürften diejenigen, welche zu entrinnen wünschten, nicht zögern; im ganzen Lande Judäa, wie in Jerusalem selbst müßte man dem Zeichen zur Flucht sofort gehorchen. Wer gerade auf dem Dache sein würde, dürfte nicht ins Haus gehen, selbst nicht, um seine köstlichsten Schätze zu retten. Wer auf dem Felde oder im Weinberg arbeitete, sollte sich nicht die Zeit nehmen, wegen des Oberkleides, das er während der Hitze des Tages abgelegt hatte, zurückzukehren. Sie dürften nicht einen Augenblick zögern, wenn sie nicht in der allgemeinen Zerstörung mit zugrunde gehen wollten.
Während der Regierung des Herodes war Jerusalem nicht nur bedeutend verschönert worden, sondern durch die Errichtung von Türmen, Mauern und Festungswerken war die von Natur schon geschützte Stadt, wie es schien, uneinnehmbar geworden. Wer zu dieser Zeit öffentlich ihre Zerstörung vorhergesagt hätte, würde gleich Noah in seinen Tagen ein unsinniger Ruhestörer genannt worden sein. Christus aber hatte gesagt: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matth. 24, 35.) Ihrer Sünde wegen war der Zorn über die Stadt Jerusalem angedroht worden, und ihr hartnäckiger Unglaube besiegelte ihr Schicksal.
Der Herr. hatte durch den Propheten Micha erklärt: „So höret doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Fürsten im Hause Israel, die ihr das Recht verschmäht, und alles, was aufrichtig ist, verkehret; die ihr Zion mit Blut bauet und Jerusalem mit Unrecht. Ihre Häupter richten um Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld, verlassen sich auf den Herrn und sprechen: Ist nicht der Herr unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen.“ (Micha 3, 9-1 L)
Diese Worte schilderten genau die verderbten und selbstgerechten Einwohner Jerusalems. Während sie behaupteten, die Vorschriften des Gesetzes Gottes streng zu beobachten, übertraten sie alle seine Grundsätze. Sie haßten Christum, weil seine Reinheit und Heiligkeit ihre Bosheit offenbarte; und sie klagten ihn an, die Ursache all des Unglücks zu sein, das infolge ihrer Sünden über sie gekommen war. Obwohl sie wußten, daß er sündlos war, erklärten sie, daß sein Tod zu ihrer Sicherheit als Nation notwendig sei. „Lassen wir ihn also,“ sagten die jüdischen Obersten, „so werden sie alle an ihn glauben; so kommen dann die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh. 11, 48.) Wenn Christus geopfert würde, könnten sie noch einmal ein starkes, einiges Volk werden. So urteilten sie und stimmten der Entscheidung ihres Hohenpriesters bei, daß es besser sei, ein Mensch sterbe, denn daß das ganze Volk verderbe.
Auf diese Weise hatten die jüdischen Leiter „Zion mit Blut gebaut und Jerusalem mit Unrecht,“ und während sie ihren Heiland töteten, weil er ihre Sünden tadelte, war ihre Selbstgerechtigkeit so groß, daß sie sich als Gottes begnadigtes Volk betrachteten und vom Herrn erwarteten, er werde sie von ihren Feinden befreien. „Darum,“ fuhr der Prophet fort, „wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zum Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer wilden Höhe.“ (Micha 3, 10. 12.)
Beinahe vierzig Jahre, nachdem das Schicksal Jerusalems von Christo selbst ausgesprochen worden war, verzog der Herr seine Gerichte über die Stadt und das Volk. Wunderbar war die Langmut Gottes gegen die Verwerfer seines Evangeliums und die Mörder seines Sohnes. Das Gleichnis vom unfruchtbaren Baum stellte das Verfahren Gottes mit dem jüdischen Volke dar. Das Gebot war ausgegangen: „Haue ihn ab! Was hindert er das Land?“ (Luk. 13, 7) aber die göttliche Gnade hatte ihn noch ein wenig länger verschont. Es gab noch viele Juden, die in bezug auf den Charakter und das Werk Christi unwissend waren; die Kinder hatten nicht die günstigen Gelegenheiten genossen und nicht das Licht empfangen, welches ihre Eltern von sich gestoßen hatten. Durch die Predigt der Apostel und ihrer Genossen wollte Gott auch ihnen das Licht scheinen lassen; ihnen wurde es gestattet zu sehen, wie die Prophezeiung nicht nur durch die Geburt und das Leben Christi, sondern auch durch seinen Tod und seine Auferstehung erfüllt worden war. Die Kinder wurden nicht um der Sünden ihrer Eltern willen verurteilt; wenn sie aber trotz der Kenntnis alles Lichtes, das ihren Eltern gegeben wurde, das hinzukommende, ihnen selbst gewährte Licht verwürfen, würden sie Teilhaber der Sünden ihrer Eltern und das Maß ihrer Missetat vollmachen.
Gottes Langmut gegen Jerusalem bestärkte die Juden nur in ihrer hartnäckigen Unbußfertigkeit. In ihrem Haß und ihrer Grausamkeit gegen die Jünger Jesu verwarfen sie das letzte Anerbieten der Gnade. Dann entzog Gott ihnen seinen Schutz; er beschränkte die Macht Satans und seiner Engel nicht länger, und die Nation wurde der Herrschaft des Leiters überlassen, den sie sich gewählt hatte. Ihre Kinder hatten die Gnade Christi verschmäht, die sie in den Stand gesetzt hätte, ihre bösen Triebe zu unterdrücken, und diese wurden nun Sieger. Satan erweckte die heftigsten und niedrigsten Leidenschaften der Seele. Die Menschen überlegten nicht; sie waren von Sinnen, wurden durch Begierde und blinde Wut geleitet. Sie wurden satanisch in ihrer Grausamkeit. In der Familie wie unter dem Volk, unter den höchsten wie unter den niedrigsten Klassen herrschte Argwohn, Neid, Haß, Streit, Empörung, Mord. Nirgends war Sicherheit zu finden. Freunde und Verwandte verrieten sich untereinander. Eltern erschlugen ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Die Führer des Volkes hatten keine Macht, sich selbst zu beherrschen. Ungezügelte Leidenschaften machten sie zu Tyrannen. Die Juden hatten ein falsches Zeugnis angenommen, um den unschuldigen Gottessohn zu verurteilen. Jetzt machten falsche Anklagen ihr eigenes Leben unsicher. Durch ihre Handlungen hatten sie lange gesagt: „Lasset den Heiligen Israels aufhören bei uns!“ (Jes. 30, 11.) Nun war ihr Wunsch gewährt; Gottesfurcht beunruhigte sie nicht länger. Satan stand an der Spitze der Nation, und die höchsten bürgerlichen und religiösen Obrigkeiten wurden von ihm beherrscht.
Die Anführer der Gegenparteien vereinigten sich zuzeiten, um ihre unglücklichen Opfer zu plündern und zu martern, und dann fielen sie übereinander her und mordeten ohne Gnade. Selbst die Heiligkeit des Tempels konnte ihrer schrecklichen Grausamkeit nicht wehren. Die Anbetenden wurden vor dem Altar niedergemetzelt, und das Heiligtum ward durch die Leichname der Erschlagenen verunreinigt. Und doch erklärten die Anstifter dieses höllischen Werkes in ihrer blinden und gotteslästerlichen Vermessenheit öffentlich, daß sie keine Furcht hätten, Jerusalem möchte zerstört werden, denn es sei Gottes eigene Stadt. Um ihre Macht fester zu gründen, bestachen sie falsche Propheten, die, selbst als die römischen Legionen den Tempel belagerten, verkündigen mußten, daß das Volk auf Befreiung von Gott warten solle. Bis aufs äußerste hielt die Menge an dem Glauben fest, daß der Allerhöchste sich zur Vernichtung der Gegner ins Mittel legen werde. Israel aber hatte den göttlichen Schutz verschmäht und stand nun ohne Verteidigung da. Unglückliches Jerusalem! Durch innere Spaltungen zerrissen, die Straßen gefärbt von dem Blut seiner Söhne, die sich gegenseitig würgten, während fremde Heere seine Festungswerke niederwarfen und seine Krieger erschlugen!
Alle Weissagungen Christi in bezug auf die Zerstörung Jerusalems wurden buchstäblich erfüllt. Die Juden erfuhren die Wahrheit seiner Warnungsworte: „Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.“ (Matth. 7, 2.)
Als Vorboten von Unglück und Gericht erschienen Zeichen und Wunder. Inmitten der Nacht schwebte ein unnatürliches Licht über dem Tempel und Altar. Auf den Abendwolken zeigten sich Bilder von Kriegern und Streitwagen, die sich zum Kampfe sammelten. Die nachts im Heiligtum dienenden Priester wurden erschreckt durch geheimnisvolle Töne; die Erde erbebte, und eine Menge Stimmen hörte man sagen: „Lasset uns von hinnen gehen!“ Das große östliche Tor, welches so schwer war, daß es nur mit Mühe von zwanzig Männern geschlossen werden konnte, und dessen ungeheure eiserne Riegel tief in der Steinschwelle befestigt waren, tat sich um Mitternacht von selbst auf. (Josephus, Vom jüd. Kriege, VI, 5. Siehe auch Milman, Geschichte der Juden, 13. Buch.)
Sieben Jahre lang ging ein Mann die Straßen Jerusalems auf und ab und verkündigte das Unglück, das über die Stadt kommen sollte. Tag und Nacht sang er das wilde Trauerlied: „Stimme von Morgen, Stimme von Abend, Stimme von den vier Winden, Stimme über Jerusalem und den Tempel, Stimme über den Bräutigam und die Braut, Stimme über das ganze Volk.“ Dies seltsame Wesen wurde eingekerkert und gegeißelt; aber keine Klage entrang sich seinen Lippen. Auf Schmähungen und Mißhandlungen kam nur die Antwort: „Wehe, wehe Jerusalem! Wehe, wehe der Stadt, dem Volk und dem Tempel!“ Dieser Warnungsruf hörte nicht auf, bis der Mann bei der Belagerung, die er vorhergesagt hatte, umkam.
Nicht ein Christ kam bei der Zerstörung Jerusalems um. Christus hatte seine Jünger gewarnt und alle, die seinen Worten glaubten, warteten auf das verheißene Zeichen. „Wenn ihr aber sehen werdet Jerusalem belagert mit einem Heer,“ sagte Jesus, „so merket, daß herbei gekommen ist ihre Verwüstung. Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf das Gebirge, und wer drinnen ist, der weiche heraus.“ (Luk. 21, 20. 21.) Nachdem die Römer unter Cestius die Stadt eingeschlossen hatten, hoben sie unerwarteterweise die Belagerung auf, gerade zu einer Zeit, da alles zu einem unmittelbaren Angriff günstig zu sein schien. Die Belagerten, die an einem erfolgreichen Widerstand zweifelten, waren im Begriff, sich zu ergeben, als der römische Feldherr ohne irgendwelchen sichtbaren Grund plötzlich seine Streitkräfte zurückzog. Gottes gnädige Vorsehung gestaltete die Ereignisse zum Besten seines Volkes. Das verheißene Zeichen war den wartenden Christen gegeben worden. Nun wurde allen, die des Heilandes Warnung Folge leisten wollten, die Gelegenheit geboten, und zwar ordnete der Herr die Ereignisse derart, daß weder die Juden noch die Römer die Flucht der Christen hindern konnten. Nach dem Rückzug des Cestius machten die Juden einen Ausfall aus Jerusalem und verfolgten das sich zurückziehende Heer, und während beide Streitkräfte auf diese Weise völlig in Anspruch genommen waren, hatten die Christen Gelegenheit, die Stadt zu verlassen. Um diese Zeit war auch das Land von Feinden, welche hätten versuchen können, sie aufzuhalten, gesäubert worden. Zur Zeit der Belagerung waren die Juden zu Jerusalem versammelt, um das Laubhüttenfest zu feiern, und auf diese Weise waren die Christen im ganzen Lande imstande, ihre Flucht unbelästigt zu bewerkstelligen. Ohne Verzug flohen sie nach einer Stätte der Sicherheit - der Stadt Pella, im Lande Peräa, jenseits des Jordans.
Die jüdischen Streiter, die Cestius und sein Heer verfolgten, warfen sich mit solcher Wut auf die Nachhut, daß ihr vollständige Vernichtung drohte. Nur mit großer Schwierigkeit gelang es den Römern, ihren Rückzug auszuführen. Die Juden kamen beinahe ohne allen Verlust davon und kehrten mit ihrer Beute triumphierend nach Jerusalem zurück. Doch brachte ihnen dieser scheinbare Erfolg nur Unheil. Er beseelte sie mit einem Geist des hartnäckigen Widerstandes gegen die Römer, wodurch schnell ein unaussprechliches Weh über die verurteilte Stadt hereinbrach.
Schrecklich war das Unglück, welches über Jerusalem kam, als die Belagerung von Titus wieder aufgenommen wurde. Die Stadt wurde zur Zeit des Passahfestes, da Millionen von Juden in ihren Mauern weilten, umlagert. Die Vorräte an Lebensmitteln, welche, wenn sorgfältig bewahrt, jahrelang für die Einwohner ausgereicht hätten, waren schon durch die Eifersucht und Rache der streitenden Parteien zerstört worden, und jetzt erlitten sie alle Schrecken der Hungersnot. Ein Maß Weizen wurde für ein Talent verkauft. So schrecklich waren die Qualen des Hungers, daß manche an dem Leder ihrer Gürtel, Sandalen und Bezüge ihrer Schilde nagten. Viele Leute schlichen des Nachts aus der Stadt, um wilde Kräuter, die außerhalb der Stadtmauern wuchsen, zu sammeln, obwohl etliche ergriffen und unter grausamen Martern mit dem Tode bestraft, und andere, die wohlbehalten zurückkehrten, des unter so großer Gefahr Gesammelten beraubt wurden. Die unmenschlichsten Qualen wurden von den Machthabern aufgelegt, um den vom Mangel Bedrückten die letzten spärlichen Vorräte, die sie möglicherweise verborgen hatten, abzuzwingen. Und diese Grausamkeiten wurden nicht selten von Menschen ausgeübt, die selbst wohlgenährt waren und nur danach trachteten, einen Vorrat an Lebensmitteln für die Zukunft aufzuspeichern.
Tausende starben an Hungersnot und Pestilenz. Die natürlichen Bande der Liebe schienen zerstört zu sein. Der Mann beraubte seine Frau und die Frau ihren Mann. Man sah Kinder, die den greisen Eltern das Brot vom Munde wegrissen. Der Frage des Propheten: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen?“ (Jes. 49, 15) wurde innerhalb der Mauern jener verurteilten Stadt die Antwort zuteil: „Es haben die barmherzigsten Weiber ihre Kinder selbst müssen kochen, daß sie zu essen hätten in dem Jammer der Tochter meines Volks.“ (Klag. 4, 10.) Wiederum wurde die warnende Weissagung erfüllt, welche vierzehn Jahrhunderte zuvor gegeben worden war: „Ein Weib unter euch, das zuvor zärtlich und in Üppigkeit gelebt hat, daß sie nicht versucht hat ihre Fußsohle auf die Erde zu setzen, vor Zärtlichkeit und Wohlleben, die wird dem Manne in ihren Armen und ihrem Sohne und ihrer Tochter nicht gönnen die Nachgeburt, ... dazu ihre Söhne, die sie geboren hat; denn sie werden sie vor Mangel an allem heimlich essen in der Angst und Not, womit dich dein Feind bedrängen wird in deinen Toren.“ (5. Mose 28, 56. 57.)
Die römischen Anführer bestrebten sich, die Juden mit Schrecken zu erfüllen und dadurch zur Übergabe zu bewegen. Gefangene, welche sich bei ihrer Ergreifung widersetzten, wurden gegeißelt, gefoltert und vor der Stadtmauer gekreuzigt. Hunderte wurden täglich auf diese Weise getötet und das grauenvolle Werk fortgesetzt, so daß das Tal Josaphat entlang und auf Golgatha die Kreuze in so großer Anzahl aufgerichtet waren, daß kaum Raum blieb, sich zwischen ihnen zu bewegen. So schrecklich erfüllte sich die frevelhafte, vor dem Richterstuhl des Pilatus ausgesprochene Verwünschung: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“ (Matth. 27, 25.)
Titus hätte der Schreckensszene gern ein Ende gemacht und damit der Stadt Jerusalem das volle Maß ihres Gerichts erspart. Er wurde mit Entsetzen erfüllt, als er die Leichname der Erschlagenen haufenweise in den Tälern liegen sah. Wie bezaubert schaute er vom Gipfel des Ölberges auf den herrlichen Tempel und gab den Befehl, nicht einen Stein davon zu berühren. Ehe er in den Besitz dieses festen Platzes zu gelangen versuchte, ließ er einen ernsten Aufruf an die jüdischen Führer ergehen, ihn doch nicht zu zwingen, die heilige Stätte mit Blut zu beflecken. Wenn sie herauskommen und an irgendeinem anderen Ort kämpfen wollten, so sollte kein Römer die Heiligkeit des Tempels verletzen. Josephus selbst beschwor sie in einer höchst beredten Ansprache, sich zu übergeben, sich selbst, ihre Stadt und die Stätte der Anbetung zu retten. Aber seine Worte wurden mit bitteren Verwünschungen beantwortet. Wurfspieße wurden nach ihm, ihrem letzten menschlichen Vermittler, geschleudert, als er vor ihnen stand, um mit ihnen zu unterhandeln. Die Juden hatten die Bitten des Sohnes Gottes verworfen, und nun machten die ernsten Vorstellungen und Bitten sie nur um so entschiedener, bis aufs äußerste zu widerstehen. Des Titus Bemühungen, den Tempel zu retten, waren vergeblich. Ein Größerer als er hatte erklärt, daß nicht ein Stein auf dem andern gelassen werden sollte.
Die blinde Hartnäckigkeit der jüdischen Anführer und die verabscheuungswürdigen Verbrechen, die in der belagerten Stadt verübt wurden, erweckten bei den Römern Entsetzen und Entrüstung, und endlich beschloß Titus, den Tempel im Sturm zu nehmen, ihn jedoch, wenn möglich, vor der Zerstörung zu bewahren. Aber seine Befehle wurden mißachtet. Als er sich abends in sein Zelt zurückgezogen hatte, machten die Juden einen Ausfall aus dem Tempel und griffen die Soldaten außerhalb an. Im Handgemenge wurde von einem Soldaten ein Feuerbrand durch eine Öffnung der Halle geschleudert, und unmittelbar darauf standen die mit Zedernholz getäfelten Räume des heiligen Gebäudes in Flammen. Titus eilte nach dem Ort, gefolgt von seinen Generalen und Obersten und befahl den Soldaten, die Flammen zu löschen. Seine Worte blieben unbeachtet. In ihrer Wut schleuderten die Soldaten Feuerbrände in die an den Tempel stoßenden Gemächer und metzelten viele mit dem Schwerte nieder, die daselbst Zuflucht gefunden hatten. Das Blut floß gleich Wasser die Tempelstufen hinunter. Tausende und aber Tausende von Juden kamen um. Das Schlachtgetöse wurde übertönt von Stimmen, welche riefen: „lchabod!“ - die Herrlichkeit ist dahin.
„Titus fand es unmöglich, der Wut der Kriegsknechte Einhalt zu tun; er trat mit seinen Offizieren ein und nahm Einsicht von dem Innern des heiligen Gebäudes. Der Glanz erregte ihre Bewunderung, und da die Flammen noch nicht bis zum Heiligtum gedrungen waren, machte er einen letzten Versuch, es zu retten. Er sprang hervor und forderte die Mannschaften auf, das Umsichgreifen der Feuerbrunst zu verhindern. Der Hauptmann Liberalis versuchte mit seinem Befehlshaberstab, Gehorsam zu erzwingen; doch selbst die Achtung vor dem Kaiser verging vor der rasenden Feindseligkeit gegen die Juden, der heftigen Aufregung des Kampfes und der unersättlichen Beutegier. Die Soldaten sahen alles um sich herum vom Golde strahlen, das im wilden Licht der Flammen einen blendenden Glanz erzeugte; sie wähnten, unberechenbare Schätze seien in dem Heiligtum aufgespeichert. Unbemerkt warf ein Soldat eine brennende Fackel zwischen die Angeln der Tür, und im Nu stand das ganze Gebäude in Flammen. Der erstickende Rauch und das Feuer zwangen die Offiziere, sich zurückzuziehen, und der herrliche Bau wurde seinem Schicksal überlassen.
„War es schon für die Römer ein erschreckendes Schauspiel, was mag es für die Juden gewesen sein! Der ganze Gipfel, der die Stadt weit überragte, erschien wie ein feuerspeiender Berg. Eins nach dem andern stürzten die Gebäude ein und wurden von dem feurigen Abgrund verschlungen. Die Dächer von Zedernholz waren einem Feuermeer gleich, das vergoldete Zinnenwerk erglänzte wie leuchtende Feuerzungen, die Türme der Tore schossen Flammengarben und Rauchsäulen empor. Die benachbarten Hügel waren erleuchtet; dunkle Gruppen von Zuschauern verfolgten in fürchterlicher Angst die fortschreitende Zerstörung; auf den Mauern und Höhen der oberen Stadt drängte sich Gesicht an Gesicht, einige bleich vor Angst und Verzweiflung, andere mit düsteren Blicken ohnmächtiger Rache. Die Rufe der hin- und hereilenden römischen Soldaten, das Heulen der Aufständigen, die in den Flammen umkamen, vermischten sich mit dem Getöse der Feuersbrunst und dem donnernden Krachen des stürzenden Gebälks. Das Echo antwortete von den Bergen und widerhallte die Schreckensrufe des Volkes auf den Höhen; die Wälle entlang erschallte Angstgeschrei und Wehklagen; Menschen, die von der Hungersnot erschöpft im Sterben lagen, rafften alle Kraft zusammen, um einen letzten Schrei der Angst und der Trostlosigkeit auszustoßen.
„Das Gemetzel im Innern war sogar noch schrecklicher als der Anblick von außen. Männer und Frauen, alt und jung, Aufrührer und Priester, Kämpfende und um Gnade Flehende wurden ohne Unterschied im Blutbad nieder gehauen. Die Anzahl der Erschlagenen überstieg die der Würger. Die Soldaten mußten über Haufen Leichname hinweg klettern, um ihr Vertilgungswerk fortsetzen zu können.“ (Milman, Geschichte der Juden, 16. Buch.)
Nach der Zerstörung des Tempels fiel bald die ganze Stadt in die Hände der Römer. Die Anführer der Juden gaben ihre uneinnehmbaren Türme auf, und Titus fand sie alle verlassen. Mit Verwunderung blickte er auf sie und erklärte, daß Gott sie in seine Hände gegeben habe; denn keine Maschinen, wie gewaltig sie auch sein mochten, hätten über jene staunenswerten Festungsmauern die Oberhand gewinnen können. Sowohl die Stadt als auch der Tempel wurden bis auf den Grund geschleift, und der Boden, worauf das heilige Gebäude gestanden hatte, wurde „wie ein Acker gepflügt.“ (Jer. 26, 18.) In der Belagerung und dem darauffolgenden Gemetzel kamen über eine Million Menschen um; die Überlebenden wurden in die Gefangenschaft geführt, als Sklaven verkauft, nach Rom geschleppt, um des Eroberers Triumph zu zieren, in den Amphitheatern den wilden Tieren vorgeworfen oder als heimatlose Wanderer über die ganze Erde zerstreut.
Die Juden hatten ihre eigenen Fesseln geschmiedet, hatten sich selbst den Becher der Rache gefüllt. In der vollständigen Vernichtung, die sie als eine Nation befiel, und in all dem Weh, das ihnen in ihrer Zerstreuung nachfolgte, ernteten sie nur, was sie mit eigenen Händen gesät hatten. Der Prophet schreibt: „Israel, du bringest dich in Unglück,“ „denn du bist gefallen um deiner Missetat willen.“ (Hos. 13, 9; 14, 1.) Ihre Leiden werden oft als eine Strafe hingestellt, mit welcher sie auf direkten Befehl Gottes heimgesucht wurden. Auf diese Weise sucht der große Betrüger sein eigenes Werk zu verbergen. Durch eigensinnige Verwerfung der göttlichen Liebe und Gnade hatten die Juden es bewirkt, daß ihnen der Schutz Gottes entzogen und es Satan gestattet wurde, sie nach Willkür zu beherrschen. Die schrecklichen Grausamkeiten, die bei der Zerstörung Jerusalems ausgeübt wurden, kennzeichnen Satans rachgierige Macht über diejenigen, welche sich seiner Leitung überlassen.
Wir können nicht wissen, wieviel wir Christo für den Frieden und Schutz schuldig sind, deren wir uns erfreuen. Es ist die zurückhaltende Kraft Gottes, die es verhindert, daß die Menschen völlig unter die Herrschaft Satans geraten. Die Ungehorsamen und die Undankbaren haben allen Grund, Gott für seine Gnade und Langmut dankbar zu sein, weil er die grausame, boshafte Macht des Bösen im Zaum hält. Überschreiten aber die Menschen die Grenzen der göttlichen Nachsicht, dann wird jene Einschränkung aufgehoben. Gott stellt sich dem Sünder nicht als ein Vollstrecker des Urteils für die Übertretungen gegenüber, sondern er überläßt die Verwerfer seiner Gnade sich selbst, damit sie ernten, was sie gesät haben. Jeder verworfene Lichtstrahl, jede verschmähte oder unbeachtete Warnung, jede gepflegte Leidenschaft, jede Übertretung des Gesetzes Gottes ist ein gesäter Same, der seine gewisse Ernte hervorbringt. Der Geist Gottes wird schließlich dem Sünder entzogen, der sich ihm beharrlich widersetzt, und dann bleibt dem Betreffenden keine Kraft mehr, die bösen Leidenschaften der Seele zu beherrschen, und kein Schutz vor der Bosheit und Feindschaft Satans. Die Zerstörung Jerusalems ist eine furchtbare und feierliche Warnung an alle, die das Anerbieten der göttlichen Gnade geringachten und den Mahnrufen der Barmherzigkeit Gottes widerstehen. Nie wurde ein bestimmteres Zeugnis für den Haß Gottes gegen die Sünde und für die sichere Bestrafung der Schuldigen gegeben.
Die Weissagung des Heilandes, welche die heimsuchenden Gerichte über Jerusalem ankündigte, wird noch eine andere Erfüllung haben, von welcher jene schreckliche Verwüstung nur ein schwacher Schatten war. In dem Schicksal der auserwählten Stadt können wir das Los einer Welt sehen, die Gottes Barmherzigkeit von sich gewiesen und sein Gesetz mit Füßen getreten hat. Grauenhaft sind die Berichte des menschlichen Elends, dessen die Erde während der langen Jahrhunderte des Verbrechens Zeuge sein mußte. Das Herz wird beklommen und der Geist verzagt beim Nachdenken über diese Dinge. Schrecklich sind die Folgen der Verwerfung der Machtstellung des Himmels gewesen. Doch ein noch furchtbareres Bild wird uns in den Offenbarungen über die Zukunft enthüllt. Die Berichte der Vergangenheit - die lange Reihe von Aufständen, Kämpfen und Empörungen, aller Kriege „mit Ungestüm und die blutigen Kleider“ (Jes. 9, 5) - was sind sie im Vergleich mit den Schrecken jenes Tages, wenn der zügelnde Geist Gottes den Gottlosen gänzlich entzogen werden und nicht länger die Ausbrüche menschlicher Leidenschaften und satanischer Wut im Zaume halten wird! Dann wird die Welt wie nie zuvor die Folgen der Herrschaft Satans sehen.
An jenem Tage aber, wie zur Zeit der Zerstörung Jerusalems, wird Gottes Volk errettet werden, „ein jeglicher, der geschrieben ist unter die Lebendigen.“ (Jes. 4, 3.) Christus hat vorhergesagt, daß er zum andernmal kommen will, um seine Getreuen zu sich zu sammeln: „Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden von einem Ende des Himmels zu dem andern.“ (Matth. 24, 30. 31.) Dann werden alle, die dem Evangelium nicht gehorchen, umgebracht mit dem Geist seines Mundes und vernichtet werden durch die Erscheinung seiner Zukunft. (2. Thess. 2, 8.) Gleichwie Israel vor alters bringen die Gottlosen sich selbst um; sie fallen infolge ihrer Übertretungen. Durch ein Leben der Sünde sind sie so wenig im Einklang mit Gott, und durch das Böse ist ihre Natur so entwürdigt worden, daß die Offenbarung seiner Herrlichkeit für sie ein verzehrendes Feuer ist.
Möchten die Menschen sich doch hüten, die ihnen in Christi Worten gegebenen Lehren geringzuschätzen! Gleichwie er seine Jünger vor der Zerstörung Jerusalems warnte, indem er ihnen ein Zeichen des herannahenden Unterganges gab, damit sie fliehen möchten, so hat er die Welt vor dem Tage der schließlichen Zerstörung gewarnt und ihr Zeichen dieses kommenden Tages gegeben, damit alle, die wollen, dem zukünftigen Zorn entrinnen können. Jesus erklärt: „Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein.“ (Luk. 21, 25; Matth. 24, 29; Mark. 13, 24-26; Offb. 6, 12-17.) Wer diese Vorboten seines Kommens sieht, soll wissen, „daß es nahe vor der Tür ist.“ „So wachet nun,“ sind seine Worte der Ermahnung. Alle, welche auf diese Stimme achten, sollen nicht in Finsternis gelassen werden, daß jener Tag sie unvorbereitet übereile; aber über alle, die nicht wachen wollen, wird der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht. (Matth. 24, 33; Mark 13. 35.)
Die Welt ist jetzt nicht geneigter, die Warnungen für diese Zeit anzunehmen als damals die Juden, die sich der Botschaft unseres Heilandes über Jerusalem widersetzten. Mag er kommen, wann er will, der Tag des Herrn wird die Gottlosen unvorbereitet finden. Wenn das Leben seinen gewöhnlichen täglichen Gang geht, wenn die Menschheit von Vergnügen, Geschäften, Handel und Gelderwerb in Anspruch genommen ist, wenn religiöse Leiter den Fortschritt und die Erleuchtung der Welt verherrlichen und das Volk in falsche Sicherheit gewiegt wird - dann wird, wie ein Dieb sich um Mitternacht in die unbewachte Behausung einschleicht, das plötzliche Verderben die Sorglosen und Bösewichte überfallen, „und werden nicht entrinnen.“ (l. Thess. 5, 2-5.)
KAPITEL 2
VERFOLGUNG IN DEN ERSTEN JAHRHUNDERTEN
Als Christus seinen Jüngern das Schicksal Jerusalems und die Ereignisse seines zweiten Kommens enthüllte, sprach er auch von den zukünftigen Erfahrungen seines Volkes von der Zeit an, da er von ihnen genommen werden sollte, bis er sie bei seiner Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit befreien würde. Vom Ölberg aus sah der Heiland die bald über die apostolische Gemeinde hereinbrechenden Stürme, und weiter in die Zukunft dringend, erblickte sein Auge die grimmigen, verwüstenden Wetter, die sich in den kommenden Zeiten der Finsternis und der Verfolgung über seine Nachfolger entladen würden. In wenigen, kurzen Äußerungen furchtbarer Bedeutsamkeit sagte er ihnen im voraus, welches Maß die Herrscher dieser Welt der Gemeinde Gottes zumessen würden (Matth. 24, 9. 21. 22.) Die Nachfolger Christi müßten denselben Pfad der Demütigung, der Schmach und des Leidens betreten, den ihr Meister gegangen war. Die Feindschaft, die sich gegen den Erlöser der Welt Bahn brach, würde gegen alle, die an seinen Namen glauben, offenbar werden.
Die Geschichte der ersten Christengemeinde bezeugt die Erfüllung der Worte Jesu. Die Mächte der Erde und der Hölle vereinigten sich gegen Christum in seinen Nachfolgern. Wohl sah das Heidentum voraus, daß seine Tempel und Altäre niedergerissen werden würden, falls das Evangelium triumphierte; deshalb bot es alle Kräfte auf, um das Christentum zu vernichten. Die Feuer der Verfolgung wurden angezündet, Christen wurden ihrer Besitztümer beraubt und aus ihren Heimstätten vertrieben. Sie erduldeten „einen großen Kampf des Leidens“ (Hebr. 10, 32). Sie „haben Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis“ (Hebr. 11, 36). Eine große Anzahl besiegelte ihr Zeugnis mit ihrem Blut; Edelmann und Sklave, reich und arm, Gelehrte und Unwissende wurden ohne Unterschied erbarmungslos umgebracht.
Diese Verfolgungen, welche unter Nero, ungefähr zur Zeit des Märtyrertums Pauli begannen, dauerten mit größerer oder geringerer Heftigkeit jahrhundertelang fort. Christen wurden fälschlich der abscheulichsten Verbrechen angeklagt und als die Ursache großer Unglücksfälle, wie Hungersnot, Pestilenz und Erdbeben, hingestellt. Da sie zum Gegenstand des allgemeinen Hasses und Verdachts wurden, fanden sich auch leicht Ankläger, die um des Gewinnes willen Unschuldige verrieten. Sie wurden als Empörer gegen das Reich, als Feinde der Religion und als Schädlinge der Gesellschaft verurteilt. Viele wurden wilden Tieren vorgeworfen oder lebendig in den Amphitheatern verbrannt. Etliche wurden gekreuzigt, andere mit den Fellen wilder Tiere bedeckt in die Arena geworfen, um von Hunden zerrissen zu werden. Die ihnen gewärtige Strafe bildete oft den Hauptgegenstand der Unterhaltung bei öffentlichen Festen. Große Mengen versammelten sich, um sich des Anblicks zu erfreuen, und begrüßten ihre Todesschmerzen mit Gelächter und Beifallsklatschen.
Wo die Nachfolger Christi auch Zuflucht fanden, immer wurden sie gleich Raubtieren aufgejagt. Sie waren genötigt, sich an öden und verlassenen Stätten zu verbergen. „Mit Mangel, mit Trübsal, mit Ungemach (deren die Welt nicht wert war), sind“ sie „im Elend gegangen in den Wüsten, auf den Bergen und in den Klüften und Löchern der Erde.“ (Hebr. 11, 37-38.) Die Katakomben boten Tausenden eine Zufluchtsstätte. Unter den Hügeln außerhalb der Stadt Rom waren lange, durch Erde und Felsen getriebene Gänge, deren dunkles, verschlungenes Netzwerk sich meilenweit über die Stadtmauern hinaus erstreckte. In diesen unterirdischen Bergungsorten bestatteten die Nachfolger Christi ihre Toten, und hier fanden sie auch, wenn sie verdächtigt und geächtet wurden, eine Zufluchtsstätte. Wenn der Lebensspender diejenigen, welche den guten Kampf gekämpft haben, auferwecken wird, werden viele, die um Christi Sache willen Märtyrer geworden sind, aus jenen düsteren Höhlen hervorkommen.
Unter der heftigsten Verfolgung hielten diese Zeugen für Jesum ihren Glauben unbefleckt. Obwohl jeder Bequemlichkeit beraubt, abgeschlossen vom Lichte der Sonne, im dunkeln aber freundlichen Schoße der Erde ihre Wohnung aufschlagend, äußerten sie keine Klage. Mit Worten des Glaubens, der Geduld und der Hoffnung ermutigten sie einander, Entbehrungen und Trübsal zu erdulden. Der Verlust aller irdischen Segnungen vermochte sie nicht zu zwingen, ihrem Glauben an Christum zu entsagen. Prüfungen und Verfolgungen waren nur Stufen, auf denen sie ihrer Ruhe und Belohnung näher kamen.
Viele wurden gleich den Dienern Gottes vor alters „zerschlagen und haben keine Erlösung angenommen, auf daß sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten.“ (Hebr. 11, 35.) Sie riefen sich die Worte ihres Meisters ins Gedächtnis zurück, daß sie bei Verfolgungen um Christi willen fröhlich und getrost sein sollten, denn groß würde ihre Belohnung im Himmel sein; auch die Propheten vor ihnen waren also verfolgt worden. Sie freuten sich, würdig erachtet zu werden, für die Wahrheit zu leiden, und Siegeslieder stiegen mitten aus den prasselnden Flammen empor. Im Glauben aufwärts schauend erblickten sie Christum und heilige Engel, die, über die Brüstung des Himmels lehnend, sie mit innigster Teilnahme beobachteten und wohlgefällig ihre Standhaftigkeit betrachteten. Eine Stimme kam vom Throne Gottes zu ihnen hernieder: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offb. 2, 10.)
Vergeblich waren Satans Anstrengungen, die Gemeinde Christi mit Gewalt zu zerstören. Der große Kampf, in dem Christi Jünger ihr Leben hingaben, hörte nicht auf, als diese getreuen Bannerträger auf ihrem Posten fielen. Durch ihre Niederlage siegten sie. Gottes Arbeiter wurden erschlagen; sein Werk aber ging beständig vorwärts. Das Evangelium breitete sich aus, die Zahl seiner Anhänger nahm zu; es drang in Gebiete ein, die selbst für die Adler Roms unzugänglich waren. Ein Christ, der mit den heidnischen Herrschern verhandelte, welche die Verfolgung eifrig betrieben, sagte: „Tötet uns, quält uns, verurteilt uns; ... eure Ungerechtigkeit ist der Beweis für unsere Unschuld! Auch nützt ausgesuchtere Grausamkeit von eurer Seite noch nicht einmal etwas; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; das Blut der Christen ist ein Same.“ (Tertullians Apologetikus, Kap. 50.)
Tausende wurden eingekerkert und umgebracht; aber andere standen auf, um diese Lücken auszufüllen. Die, welche um ihres Glaubens willen den Märtyrertod erlitten, waren Christo gesichert und wurden von ihm als Überwinder erachtet. Sie hatten den guten Kampf gekämpft und sollten die Krone der Herrlichkeit empfangen, wenn Christus wiederkommen würde. Die Leiden, welche die Christen erduldeten, verbanden sie inniger miteinander und mit ihrem Erlöser. Ihr Beispiel im Leben, ihr Bekenntnis im Sterben waren ein beständiges Zeugnis für die Wahrheit; und wo es am wenigsten zu erwarten war, verließen Untertanen Satans seinen Dienst und stellten sich unter das Banner Christi.
Satan plante, erfolgreicher gegen die Regierung Gottes Krieg zu führen, indem er sein Banner in der christlichen Gemeinde aufpflanzte. Könnten die Nachfolger Christi getäuscht und verleitet werden, Gott zu mißfallen, dann würde ihre Kraft, Festigkeit und Beharrlichkeit dahin sein und sie ihm als Beute leicht zufallen.
Der große Gegner suchte nun durch Hinterlist das zu erreichen, was er sich mit Gewalt nicht hatte sichern können. Die Verfolgungen hörten auf, an ihre Stelle traten die gefährlichen Lockungen irdischen Wohllebens und weltlicher Ehre. Götzendiener wurden veranlaßt, einen Teil des christlichen Glaubens anzunehmen, wogegen sie andere wesentliche Wahrheiten verwarfen. Sie gaben vor, Jesum als den Sohn Gottes anzuerkennen und an seinen Tod und seine Auferstehung zu glauben; aber sie hatten keine Erkenntnis ihrer Sünden und fühlten kein Bedürfnis der Reue oder einer Veränderung des Herzens. Selbst zu einigen Zugeständnissen bereit, schlugen sie den Christen vor, ebenfalls Einräumungen zu machen, um alle in dem Glaubensbekenntnis an Christum zu vereinigen.
Nun befand sich die Gemeinde in einer furchtbaren Gefahr, mit welcher Gefängnis, Folter, Feuer und Schwert verglichen, als Segnungen dastanden. Einige Christen standen fest und erklärten, daß sie auf keinerlei Übereinkommen eingehen könnten. Andere stimmten für ein Entgegenkommen oder die Abschwächung einiger ihrer Glaubensregeln und verbanden sich mit denen, die das Christentum teilweise angenommen hatten, indem sie geltend machten, es möchte jenen zur vollständigen Bekehrung dienen. Dies war für die treuen Nachfolger Christi eine Zeit großer Angst. Unter dem Deckmantel eines scheinbaren Christentums wußte Satan sich in die Gemeinde einzuschleichen, um ihren Glauben zu verfälschen und die Gemüter vom Worte der Wahrheit abzulenken.
Der größte Teil der Christen war bereit, von ihrer erhöhten Stufe hinabzusteigen, und eine Vereinigung zwischen dem Christentum und dem Heidentum kam zustande. Obwohl die Götzendiener vorgaben, bekehrt zu sein, und sich der Gemeinde anschlossen, hielten sie doch noch am Götzendienste fest und verwandelten nur den Gegenstand ihrer Anbetung. Ungesunde Lehren, abergläubische Gebräuche und abgöttische Zeremonien wurden ihrem Glauben und ihrem Gottesdienste einverleibt. Als die Nachfolger Christi sich mit den Götzendienern verbanden, wurde die christliche Gemeinde verderbt, und ihre Reinheit und Kraft gingen verloren. Immerhin gab es etliche, die durch diese Täuschungen nicht irregeleitet wurden, die dem Fürsten der Wahrheit ihre Treue bewahrten und Gott allein anbeteten.
Unter den bekenntlichen Nachfolgern Christi hat es jederzeit zwei Klassen gegeben. Während die eine das Leben des Heilandes erforscht und sich ernstlich bemüht, jeglichen Fehler an sich zu verbessern und ihrem Vorbilde ähnlich zu werden, scheut die andere die klaren, praktischen Wahrheiten, die ihre Irrtümer bloßstellen. Selbst in ihrem besten Zustand bestand die Gemeinde nicht nur aus wahren, reinen und aufrichtigen Seelen. Unser Heiland lehrte, daß die, welche sich willig der Sünde hingeben, nicht in die Gemeinde aufgenommen werden sollen; dennoch verband er Männer von fehlerhaftem Charakter mit sich und gewährte ihnen die Vorteile seiner Lehren und seines Beispiels, damit sie Gelegenheit hätten, ihre Fehler zu sehen und zu verbessern. Unter den zwölf Aposteln war ein Verräter. Judas wurde nicht um seiner Charakterfehler willen, sondern ungeachtet derselben aufgenommen. Er wurde den Jüngern zugezählt, damit er durch die Unterweisungen und das Beispiel Christi lerne, worin ein christlicher Charakter besteht, und auf diese Weise seine Fehler erkennen, Buße tun und mit Hilfe der göttlichen Gnade seine Seele reinigen mochte „im Gehorsam der Wahrheit.“ Aber Judas wandelte nicht in dem Licht, das ihm so gnädig schien; er gab der Sünde nach und forderte dadurch die Versuchungen Satans heraus. Seine bösen Charakterzüge gewannen die Oberhand. Er ließ sich von den Mächten der Finsternis leiten, wurde zornig, wenn seine Fehler getadelt wurden, und gelangte auf diese Weise dahin, das furchtbare Verbrechen des Verrats an seinem Meister zu begehen. So hassen alle, die unter einem Bekenntnis von Gottseligkeit das Böse lieben, diejenigen, welche ihren Frieden stören und dadurch ihre sündhafte Laufbahn verurteilen. Bietet sich ihnen eine günstige Gelegenheit, so werden sie, wie auch Judas tat, diejenigen verraten, welche versucht haben, sie zu ihrem Besten zurechtzuweisen.
Die Apostel trafen Glieder in der Gemeinde, welche vorgaben, fromm zu sein, während sie im geheimen der Sünde huldigten. Ananias und Saphira waren Betrüger, denn sie behaupteten, Gott ein vollständiges Opfer darzubringen, wenn sie habsüchtigerweise einen Teil davon für sich zurückhielten. Der Geist der Wahrheit offenbarte den Aposteln den wirklichen Charakter dieser Scheinheiligen, und Gottes Gericht befreite die Gemeinde von diesem Flecken, der ihre Reinheit beschmutzte. Dieser offenbare Beweis, daß der scharfsichtige Geist Christi in der Gemeinde war, wurde ein Schrecken für die Heuchler und Übeltäter, die nicht lange in Verbindung mit jenen bleiben konnten, die der Handlung und Gesinnung nach beständig Stellvertreter Christi waren; und als Prüfungen und Verfolgungen über seine Nachfolger hereinbrachen, wünschten nur die seine Jünger zu werden, die bereit waren, alles um der Wahrheit willen zu verlassen. Somit blieb die Gemeinde, solange die Verfolgung dauerte, verhältnismäßig rein. Als sie aber aufhörte und Neubekehrte, welche weniger aufrichtig und ergeben waren, hinzugetan wurden, öffnete sich der Weg für Satan, in der Gemeinde Fuß zu fassen.
Es gibt aber keine Gemeinschaft zwischen dem Fürsten des Lichts und dem Fürsten der Finsternis, mithin auch keine Vereinbarung unter ihren Nachfolgern. Als die Christen einwilligten, sich mit Seelen zu verbinden, die nur halb vom Heidentum bekehrt waren, betraten sie einen Pfad, der sie weiter und weiter von der Wahrheit abführte; Satan aber frohlockte, daß es ihm gelungen war, eine so große Zahl der Nachfolger Christi zu täuschen. Dann übte er seine Macht in einem noch stärkeren Grade auf die Betrogenen aus und trieb sie an, diejenigen zu verfolgen, welche Gott treu blieben. Niemand konnte dem wahren Christenglauben so kräftig widerstehen wie seine ehemaligen Verteidiger; und diese abtrünnigen Christen im Verein mit ihren halb heidnischen Gefährten zogen gegen die wesentlichsten Lehren Christi in den Kampf.
Es bedurfte eines verzweifelten Ringens seitens der Getreuen, festzuhalten gegen die Betrügereien und Greuel, die, von priesterlichen Gewändern verhüllt, in die Gemeinde eingeführt wurden. Die Bibel wurde nicht mehr als Richtschnur des Glaubens angenommen. Die Lehre von wahrer Religionsfreiheit wurde als Ketzerei gebrandmarkt, und ihre Verteidiger wurden gehaßt und geächtet.
Nach langem und schwerem Kampfe entschlossen sich die wenigen Getreuen, jede Gemeinschaft mit der abtrünnigen Kirche aufzuheben, falls diese sich beharrlich weigere, dem Irrtum und dem Götzendienst zu entsagen. Sie erkannten, daß Trennung eine unbedingte Notwendigkeit war, wenn sie selbst dem Worte Gottes gehorchen wollten. Sie wagten weder Irrtümer zu dulden, die für ihre eigenen Seelen gefährlich waren, noch ein Vorbild zu lassen, das den Glauben ihrer Kinder und Kindeskinder gefährden würde. Um Frieden und Einheit zu wahren, standen sie bereit, irgendwelche mit ihrer Gottestreue vereinbarte Zugeständnisse zu machen; sie fühlten aber, daß selbst der Friede unter Aufopferung ihrer Grundsätze zu teuer erkauft sei. Konnte Einigkeit nur dadurch gesichert werden, daß Wahrheit und Rechtschaffenheit aufs Spiel gesetzt würden, dann mochte lieber Spaltung, ja selbst Krieg kommen.
Es würde für die Gemeinde und die Welt gut sein, wenn die Grundsätze, welche jene standhaften Seelen zum Handeln bewogen, im Herzen des bekenntlichen Volkes Gottes wiederbelebt würden. Es herrscht eine beunruhigende Gleichgültigkeit bezüglich der Lehren, welche die Pfeiler des christlichen Glaubens sind. Die Meinung gewinnt die Oberhand, daß sie nicht von großer Wichtigkeit sind. Diese Entartung stärkt die Hände der Vertreter Satans so sehr, daß jene falschen Lehrbegriffe und verhängnisvollen Täuschungen, in deren Bekämpfung und Bloßstellung die Getreuen in vergangenen Zeiten ihr Leben wagten, jetzt von Tausenden vorgeblicher Nachfolger Christi günstig betrachtet werden.
Die ersten Christen waren in der Tat ein besonderes Volk. Ihr tadelloses Betragen und ihr unwandelbarer Glaube war ein beständiger Vorwurf, der die Ruhe der Sünder störte. Obwohl gering an Zahl, ohne Reichtümer, Stellung oder Ehrentitel, waren sie überall, wo ihr Charakter und ihre Lehren bekannt wurden, den Übeltätern ein Schrecken. Deshalb wurden sie von den Gottlosen gehaßt, wie ehemals Abel von dem bösen Kain verabscheut wurde. Derselbe Beweggrund, der Kain zu Abels Mörder machte, veranlaßte die, welche sich vom hemmenden Einfluß des Geistes Gottes zu befreien suchten, Gottes Kinder zu töten. Aus dem nämlichen Grunde verwarfen und kreuzigten die Juden den Heiland; denn die Reinheit und Heiligkeit seines Charakters war ein beständiger Vorwurf gegen ihre Selbstsucht und Verderbtheit. Von den Tagen Christi an bis jetzt haben seine getreuen Jünger den Haß und, den Widerspruch derer erweckt, welche die Wege der Sünde lieben und ihnen nachgehen.
Wie kann denn aber das Evangelium eine Botschaft des Friedens genannt werden? Als Jesaja die Geburt des Messias vorhersagte, gab er ihm den Titel „Friedefürst“. Als die Engel den Hirten verkündigten, daß Christus geboren sei, sangen sie über den Ebenen Bethlehems: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Luk. 2,14.) Es scheint ein Widerspruch zu bestehen zwischen diesen prophetischen Aussagen und den Worten Christi: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert,“ (Matth. 10,34.) aber richtig verstanden sind beide Aussprüche in vollkommener Übereinstimmung. Das Evangelium ist eine Botschaft des Friedens. Das Christentum verbreitet, wenn es angenommen wird, Friede, Eintracht und Glückseligkeit über die ganze Erde. Die Religion Christi verbindet alle, die ihre Lehren annehmen, in inniger Brüderschaft miteinander. Es war Jesu Werk, die Menschen mit Gott und somit auch miteinander zu versöhnen. Aber die Welt im großen und ganzen befindet sich unter der Herrschaft Satans, des bittersten Feindes Christi. Das Evangelium zeigt ihr die Grundsätze des Lebens, welche vollständig im Widerspruch mit ihren Sitten und Wünschen stehen, und gegen die sie sich empört. Sie haßt die Reinheit, welche ihre Sünden offenbart und verurteilt, und sie verfolgt und vernichtet alle, die ihr jene gerechten und heiligen Ansprüche vorhalten. In diesem Sinne - weil die erhabenen Wahrheiten, die das Evangelium bringt, Haß und Streit veranlassen -wird es ein Schwert genannt.
Das geheimnisvolle Wirken der Vorsehung, welche zuläßt, daß der Gerechte von der Hand des Gottlosen Verfolgung erleidet, ist für viele, die schwach im Glauben sind, eine Ursache großer Verlegenheiten geworden. Einige sind sogar bereit, ihr Vertrauen auf Gott wegzuwerfen, weil er es zuläßt, daß es den niederträchtigsten Menschen wohlergeht und die besten und reinsten von ihrer grausamen Macht bedrängt und gequält werden. Wie, fragt man, kann ein Gerechter und Barmherziger, der unendlich in seiner Macht ist, solche Ungerechtigkeit und Unterdrückung dulden? Mit einer solchen Frage haben wir nichts zu tun. Gott hat uns genügende Beweise seiner Liebe gegeben, und wir sollen nicht an seiner Güte zweifeln, weil wir das Wirken seiner Vorsehung nicht zu ergründen vermögen. Der Heiland sagte zu seinen Jüngern, da er die Zweifel voraussah, welche in den Tagen der Prüfung und der Finsternis ihre Seelen bestürmen würden: „Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: 'Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr'. Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen.“ (Joh. 15,20.) Jesus hat mehr gelitten für uns, als irgendeiner seiner Nachfolger von der Grausamkeit gottloser Menschen zu leiden haben kann. Wer berufen ist, Qualen und Märtyrertod durchzumachen, folgt nur in den Fußstapfen des teuren Gottessohnes.
„Der Herr verzieht nicht die Verheißung.“ (2. Petr. 3,9.) Er vergißt oder vernachlässigt seine Kinder nicht, aber gestattet den Gottlosen, ihren wahren Charakter zu offenbaren, auf daß keiner, der wünscht, seinen Willen zu tun, über sie getäuscht werden möchte. Wiederum läßt er die Gerechten durch den Feuerofen der Trübsal gehen, damit sie selbst gereinigt werden, damit ihr Beispiel andere von der Wirklichkeit des Glaubens und der Gottseligkeit überzeuge und ihr treuer Wandel die Gottlosen und Ungläubigen verurteile.
Gott läßt es zu, daß die Bösen gedeihen und ihre Feindschaft gegen ihn bekunden, damit wenn das Maß ihrer Ungerechtigkeit voll ist, alle Menschen in ihrem vollständigen Untergang seine Gerechtigkeit und Gnade sehen können. Der Tag seiner Rache eilt, da allen, die sein Gesetz übertreten und sein Volk unterdrückt haben, die gerechte Vergeltung für ihre Taten zuteil werden wird; da jede grausame und ungerechte Handlung gegen die Getreuen Gottes bestraft werden wird, als ob sie Christo selbst angetan worden sei.
Es gibt eine andere und wichtigere Frage, welche die Aufmerksamkeit der Kirchen unserer Tage in Anspruch nehmen sollte. Der Apostel Paulus erklärt, daß „alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden.“ (2. Tim. 3,12.) Wie kommt es denn, daß die Verfolgung gewissermaßen zu schlummern scheint? Der einzige Grund ist, daß die Kirchen sich der Welt angepaßt haben und deshalb keinen Widerstand erwecken. Die gegenwärtig volkstümliche Religion hat nicht den reinen und heiligen Charakter, der den christlichen Glauben in den Tagen Christi und seiner Apostel kennzeichnete. Weil man mit der Sünde gemeinsame Sache macht, weil man die großen Wahrheiten des Wortes Gottes so gleichgültig betrachtet, und weil wenig wahre Gottseligkeit in der Gemeinde herrscht, deshalb ist anscheinend das Christentum in der Welt beliebt. Sobald ein Wiederbeleben des Glaubens und der Macht der ersten Christengemeinden stattfindet, wird auch der Geist der Verfolgung abermals erwachen und die Feuer der Trübsal aufs neue schüren.
KAPITEL 3
DER ABFALL
Der Apostel Paulus erklärte in seinem Zweiten Brief an die Thessalonicher, daß der Tag Christi nicht kommen werde, „es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott.“ Und weiter warnt der Apostel seine Brüder: „Es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit.“ (2. Thess. 2, 3.4.7). Schon zu jener frühen Zeit sah er, daß sich Irrtümer in die Kirche schlichen, welche den Weg für die Entwicklung des geweissagten Abfalls vorbereiteten.
Das Geheimnis der Bosheit führte nach und nach, erst verstohlen und stillschweigend, dann, als es an Kraft zunahm und die Herrschaft über die Gemüter der Menschen gewann, offener sein betrügerisches und verderbliches Werk aus. Beinahe unmerklich fanden heidnische Gebräuche ihren Weg in die christliche Gemeinde. Zwar wurde der Geist des Nachgebens und der Zustimmung eine Zeitlang durch die heftige Verfolgung, welche die Gemeinde Gottes unter dem Heidentum erduldete, zurückgehalten; als aber die Verfolgung aufhörte und das Christentum die Höfe und Paläste der Könige betrat, vertauschte es die demütige Einfachheit Christi und seiner Apostel mit dem Gepränge und dem Stolz der heidnischen Priester und Herrscher und setzte an die Stelle der Forderungen Gottes menschliche Theorien und Überlieferungen. Die angebliche Bekehrung Konstantins, früh im vierten Jahrhundert, verursachte große Freude, und die Welt zog, angetan mit dem Schein der Gerechtigkeit, in die Kirche ein. Jetzt machte das Verderben schnellen Fortschritt. Das Heidentum wurde, während es besiegt zu sein schien, zum Sieger. Sein Geist beherrschte die Kirche. Seine Lehren, sein Gepränge und sein Aberglaube wurden dem Glauben und der Gottesverehrung der bekenntlichen Nachfolger Christi einverleibt.
Dieser Ausgleich zwischen Heidentum und Christentum hatte die Entwicklung des „Menschen der Sünde“ zur Folge, von dem die Prophezeiung voraussagte, daß er der Widersacher sei und sich über alles, was Gott heißt, überheben werde. Jenes riesenhafte System falscher Religion ist ein Meisterstück der Macht Satans - ein Denkmal seiner Anstrengungen, sich selbst auf den Thron zu setzen und die Erde nach seinem Willen zu beherrschen.
Satan versuchte es einmal, sich mit Christo zu einigen. Er kam zum Sohne Gottes in der Wüste der Versuchung, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und machte ihm das Anerbieten, alles in seine Hände zu geben, falls er nur die Oberherrschaft des Fürsten der Finsternis anerkennen wollte. Christus schalt den verwegenen Versucher und zwang ihn, sich zu entfernen. Satan hat aber größeren Erfolg, wenn er mit denselben Versuchungen an die Menschen herantritt. Um sich irdischen Gewinn und weltliche Ehren zu sichern, wurde die Kirche dazu verleitet, die Gunst und den Beistand der Großen dieser Erde zu suchen und indem sie auf diese Weise das Christum verwarf, gelangte sie dahin, mit dem Stellvertreter Satans - dem Bischof von Rom - ein Treuebündnis einzugehen.
Es ist eine der Hauptlehren der römischen Kirche, daß der Papst das sichtbare Haupt der allgemeinen Kirche Christi sei, angetan mit höchster Autorität über Bischöfe und Geistliche in allen Teilen der Welt. Mehr als das, man hat dem Papst sogar die Titel der Gottheit beigelegt. Er ist „der Herr Gott Papst“ (Siehe Anhang) genannt und als unfehlbar erklärt worden. Er verlangt, daß alle Menschen ihm Verehrung zollen. Somit werden dieselben Ansprüche, welche Satan in der Wüste der Versuchung vorbrachte, von ihm noch durch die Kirche von Rom gemacht, und viele sind bereit, ihm Huldigung zu gewähren.
Diejenigen aber, welche Gott fürchten und ihn verehren, treten dieser den Himmel herausfordernden Anmaßung gegenüber, wie Christus den Verlockungen des verschlagenen Feindes gegenübertrat: „Du sollst Gott deinen Herrn, anbeten, und ihm allein dienen.“ (Luk. 4,8.) Gott hat in seinem Worte nie einen Wink gegeben, daß er irgend einen Menschen bestimmt hat, das Oberhaupt der Gemeinde zu sein. Die Lehre von der päpstlichen Oberherrschaft ist den Aussprüchen der Heiligen Schrift geradezu entgegen. Der Papst kann keine Macht haben über die Gemeinde Christi, außer durch unrechtmäßige Aneignung.
Die Römlinge haben darauf beharrt, die Protestanten der Ketzerei und der eigenwilligen Trennung von der wahren Kirche zu beschuldigen. Aber diese Anklagen lassen sich eher auf sie selber anwenden. Sie sind diejenigen, welche das Banner Christi niederlegten und von dem Glauben abwichen, „der einmal den Heiligen übergeben ist.“ (Judas 3.)
Satan wußte gar wohl, daß die Heilige Schrift die Menschen befähigen würde, seine Täuschungen zu erkennen und seiner Macht zu widerstehen; hatte doch selbst der Heiland der Welt seinen Angriffen durch das Wort Gottes widerstanden. Bei jedem Ansturm hielt Christus ihm den Schild der ewigen Wahrheit entgegen und sagte: „Es steht geschrieben“. Jeder Einflüsterung des Feindes widerstand er durch die Weisheit und Macht des Wortes. Um die Herrschaft über die Menschen aufrechtzuerhalten und seine Autorität zu befestigen, mußte Satan das Volk in bezug auf die Heilige Schrift in Unwissenheit halten. Die Bibel würde Gott erheben und den sterblichen Menschen ihre wahre Stellung anweisen; deshalb mußten ihre heiligen Wahrheiten geheim gehalten und unterdrückt werden. Dieser Plan wurde von der Kirche angenommen. Jahrhundertelang war die Verbreitung der Bibel (in der Volkssprache) verboten; das Volk durfte sie nicht lesen noch im Hause haben, und Geistliche legten ihre Lehren zur Begründung ihrer eigenen Anmaßungen aus. Auf diese Weise wurde das Kirchenoberhaupt beinahe allgemein anerkannt als Statthalter Gottes auf Erden, der mit Autorität über Kirche und Staat ausgestattet worden sei.
Da das einzig zuverlässige Mittel zur Entdeckung des Irrtums auf die Seite geschafft worden war, wirkte Satan ganz nach Willkür. Die Prophezeiung hatte erklärt, das Papsttum werde „sich unterstehen, Zeit und Gesetz zu ändern.“ (Dan. 7, 25.) Dieses Werk zu versuchen war es nicht müßig. Um den vom Heidentum Bekehrten ein Ersatzmittel für die Bekehrung von Götzen zu bieten und so ihre äußerliche Annahme des Christentums zu befördern, wurde stufenweise die Anbetung von Bildern und Reliquien in den christlichen Gottesdienst eingeführt. Das Dekret einer allgemeinen Kirchenversammlung richtete schließlich dieses System der Abgötterei auf. (Das zweite nicänische Konzil, im Jahre 787.) Um das gotteslästerliche Werk zu vollenden, maßte sich Rom an, aus dem Gesetze Gottes das zweite Gebot, welches die Bilderverehrung (siehe Anhang) verbietet, auszulassen, und das zehnte in zwei zu teilen, um die Zahl beizubehalten.
Der Geist des Zugeständnisses dem Heidentum gegenüber öffnete den Weg für eine noch größere Mißachtung der Autorität des Himmels. Satan tastete durch ungeheiligte Männer auch das vierte Gebot an und versuchte, den alten Sabbat, den Tag, welchen Gott gesegnet und geheiligt hatte (l. Mose 2, 2.3.) beiseite zusetzen und anstatt seiner den von den Heiden als „ehrwürdigen Tag der Sonne“ beobachteten Festtag zu erheben. Diese Veränderung wurde anfangs nicht offen versucht. In den ersten Jahrhunderten war der wahre Sabbat von allen Christen gehalten worden. Sie eiferten für die Ehre Gottes, und da sie glaubten, daß sein Gesetz unveränderlich sei, wahrten sie eifrig die Heiligkeit seiner Vorschriften. Aber mit großer Schlauheit wirkte Satan durch seine Werkzeuge, um seinen Zweck zu erreichen. Um die Aufmerksamkeit des Volkes auf den Sonntag zu richten, wurde er zu einem Festtag zu Ehren der Auferstehung Christi gemacht und an ihm Gottesdienst gehalten; doch betrachtete man ihn nur als einen Tag der Erholung und hielt den Sabbat noch immer heilig.
Um den Weg für das von ihm beabsichtigte Werk vorzubereiten, hatte Satan die Juden vor der Ankunft Christi verleitet, den Sabbat mit höchst strengen Anforderungen zu belasten, so daß seine Feier eine Bürde wurde. Jetzt benutzte er das falsche Licht, in welchem er ihn auf diese Weise hatte erscheinen lassen, um auf ihn, als auf eine jüdische Einrichtung, Verachtung zu häufen. Während die Christen im allgemeinen fortfuhren, den Sonntag als einen Freudentag zu beobachten, veranlaßte er sie, um ihren Haß gegen alles Jüdische zu zeigen, den Sabbat zu einem Fasttag, einem Tag der Trauer und des Trübsinns, zu gestalten.
Am Anfang des vierten Jahrhunderts erließ Kaiser Konstantin ein Dekret (siehe Anhang) im ganzen Römischen Reich, demzufolge der Sonntag als ein öffentlicher Festtag eingesetzt wurde. Der Tag der Sonne wurde von den heidnischen Untertanen verehrt und von den Christen geachtet, und der Kaiser verfolgte die Absicht, die widerstreitenden Ansichten des Christentums mit denen des Heidentums zu vereinen. Er wurde dazu von den Bischöfen der Kirche gedrängt, die, von Ehrgeiz und Durst nach Macht beseelt, einsahen, daß den Heiden die äußerliche Annahme des Christentums erleichtert und somit die Macht und Herrlichkeit der Kirche gefördert würde, wenn sowohl von den Christen als auch von den Heiden der nämliche Tag beobachtet würde. Aber während viele fromme Christen allmählich dahin kamen, dem Sonntag einen gewissen Grad von Heiligkeit beizumessen, hielten sie doch den wahren Sabbat als dem Herrn heilig und beobachteten ihn im Gehorsam gegen das vierte Gebot.
Der Erzbetrüger hatte sein Werk nicht vollendet. Er war entschlossen, die ganze christliche Welt unter sein Banner zu sammeln, und durch seinen Statthalter, den stolzen Oberpriester, der behauptete, der Stellvertreter Christi zu sein, seine Macht geltend zu machen. Durch halb bekehrte Heiden, ehrgeizige Prälaten und weltliebende Geistliche erreichte er seinen Zweck. Von Zeit zu Zeit wurden große Kirchenversammlungen gehalten, zu welchen die Würdenträger der Kirche aus allen Weltgegenden zusammenkamen. Auf fast jedem Konzil wurde der von Gott eingesetzte Sabbat etwas mehr erniedrigt und der Sonntag dementsprechend erhöht. So wurde der heidnische Festtag schließlich als eine göttliche Einrichtung verehrt, während der Bibelsabbat als Überbleibsel des Judentums verschrieen und seine Beobachter als verflucht erklärt wurden.
Dem großen Abtrünnigen war es gelungen, sich über „alles, was Gott oder Gottesdienst heißt,“ (2. Thess. 2, 4.) zu erheben. Er hatte sich erkühnt, die einzige Vorschrift des göttlichen Gesetzes, welche unverkennbar alle Menschen auf den wahren und lebendigen Gott hinweist, zu verändern. Im vierten Gebot wird Gott als der Schöpfer Himmels und der Erde offenbart und dadurch von allen falschen Göttern unterschieden. Zum Andenken an das Schöpfungswerk wurde der siebente Tag als Ruhetag für die Menschen geheiligt. Er war dazu bestimmt, dem Menschen den lebendigen Gott als die Quelle des Seins und den Gegenstand der Verehrung und Anbetung beständig vor Augen zu halten. Satan jedoch bestrebt sich, die Menschen von ihrer Treue zu Gott und vom Gehorsam gegen sein Gesetz abwendig zu machen, und deshalb richtet er seine Angriffe besonders gegen jenes Gebot, welches Gott als den Schöpfer kennzeichnet.
Die Protestanten machen jetzt geltend, daß die Auferstehung Christi am Sonntage diesen Tag zum Ruhetag der Christen mache; jedoch fehlen hierfür die Beweise aus der Heiligen Schrift. Weder Christus noch seine Apostel haben diesem Tage eine solche Ehre beigelegt. Die Beobachtung des Sonntags als eine christliche Einrichtung hat ihren Ursprung in jenem „Geheimnis der Bosheit.,“ welches schon in den Tagen Pauli sein Werk begonnen hatte. (2. Thess. 2, 7; Grundtext: „Geheimnis der Gesetzlosigkeit.“) Wo und wann aber hat der Herr dies Kind des Abfalls angenommen? Welcher rechtsgültige Grund kann für eine Veränderung gegeben werden, welche die Heilige Schrift nicht billigt?
Im sechsten Jahrhundert hatte das Papsttum bereits eine feste Grundlage gewonnen. Der Sitz seiner Macht war in der kaiserlichen Stadt aufgerichtet und der römische Bischof als Oberhaupt der ganzen Kirche erklärt worden. Das Heidentum hatte dem Papsttum Platz gemacht, der Drache dem Tiere „seine Kraft, seinen Stuhl und große Macht“ (Offb. 13,2, siehe auch Anhang) gegeben. Und nun begannen die zwölfhundertsechzig Jahre der päpstlichen Unterdrückung, wie sie in den Prophezeiungen Daniels und der Offenbarung vorhergesagt sind. (Dan. 7, 25; Offb. 13, 5-7.) Die Christen waren gezwungen zu wählen, ob sie entweder ihre Rechtschaffenheit aufgeben und die päpstlichen Gebräuche und den päpstlichen Gottesdienst annehmen, oder ihr Leben in Kerkerzellen aufreiben oder auf der Folterbank, auf dem Scheiterhaufen oder durch das Henkerbeil den Tod erleiden wollten. Nun wurden die Worte Jesu erfüllt: „Ihr werdet aber überantwortet werden von den Eltern, Brüdern, Gefreunden und Freunden; und sie werden eurer etliche töten. Und ihr werdet gehaßt sein von jedermann, um meines Namens willen.“ (Luk. 21, 16.17.) Verfolgung ergoß sich mit größerer Wut über die Gläubigen als je zuvor, und die Welt wurde ein weites Schlachtfeld. Für Hunderte von Jahren fand die Gemeinde Zuflucht in Zurückgezogenheit und Dunkelheit. So sagt der Prophet: „Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott, daß sie daselbst ernährt würde tausendzweihundertsechzig Tage.“ (Offb. 12,6.)
Der Beginn des dunklen Mittelalters wurde dadurch gekennzeichnet, daß die römische Kirche zur Macht gelangte. Je mehr ihre Macht zunahm, desto dichter wurde die Finsternis. Der Glaube wurde von Christo, dem wahren Grund, auf den Papst von Rom übertragen. Statt für die Vergebung der Sünden und das ewige Heil auf den Sohn Gottes zu vertrauen, sah das Volk auf den Papst und auf die von ihm bevollmächtigten Priester und Prälaten. Es wurde gelehrt, daß der Papst der irdische Mittler sei und niemand sich Gott nähern könne, es sei denn durch ihn, und ferner, daß er für die Menschen an Gottes Stelle stehe und ihm deshalb unbedingt zu gehorchen sei. Ein Abweichen von seinen Anforderungen war hinreichende Ursache dafür, die härtesten Strafen an Leib und Seele über die Schuldigen zu verhängen. So wurden die Gemüter des Volkes von Gott ab und auf fehlbare, irrende und grausame Menschen gelenkt, ja noch mehr, auf den Fürsten der Finsternis selbst, der durch dieselben seine Macht ausübte. Die Sünde war unter einem Gewand von Heiligkeit verdeckt. Wenn die Heilige Schrift unterdrückt wird und die Menschen sich selbst als maßgebend betrachten, so dürfen wir nur Betrug, Täuschung und erniedrigende Ungerechtigkeit erwarten. Mit der Erhebung menschlicher Gesetze und Überlieferungen wurde die Verderbnis offenbar, welche immer aus der Verwerfung des Gesetzes Gottes hervorgeht.
Dies waren Tage der Gefahr für die Gemeinde Christi. Der treuen Fahnenträger waren wahrlich wenige. Obwohl die Wahrheit nicht ohne Zeugen gelassen wurde, schien es doch zuzeiten, als ob Irrtum und Aberglaube vollständig überhandnehmen wollten und die wahre Religion von der Erde verbannt werden würde. Das Evangelium wurde aus den Augen verloren, religiöse Gebräuche hingegen wurden vermehrt und die Leute mit strengen, harten Erpressungen belastet.
Nicht nur wurden sie gelehrt, den Papst als ihren Mittler zu betrachten, sondern auch zur Versöhnung ihrer Sünden auf ihre eigenen Werke zu vertrauen. Lange Pilgerfahrten, Bußübungen, die Errichtung von Kirchen, Kapellen und Altären, das Bezahlen großer Geldsummen an die Kirche - diese und viele ähnliche Lasten wurden auferlegt, um den Zorn Gottes zu besänftigen oder sich seiner Gunst zu versichern, als ob Gott, gleich einem Menschen, wegen Kleinigkeiten erzürnt oder durch Gaben und Bußübungen zufriedengestellt werden könnte.
Trotzdem die Sünde selbst unter den Leitern der römischen Kirche überhandnahm, so schien doch der Einfluß der Kirche beständig zu wachsen. Ungefähr am Schluß des achten Jahrhunderts erhoben die Verteidiger des Papsttums den Anspruch, daß im ersten Zeitalter der Kirche die Bischöfe von Rom dieselbe geistliche Macht besessen hätten, welche sie sich jetzt anmaßten. Um diesen Anspruch geltend zu machen, mußte irgendein Mittel angewendet werden, um ihm den Schein von Autorität zu verleihen, und dies wurde von dem Vater der Lügen bereitwillig ins Werk gesetzt. Alte Handschriften wurden von Mönchen nachgeahmt; bis dahin unbekannte Beschlüsse von Kirchenversammlungen wurden entdeckt, welche die allgemeine Oberherrschaft des Papstes von den frühesten Zeiten an bestätigten. Und eine Kirche, welche die Wahrheit verworfen hatte, nahm diese Fälschungen begierig an. (Siehe Anhang.)
Die wenigen Getreuen, die auf den wahren Grund bauten (vgl. 1. Kor. 3, 10.11.), wurden verwirrt und gehindert, als der Schutt falscher Lehren das Werk lähmte. Gleich den Bauleuten auf den Mauern Jerusalems in den Tagen Nehemias, waren einige bereit zu sagen: „Die Kraft der Träger ist zu schwach, und des Schuttes ist zu viel, wir können an der Mauer nicht bauen.“ (Neh. 4, 4.) Ermüdet von dem beständigen Kampf gegen Verfolgung, Betrug, Ungerechtigkeit und jegliches andere Hindernis, welches Satan ersinnen konnte, um ihren Fortschritt zu hindern, wurden einige Bauleute, die treu gewesen waren, entmutigt, und um des Friedens, der Sicherheit ihres Eigentums und ihres Lebens willen wandten sie sich von dem wahren Grund ab. Andere, unerschrocken bei dem Widerstand ihrer Feinde, erklärten furchtlos: Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenket an den großen, schrecklichen Herrn,“ (Neh. 4,8.) und sie fuhren fort mit der Arbeit, ein jeglicher sein Schwert um seine Lenden gegürtet (vgl. Eph. 6,17.).
Derselbe Geist des Hasses und des Widerstandes gegen die Wahrheit hat zu jeder Zeit Gottes Feinde begeistert, und dieselbe Wachsamkeit und Treue ist von seinen Dienern verlangt worden. Die an die ersten Jünger gerichteten Worte Christi gelten allen seinen Nachfolgern bis ans Ende der Zeit: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!'“ (Mark. 13,37.)
Die Finsternis schien dichter zu werden. Die Bilderverehrung wurde allgemeiner. Vor den Bildern wurden Kerzen angezündet und Gebete dargebracht. Der allerabgeschmacktesten und abergläubischsten Gebräuche nahmen überhand. Die Gemüter der Menschen wurden so vollständig von Aberglauben beherrscht, daß die Vernunft selbst ihre Herrschaft verloren zu haben schien. Während Priester und Bischöfe selbst vergnügungssüchtig, sinnlich und verdorben waren, konnte man nur erwarten, daß das Volk, welches um Leitung zu ihnen aufschaute, in Unwissenheit und Laster versinken würde.
Ein weiterer Schritt in der päpstlichen Anmaßung wurde gemacht, als im elften Jahrhundert Papst Gregor VII. die Vollkommenheit der römischen Kirche verkündete. Unter den von ihm vorgebrachten Anträgen war einer, der erklärte, daß die Kirche nie geirrt habe noch der Heiligen Schrift gemäß je irren werde; aber biblische Beweise begleiteten diese Behauptung nicht. Der stolze Oberpriester beanspruchte auch die Macht, Kaiser abzusetzen und erklärte, daß kein von ihm ausgesprochener Rechtsspruch von irgend jemand umgestoßen werden könne, während es sein Vorrecht sei, die Beschlüsse anderer aufzuheben. (Siehe Anhang.)
Einen schlagenden Beweis seines Charakters lieferte dieser Befürworter der Unfehlbarkeit in der Behandlung des deutschen Kaisers Heinrich IV. Weil dieser Fürst gewagt hatte, die Macht des Papstes zu mißachten, wurde er in den Kirchenbann getan und als entthront erklärt. Erschreckt über die Untreue und die Drohungen seiner eigenen Fürsten, die in ihrer Empörung gegen ihn durch den päpstlichen Erlaß ermutigt wurden, hielt Heinrich es für notwendig, Frieden mit Rom zu machen. In Begleitung seiner Gemahlin und eines treuen Dieners überschritt er mitten im Winter die Alpen, damit er sich vor dem Papst demütige. Als er das Schloß, wohin Gregor sich zurückgezogen, erreicht hatte, wurde er ohne seine Leibwache in einen Vorhof geführt und dort erwartete er in der strengen Kälte des Winters, mit unbedecktem Haupte und nackten Füßen, in einem elenden Anzuge die Erlaubnis des Papstes, vor ihm erscheinen zu dürfen. Erst nachdem er drei Tage mit Fasten und Beichten zugebracht hatte, ließ sich der Papst herab, ihm Verzeihung zu gewähren, und selbst dann geschah es nur unter der Bedingung, daß der Kaiser seine Genehmigung abwarte, ehe er sich aufs neue mit dem Amtszeichen schmücke oder die Macht der Kaiserwürde ausübe. Gregor aber, durch seinen Sieg erkühnt, prahlte, daß es seine Pflicht sei, den Stolz der Könige zu demütigen.
Wie auffallend ist der Unterschied zwischen der Überhebung dieses Priesterfürsten und der Sanftmut und Milde Christi, der sich selbst darstellt als an der Tür des Herzens um Einlaß bittend, damit er einkehre, um Vergebung und Frieden zu bringen, der seine Jünger lehrt: „Wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht.“ (Matth., 20,27.)
Die nachfolgenden Jahrhunderte waren Zeugen einer beständigen Zunahme des Irrtums in den von Rom ausgehenden Lehren. Schon vor der Aufrichtung des Papsttums waren die Lehren heidnischer Philosophen beachtet worden und hatten einen Einfluß in der Kirche ausgeübt. Viele vorgeblich Bekehrte hingen noch immer an den Lehrsätzen ihrer heidnischen Philosophie und fuhren nicht nur fort, sie selbst zu erforschen, sondern drängten sie auch andern auf, um ihren Einfluß unter den Heiden auszudehnen. Auf diese Weise wurden bedenkliche Irrtümer in den christlichen Glauben eingeschleppt. Herausragend unter diesen war der Glaube an die natürliche Unsterblichkeit des Menschen und sein Bewußtsein nach dem Tode. Diese Lehre legte den Grund, auf den Rom die Anrufung der Heiligen und die Anbetung der Jungfrau Maria baute. Hieraus entsprang auch die Irrlehre von einer ewigen Qual für die bis zuletzt Unbußfertigen, die dem päpstlichen Glauben schon früh einverleibt wurde.
Damit war der Weg vorbereitet für die Einführung noch einer anderen Erfindung des Heidentums, welche Rom das Fegefeuer nannte und dann anwandte, um der leichtgläubigen und abergläubischen Menge Furcht einzujagen. Durch diese Lehre wird das Vorhandensein eines Ortes der Qual behauptet, an welchem die Seelen derer, die keine ewige Verdammnis verdient haben, für ihre Sünden bestraft werden und von wo aus sie, sobald sie frei von aller Unreinheit sind, in den Himmel zugelassen werden. (Siehe Anhang.)
Noch eine andere Erdichtung war notwendig, um Rom in den Stand zu setzen, die Furcht und die Sünden seiner Anhänger für sich auszubeuten. Diese fand sich in der Ablaßlehre. Volle Vergebung der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sünden und Erlaß aller sich dadurch zugezogenen Strafen und Qualen wurden allen zugesichert, die sich an den Kriegen des Papsttums beteiligten, sei es um seine weltliche Herrschaft zu erweitern, seine Feinde zu züchtigen oder die auszutilgen, welche sich erkühnten, seine geistliche Oberherrschaft zu bestreiten. Es wurde ferner gelehrt, daß man sich durch Bezahlen von Geld an die Kirche von Sünden befreien und auch die Seelen verstorbener Freunde, die in den quälenden Flammen gefangen gehalten wurden, erlösen könnte. Durch solche Mittel füllte Rom seine Kassen und unterhielt den Prunk, das Wohlleben und das Laster der vorgeblichen Vertreter dessen, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte (siehe Anhang.)
Die schriftgemäße Verordnung des Abendmahls war durch das Meßopfer verdrängt worden. Die Priester behaupteten, einfaches Brot und Wein in den persönlichen Leib und das wirkliche Blut Christi zu verwandeln. Sie beanspruchten öffentlich die Macht, Gott, den Schöpfer aller Dinge, „zu schaffen.“ (Siehe Anhang.) Von den Christen wurde bei Todesstrafe verlangt, ihren Glauben an diese Lehre zu bekennen. Scharenweise wurden solche, die sich weigerten, den Flammen übergeben.
Im dreizehnten Jahrhundert wurde jenes schrecklichste der Werkzeuge des Papsttums - die Inquisition - eingeführt. Der Fürst der Finsternis wirkte mit den Vorstehern der päpstlichen Priesterherrschaft. In ihren geheimen Beratungen beherrschten Satan und seine Engel die Gemüter der schlechten Menschen, während ungesehen ein Engel Gottes in ihrer Mitte stand und den furchtbaren Bericht ihrer gottlosen Beschlüsse aufnahm und die Geschichte von Taten niederschrieb, welche zu schrecklich sind, um vor menschlichen Augen zu erscheinen. „Babylon die große“ war „trunken von dem BIute der Heiligen“. Die verstümmelten Leiber und das Blut der Millionen von Märtyrer schrien zu Gott um Rache gegen jene abtrünnige Macht.
Das Papsttum war zum Zwingherrn der Welt geworden. Könige und Kaiser beugten sich vor den Erlassen des römischen Oberpriesters. Das Schicksal der Menschen, für Zeit und Ewigkeit, schien in seiner Gewalt zu sein. Jahrhunderte lang waren die Lehren Roms ausschließlich und unbedingt angenommen, seine Gebräuche ehrfurchtsvoll vollzogen, seine Feste allgemein beobachtet worden. Seine Geistlichkeit wurde geehrt und freigebig unterstützt. Nie seither hat die römische Kirche größere Würde, Herrlichkeit oder Macht erlangt.
Die Mittagszeit des Papsttums war die sittliche Mitternacht der Welt. Die Heilige Schrift war nicht nur dem Volke, sondern auch den Priestern beinahe unbekannt. Gleich den Pharisäern vor alters haßten die päpstlichen Anführer das Licht, welches ihre Sünden aufgedeckt hätte. Da Gottes Gesetz, die Richtschnur der Gerechtigkeit, weggetan worden war, übten sie Gewalt aus ohne Grenzen und begingen Laster ohne Einschränkung. Betrug, Geiz, Verworfenheit waren an der Tagesordnung. Die Menschen schreckten vor keinem Verbrechen zurück, durch welches sie Reichtum oder Stellung erlangen konnten. Die Paläste der Päpste und Prälaten waren der Schauplatz gemeinster Ausschweifungen. Einige der regierenden Päpste machten sich so empörender Verbrechen schuldig, daß weltliche Herrscher es versuchten, diese Würdenträger der Kirche, die zu niederträchtig waren, um geduldet zu werden, abzusetzen. Jahrhundertelang hatte Europa keinen Fortschritt in den Wissenschaften, der Kunst oder der Zivilisation gemacht. Eine sittliche und geistige Lähmung hatte das Christentum befallen.
Der Zustand der Welt unter der römischen Macht war eine furchtbare und auffallende Erfüllung der Worte des Propheten Hosea: „Mein Volk ist dahin, darum daß es nicht lernen will. Denn du verwirfst Gottes Wort, darum will ich dich auch verwerfen ... Du vergissest des Gesetzes deines Gottes, darum will ich auch deiner Kinder vergessen.“ „Denn es ist keine Treue, keine Liebe, kein Wort Gottes im Lande; sondern Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhand genommen, und kommt eine Blutschuld nach der andern.“ (Hosea 4, 6.1.2.) Solcher Art waren die Folgen der Verbannung des Wortes Gottes.
KAPITEL 4
DIE WALDENSER
Inmitten der Dunkelheit, die sich während des langen Zeitabschnittes der päpstlichen Herrschaft über die Erde lagerte, konnte das Licht der Wahrheit nicht vollständig ausgelöscht werden. In jedem Zeitalter gab es Zeugen für Gott - Seelen, die den Glauben an Christum als den einzigen Vermittler zwischen Gott und den Menschen werthielten, denen die Bibel als die einzige Richtschnur des Lebens galt und die den wahren Sabbat feierten. Wieviel die Welt diesen Leuten schuldet, wird die Nachwelt nie erkennen. Sie wurden als Ketzer gebrandmarkt, sie wurden verleumdet, ihre Beweggründe angefochten, ihre Schriften unterdrückt, mißdeutet oder entstellt; dennoch standen sie fest und bewahrten von Jahrhundert zu Jahrhundert ihren Glauben in seiner Reinheit als ein heiliges Erbteil für die kommenden Geschlechter.
Die Geschichte des treuen Volkes Gottes während den Jahrhunderten der Finsternis, welche der Erlangung der Oberherrschaft Roms folgten, steht im Himmel geschrieben. Nur wenige Spuren davon lassen sich in menschlichen Berichten finden, ausgenommen in den Anschuldigungen und den Anklagen ihrer Verfolger. Es war das staatskluge Verfahren Roms, jede Spur von Meinungsverschiedenheit betreffs seiner Lehren oder Verordnungen auszutilgen. Alles Ketzerische, ob Personen oder Schriften, wurde vernichtet. Ein einziger Ausdruck des Zweifels, eine Frage hinsichtlich der Autorität der päpstlichen Dogmen, war genug, um das Leben von reich und arm, hoch oder niedrig zu verwirken. Rom bestrebte sich auch, jeden Bericht seiner Grausamkeit gegen Andersdenkende zu vernichten. Päpstliche Konzilien verordneten, daß, Bücher und Schriften, die dergleichen Berichte enthielten, den Flammen übergeben werden sollten. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst waren die Bücher gering an Zahl und in einer für ihre Aufbewahrung nicht günstigen Form; deshalb fiel es den Römlingen nicht schwer, ihre Absicht auszuführen.
Keine Gemeinde innerhalb der Grenzen der römischen Gerichtsbarkeit blieb lange ungestört im Genuß der Gewissensfreiheit. Kaum hatte das Papsttum Macht erlangt, als es schon seine Arme ausstreckte, um alles zu erdrücken, was sich weigerte, seine Oberhoheit anzuerkennen, und eine Gemeinde nach der anderen unterwarf sich seiner Herrschaft.
In Großbritannien hatte das Urchristentum schon frühe Wurzel gefaßt. Das von den Briten in den ersten Jahrhunderten angenommene Evangelium war damals noch unverdorben von dem römischen Abfall. Die Verfolgung seitens heidnischer Kaiser, die sich bis nach diesen entfernten Küsten ausdehnte, war die einzige „Gabe“, welche die ersten britischen Gemeinden von Rom erhielten. Viele Christen, die vor der Verfolgung in England flohen, fanden eine Zuflucht in Schottland; von dort wurde die Wahrheit nach Irland getragen, und in allen diesen Ländern nahm man sie mit Freuden auf.
Als die Sachsen in Britannien eindrangen, gewann das Heidentum die Herrschaft. Die Eroberer verschmähten es, von ihren Sklaven unterwiesen zu werden, und die Christen wurden gezwungen, sich in die Berge und wilden Moore zurückzuziehen. Doch das eine Zeitlang verborgene Licht fuhr fort zu brennen. In Schottland schien es ein Jahrhundert später mit einem Glanz, der sich über weit entlegene Länder erstreckte. Von Irland kamen der fromme Kolumban und seine Mitarbeiter; sie sammelten die zerstreuten Gläubigen auf der einsamen Insel Iona um sich und machten sie zum Mittelpunkt ihrer Missionstätigkeit. Unter diesen Evangelisten befand sich ein Beobachter des biblischen Sabbats, und so wurde diese Wahrheit unter dem Volk eingeführt. Auf lona wurde eine Schule errichtet, von wo aus Evangelisten nicht nur nach Schottland und England, sondern auch nach Deutschland, der Schweiz und sogar nach Italien ausgingen.
Aber Rom hatte seine Augen auf Britannien gerichtet und war entschlossen, es unter seine Oberherrschaft zu bringen. Im sechsten Jahrhundert unternahmen seine Sendboten die Bekehrung der heidnischen Sachsen. Sie wurden von den stolzen Barbaren günstig aufgenommen und brachten viele Tausende dahin, sich zum römischen Glauben zu bekennen. Beim Fortschritt des Werkes trafen die päpstlichen Führer und ihre Bekehrten mit den Urchristen zusammen, die einfach, bescheiden und biblisch in Charakter, Lehre und Lebensart waren. Die römischen Abgesandten verlangten, daß diese Christengemeinden die Oberherrschaft des Papstes anerkennen sollten. Die Briten erwiderten sanftmütig, daß sie alle Menschen zu lieben wünschten, daß jedoch der Papst nicht zur Oberherrschaft in der Kirche berechtigt sei und sie ihm nur jene Unterständigkeit erweisen könnten, die jedem Nachfolger Christi gebühre. Wiederholte Versuche wurden gemacht, um ihre Untertanentreue gegen Rom zu sichern; aber diese demütigen Christen, erstaunt über den von seinen Sendlingen entfalteten Stolz, erwiderten standhaft, daß sie keinen andern Herrn als Christum kannten. Nun offenbarte sich der wahre Geist des Papsttums. Der römische Führer sagte: „Wenn ihr die Bruderhand, die euch den Frieden bringen will, nicht annehmen mögt, so sollt ihr Feinde bekommen, die euch den Krieg bringen. Wenn ihr nicht mit uns den Sachsen den Weg des Lebens verkündigen wollt, so sollt ihr von ihrer Hand den Todesstreich empfangen.“ (Beda, Hist. Eccl., II, Kap. 2, Oxford, 1896. d'Aubigne, Gesch. d. Ref., 17. Bhc., 2. Abschn. Neander Kirchengesch., 3. Par., 1. Abschn., S. 9. Gotha, 1856.) Dies waren keine leeren Drohungen. Diese treuen Zeugen für einen biblischen Glauben wurden verfolgt und vernichtet oder gezwungen, sich der Herrschaft des Papstes zu unterwerfen.
In Ländern außerhalb der Gerichtsbarkeit Roms bestanden während vieler Jahrhunderte Gemeinschaften von Christen, die sich beinahe frei von der päpstlichen Verderbnis hielten. Sie waren vom Heidentum umgeben und litten im Laufe der Jahre durch dessen Irrtümer; aber sie fuhren fort, die Bibel als alleinige Richtschnur des Glaubens zu betrachten und hielten manche Wahrheitspunkte fest. Sie glaubten an die ewige Gültigkeit des Gesetzes Gottes und beobachteten den Sabbat des vierten Gebotes. Derartige Gemeinden fanden sich in Afrika und unter den Armeniern in Asien.
Unter denen aber, welche sich den Eingriffen der päpstlichen Macht widersetzten, standen die Waldenser zuvorderst. Gerade in dem Lande, wo das Papsttum seinen Sitz aufgeschlagen hatte, wurde seiner Falschheit und seiner Verderbtheit der entschlossenste Widerstand geleistet. Jahrhundertelang hielten die Gemeinden in Piemont ihre Unabhängigkeit aufrecht, aber schließlich kam die Zeit, da Rom auf ihre Unterwerfung bestand. Nach erfolglosen Kämpfen gegen dessen Tyrannei anerkannten die Leiter dieser Gemeinden widerstrebend die Oberherrschaft der Macht, der sich die ganze Welt zu beugen schien. Eine Anzahl jedoch weigerte sich, der Autorität des Papstes oder der Prälaten nachzugeben und war entschlossen, Gott ihre Treue zu halten und die Reinheit und Einfachheit ihres Glaubens zu bewahren. Eine Trennung fand statt. Die, welche dem alten Glauben treu blieben, zogen sich nun zurück; einige verließen ihre heimatlichen Alpen und pflanzten das Banner der Wahrheit in fremden Landen auf; andere zogen sich in entlegene Bergschluchten und felsige Festen zurück und bewahrten daselbst ihre Freiheit, Gott zu verehren.
Der Glaube, welcher viele Jahrhunderte lang von den Waldensern bewahrt und gelehrt wurde, stand in einem scharfen Gegensatz zu den von Rom ausgehenden Lehrsätzen. Ihr Glaube hatte das geschriebene Wort Gottes, die Grundsätze des wahren Christentums zur Grundlage. Doch waren jene einfachen Landleute in ihren dunklen Zufluchtsorten, abgeschlossen von der Welt und an ihre täglichen Pflichten unter ihren Herden und in ihren Weingärten gebunden, nicht von selbst zu der Wahrheit gekommen, die im Widerspruch zu den Lehrsätzen und Irrlehren der gefallenen Kirche stand; ihr Glaube war nicht ein neu angenommener; ihre religiöse Überzeugung war ein Erbgut ihrer Väter. Sie kämpften für den Glauben der apostolischen Kirche, „der einmal den Heiligen übergeben ist.“ (Judas 3.) Die Gemeinden in der Wüste, und nicht die stolze Priesterherrschaft auf dem Thron der großen Welthauptstadt, war die wahre Gemeinde Christi, der Wächter der Schätze der Wahrheit, die Gott seinem Volk anvertraut hatte, um sie der Welt zu übermitteln.
Unter den Hauptursachen, welche zu der Trennung der wahren Gemeinde von Rom geführt hatten, war ihr Haß gegen den biblischen Sabbat. Wie von der Prophezeiung vorhergesagt, warf die päpstliche Macht die Wahrheit zu Boden. Das Gesetz Gottes wurde in den Staub getreten, während die Überlieferungen und Gebräuche der Menschen erhoben wurden. Die Kirchen, welche unter der Herrschaft des Papsttums standen, wurden schon früh gezwungen, den Sonntag als einen heiligen Tag zu ehren. Unter dem vorherrschenden Irrtum und Aberglauben wurden selbst von dem wahren Volke Gottes viele so verwirrt, daß sie den Sabbat feierten und gleichzeitig sich auch am Sonntag der Arbeit enthielten. Dies aber genügte den päpstlichen Führern nicht. Sie verlangten nicht nur, daß der Sonntag geheiligt, sondern auch, daß der Sabbat entheiligt werde, und sie verurteilten in den stärksten Ausdrücken alle, die es wagten, ihm Ehre zu erweisen. Nur wer der römischen Macht entronnen war, konnte dem Gesetze Gottes in Frieden gehorchen.
Die Waldenser gehörten mit zu den ersten Völkern Europas, die in den Besitz einer Übersetzung der Heiligen Schrift gelangten (siehe Anhang). Jahrhunderte vor der Reformation besaßen sie eine Abschrift der Bibel in ihrer Muttersprache; somit hatten sie die Wahrheit unverfälscht und wurden dadurch zu einem besonderen Gegenstand des Hasses und der Verfolgung. Sie erklärten die römische Kirche für das abtrünnige Babylon der Offenbarung und erhoben sich unter Gefahr ihres Lebens, um seinen Verführungen zu widerstehen. (Hahn, Gesch. d. Ketzer, Bd. 2, S. 80-86.) Unter dem Druck einer lang anhaltenden Verfolgung wurden etliche in ihrem Glauben schwankend und ließen nach und nach seine unterscheidenden Grundsätze fahren; andere hielten an der Wahrheit fest. In den finstern Zeiten des Abfalls fanden sich Waldenser, welche die Oberherrschaft Roms bestritten, die Bilderverehrung als Götzendienst verwarfen und den wahren Sabbat beobachteten. Unter den grimmigsten Stürmen des Widerstandes bewahrten sie ihren Glauben. Obwohl von den savoyischen Speeren durchbohrt und von den römischen Brandfackeln versengt, standen sie doch unentwegt ein für Gottes Wort und Ehre.
Hinter den hohen Bollwerken der Gebirge - zu allen Zeiten der Zufluchtsort für die Verfolgten und Unterdrückten - fanden die Waldenser ein Versteck. Hier wurde das Licht der Wahrheit während der Finsternis des Mittelalters leuchtend erhalten; hier bewahrten tausend Jahre lang Zeugen der Wahrheit den alten Glauben.
Gott hatte für sein Volk ein Heiligtum von feierlicher Erhabenheit vorgesehen, den gewaltigen Wahrheiten entsprechend, die ihm anvertraut worden waren. Jenen getreuen Verbannten waren die Berge ein Sinnbild der unwandelbaren Gerechtigkeit Jehovas. Sie wiesen ihre Kinder auf die Höhen hin, welche sich in unveränderlicher Majestät vor ihnen auftürmten und sprachen zu ihnen von dem Allmächtigen, bei dem keine Veränderung noch Wechsel ist, dessen Wort ebenso fest gegründet ist wie die ewigen Hügel. Gott hatte die Berge festgesetzt und sie mit Kraft gegürtet; kein Arm, außer dem der unendlichen Macht, konnte sie von ihrer Stelle bewegen. In gleicher Weise hatte er sein Gesetz, die Grundlage seiner Regierung im Himmel und auf Erden, aufgerichtet. Wohl konnte der Arm des Menschen seine Nebenmenschen erreichen und ihr Leben vernichten; aber er vermochte ebensowenig die Berge aus ihren Grundfesten zu reißen und sie ins Meer zu schleudern, wie eine Vorschrift des Gesetzes Jehovas zu verändern oder eine seiner Verheißungen auszutilgen, die denen gegeben sind, die seinen Willen tun. In ihrer Treue gegen Gottes Gesetz sollten seine Diener ebenso feststehen wie die unbeweglichen Berge.
Die Gebirge, welche ihre tiefen Täler umrahmten, waren beständige Zeugen von Gottes Schöpfungsmacht und eine untrügliche Versicherung seiner schützenden Sorgfalt. Jene Pilger gewannen die stillen Sinnbilder der Gegenwart Jehovas lieb. Sie gaben sich keiner Unzufriedenheit über die Härte ihres Loses hin, fühlten sich inmitten der Einsamkeit der Berge nie allein. Sie dankten Gott, daß er ihnen einen Zufluchtsort vor dem Zorn und der Grausamkeit der Menschen bereitet hatte. Sie freuten sich ihrer Freiheit, vor ihm anzubeten. Oft, wenn sie von ihren Feinden verfolgt wurden, erwies sich die Feste der Höhen als sicherer Schutz. Von manchem hohen Felsen sangen sie das Lob Gottes, und die Heere Roms konnten ihre Dankeslieder nicht zum Schweigen bringen.
Rein, einfältig und inbrünstig war die Frömmigkeit dieser Nachfolger Christi. Sie schätzten die Grundsätze der Wahrheit höher als Häuser, Güter, Freunde, Verwandte, ja selbst als das Leben. Diese Grundsätze versuchten sie ernstlich den Herzen der Jugend einzuprägen. Von frühester Kindheit an wurden die Kinder in der Heiligen Schrift unterwiesen und gelehrt, die Forderungen des Gesetzes Gottes heilig zu achten. Da es nur wenige Abschriften der Bibel gab, wurden ihre köstlichen Worte dem Gedächtnisse eingeprägt, und viele Waldenser wußten große Teile des Alten und des Neuen Testaments auswendig. Gedanken an Gott wurden sowohl mit den erhabenen Naturlandschaften als auch mit den bescheidenen Segnungen des täglichen Lebens verbunden. Kleine Kinder wurden dazu angehalten, dankbar zu Gott als dem Geber jeder Gunst und jeder Freude aufzublicken.
Eltern, so zärtlich und liebevoll sie auch waren, liebten ihre Kinder zu weislich, um sie an Selbstbefriedigung zu gewöhnen. Vor ihnen lag ein Leben voller, Prüfungen und Schwierigkeiten, vielleicht der Tod eines Märtyrers. Sie wurden von Kindheit an dazu erzogen, Schwierigkeiten zu ertragen, sich etwaigen Befehlen zu unterwerfen und doch für sich selbst zu denken und zu handeln. Schon früh wurden sie gelehrt, Verantwortlichkeiten zu tragen, auf der Hut zu sein im Reden und die Klugheit des Schweigens zu verstehen. Ein unbedachtes Wort, das in Gegenwart der Feinde fallen gelassen wurde, konnte nicht nur das Leben des Sprechenden, sondern auch dasjenige von Hunderten seiner Brüder gefährden; denn gleichwie Wölfe ihre Beute jagen, verfolgten die Feinde der Wahrheit die, welche es wagten, Glaubensfreiheit zu beanspruchen.
Die Waldenser hatten ihre weltliche Wohlfahrt der Wahrheit wegen geopfert und arbeiteten unermüdlich und mit beharrlicher Geduld für ihr tägliches Brot. Jeder Fleck bestellbaren Bodens in den Gebirgen wurde sorgfältig ausgenützt; die Täler und die wenigen fruchtbaren Abhänge wurden ergiebig gemacht. Sparsamkeit und strenge Selbstverleugnung bildeten einen Teil der Erziehung, welche die Kinder als einziges Vermächtnis erhielten. Sie wurden gelehrt, daß Gott das Leben zu einer Schule bestimmt habe und daß ihre Bedürfnisse nur durch persönliche Arbeit, durch Vorbedacht, Sorgfalt und Glauben gedeckt werden könnten. Wohl war das Verfahren mühsam und beschwerlich, aber es war heilsam und gerade das, was allen Menschen in ihrem gefallenen Zustand not tut; es war die Schule, welche Gott für ihre Erziehung und Entwicklung vorgesehen hatte. Während die Jugend an Mühsal und Ungemach gewöhnt wurde, vernachlässigte man nicht die Bildung des Verstandes. Man lehrte, daß alle Kräfte Gott gehören und daß alle für seinen Dienst vervollkommnet und entwickelt werden müssen.
Die Gemeinden der Waldenser glichen in ihrer Reinheit und Einfachheit der Gemeinde zu den Zeiten der Apostel. Indem sie die Oberherrschaft des Papstes und der Prälaten verwarfen, hielten sie die Bibel als die höchste und einzig unfehlbare Autorität. Ihre Prediger folgten dem Beispiel ihres Meisters, der nicht gekommen war, „daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene.“ Sie speisten die Herde Gottes, indem sie sie auf die grüne Aue und zu dem frischen Wasser seines heiligen Wortes führten. Weit abgelegen von den Denkmälern weltlicher Pracht und Ehre versammelte sich das Volk nicht in stattlichen Kirchen oder großartigen Kathedralen, sondern im Schatten der Gebirge, in den Alpentälern oder zuzeiten der Gefahr in dieser oder jener Felsenfeste, um den Worten der Wahrheit von den Lippen der Knechte Christi zu lauschen. Die Seelenhirten predigten nicht nur das Evangelium, sondern besuchten auch die Kranken, unterrichteten die Kinder, ermahnten die Irrenden und wirkten daraufhin, Streitigkeit zu schlichten und Eintracht und brüderliche Liebe zu fördern. Zur Zeit des Friedens wurden sie durch die freiwilligen Gaben des Volkes unterhalten; doch, gleich Paulus, dem Teppichmacher, erlernte ein jeglicher ein Handwerk oder einen Beruf, wodurch er im Notfalle für seinen eigenen Unterhalt sorgen konnte.
Die Seelenhirten unterrichteten die Jugend. Während die Zweige des allgemeinen Wissens nicht unbeachtet blieben, machte man die Bibel zum Hauptgegenstand des Studiums. Die Schüler lernten das Matthäus- und das Johannes-Evangelium nebst vielen der Briefe auswendig und befaßten sich mit dem Abschreiben der Heiligen Schrift. Etliche Handschriften enthielten die ganze Bibel, andere nur kurze Auszüge denen seitens Personen, welche imstande waren, die Bibel auszulegen, einige einfache Erklärungen des Textes beigefügt waren. Auf diese Weise wurden die Schätze der Wahrheit, die so lange von jenen, die sich über Gott erheben wollten, verborgen gehalten worden waren, zutage gefördert.
Durch geduldige, unermüdliche Arbeit, oft in den tiefen finsteren Höhlen der Erde bei Fackellicht, wurden die Heiligen Schriften Vers für Vers, Kapitel für Kapitel, abgeschrieben. So ging das Werk voran, indem der offenbarte Wille Gottes wie reines Gold hervor leuchtete; wieviel strahlender, klarer und mächtiger infolge der Prüfungen, die um seinetwillen erduldet wurden, konnten nur diejenigen erkennen, die sich an dem Werke beteiligten. Engel vom Himmel umgaben diese treuen Arbeiter.
Satan hatte die päpstlichen Priester und Prälaten angetrieben, das Wort der Wahrheit unter dem Schutt des Irrtums, der Ketzerei und des Aberglaubens zu begraben; aber in höchst wunderbarer Weise wurde es während allen Zeitaltern der Finsternis unverdorben bewahrt. Es trug nicht das Gepräge des Menschen, sondern den Stempel Gottes. Die Menschen sind unermüdlich gewesen in ihren Anstrengungen, die klare, einfache Bedeutung der Schrift zu verdunkeln und sie so hinzustellen, als ob sie sich selbst widerspreche; aber gleich der Arche auf den Wogen der Tiefe widersteht das Wort Gottes den Stürmen, welche ihm mit Vernichtung drohen. Wie die Mine reich an Gold- und Silberadern ist, die unter der Oberfläche verborgen liegen, so daß alle, welche ihre köstlichen Schätze entdecken wollen, danach graben müssen, so hat die Heilige Schrift Schätze der Wahrheit, die nur dem ernsten, demütigen, betenden Sucher offenbar werden. Gott beabsichtigte, daß die Bibel ein Lehrbuch für alle Menschen sowohl in der Kindheit als auch in der Jugendzeit und im Mannesalter sein und immer erforscht werden sollte. Er gab den Menschen sein Wort als eine Offenbarung seiner selbst. Mit jeder neuen, erkannten Wahrheit wird der Charakter ihres Urhebers deutlicher entfaltet. Das Studium der Heiligen Schrift ist das göttlich verordnete Mittel, die Menschen in engere Verbindung mit ihrem Schöpfer zu bringen und ihnen eine klarere Erkenntnis seines Willens zu geben. Es ist das Verkehrsmittel zwischen Gott und dem Menschen.
Während die Waldenser die Furcht des Herrn als der Weisheit Anfang erkannten, übersahen sie keineswegs die Wichtigkeit einer Berührung mit der Welt, einer Kenntnis der Menschen und des tätigen Lebens, um den Geist zu erweitern und den Verstand zu schärfen. Aus ihren Schulen in den Bergen wurden etliche Jünglinge nach Erziehungsanstalten in den Städten Frankreichs oder Italiens gesandt, wo sie ein ausgedehnteres Feld zum Studieren, Denken und Beobachten haben konnten als in ihren heimatlichen Alpen. Die auf diese Weise hinaus gesandten Jünglinge waren Versuchungen ausgesetzt; sie sahen Laster und begegneten Satans verschlagenen Werkzeugen, welche ihnen die verfänglichsten Irrlehren und die gefährlichsten Täuschungen aufzudrängen suchten. Aber ihre Erziehung von Kind auf war dazu angelegt, sie auf alle diese Gefahren vorzubereiten.
In den Schulen, wohin sie gingen, sollten sie niemand zum Vertrauten machen. Ihre Kleider waren besonders eingerichtet, um ihren größten Schatz - die kostbarsten Abschriften der Heiligen Schrift - darin zu verbergen. Diese, die Frucht Monate- und jahrelanger harter Arbeit, führten sie mit sich, und wann es ihnen, ohne Verdacht zu erregen, möglich war, legten sie behutsam einen Teil in den Weg solcher, deren Herzen empfänglich für die Wahrheit zu sein schienen. Von Mutterschoß an waren die waldensischen Jünglinge mit diesem Zweck im Auge erzogen worden; sie verstanden ihr Werk und vollführten es treulich. Viele wurden in diesen Lehranstalten zum wahren Glauben bekehrt, ja häufig durchdrangen dessen Grundsätze die ganze Schule, und doch konnten die päpstlichen Leiter bei sorgfältigster Nachforschung der sogenannten verderblichen Ketzerei nicht auf den Grund kommen.
Christi Geist ist ein Missionsgeist. Der allererste Drang des erneuerten Herzens geht darauf hinaus, andere zum Heiland zu bringen. Derart war auch der Geist der Waldenser. Sie fühlten, daß Gott mehr von ihnen verlangte, als nur die Wahrheit in ihrer Lauterkeit unter den eigenen Gemeinden zu erhalten, daß auf ihnen die feierliche Verantwortlichkeit ruhte, ihr Licht denen, die in der Finsternis waren, leuchten zu lassen, und durch die gewaltige Macht des Wortes Gottes suchten sie die Bande, welche Rom auferlegt hatte, zu brechen. Die Prediger der Waldenser wurden als Missionare ausgebildet, und jeder, der ins Predigtamt eintreten wollte, mußte sich vorerst eine Erfahrung als Evangelist sammeln - mußte drei Jahre lang in dem einen oder anderen Missionsfeld wirken, ehe er über eine Gemeinde in der Heimat eingesetzt wurde. Dieser Dienst, der von vornherein Selbstverleugnung und Opfer forderte, war eine passende Einleitung zu den Erfahrungen eines Seelenhirten in jenen Zeiten, welche die Menschenherzen auf die Probe stellten. Die Jünglinge, welche zum heiligen Amt eingesegnet wurden, hatten keineswegs irdische Reichtümer und Ehre in Aussicht, sondern sahen einem Leben von Mühsalen und Gefahren und möglicherweise dem Martertod entgegen. Die Sendboten gingen je zwei und zwei hinaus, wie Jesus seine Jünger aussandte. Mit jedem Jüngling ging gewöhnlich ein älterer und erfahrener Begleiter, der als Führer des jüngeren diente und für dessen Ausbildung er verantwortlich gehalten wurde und dessen Anweisungen jener Folge leisten mußte. Diese Mitarbeiter waren nicht immer beisammen, vereinigten sich aber oft zum Gebet und zur Beratung und stärkten sich auf diese Weise gegenseitig im Glauben.
Es würde sicherlich Niederlagen herbeigeführt haben, wenn diese Leute den Zweck ihrer Mission bekanntgegeben hätten; deshalb verbargen sie sorgfältig ihren wirklichen Stand. Jeder Prediger verstand irgendein Handwerk oder Gewerbe, und diese Glaubensboten führten ihr Werk unter dem Gewand eines weltlichen Berufes, gewöhnlich eines Verkäufers oder Hausierers aus. „Sie boten Seide, Schmucksachen und andere Gegenstände, die zu jener Zeit nur aus weit entfernten Handelsplätzen zu beziehen waren, zum Verkauf an und wurden dort als Handelsleute willkommen geheißen, wo sie als Missionare zurückgewiesen worden wären.“ (Wylie, Geschichte des Protestantismus, 1. Buch, 7. Kap.) Während der Zeit erhoben sie ihre Herzen zu Gott um Weisheit, einen Schatz, der köstlicher als Gold und Edelsteine war, vorführen zu können. Sie trugen Abschriften der Bibel, ganz oder teilweise, verborgen bei sich, und wenn sich eine Gelegenheit dazu bot, lenkten sie die Aufmerksamkeit ihrer Kunden auf diese Handschriften. Oft wurde auf diese Weise ein Verlangen, Gottes Wort zu lesen, wachgerufen, und ein Teil solchen mit Freuden überlassen, die es annehmen wollten.
Das Werk dieser Sendboten begann in den Ebenen und Tälern am Fuße ihrer eigenen Berge, erstreckte sich jedoch weit über diese Grenzen hinaus. Barfuß, in groben, von der Reise beschmutzten Gewändern, wie die ihres Herrn, zogen sie durch große Städte und drangen vorwärts bis nach entlegenen Ländern. Überall streuten sie den köstlichen Samen aus. Gemeinden erhoben sich auf ihrem Wege, und das Blut von Märtyrern zeugte für die Wahrheit. Der Tag Gottes wird eine reiche Ernte von Seelen offenbaren, die durch die Arbeit dieser getreuen Männer eingeheimst wurden. Heimlich und schweigend bahnte sich Gottes Wort seinen Weg durch die Christenheit und fand in den Wohnungen und Herzen vieler Menschen ein freundliches Willkommen.
Den Waldensern war die Heilige Schrift nicht nur ein Bericht von Gottes Verfahren mit den Menschen in der Vergangenheit und eine Offenbarung der Verantwortlichkeiten und Pflichten in der Gegenwart, sondern auch eine Enthüllung der Gefahren und Herrlichkeiten der Zukunft. Sie glaubten, daß das Ende aller Dinge nicht weit entfernt sei; und indem sie die Bibel unter Gebet und Tränen erforschten, machten ihre köstlichen Aussprüche einen um so tieferen Eindruck, und sie erkannten deutlicher ihre Pflicht, anderen die darin enthaltenen selig machenden Wahrheiten mitzuteilen. Durch das heilige Buch wurde ihnen der Erlösungsplan klar offenbart, und sie fanden Trost, Hoffnung und Frieden im Glauben an Jesum. Je mehr das Licht ihr Verständnis erleuchtete und ihre Herzen fröhlich machte, desto mehr sehnten sie sich danach, seine Strahlen auch auf diejenigen zu lenken, welche noch in der Finsternis des päpstlichen Irrtums befangen waren.
Sie sahen, daß viele Menschen sich umsonst bestrebten, durch das Peinigen ihrer Leiber Vergebung ihrer Sünden zu empfangen. Gelehrt, ihre Seligkeit durch gute Werke zu verdienen, waren sie beständig mit sich selbst beschäftigt, ihre Gedanken verweilten bei ihrem sündigen Zustand, sie sahen sich dem Zorn Gottes ausgesetzt, kasteiten Seele und Leib und fanden doch keine Erleichterung. So wurden gewissenhafte Seelen durch die Lehren Roms gebunden. Tausende verließen Freunde und Verwandte und brachten ihr Leben in Klosterzellen zu. Durch oft wiederholtes Fasten und grausame Geißelungen, durch nächtliche Andachten und stundenlanges Knien auf den kalten, feuchten Steinen ihrer armseligen Behausungen, durch lange Pilgerfahrten, erniedrigende Bußübungen und furchtbare Qualen versuchten Tausende vergebens den Frieden des Gewissens zu erlangen. Niedergebeugt von dem Bewußtsein der Sünde und beunruhigt von der Furcht vor dem rächenden Zorn Gottes litten viele so lange, bis die erschöpfte Natur vollständig unterlag, und ohne einen Strahl des Lichts oder der Hoffnung sanken sie ins Grab.
Diesen schmachtenden Seelen das Brot des Lebens zu brechen, ihnen die Botschaft des Friedens in den Verheißungen Gottes zu eröffnen und sie auf Christum als ihre einzige Hoffnung der Rettung hinzuweisen, war das Verlangen der Waldenser. Die Lehre, daß gute Werke für die Übertretungen des Gesetzes Gottes Genugtuung zu leisten vermögen, betrachteten sie als auf Irrtum begründet. Das Vertrauen auf menschlichen Verdienst versperrt dem Blick die unendliche Liebe Christi. Jesus starb als Opfer für die Menschen, weil die gefallene Menschheit nichts tun kann, um Gott zu gefallen. Die Verdienste eines gekreuzigten und auferstandenen Heilandes sind die Grundlage des christlichen Glaubens. Die Abhängigkeit der Seele von Christo ist nicht minder wirklich, und eine Vereinigung mit ihm durch den Glauben muß ebenso innig sein, wie die eines Gliedes mit dem Leibe oder einer Rebe mit dem Weinstock.
Die Lehren der Päpste und Priester hatten die Menschen verleitet, Gottes und selbst Christi Charakter für streng, finster und abstoßend zu halten. Der Heiland wurde dargestellt, als ob er des Mitleids mit den Menschen in ihrem gefallenen Zustand so sehr ermangele, daß die Vermittlung von Priestern und Heiligen angerufen werden müsse. Die Gläubigen, deren Verständnis durch das Wort Gottes erleuchtet war, verlangten danach, diese Seelen auf Jesum als ihren mitleidsvollen, liebenden Heiland hinzuweisen, der mit ausgestreckten Armen alle einlädt, mit ihren Sündenlasten, ihren Sorgen und Schwierigkeiten zu ihm zu kommen. Sie sehnten sich danach, die Hindernisse wegzuräumen, welche Satan aufgetürmt hatte, damit die Menschen die Verheißungen nicht sehen und nicht direkt zu Gott kommen möchten, um ihre Sünden zu bekennen und Vergebung und Frieden zu erlangen.
Eifrig entfaltete der waldensische Glaubensbote den forschenden Seelen die köstlichen Wahrheiten des Evangeliums und brachte vorsichtig die sorgfältig geschriebenen Teile der Heiligen Schrift hervor. Es war ihm die größte Freude, der gewissenhaften, von der Sünde überzeugten Seele, die nur einen Gott der Rache, der darauf wartet, seine Gerechtigkeit auszuüben, sehen konnte, Hoffnung einzuflößen. Mit bebenden Lippen und tränenden Augen, manchmal kniend, eröffnete er seinen Brüdern die köstlichen Verheißungen, welche des Sünders einzige Hoffnung offenbaren. Auf diese Weise durchdrang das Licht der Wahrheit manches verfinsterte Gemüt und vertrieb die dunkle Wolke, bis die Sonne der Gerechtigkeit mit ihren heilenden Strahlen in das Herz schien. Oft wurde ein Teil der Heiligen Schrift immer wieder gelesen, weil der Hörer es wünschte, als ob er sich vergewissern wolle, daß er recht gehört habe. Besonders wurde die Wiederholung von den Worten ernstlich gewünscht: „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ (l. Joh. 1, 7.) „Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 14. 15.)
Viele wurden bezüglich der Ansprüche Roms aufgeklärt. Sie erkannten, wie eitel die Vermittlung von Menschen oder Engeln zugunsten des Sünders ist. Als das Licht ihnen aufging, riefen sie mit Freuden aus: Christus ist mein Priester; sein Blut ist mein Opfer; sein Altar ist mein Beichtstuhl. Sie warfen sich völlig auf die Verdienste Jesu und wiederholten die Worte: „Ohne Glauben ist's unmöglich, Gott zu gefallen.“ Es ist „kein anderer Name den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden.“ (Hebr. 11, 6; Apg. 4, 12.)
Die Gewißheit einer Heilandsliebe schien einigen dieser armen, sturmbewegten Seelen zu viel, um es erfassen zu können. So groß war die verursachte Erleichterung, solch eine Flut von Licht wurde über sie ausgeschüttet, daß sie in den Himmel versetzt zu sein schienen. Ihre Hand ruhte vertrauensvoll in der Hand Christi, ihre Füße standen auf dem Felsen des Heils. Alle Todesfurcht war verbannt, ja sie begehrten Gefängnis und Scheiterhaufen, wenn sie dadurch den Namen ihres Erlösers verherrlichen konnten.
An geheimen Orten wurde das Wort Gottes hervor genommen und vorgelesen, zuweilen einer einzelnen Seele, manchmal einer kleinen Schar, welche sich nach Licht und Wahrheit sehnte. Oft wurde die ganze Nacht auf diese Weise zugebracht. So groß war das Erstaunen und die Bewunderung der Zuhörer, daß der Evangeliumsbote sich nicht selten gezwungen sah, mit dem Lesen inne zuhalten, bis das Verständnis die frohe Botschaft des Heils erfassen konnte. Oft wurden ähnliche Worte wie diese laut: Wird Gott wirklich mein Opfer annehmen? Wird er gnädig auf mich herab schauen? Wird er mir vergeben? Die Antwort wurde gelesen:„ Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28.)
Der Glaube erfaßte die Verheißung, und als freudige Erwiderung hörte man: Keine langen Pilgerfahrten mehr; keine beschwerlichen Reisen nach heiligen Reliquienschreinen mehr. Ich kann zu Jesu kommen, so wie ich bin, sündhaft und unheilig, und er wird das bußfertige Gebet nicht verachten. „Deine Sünden sind dir vergeben“; auch meine, sogar meine, können vergeben werden!
Eine Flut heiliger Freude erfüllte das Herz, und der Name Jesus wurde durch Lobgesänge und Danksagungen verherrlicht. Jene glücklichen Seelen kehrten nach ihren Wohnungen zurück, um Licht zu verbreiten und andern so gut sie konnten, ihre neue Erfahrung zu wiederholen, daß sie den wahren und lebendigen Weg gefunden hätten. Es lag eine seltsame und feierliche Macht in den Worten der Heiligen Schrift, die jenen, die sich nach der Wahrheit sehnten, unmittelbar zu Herzen ging. Es war die Stimme Gottes, welche alle, die sie hörten, zur Überzeugung führte.
Der Bote der Wahrheit ging seinen Weg; aber sein demütiges Auftreten, seine Aufrichtigkeit, sein Ernst und seine tiefe Inbrunst waren Gegenstände häufiger Bemerkungen. In vielen Fällen hatten seine Zuhörer ihn nicht gefragt, woher er käme noch wohin er ginge. Sie waren erst so von Überraschung und nachher von Dankbarkeit und Freude überwältigt gewesen, daß sie nicht daran gedacht hatten, Fragen an ihn zu richten. Hätten sie ihn gebeten, nach ihren Wohnungen zu kommen, so hätte er erwidert, daß er die verlorenen Schafe der Herde besuchen müsse. Konnte er ein Engel vom Himmel gewesen sein? fragten sie sich.
In vielen Fällen sahen sie den Wahrheitsboten nie wieder. Er war vielleicht in andere Länder gegangen oder verbrachte sein Leben in irgendeinem unbekannten Gefängnis, oder seine Gebeine bleichten wohl gar an der Stelle, wo er für die Wahrheit gezeugt hatte. Die Worte aber, die er zurückgelassen hatte, konnten nicht vernichtet werden; sie führten ihr Werk in Menschenherzen aus, und ihre gesegneten Folgen werden erst im Gericht völlig erkannt.
Die waldensischen Sendboten drangen in das Gebiet Satans ein und regten dadurch die Mächte der Finsternis zu größerer Wachsamkeit an. Jede Anstrengung, die Sache der Wahrheit zu fördern, wurde von dem Fürsten der Bosheit überwacht, und er erregte die Furcht seiner Werkzeuge. Die Führer der Kirche sahen aus dem Wirken dieser bescheidenen Wanderer ein Anzeichen der Gefahr für ihre Sache erwachsen. Falls sie das Licht der Wahrheit ungehindert scheinen ließen, würde es die schweren Wolken des Irrtums, welche das Volk einhüllten, hinwegfegen, die Gemüter der Menschen auf Gott allein lenken und am Ende die Herrschaft Roms zugrunde richten.
Schon allein das Vorhandensein dieser Leute, welche den Glauben der alten Gemeinde aufrechterhielten, war ein beständiges Zeugnis für Roms Abfall und erregte deshalb bittersten Haß und Verfolgung. Ihre Weigerung, die Heilige Schrift herauszugeben, war ebenfalls eine Beleidigung, die Rom nicht ertragen konnte. Es beschloß deshalb, sie von der Erde zu vertilgen. Jetzt begannen die schrecklichsten Kreuzzüge gegen Gottes Volk in seinen Gebirgswohnungen. Inquisitoren spürten ihm nach, und oft wiederholte sich ein Vorfall wie damals, als der unschuldige Abel durch den mörderischen Kain fiel.
Wiederholt wurden ihre fruchtbaren Äcker wüste gelegt, ihre Wohnungen und Kapellen der Erde gleich gemacht, so daß dort, wo einst blühende Felder und die Wohnungen eines harmlosen, arbeitsamen Volkes waren, nur eine Wüste übrig blieb. Viele dieser Zeugen für einen reinen Glauben wurden über die Berge hin verfolgt und in den Tälern aufgejagt, wo sie, eingeschlossen von mächtigen Wäldern und Felsspitzen, verborgen waren.
Keine Belastung konnte gegen den sittlichen Charakter dieser geächteten Menschenklasse aufgebracht werden. Sogar ihre Feinde erklärten, daß sie ein friedfertiges, ruhiges und frommes Volk seien. Ihre große Missetat bestand darin, daß sie Gott nicht nach dem Willen des Papstes anbeten wollten. Um dieses Verbrechens willen wurde jegliche Demütigung, Beleidigung und Marter, welche Menschen und Teufel ersinnen konnten, auf sie gehäuft.
Als Rom einst beschloß, diese verhaßte Sekte auszurotten, wurden Bullen erlassen, welche ihre Anhänger als Ketzer verdammten und sie der Niedermetzelung preisgaben. (Siehe Anhang.) Sie wurden nicht als Müßiggänger, Unredliche oder Ausschweifende angeklagt, sondern es wurde erklärt, daß sie einen Schein von Frömmigkeit und Heiligkeit bewahrten, wodurch die Schafe der wahren Herde verführt würden. Deshalb wurde verordnet, diese heimtückische und abscheuliche Sekte von Bösewichtern, falls sie sich weigerte abzuschwören, gleich giftigen Schlangen zu zermalmen. (Wylie, 16. Buch, 1. Kap. Siehe auch Bender, Geschichte der Waldenser, S. 81. 125, Ulm, 1850, Hahn, Gesch. d. W., S. 744 f.) Erwarteten die Machthaber diese Worte wieder anzutreffen? Wußten sie, daß sie in den Büchern des Himmels aufgezeichnet wurden, um ihnen im Gericht vorgehalten zu werden? Jesus sagte: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matth. 25, 40.)
Eine Bulle forderte alle Glieder der Kirche auf, sich dem Kreuzzug gegen die Ketzer anzuschließen. Als Aufmunterung zu diesem grausamen Werk sprach sie sie von allen Kirchenbußen und Strafen, allgemeinen und persönlichen, frei, entband alle, welche den Kreuzzug mitmachten, von irgendwelchen Eiden, die sie geleistet haben mochten, machte ihre etwaigen unrechtmäßigen Ansprüche auf irgendein Besitztum rechtsgültig und verhieß jedem, der einen Ketzer tötete, Erlaß aller Sünden. Sie erklärte alle zugunsten der Waldenser geschlossenen Verträge für nichtig, befahl den Dienstboten, ihren Dienst bei den Waldensern aufzugeben, verbot allen, jenen irgendwelche Hilfe zu gewähren und ermächtigte jedermann, von ihrem Eigentum Besitz zu nehmen. Dies Schriftstück offenbarte deutlich den Herrschergeist, der diese Auftritte leitete; das Gebrüll des Drachen und nicht die Stimme Christi ließ sich darin vernehmen.
Die päpstlichen Anführer wollten ihren Charakter nicht mit dem großen Maßstab des Gesetzes Gottes in Übereinstimmung bringen, sondern stellten einen Maßstab auf, der ihnen paßte und beschlossen, alle zu zwingen, sich nach diesem zu richten, weil Rom es so haben wollte. Die schrecklichsten Trauerspiele wurden aufgeführt. Verkommene und gotteslästerliche Priester und Päpste taten das Werk, welches Satan ihnen zugewiesen hatte. Erbarmen hatte keinen Raum in ihren Herzen. Derselbe Geist, welcher Christum kreuzigte und die Apostel erschlug, derselbe, der den blutdürstigen Nero gegen die Getreuen in seinen Tagen antrieb, arbeitete daran, die Erde von denen zu befreien, welche von Gott geliebt waren.
Die Verfolgungen, von denen diese gottesfürchtigen Menschen viele Jahrhunderte lang heimgesucht wurden, wurden mit einer Geduld und einer Ausdauer ertragen, welche ihren Erlöser ehrte. Ungeachtet der gegen sie unternommenen Kreuzzüge, ungeachtet der unmenschlichen Schlächterei, der sie unterworfen waren, fuhren sie fort, ihre Sendboten auszuschicken, um die köstliche Wahrheit zu verbreiten. Sie wurden zu Tode gejagt; doch ihr Blut bewässerte den gesäten Samen, und dieser ermangelte nicht, Frucht zu bringen. So zeugten die Waldenser für Gott schon Hunderte von Jahren vor der Geburt Luthers. Über viele Länder verstreut, pflanzten sie den Samen der Reformation, welche zur Zeit Wiklifs begann, weit und breit in den Tagen Luthers um sich griff und bis zum Ende der Zeit fortgeführt werden soll von denen, welche ebenfalls willig sind, alles zu leiden „um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi.“ (Offb. 1, 9.)
KAPITEL 5
DES ERSTEN REFORMATORS
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KAPITEL 6
HUS UND HIERONYMUS
Das Evangelium war schon im neunten Jahrhundert nach Böhmen gebracht worden. Die Bibel wurde übersetzt und der öffentliche Gottesdienst in der Sprache des Volkes gehalten. So wie aber die Macht des Papsttums zunahm, wurde auch das Wort Gottes verdunkelt. Gregor VII, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Stolz der Fürsten zu demütigen, war nicht weniger darauf bedacht, das Volk zu knechten, und demgemäß wurde eine Bulle erlassen, welche den öffentlichen Gottesdienst in böhmischer Sprache untersagte. Der Papst erklärte, daß es dem Allmächtigen angenehm sei, daß seine Anbetung in einer unbekannten Sprache geschehe und daß viele Übel und Irrlehren aus der Nichtbeachtung dieser Regel hervorgegangen seien. (Comenius, Persec, Eccl. Bohem., S. 16. Siehe auch Wylie, 3. Buch, 1. Kap.) Auf diese Weise verordnete Rom, daß das Licht des Wortes Gottes ausgelöscht und das Volk in Finsternis verschlossen werde. Aber der Himmel hatte andere Werkzeuge zur Erhaltung der Gemeinde vorgesehen. Viele Waldenser und Albigenser, die durch die Verfolgung aus ihren Wohnungen in Frankreich und Italien vertrieben worden waren, kamen nach Böhmen. Wenn sie es auch nicht wagten, öffentlich zu lehren, so arbeiteten sie doch eifrig im geheimen, und so wurde der wahre Glaube von Jahrhundert zu Jahrhundert bewahrt.
Schon vor Hus’ Zeiten standen Männer in Böhmen auf und verurteilten öffentlich die Verderbnis der Kirche und die Laster des Volkes. Ihr Wirken erregte großes Interesse. Die Befürchtungen der Priester wurden erweckt, und man fing an, die Jünger des Evangeliums zu verfolgen. Dadurch gezwungen, ihren Gottesdienst in den Wäldern und Bergen zu halten, wurden sie von Soldaten verfolgt und viele umgebracht. Später wurde beschlossen, daß alle, welche die römischen Gottesdienste verließen, verbrannt werden sollten. Während aber die Christen ihr Leben dahin gaben, richteten sie ihre Blicke auf den Sieg ihrer Sache. Einer von denen, welche lehrten, daß das Heil nur durch den Glauben an den gekreuzigten Heiland zu finden sei, erklärte sterbend: jetzt hat die Wut der Feinde die Oberhand über uns, aber es wird nicht für immer sein; es wird sich einer aus dem gemeinen Volke erheben, ohne Schwert oder Autorität, gegen den sie nichts vermögen werden.“ (Comenius, S. 20. Siehe auch Wylie, 3. Buch, 3. Kap.) Luthers Zeit war noch weit entfernt; aber schon trat einer auf, dessen Zeugnis gegen Rom die Völker bewegen sollte.
Johannes Hus war von geringer Herkunft und wurde durch den Tod seines Vaters frühzeitig eine Waise. Seine fromme Mutter, welche eine Erziehung in der Furcht Gottes als das wertvollste Besitztum erachtete, suchte ihrem Sohn dieses Erbgut zu verschaffen. Hus besuchte erst die Kreisschule und begab sich dann auf die Universität zu Prag, wo ihm eine Freistelle erteilt worden war. Seine Mutter begleitete ihn auf der Reise; arm und verwitwet, hatte sie keine weltliche Habe ihrem Sohne mitzugeben; doch als sie sich der großen Stadt näherten, kniete sie mit dem vaterlosen Jüngling nieder und erflehte für ihn den Segen ihres himmlischen Vaters. Wie wenig ahnte wohl diese Mutter, auf welche Weise ihr Gebet erhört werden sollte!
Auf der Universität zeichnete Hus sich bald durch seinen unermüdlichen Fleiß und seine raschen Fortschritte aus, während sein tadelloser Wandel und sein freundliches, liebenswürdiges Betragen ihm allgemeine Achtung erwarben. Er war ein aufrichtiger Anhänger der römischen Kirche, und ihn verlangte ernstlich nach dem von ihr versprochenen Segen. Bei Anlaß einer Jubiläumsfeier ging er zur Beichte, bezahlte die letzten wenigen Geldstücke, welche er besaß, und schloß sich der Prozession an, auf daß er der verheißenen Absolution teilhaftig werde. Nachdem er seine Studien vollendet hatte, trat er in den Priesterstand, wo er rasch den Vorrang gewann und bald an den königlichen Hof gezogen wurde. Auch wurde er zum Professor und später zum Rektor der Universität ernannt, wo er ausgebildet worden war. In wenigen Jahren war der bescheidene Freischüler der Stolz seines Vaterlandes geworden, und sein Name wurde über ganz Europa hin berühmt.
Auf einem andern Gebiet jedoch begann Hus das Werk der Reformation. Einige Jahre nachdem er die Priesterweihe empfangen hatte, wurde er zum Prediger an der Bethlehemskapelle ernannt. Der Gründer dieser Kapelle hatte als eine Sache von großer Bedeutung das Predigen der Heiligen Schrift in der Landessprache vertreten. Trotzdem Rom diesem Gebrauch widerstand, war er doch in Böhmen nicht völlig eingestellt worden. Dennoch war die Bibel sehr wenig bekannt, und die schlimmsten Laster herrschten unter den Leuten aller Klassen. Gegen diese Übelstände trat Hus schonungslos auf, indem er sich auf das Wort Gottes berief, um die Grundsätze der Wahrheit und Reinheit einzuschärfen, welche er lehrte.
Ein Bürger von Prag, Hieronymus, der nachher so innig mit Hus verbunden wurde, hatte bei seiner Rückkehr von England Wiklifs Schriften mitgebracht. Die Königin von England, die sich zu Wiklifs Lehren bekehrt hatte, war eine böhmische Prinzessin, und durch ihren Einfluß wurden die Schriften des Reformators auch in ihrem Heimatland weit verbreitet. Diese Werke las Hus mit Begierde; er hielt den Verfasser für einen aufrichtigen Christen und war geneigt, die Reform, welche dieser vertrat, günstig anzusehen. Schon hatte Hus, ohne es zu wissen, einen Pfad betreten, der ihn weit von Rom wegführen sollte.
Ungefähr um diese Zeit kamen in Prag zwei Freunde aus England an, Gelehrte, die das Licht empfangen hatten und in diesem entlegenen Lande verbreiten wollten. Da sie mit einem offenen Angriff auf die Oberherrschaft des Papstes begannen, wurden sie von den Behörden bald zum Schweigen gebracht; weil sie aber nicht willens waren, ihre Absicht aufzugeben, nahmen sie Zuflucht zu anderen Maßregeln. Da sie sowohl Künstler als Prediger waren, versuchten sie es mit ihrer Geschicklichkeit. An einem dem Volke zugängigen Ort zeichneten sie zwei Bilder; eines stellte Jesum bei seinem Einzug in Jerusalem dar, „sanftmütig und reitend auf einem Esel,“ (Matth. 21, 5) gefolgt von seinen Jüngern, barfuß und mit von der Reise abgetragenen Kleidern. Das andere Bild zeigte eine päpstliche Prozession - den Papst, angetan mit seinen reichen Gewändern und der dreifachen Krone, auf einem prächtig geschmückten Pferde sitzend; vor ihm her gingen Trompeter und hinter ihm folgten die Kardinäle und Prälaten in blendender Pracht.
Hier war eine Predigt, welche die Aufmerksamkeit aller Klassen auf sich zog. Ganze Scharen kamen herbei, um die Zeichnungen anzustaunen. Niemand konnte verfehlen, die darin enthaltene Lehre herauszulesen, und auf viele machte der große Unterschied zwischen der Sanftmut und Demut Christi, des Meisters, und dem Stolz und der Anmaßung des Papstes, seines vorgeblichen Dieners, einen tiefen Eindruck. Es entstand eine große Aufregung in Prag, und nach einer Weile erachteten es die Fremdlinge für ihre eigene Sicherheit am besten, weiterzugehen. Die Lehre aber, welche sie gelehrt hatten, wurde nicht vergessen. Die Gemälde trafen Hus tief und veranlaßten ihn zu einem eingehenderen Erforschen der Bibel und der Schriften Wiklifs. Obwohl er auch jetzt noch nicht vorbereitet war, alle von Wiklif befürworteten Reformen anzunehmen, sah er doch deutlicher den wahren Charakter des Papsttums und verurteilte mit größerem Eifer den Stolz, die Anmaßung und die Verderbtheit der Priesterherrschaft.
Von Böhmen verbreitete sich das Licht nach Deutschland; denn die Unruhen an der Universität zu Prag bewirkten, daß Hunderte von deutschen Studenten sich dort verabschiedeten. Viele von ihnen hatten von Hus die erste Kenntnis der Bibel erhalten und breiteten bei ihrer Rückkehr das Evangelium in ihrem Vaterland aus.
Die Kunde von diesem Werk in Prag kam nach Rom, und bald wurde Hus aufgefordert, vor dem Papst zu erscheinen. Gehorchen hätte hier geheißen, sich dem sicheren Tode aussetzen, deshalb verfaßten der König und die Königin von Böhmen, die Universität, Glieder des Adels und etliche Regierungsbeamte eine Bittschrift an den Papst, es Hus gestatten zu wollen, in Prag zu bleiben und den Ruf nach Rom durch eine Gesandtschaft zu erwidern. (Palacky, Gesch. Böhmens, Bd. 3, Buch 6, S. 257 f.) Anstatt diese Bitte zu gewähren, nahm der Papst die Untersuchung selbst in die Hand, verurteilte Hus und tat alsdann die Stadt Prag in den Bann.
Zu jener Zeit rief dies Urteil, wo es auch ausgesprochen wurde, große Bestürzung hervor. Die begleitenden Zeremonien waren wohl geeignet, das Volk mit Schrecken zu erfüllen, welches den Papst als den Stellvertreter Gottes ansah, der die Schlüssel des Himmels und der Hölle und Macht besäße, zeitliche sowie geistliche Strafgerichte herab zu beschwören. Man glaubte, daß die Tore des Himmels für die in den Bann getanen Gegenden verschlossen seien, und daß die Toten von den Wohnungen der Glückseligkeit ausgeschlossen wären, bis es dem Papst gefalle, den Bann aufzuheben. Zum Zeichen dieses schrecklichen Übelstandes wurden alle Gottesdienste unterlassen, die Kirchen nicht geöffnet, die Hochzeiten auf den Kirchhöfen vollzogen und die Toten, da ihnen die Bestattung in geweihtem Boden versagt war, ohne die übliche Begräbnisfeier in Gräben oder Feldern zur Ruhe gelegt. Auf diese Weise suchte Rom durch Maßnahmen, welche auf die Einbildung einwirkten, die Gewissen der Menschen zu beherrschen.
Die Stadt Prag wurde mit Aufruhr erfüllt. Ein großer Teil klagte Hus als die Ursache alles Unglücks an und verlangte, daß er der Rache Roms übergeben werde. Um den Sturm zu beruhigen, zog der Reformator sich eine Zeitlang in sein heimatliches Dorf zurück. In seinem schriftlichen Verkehr mit den Freunden zu Prag sagte er: „Wisset also, daß ich, durch diese Ermahnung Christi und sein Beispiel geleitet, mich zurückgezogen habe, um nicht den Bösen Gelegenheit zur ewigen Verdammnis und den Guten zur Bedrückung und Betrübnis Ursache zu werden; und dann auch, damit nicht die gottlosen Priester die Predigt des göttlichen Worts ganz verhindern sollten. Ich bin also nicht deshalb gewichen, damit durch mich die göttliche Wahrheit verleugnet würde, für welche ich mit Gottes Beistand zu sterben hoffe.“ (Neander, Kirchengesch., 6. Per., 2. Abschn., 2. Teil, 47. Par., Gotha, 1856. Siehe auch Bonnechose, Reformateurs avant la reforme, 1. Buch. S. 94. 95; Paris 1845.)
Hus hörte nicht auf in seinem Wirken, sondern bereiste die umliegende Gegend und predigte der begierigen Menge. Auf diese Weise wurden die Maßregeln, zu denen der Papst seine Zuflucht nahm, um das Evangelium zu unterdrücken, zur Ursache einer weiteren Ausbreitung. „Denn wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.“ (2. Kor. 13, 8.)
„Hus muß in dieser Zeit seiner Laufbahn einen schmerzlichen Kampf durchgemacht haben. Obgleich die Kirche ihn mit ihren Donnerkeilen zu überwältigen suchte, hatte er sich nicht von ihrer Autorität losgesagt. Die römische Kirche war für ihn immer noch die Braut Christi, und der Papst Gottes Stellvertreter und Statthalter. Hus kämpfte gegen den Mißbrauch der Autorität und nicht gegen den Grundsatz selbst. Dadurch entstand ein fürchterlicher Kampf zwischen den Überzeugungen seiner Vernunft und den Forderungen seines Gewissens. War die Autorität gerecht und unfehlbar, wie er doch glaubte, wie kam es, daß er sich gezwungen fühlte, ihr ungehorsam zu sein? Zu gehorchen war für ihn sündigen; aber warum sollte der Gehorsam gegen eine unfehlbare Kirche zu solchen Folgen führen? Dies war eine Frage, die er nicht beantworten konnte; es war der Zweifel, der ihn von Stunde zu Stunde quälte. Die größte Annäherung zu einer Lösung, die er zu machen vermochte, war, daß es wiederum war wie einst zuvor, in den Tagen des Heilands, daß die Priester der Kirche gottlos geworden waren und sich ihrer rechtmäßigen Autorität zu unrechtmäßigen Zwecken bedienten. Dies veranlaßte ihn, sich selbst den Grundsatz zur Richtschnur zu machen und ihn andern als den ihrigen einzuschärfen, daß die Lehren der Heiligen Schrift durch das Verständnis unser Gewissen beherrschen sollen; in anderen Worten, daß Gott, der in der Bibel spricht und nicht in der Kirche, die durch die Priester redet, der ein unfehlbarer Führer sei.“ (Wylie, Gesch. d. Protest., 3. Buch, 2. Kap.)
Als die Aufregung in Prag sich nach einiger Zeit legte, kehrte Hus zu seiner Bethlehemskapelle zurück, um mit größerem Eifer und Mut die Predigt des Wortes Gottes fortzusetzen. Seine Feinde waren tätig und mächtig, aber die Königin und viele der Adligen waren seine Freunde, und viele unter dem Volk hielten sich zu ihm. Indem sie seine reinen und erhebenden Lehren und sein heiliges Leben mit den erniedrigenden Glaubenssätzen, welche die Römlinge predigten, und mit dem Geiz und der Schwelgerei, welche sie trieben, verglichen, hielten viele es für eine Ehre, auf seiner Seite zu stehen.
Bis dahin hatte Hus in seiner Arbeit allein gestanden, nun aber verband sich Hieronymus, der, während er in England war, die Lehren Wiklifs angenommen hatte, mit ihm in dem Werke der Reformation. Die beiden waren von da an in ihrem Leben vereinigt, und sollten im Tode auch nicht getrennt werden.
Hieronymus besaß glänzende Anlagen, große Beredsamkeit und Bildung - Gaben, welche die öffentliche Gunst fesseln - in hervorragender Weise; aber in den Eigenschaften, welche die wahre Charakterstärke ausmachen, war Hus der größere. Sein ruhiges Urteil diente dem ungestümen Geiste des Hieronymus als Zügel, und da er in christlicher Demut seinen Wert erkannte, fügte er sich seinen Ratschlägen. Unter ihrer vereinten Arbeit breitete die Reformation sich schneller aus.
Gott erleuchtete den Verstand dieser auserwählten Männer und offenbarte ihnen viele der Irrtümer Roms; doch sie empfingen nicht alles Licht, das der Welt gegeben werden sollte. Durch diese seine Diener führte Gott seine Kinder aus der Finsternis des Romanismus. Weil es jedoch viele und große Hindernisse zu überwinden gab, führte er sie Schritt für Schritt, wie sie es ertragen konnten. Sie waren nicht vorbereitet, alles Licht auf einmal zu empfangen. Wie der volle Glanz der Mittagssonne diejenigen, welche lange in der Finsternis waren, blendet, so würden sie sich von diesem Licht, falls es voll und ganz auf sie gestrahlt hätte, abgewandt haben. Deshalb offenbarte Gott es den Führern nach und nach, wie das Volk es ertragen konnte. Von Jahrhundert zu Jahrhundert sollten andere treue Arbeiter folgen, um das Volk auf dem Pfad der Reformation immer weiter zu führen.
Die Spaltung in der Kirche dauerte noch immer fort. Drei Päpste stritten sich nun um die Oberherrschaft, und ihre Kämpfe füllten die Christenheit mit Verbrechen und Aufregung. Nicht zufrieden damit, ihre Bannstrahlen zu schleudern, griffen sie auch zu weltlichen Waffen. Jeder trachtete danach, Waffen zu kaufen und Söldner zu werben. Natürlich mußte Geld herbeigeschafft werden, und um dieses zu erlangen, wurden alle Gaben, Ämter und Segnungen der Kirche zum Verkauf angeboten. (Siehe Anhang.) Desgleichen nahmen die Priester, dem Beispiel ihrer Vorgesetzten folgend, ihre Zuflucht zur Simonie und zum Krieg, um ihre Nebenbuhler zu demütigen und ihre eigene Macht zu verstärken. Mit täglich wachsender Kühnheit donnerte Hus gegen die Greuel, welche im Namen der Religion geduldet wurden; und das Volk klagte öffentlich die römischen Oberhäupter als die Ursache des Elends an, welches die Christenheit überflutete.
Wiederum schien die Stadt Prag am Rande eines blutigen Kampfes zu stehen. Wie in früheren Zeiten wurde der Diener Gottes angeklagt als der, „der Israel verwirrt.“ (l. Kön. 18, 17.) Die Stadt wurde abermals in den Bann getan, und Hus zog sich auf sein heimatliches Dorf zurück. Die Zeit, da er in seiner geliebten Bethlehemskapelle so treulich Zeugnis abgelegt hatte, war zu Ende; er sollte von einer größeren Bühne herab zu der ganzen Christenheit reden, ehe er sein Leben als Zeuge für die Wahrheit niederlegte.
Um die Übelstände, welche Europa zerrütteten, zu heilen, wurde ein allgemeines Konzil nach Konstanz einberufen. Dieses Konzil wurde „durch die beharrlichen Bemühungen“ Sigismunds von einem der drei Gegenpäpste, Johann XXIII., berufen. Diese Aufforderung kam dem Papst Johann unwillkommen, denn sein Charakter und seine Absichten konnten eine Untersuchung schlecht ertragen, sogar von solchen Prälaten, die in ihren Sitten ebenso locker waren wie die Geistlichkeit jener Zeit im allgemeinen war. Er wagte es jedoch nicht, sich dem Willen Sigismunds zu widersetzen. (Siehe Anhang.)
Die Hauptzwecke, die dies Konzil ins Auge faßte, waren, die Spaltung in der Kirche zu heilen und die Ketzerei auszurotten. Es wurden deshalb die beiden Gegenpäpste sowie der Hauptverbreiter der neuen Ansichten, Johannes Hus, aufgefordert, vor ihm zu erscheinen. Die ersteren erschienen aus Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit nicht persönlich, sondern durch ihre Gesandten. Papst Johann, obgleich dem Anschein nach der Einberufer des Konzils, kam unter vielen Besorgnissen, denn er vermutete, der Kaiser habe die heimliche Absicht, ihn abzusetzen, und er fürchtete, zur Rechenschaft gezogen zu werden für die Laster, welche die päpstliche Krone entwürdigt, sowie für die Verbrechen, welche ihm die Krone verschafft hatten. Doch hielt er seinen Einzug in Konstanz mit großem Gepränge, umgeben von Geistlichen höchsten Ranges und gefolgt von einem Zuge Höflingen. Der ganze Klerus und die Würdenträger der Stadt mit einer ungeheuren Menge von Bürgern kamen heraus, um ihn zu bewillkommnen. Vier der höchsten Beamten trugen über seinem Haupt einen goldenen Traghimmel; vor ihm her trug man die Hostie, und die reichen Gewänder der Kardinäle und des Adels gaben eine eindrucksvolle Prachtentfaltung.
Unterdessen näherte sich ein anderer Reisender Konstanz. Hus war sich der Gefahren bewußt, welche ihm drohten. Er schied von seinen Freunden, als ob er nie wieder mit ihnen zusammenkommen würde und machte sich auf den Weg mit dem Gefühl, daß er ihn zum Scheiterhaufen führen werde. Trotzdem er vom König von Böhmen ein Sicherheitsgeleit empfangen hatte, und obgleich ihm auf seiner Reise ein zweites vom Kaiser Sigismund zuging, traf er doch alle seine Vorkehrungen im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit seines Todes.
In einem an seine Freunde in Prag gerichteten Brief sagte er: „Ich hoffe auf Gott, meinen allmächtigen Heiland, daß er seiner Verheißung wegen und wegen eures heißen Gebets mir Weisheit verleihen wird und eine geschickte Zunge, so daß ich ihnen zu widerstehen vermögen werde. Er wird mir auch verleihen ein Gemüt, zu verachten die Versuchungen, den Kerker, den Tod; wie wir sehen, daß Christus selbst gelitten hat um seiner Auserwählten willen, indem er uns ein Beispiel gab, für ihn und unser Heil alles zu erdulden. Gewiß kann nicht umkommen, wer an ihn glaubt und in seiner Wahrheit verharrt.“ „Wenn mein Tod seinen Ruhm verherrlichen kann, so möge er ihn beschleunigen und mir die Gnade geben, alles Übel, welches es auch sei, guten Muts ertragen zu können. Wenn es aber für mein Heil besser ist, daß ich zu Euch zurückkehre, so wollen wir Gott darum bitten, daß ich ohne Unrecht vom Konzil wieder zu Euch komme; das heißt ohne Beeinträchtigung seiner Wahrheit, so daß wir dieselbe nachher reiner erkennen können, die Lehre des Antichrist vertilgen und unseren Brüdern ein gutes Beispiel zurücklassen.“ „Vielleicht werdet ihr mich in Prag nicht wiedersehen; wenn aber Gott nach seiner Gnade mich Euch wiederschenken will, so werden wir mit desto freudigerem Gemüt in dem Gesetz des Herrn fortschreiten.“ (Neander, Kirchengesch., 6. Per., 2. Abschn., 2. Teil, 49. Par., Gotha, 1856.)
In einem anderen Brief an einen Priester, der ein Jünger des Evangeliums geworden war, sprach Hus mit einer tiefen Demut von seinen Fehlern und klagte sich an, mit Genugtuung reiche Gewänder getragen und Stunden mit wertlosen Beschäftigungen vergeudet zu haben. Er fügte folgende rührende Ermahnung hinzu: „Möge die Herrlichkeit Gottes und das Heil von Seelen dein Gemüt in Anspruch nehmen und nicht der Besitz von Pfründen und Vermögen. Hüte dich, dein Haus mehr zu schmücken als deine Seele; und verwende deine größte Sorgfalt auf das geistliche Gebäude. Sei liebevoll und demütig den Armen gegenüber und verschwende deine Habe nicht durch Festgelage. Solltest du dein Leben nicht bessern und dich des Überflüssigen enthalten, so fürchte ich, wirst du hart gezüchtigt werden, wie ich selbst es bin ... Du kennst meine Lehre, denn du hast meine Unterweisungen von deiner Kindheit auf empfangen, deshalb ist es unnütz für mich, dir weiter zu schreiben. Aber ich beschwöre dich bei der Gnade unseres Herrn, mir nicht in irgendeiner der Eitelkeiten nachzuahmen, in welche du mich fallen sahest.'“ Auf dem Umschlage des Briefes fügte er bei: „Ich beschwöre dich, mein Freund, diese Siegel nicht zu erbrechen, bis du die Gewißheit erlangt hast, daß ich tot bin.“ (Bonnechose, 1. Buch, S. 163, 164.)
Auf seiner Reise sah Hus überall Anzeichen der Verbreitung seiner Lehren und der Zuneigung, die für seine Sache empfunden wurde. Das Volk scharte sich zusammen, um ihn zu begrüßen, und in einigen Städten begleitete ihn der Magistrat durch die Straßen.
Bei seiner Ankunft in Konstanz wurde Hus zuerst seine völlige Freiheit gelassen. Zum Sicherheitsgeleit des Kaisers fügte man noch eine Versicherung des päpstlichen Schutzes hinzu. Trotz diesen feierlichen und wiederholten Erklärungen wurde der Reformator bald auf Betreiben des Papstes und der Kardinäle verhaftet und in einem abscheulichen Verlies festgehalten. Später wurde er nach einer starken Burg (Burg Gottleben) jenseits des Rheins überführt und dort gefangengehalten. Dem Papst nützte aber seine Treulosigkeit keineswegs, denn er war bald darauf selbst ein Insasse desselben Gefängnisses. (Bonnechose, 1. Buch, S. 269.) Er wurde von dem Konzil der gemeinsten Verbrechen überführt - Mord, Simonie, Unkeuschheit und „anderer Sünden, die nicht passend sind, genannt zu werden“, wie das Konzil selbst erklärte. Die Tiara wurde ihm genommen und er ins Gefängnis geworfen. (Hefele, Konziliengesch., VII, 139-141.) Die Gegenpäpste wurden ebenfalls abgesetzt, und ein neuer Papst wurde gewählt.
Obwohl der Papst selbst größerer Verbrechen überführt worden war, als je Hus den Priestern zur Last gelegt und deren Abstellung er verlangt hatte, schritt doch dasselbe Konzil, welches den Papst absetzte, zur Vernichtung des Reformators. Hus' Gefangennahme erregte große Entrüstung in Böhmen. Mächtige Adlige protestierten gegen diese Schmach. (Höfler, Huss. Bewegung, S. 179 f.) Der Kaiser, welcher die Verletzung eines Sicherheitsgeleites ungern zugab, widersetzte sich dem Vorgehen gegen ihn. (Palacky, Geschichte Böhmens Bd. 3, Buch 6, S. 327 f.) Aber die Feinde des Reformators waren gehässig und entschlossen. Sie nutzten des Kaisers Vorurteile, seine Furchtsamkeit und seinen Eifer für die Kirche aus. Sie brachten weitläufige Beweise vor, um darzutun, daß „Ketzern und Leuten, die unter dem Verdachte der Ketzerei stünden, nicht Wort gehalten werden sollte, selbst wenn sie auch mit Sicherheitsgeleit vom Kaiser und von Königen versehen seien.“ (Lenfant, Historie du concile de Constance, 1. Bd., S. 516.) Auf diese Weise setzten sie ihren Willen durch.
Krankheit und Gefangenschaft schwächten Hus, die feuchte, verdorbene Luft seines Kerkers verursachte Fieber, welches sein Leben ernstlich bedrohte. Endlich wurde Hus vor das Konzil geführt. Mit Ketten beladen stand er vor dem Kaiser, der seine Ehre und sein Wort verpfändet hatte, ihn zu beschützen. (Siehe Anhang.) Während seines langen Verhörs vertrat er standhaft die Wahrheit und schilderte vor den versammelten Würdenträgern der Kirche und des Reiches feierlich und redlich die Verderbtheit der Priesterherrschaft. Als ihm die Wahl gelassen wurde zwischen dem Widerruf seiner Lehren oder dem Tod, zog er das Schicksal des Märtyrers vor.
Gottes Gnade unterstützte ihn. Während der Leidenswochen, die seiner schließlichen. Verurteilung vorausgingen, erfüllte der Friede des Himmels seine Seele. In einem Abschiedsbrief an die Böhmen unterzeichnet er sich: „Ich schrieb diesen Brief im Kerker und in Ketten, mein Todesurteil morgen erwartend ... Was der gnädige Gott an mir bewirkt, und wie er mir beisteht in wunderlichen Versuchungen, werdet ihr erst dann einsehen, wenn wir uns bei unserem Herrn Gott durch dessen Gnade in Freuden wiederfinden.“ (Neander, Kirchengesch., 6. Per., 2. Abschn., 2. Teil, 73. Par., Gotha, 1856.)
In der Dunkelheit seines Kerkers sah er den Sieg des wahren Glaubens voraus. In seinen Träumen wurde er zurückversetzt nach der Bethlehemskapelle zu Prag, wo er das Evangelium gepredigt hatte, und sah, wie der Papst und seine Bischöfe die Bilder Jesu Christi, die er an ihren Wänden hatte malen lassen, auslöschten. Dies Traumbild betrübte ihn, aber „am andern Tage stand er auf und sah viele Maler, welche noch mehr Bilder und schönere entworfen hatten, welche er mit Freuden anblickte. Und die Maler sprachen mit dem Volk: Mögen die Bischöfe und Priester kommen und diese Bilder zerstören!“ Der Reformator setzte hinzu: „So hoffe ich doch, daß das Leben Christi, das in Bethlehem durch mein Wort in den Gemütern der Menschen abgebildet worden, ... durch eine größere Anzahl von besseren Predigern, als ich bin, besser wird abgebildet werden, zur Freude des Volks, welches das Leben Christi liebt.“ (Ebd.)
Zum letzten mal wurde Hus vor das Konzil gestellt. Es war eine große und glänzende Versammlung, der Kaiser, die Reichsfürsten, die königlichen Abgeordneten, die Kardinäle, Bischöfe und Priester und eine große Menge, welche als Zuschauer der Tagesereignisse beiwohnten. Aus allen Teilen der Christenheit waren Zeugen dieses ersten großen Opfers in dem langen Kampf, durch welchen die Gewissensfreiheit gesichert werden sollte, versammelt.
Als er zu seiner endgültigen Aussage aufgefordert wurde, erklärte Hus seine Weigerung abzuschwören, und indem er seinen durchdringenden Blick auf den Fürsten richtete, dessen verpfändetes Wort so schamlos verletzt worden war, erklärte er: „Ich bin aus meinem eigenen freien Willen vor dem Konzil erschienen, unter dem öffentlichen Schutze und dem Ehrenworte des hier gegenwärtigen Kaisers.“ (Bonnechose, 2. Bd., S. 84. Siehe auch Palacky, B d. 3, Buch 6, S - 364.) Eine tiefe Röte überzog das Angesicht Sigismunds, als die Augen aller in der Versammlung sich auf ihn richteten.
Das Todesurteil wurde nun ausgesprochen, und die Zeremonie der Amtsentsetzung begann. Die Bischöfe kleideten ihren Gefangenen in das priesterliche Gewand. Als er es anlegte, sagte er: „Unser Herr Jesus Christus wurde zum Zeichen der Schmähung mit einem weißen Mantel bedeckt, als Herodes ihn vor Pilatus bringen ließ.“ (Bonnechose, 3. Buch, S. 95. 96.) Abermals zum Widerruf ermahnt, sprach er zum Volk: „Mit welchem Auge könnte ich den Himmel anblicken, mit welcher Stirne könnte ich auf diese Menschenmenge sehen, der ich das reine Evangelium gepredigt habe? Nein, ich erachte ihre Seligkeit höher als diesen armseligen Leib, der nun zum Tode bestimmt ist.“ Dann wurden ihm die Stücke des Priesterornats eins nach dem andern abgenommen, wobei jeder Bischof bei der Vollführung der Zeremonie einen Fluch über ihn aussprach. Schließlich „wurde ihm eine hohe Papiermütze aufgesetzt, mit Teufeln bemalt, welche vorn die auffällige Inschrift trug: 'Haeresiarcha' (oder Erzketzer). 'Mit größter Freude', sagte Hus, 'will ich diese Krone der Schmach um deinetwillen tragen, o Jesus, der du für mich die Dornenkrone getragen hast.`
Als er so angetan war, sprachen die Prälaten: „Nun übergeben wir deine Seele dem Teufel.“ „Aber ich“, sprach Hus, indem er seine Augen zum Himmel erhob, „empfehle in deine Hände, o Herr Jesus, meine durch dich erlöste Seele.“
Nun wurde er der weltlichen Obrigkeit übergeben und nach dem Richtplatz geführt. Ein ungeheurer Zug folgte nach, Hunderte von Bewaffneten, Priestern und Bischöfen in ihren kostbaren Gewändern und die Einwohner von Konstanz. Als er an den Pfahl festgebunden war, und alles bereit war, das Feuer anzuzünden, wurde er nochmals ermahnt zu widerrufen, sich zu retten, indem er seinen Irrtümern entsage. „Welche Irrtümer,“ sagte Hus, „sollte ich widerrufen, da ich mich keines Irrtums bewußt bin? Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß alles, was ich geschrieben oder gepredigt habe, die Rettung der Seelen von Sünde und Verderben bezweckte; deshalb stehe ich bereit, die Wahrheit, welche ich geschrieben und gepredigt habe, freudigst mit meinem Blute zu besiegeln.“ (Wylie, Buch 3, Kap. 7.) Als das Feuer angezündet worden war, begann Hus laut zu singen: „Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner!“ (Neander, Kirchengesch., 6. Per., 2. Abschn., 2. Teil, 69. Par., Gotha, 1856. Siehe auch Hefele, Kirchengesch., VII, 209f.) So fuhr er fort, bis seine Stimme auf immer verstummte.
Selbst seine Feinde bewunderten seine heldenmütige Haltung. Ein päpstlicher Schriftsteller, der den Märtyrertod von Hus und Hieronymus, der bald darauf starb, beschreibt, sagt: „Beide ertrugen den gewaltsamen Tod mit standhaftem Gemüte und bereiteten sich auf das Feuer vor, als ob sie zu einem Hochzeitsfeste geladen waren. Sie gaben keinen Schmerzenslaut von sich. Als die Flammen empor schlugen, fingen sie an Loblieder zu singen, und kaum vermochte die Heftigkeit des Feuers ihrem Gesang Einhalt zu tun.“ (Aeneas, Hist. Boh., S. 34.)
Als der Körper des Hus völlig verzehrt war, wurde seine Asche samt der Erde, worauf sie ruhte, gesammelt und in den Rhein geworfen und auf diese Weise dem Weltmeer zugeführt. Seine Verfolger bildeten sich eitler weise ein, sie hätten die von ihm verkündeten Wahrheiten ausgerottet. Schwerlich träumten sie, daß die Asche, welche an jenem Tage dem Meer zugeführt wurde, dem Samen gleichen sollte, der über alle Lande der Erde ausgestreut wird, daß er in noch unbekannten Ländern eine reichliche Ernte an Zeugen für die Wahrheit hervorbringen werde. Durch die Stimme, welche im Konziliumssaal zu Konstanz gesprochen hatte, war ein Widerhall erweckt worden, der durch alle künftigen Zeitalter fortgepflanzt werden sollte. Hus war nicht mehr; aber die Wahrheit, für welche er gestorben war, konnte nie untergehen. Sein Beispiel des Glaubens und der Standhaftigkeit mußte viele ermutigen, trotz Qual und Tod entschieden für die Wahrheit einzustehen. Seine Hinrichtung hatte der ganzen Welt die hinterlistige Grausamkeit Roms offenbart. Die Feinde der Wahrheit hatten unbewußt die Sache gefördert, welche sie vergeblich zu vernichten gedachten.
Noch ein zweiter Märtyrerpfahl sollte in Konstanz aufgerichtet werden. Das Blut eines anderen Märtyrers sollte für die Wahrheit zeugen. Als Hieronymus Hus bei seiner Abreise nach dem Konzil Lebewohl sagte, hatte er diesen zu Mut und Standhaftigkeit ermahnt und erklärt, daß er zu seinem Beistand herbeieilen werde, falls er in irgendeine Gefahr gerate. Als er von der Einkerkerung des Reformators vernahm, bereitete sich der treue Jünger sofort vor, sein Versprechen zu erfüllen. Ohne ein Sicherheitsgeleit machte er sich mit einem einzigen Gefährten auf den Weg nach Konstanz. Bei seiner Ankunft daselbst wurde er überzeugt, daß er sich nur in Gefahr begeben hatte, ohne etwas für Hus' Befreiung tun zu können. Er floh aus der Stadt, wurde aber auf dem Heimweg verhaftet, mit Ketten beladen und unter Verwahrung von Soldaten zurückgebracht. Bei seinem ersten Erscheinen vor dem Konzil wurden seine Versuche, auf die gegen ihn vorgebrachten Anklagen zu antworten, mit dem Rufe erwidert: „In die Flammen mit ihm, in die Flammen!“ (Bonnechose, Buch 2, S. 256.) Er wurde in ein Verlies geworfen, in einer Stellung angekettet, die ihm große Schmerzen verursachte, und mit Wasser und Brot genährt. Nach einigen Monaten wurde Hieronymus durch die Grausamkeiten seiner Gefangenschaft lebensgefährlich krank, und seine Feinde, da sie befürchteten, er könne ihnen entrinnen, behandelten ihn mit weniger Härte, obwohl er im ganzen ein Jahr lang im Gefängnis verblieb.
Der Tod des Hus hatte nicht die Wirkung gehabt, welche Rom erhofft hatte. Die Mißachtung des Geleitbriefes hatte einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, und um einen sicheren Weg einzuschlagen, beschloß das Konzil, anstatt Hieronymus zu verbrennen, ihn womöglich zum Widerruf zu zwingen. (Bonnechose, Buch 3, S. 156. Siehe auch Palacky, Bd. 3, Buch 6, S. 370 f., 382.) Er wurde vor die Versammlung gestellt, und man legte ihm die Wahl vor, zu widerrufen oder auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Am Anfang seiner Einkerkerung wäre der Tod für ihn eine Wohltat gewesen im Vergleich mit den schrecklichen Leiden, die er ausgestanden hatte; aber jetzt, geschwächt durch Krankheit, durch die strenge Haft und die Qualen der Angst und der Ungewißheit, getrennt von seinen Freunden und entmutigt durch den Tod des Hus versagte die Geistesstärke des Hieronymus, und er willigte ein, sich dem Konzil zu unterwerfen. Er verpflichtete sich, dem katholischen Glauben anzuhangen und stimmte dem Konzil in der Verdammung der Lehren Wiklifs und Hus' bei mit Ausnahme „der heiligen Wahrheiten“, welche sie gelehrt hatten. (Th. Vrie, Hist. Conc. Const., 1, 173175.)
Durch diesen Ausweg versuchte Hieronymus, die Stimme des Gewissens zu beruhigen und seinem Schicksal zu entrinnen. Doch in der Einsamkeit seines Gefängnisses sah er klarer, was er getan hatte. Er gedachte des Mutes und der Treue seines Freundes und erwog im Gegensatz dazu seine eigene Verleugnung der Wahrheit. Er dachte an seinen göttlichen Meister, dem zu dienen er sich verpflichtet, und der um seinetwillen den Kreuzestod erlitten hatte. Vor seinem Widerruf hatte er inmitten aller seiner Leiden in der Gewißheit der Gnade Gottes Trost gefunden; jetzt aber quälten Reue und Zweifel seine Seele. Er wußte, daß noch andere Widerrufe gemacht werden mußten, ehe er mit Rom versöhnt werden konnte. Der Pfad, den er jetzt betrat, konnte nur zu einem völligen Abfall führen. Sein Entschluß war gefaßt: er wollte seinen Herrn nicht verleugnen um einer kurzen Zeit des Leidens zu entrinnen.
Er wurde wieder vor das Konzil gestellt. Seine Unterwerfung hatte seine Richter nicht befriedigt. Ihr durch den Tod des Hus gereizter Blutdurst verlangte nach neuen Opfern. Nur durch eine unbedingte Lossagung von der Wahrheit konnte Hieronymus sein Leben erhalten. Aber er hatte sich entschlossen, seinen Glauben zu bekennen und seinem Leidensbruder in die Flammen zu folgen.
Er nahm seinen früheren Widerruf zurück und verlangte feierlich, als ein dem Tode Verfallener, eine Gelegenheit, seine Verteidigung vorzubringen. Die Folgen seiner Worte befürchtend, bestanden die Kirchenfürsten darauf, daß er einfach die Wahrheit der gegen ihn vorliegenden Anklagen zugestehen oder sie ableugnen solle. Hieronymus erhob Einwände gegen solche Grausamkeit und Ungerechtigkeit: „Ganze 340 Tage habt ihr mich in dem schwersten, schrecklichsten Gefängnis, da nichts als Unflat, Gestank, Kot und Fußfesseln neben höchstem Mangel aller notwendigsten Dinge gehalten. Meinen Feinden gewährt ihr gnädige Audienz, mich aber wollt ihr nicht eine Stunde hören. ... So ihr allhier Lichter der Welt und verständige Männer genannt werdet, so sehet zu, daß ihr nichts unbedachtsam wider die Gerechtigkeit tut. Ich bin zwar nur ein armer Mensch, welches Haut es gilt. Ich sage auch, dies nicht, der ich sterblich bin, meinetwegen. Das verdrießt mich, daß ihr als weise, verständige Männer wider alle Billigkeit ein Urteil fällt.“ (Theobald, Hussitenkrieg, S. 158.)
Sein Gesuch wurde ihm schließlich gewährt. In Gegenwart seiner Richter kniete Hieronymus nieder und betete, der göttliche Geist möchte seine Gedanken und Worte regieren, auf daß er nichts spreche, was gegen die Wahrheit oder seines Meisters unwürdig sei. An ihm wurde an jenem Tage die Verheißung Gottes an die ersten Jünger erfüllt: „Und man wird euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen... Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“ (Matth. 10, 18-20.)
Hieronymus' Worte erregten selbst bei seinen Feinden Erstaunen und Bewundern. Ein ganzes Jahr hatte er hinter Kerkermauern gesessen, nicht imstande zu lesen oder etwas zu sehen, in großen körperlichen Leiden und Angst der Seele. Doch wurden seine Beweise mit so großer Deutlichkeit und Macht vorgetragen, als ob er ungestört Gelegenheit zum Studium gehabt hätte. Er verwies seine Zuhörer auf die lange Reihe vortrefflicher Männer, die von ungerechten Richtern verurteilt worden waren. In fast jedem Geschlecht habe es Männer gegeben, die, während sie das Volk ihrer Zeit zu heben suchten, mit Vorwürfen überhäuft und ausgestoßen wurden, und es habe sich erst in späterer Zeit herausgestellt, daß sie der Ehre würdig waren. Christus selbst sei von einem ungerechten Gericht als Übeltäter verdammt worden.
Hieronymus hatte bei seinem Widerruf der Gerechtigkeit des Richterspruches beigestimmt, der Hus verdammt hatte; nun erklärte er seine Reue und legte Zeugnis ab für die Unschuld und Heiligkeit des Märtyrers. „Ich kannte ihn von seiner Kindheit an,“ sagte er, „er war ein höchst ausgezeichneter Mann, gerecht und heilig; er wurde trotz seiner Unschuld verurteilt. ... Ich bin ebenfalls bereit zu sterben. Ich schrecke nicht zurück vor den Qualen, die mir bereitet werden von meinen Feinden und falschen Zeugen, welche eines Tages vor dem großen Gott, welchen nichts täuschen kann, für ihre Verleumdungen Rechenschaft ablegen müssen.“ (Bonnechose, Bd. 2, S. 151.)
Indem Hieronymus sich selbst wegen seiner Verleugnung der Wahrheit anklagte, fuhr er fort: „Über dem nagt und plagt mich keine Sünde, die ich von Jugend an getan habe, so hart, als die an diesem pestilenzischen Ort begangene, da ich dem unbilligen Urteil über Wiklif und den heiligen Märtyrer, meinen getreuen Lehrer, beistimmte und aus Zagheit und Todesfurcht sie verfluchte. Deshalb ich an derselben Stelle dagegen durch Hilfe, Trost und Beistand Gottes und des heiligen Geistes frei öffentlich mit Herz und Mund und Stimme bekenne, daß ich meinen Feinden zu Gefallen sehr viel Übels getan habe. Ich bitte Gott, mir solches aus Gnaden zu verzeihen und alle meiner Missetaten, worunter diese die größte ist, nicht zu gedenken.“ (Theobald, Hussitenkrieg, S. 162; Th. Vrie, Hist. Conc. Const., S. 183.) Dann wandte er sich an seine Richter mit den kühnen Worten: „Ihr habt Wiklif und Hus verdammt, nicht etwa, weil sie an den Lehren der Kirche gerüttelt hätten, sondern weil sie die Schandtaten der Geistlichkeit, ihren Aufwand, Hochmut und Laster mißbilligten. Ihre Behauptungen sind unwiderlegbar, auch ich halte daran fest, gleichwie sie.“
Die Prälaten, welche vor Wut bebten, unterbrachen ihn mit den Worten: „Was bedarf es weiteren Beweises, wir sehen mit unseren eigenen Augen den halsstarrigsten Ketzer.“
Unbewegt vom Sturm rief Hieronymus aus: „Was! Meint ihr, ich fürchte mich zu sterben? Ihr habt mich ein ganzes Jahr in einem fürchterlichen Verlies gehalten, schrecklicher als der Tod selbst. Ihr habt mich grausamer behandelt denn einen Türken, Juden oder Heiden; mein Fleisch ist mir buchstäblich auf meinen Knochen bei lebendigem Leibe verfault; und dennoch erhebe ich keine Klage, denn Klagen ziemen sich nicht für einen Mann von Herz und Mut; ich kann aber nicht umhin, meinem Staunen ob solch großer Roheit gegen einen Christen Ausdruck zu geben.“ (Bonnechose, Buch 3, S. 168. 169.)
Abermals brach ein wütender Sturm los, und Hieronymus mußte wieder ins Gefängnis „und sich härter als zuvor an einen gewöhnlichen Pfahl anbinden lassen.“ Doch waren unter den Zuhörern immer etliche, auf die seine Worte tiefen Eindruck machten und die sein Leben zu retten wünschten. „In dem Gefängnis kamen zu ihm viele Kardinäle und Bischöfe, ließen ihn herausziehen, ermahnten ihn vielfältig, er sollte seines Lebens verschonen, der Lehre abschwören und den Tod des Hus billigen.“ Ein Kardinal sagte ihm: „Du könntest zu Ehren kommen in der Kirche, so du dich bekehrst.“ Aber gleich seinem Meister, da ihm die Herrlichkeit der Welt angeboten wurde, blieb Hieronymus standhaft und antwortete: „Kann ich aus der Heiligen Schrift überführt werden, will ich von Herzen um Vergebung bitten; wo nicht, will ich nicht weichen, auch nicht einen Schritt.“ Darauf sagte der Kardinal: „Muß alles durch die Schrift beurteilt werden? Wer kann sie verstehen? Muß man nicht die Kirchenväter zu ihrer Auslegung gebrauchen?“
Darauf erwiderte Hieronymus: „Was höre ich da? Soll das Wort falsch sein oder urteilen? Soll es nicht allein gehört werden? Sollen die Menschen mehr gelten als das heilige Wort Gottes? Warum hat Paulus seine Bischöfe nicht vermahnt, die Ältesten zu hören, sondern gesagt, die Heilige Schrift kann dich unterweisen? Nein, das nimm ich nicht an, es koste mein Leben, Gott kann es wiedergeben.“ Da sah ihn der Kardinal gräßlich an und sagte: „Du Ketzer, es reut mich, daß ich soviel deinetwegen getan habe. Ich sehe wohl, daß der Teufel dich regiert, damit du ihm nicht entwichest.“ (Theobald, Hussitenkrieg, S. 163-166.)
Bald darauf wurde das Todesurteil über ihn gefällt, und er wurde nach demselben Ort geführt, wo Hus seinen Geist aufgegeben hatte. Er ging singend seinen Weg, und sein Angesicht strahlte vor Freude und Friede. Sein Blick war auf Christum gerichtet, und der Tod hatte für ihn seine Schrecken verloren. Als der Henker im Begriffe war, hinter seinem Rücken den Holzstoß anzuzünden, rief der Märtyrer aus: „Kommt dreist nach vorn und zündet es vor meinen Augen an. Wenn ich mich gefürchtet hätte, wäre ich nicht hier.“
Die letzten Worte, die er aussprach, als die Flammen um ihn empor schlugen, waren ein Gebet: „Herr, allmächtiger Vater, erbarme dich mein und vergib mir meine Sünden; denn du weißt, daß ich deine Wahrheit allezeit geliebt habe.“ (Bonnechose, Buch 3, 185. 186.) Seine Stimme verstummte; aber seine Lippen fuhren fort, sich im Gebete zu bewegen. Als das Feuer sein Werk getan hatte, wurde die Asche des Märtyrers samt der Erde, auf welcher sie lag, aufgenommen und gleich der von Hus in den Rhein geworfen. (Theobald, Hussitenkrieg, S. 169.)
So kamen Gottes treue Lichtträger um. Aber das Licht der Wahrheiten, die sie verkündigten - das Licht ihres heldenmütigen Beispiels - konnte nicht ausgelöscht werden. Die Menschen könnten eben sowohl versuchen, die Sonne in ihrem Lauf zurückzustellen, wie die Dämmerung jenes Tages zu verhindern, der gerade damals über die Welt hereinzubrechen begann.
Die Hinrichtung des Hus hatte in Böhmen ein Gefühl der Entrüstung und des Schreckens erweckt. Es wurde von der ganzen Nation empfunden, daß er der Ruchlosigkeit der Priester und der Treulosigkeit des Kaisers zum Opfer gefallen war. Man sagte, er sei ein treuer Lehrer der Wahrheit gewesen und erklärte das Konzil, das ihn zum Tode verurteilt hatte, des Mordes schuldig. Seine Lehren erregten nun größere Aufmerksamkeit als je zuvor. Wiklifs Schriften waren durch päpstliche Erlasse den Flammen übergeben worden; alle, die jedoch der Vernichtung entgangen waren, wurden nun aus ihren Verstecken hervorgeholt und in Verbindung mit der Bibel oder solcher Teile derselben, die das Volk sich zu verschaffen vermochte, studiert. Viele Seelen wurden auf diese Weise veranlaßt, den reformierten Glauben anzunehmen.
Die Mörder des Hus sahen dem Sieg seiner Sache keineswegs ruhig zu. Der Papst und der Kaiser vereinigten sich, um der Bewegung ein Ende zu machen, und Sigismunds Heere stürzten sich auf Böhmen.
Aber es wurde ein Befreier erweckt. Ziska, der bald nach der Eröffnung des Krieges gänzlich erblindete, jedoch einer der tüchtigsten Feldherrn seines Zeitalters war, führte die Böhmen an. Auf die Hilfe Gottes und die Gerechtigkeit seiner Sache vertrauend, widerstand dies Volk den mächtigsten Heeren, die ihm gegenübergestellt werden konnten. Wiederholt hob der Kaiser neue Armeen aus und drang in Böhmen ein, wurde jedoch schimpflich zurückgeschlagen. Die Hussiten waren über die Todesfurcht erhaben, und nichts konnte ihnen standhalten. Wenige Jahre nach der Eröffnung des Krieges starb der tapfere Ziska; jedoch seine Stelle wurde durch Prokopius, der ein ebenso mutiger und geschickter Feldherr, ja in mancher Beziehung ein fähigerer Anführer war, ausgefüllt.
Als der blinde Krieger tot war, erachteten die Feinde der Böhmen die Gelegenheit für günstig, alles, was sie verloren hatten, wiederzugewinnen. Der Papst kündigte nun einen Kreuzzug gegen die Hussiten an, und wiederum warf sich eine ungeheure Streitmacht auf Böhmen, aber eine schreckliche Niederlage war die Folge. Ein neuer Kreuzzug wurde erklärt. In allen katholischen Ländern Europas wurden Männer, Geld und Kriegsgeräte zusammengebracht. Große Scharen sammelten sich unter der päpstlichen Fahne, im Vertrauen darauf, daß den hussitischen Ketzern schließlich ein Ende gemacht werde. Siegesgewiß drang die ungeheure Menge in Böhmen ein. Das Volk sammelte sich, um sie zurückzuschlagen. Die beiden Heere näherten sich gegenseitig, bis nur noch ein Fluß zwischen ihnen lag. „Die Kreuzfahrer waren an der Zahl weit überlegen; doch anstatt kühn über den Fluß zu setzen und die Hussiten anzugreifen, wozu sie doch von so weit hergekommen waren, standen sie schweigend und blickten auf die Krieger.“ (Wylie, 3. Buch, 17. Kap.) Dann fiel plötzlich ein geheimnisvoller Schrecken auf die Scharen. Ohne einen Streich zu tun, löste sich jenes gewaltige Heer auf und zerstreute sich wie von einer unsichtbaren Macht verjagt. (Mies in Onckens Weltgeschichte, 11, 6. S. 405; Mies-Czerwenka, Gesch. d. ev. Kirche Böhmens, Kap. 1, S. 177, Bielefeld, 1869.) Sehr viele wurden von dem Hussiten Heer, weiches die Flüchtlinge verfolgte, erschlagen und eine ungeheure Beute fiel in die Hände der Sieger, so daß der Krieg, anstatt die Böhmen arm zu machen, sie bereicherte.
Wenige Jahre später wurde unter einem neuen Papst wiederum ein Kreuzzug unternommen, und zwar wurden wie zuvor aus allen päpstlichen Ländern Europas Männer und Mittel herbeigeschafft. Große Vorteile wurden denen, die sich an diesem gefährlichen Unternehmen beteiligen würden, in Aussicht gestellt. Eine völlige Vergebung der abscheulichsten Sünden wurde jedem Kreuzfahrer zugesichert. Allen, welche im Kriege umkamen, wurde eine reichliche Belohnung im Himmel verheißen, und die Überlebenden sollten auf dem Schlachtfeld Ehre und Reichtum ernten. Wiederum wurde ein zahlreiches Heer gesammelt, welches die Grenze überschreitend in Böhmen eindrang. Die hussitischen Streitkräfte zogen sich bei seinem Herannahen zurück, lockten die Eindringlinge weiter und weiter in das Land hinein und verleiteten sie dadurch, den Sieg für bereits gewonnen zu erachten. Schließlich machte das Heer des Prokopius Halt, wandte sich gegen den Feind und schritt zum Angriff über. Die Kreuzfahrer entdeckten nun ihren Irrtum, blieben in ihrem Lager und erwarteten den Zusammenstoß. Als das Getöse der herannahenden Streitkräfte vernommen ward, wurden die Kreuzfahrer, ehe noch die Hussiten in Sicht waren, von Schrecken ergriffen; Fürsten, Feldherren und gemeine Soldaten warfen ihre Rüstung weg und flohen in alle Richtungen. Umsonst bestrebte sich der päpstliche Gesandte, der Anführer des Einfalls, seine erschreckten und aufgelösten Truppen wieder zu sammeln. Trotz den äußersten Bemühungen wurde er selbst von dem Strom der Fliehenden mitgerissen. Die Niederlage war vollständig, und wiederum fiel eine ungeheure Beute in die Hände der Sieger. (Tauß in Onckens Weltgeschichte, 11, 6. S. 408; Tauß-Czerwenka, ebd., Kap. 1, S. 211 f .)
So floh zum zweiten Male ein gewaltiges Heer, das von den mächtigsten Nationen Europas ausgesandt worden war, eine Schar tapferer, kriegstüchtiger, zur Schlacht geschulter und gerüsteter Männer ohne einen Schwertstreich, vor den Verteidigern eines unbedeutenden und bisher schwachen Volkes. Hier offenbarte sich göttliche Macht. Die Kreuzfahrer wurden von einem übernatürlichen Schrecken erfaßt. Er, der die Scharen Pharaos im Roten Meer vernichtete, der die Midianiter vor Gideon und seinen dreihundert Mann in die Flucht schlug, der in einer Nacht die Mächte der stolzen Assyrer zerstörte, hatte abermals seine Hand ausgestreckt, die Macht der Gegner zu verderben. „Da fürchteten sie sich aber, wo nichts zu fürchten ist; denn Gott zerstreut die Gebeine derer, die dich belagern. Du machst sie zu Schanden, denn Gott verschmäht sie.“ (Ps. 53, 6.)
Schließlich, da die päpstlichen Anführer daran verzweifelten, ihre Feinde mit Gewalt zu besiegen, nahmen sie ihre Zuflucht zur Diplomatie, und es kam ein Ausgleich zustande, der, während er scheinbar den Böhmen Freiheit des Gewissens gewährte, sie eigentlich in die Gewalt Roms verriet. Die Böhmen hatten vier Punkte als Bedingung des Friedens mit Rom bezeichnet: das freie Predigen der Bibel; die Berechtigung der ganzen Gemeinde zum Brot und Wein beim Abendmahl und den Gebrauch der Muttersprache beim Gottesdienst; den Ausschluß der Geistlichkeit von allen weltlichen Ämtern und weltlicher Gewalt; und in Fällen von Verbrechen die gleiche Gerichtsbarkeit bürgerlicher Gerichtshöfe über Geistlichkeit und Laien. Die päpstlichen Machthaber kamen „schließlich dahin überein, die vier Artikel der Hussiten anzunehmen; aber das Recht ihrer Auslegung, also die Bestimmung ihrer genauen Bedeutung sollte dem Konzil - in anderen Worten dem Papst und dem Kaiser - zustehen.“ (Wylie, 3. Buch, 3. Kap . 18. Siehe auch Czerwenka, ebd., Kap. 11, S. 248-289.) Auf dieser Grundlage wurde ein Vertrag eingegangen, und Rom gewann durch Hinterlist und Betrug, was es verfehlt hatte durch Waffengewalt zu erlangen; denn indem es die hussitischen Artikel, wie auch die Bibel, auf seine eigene Weise auslegte, konnte es ihren Sinn verdrehen, wie es seinen Absichten paßte.
Viele Böhmen konnten, weil sie sahen, daß ihre Freiheit dadurch verraten wurde, dem Vertrage nicht beistimmen. Es entstanden Uneinigkeit und Spaltungen, welche unter ihnen selbst zu Streit und Blutvergießen führten. In diesem Streit fiel der edle Prokopius, und die Freiheit Böhmens ging unter.
Sigismund, der Verräter des Hus' und Hieronymus', wurde nun König von Böhmen und ohne Rücksicht auf seinen Eid, die Rechte der Böhmen zu unterstützen, schritt er dazu, das Papsttum einzuführen. Aber er hatte durch seine Willfährigkeit gegen Rom wenig gewonnen. Zwanzig Jahre lang war sein Leben voll Arbeit und Gefahr gewesen; seine Heere waren aufgerieben und seine Schätze durch einen langen und fruchtlosen Kampf erschöpft worden; und nun, nachdem er ein Jahr regiert hatte, starb er und ließ sein Reich am Rande eines Bürgerkrieges und der Nachwelt einen schmachbedeckten Namen zurück.
Aufruhr, Streit und Blutvergießen folgten nacheinander; fremde Heere drangen wiederum in Böhmen ein, und innere Zwietracht fuhr fort, die Nation zu zerrütten. Die dem Evangelium treu blieben, waren einer blutigen Verfolgung ausgesetzt.
Während ihre früheren Brüder einen Vertrag mit Rom eingingen und dessen Irrtümer annahmen, bildeten diejenigen, welche zu dem alten Glauben hielten, unter dem Namen „Vereinte Brüder“ eine getrennte Gemeinde. Dieser Schritt zog ihnen die Verwünschung aller Klassen zu. Doch blieb ihre Festigkeit unerschüttert. Gezwungen, in den Wäldern und Höhlen Zuflucht zu suchen, versammelten sie sich immer noch, um Gottes Wort zu lesen und ihn gemeinschaftlich anzubeten.
Durch Boten, die sie heimlich in verschiedene Länder aussandten, erfuhren sie, daß hier und da „vereinzelte Bekenner der Wahrheit lebten, etliche in dieser, etliche in jener Stadt, die wie sie der Gegenstand der Verfolgung waren; und daß es in den Alpen eine alte Gemeinde gebe, die auf Grundlage der Schrift stehe und Einspruch gegen die abgöttischen Verderbnisse Roms erhebe.“ (Wylie, 3. Buch, 19. Kap.) Diese Kunde wurde mit großer Freude aufgenommen und ein schriftlicher Verkehr mit den Waldensern eröffnet.
Dem Evangelium treu, harrten die Böhmen die lange Nacht ihrer Verfolgung hindurch, selbst in der dunkelsten Stunde ihre Augen dem Horizont zugewandt, wie Leute, welche auf den Morgen warten. „Ihr Los fiel in böse Tage; aber sie waren eingedenk der Worte, welche Hus ausgesprochen und Hieronymus wiederholt hatte, daß ein Jahrhundert verstreichen müsse, ehe der Tag hereinbrechen könne. Diese Worte waren für die Taboriten (Hussiten) das, was Josephs Worte den Stämmen im Hause der Knechtschaft waren: 'Ich sterbe, und Gott wird euch heimsuchen und aus diesem Lande führen.“ (Wylie, 3. Buch, 19. Kap.) „Die letzten Jahre des 15. Jahrhunderts bezeugen den langsamen aber sicheren Zuwachs der Brüdergemeinden. Obgleich sie durchaus nicht unbelästigt waren, erfreuten sie sich verhältnismäßiger Ruhe. Am Anfang des 16. Jahrhunderts zählten sie in Böhmen und Mähren über zweihundert Gemeinden.“ (Gillett, „Life and Times of John Huß,“ 3. Aufl., 2. Bd., S. 570. Nach Gindeleys Gesch. d. böhm. Brüder war die Anzahl der Gemeinden zwischen 300 und 400.) „So groß war die Zahl der Übriggebliebenen, die der verheerenden Wut des Feuers und des Schwertes entgangen waren und die Dämmerung jenes Tages sehen durfte, den Hus vorhergesagt hatte.“ (Wylie, 3. Buch, 19. Kap.)
KAPITEL 7
LUTHERS TRENNUNG VON ROM
Unter denen, welche berufen wurden, die Gemeinde aus der Finsternis des Papsttums in das Licht eines reineren Glaubens zu führen, stand Martin Luther zuvorderst. Eifrig, feurig und fromm, kannte er kein Bangen außer der Gottesfurcht und ließ keine andere Grundlage für den religiösen Glauben gelten als die Heilige Schrift. Luther war der Mann für seine Zeit; durch ihn führte Gott ein großes Werk für die Reformation der Kirche und die Erleuchtung der Welt aus.
Gleich den ersten Herolden des Evangeliums entsprang Luther dem Stande der Armut. Seine frühe Jugend brachte er in dem bescheidenen Heim eines deutschen Landmannes zu. Durch tägliche harte Arbeit als Bergmann verdiente sich sein Vater die Mittel zu seiner Erziehung. Er bestimmte ihn zum Rechtsgelehrten; aber Gott beabsichtigte aus ihm einen Baumeister an dem großen Tempel, der sich im Laufe der Jahrhunderte so langsam erhob, zu machen. Mühsal, Entbehrung und strenge Manneszucht waren die Schule, in welcher die unendliche Weisheit Luther für das wichtige Werk seines Lebens vorbereitete.
Luthers Vater war ein Mann von entschiedenem, tätigem Geist und großer Charakterstärke, ehrlich, entschlossen und geradeaus. Er blieb seinen Überzeugungen der Pflicht treu, was auch die Folgen davon sein mochten. Sein echter, gesunder Verstand ließ ihn das Mönchswesen mit Mißtrauen betrachten. Er war höchst unzufrieden, als Luther ohne seine Einwilligung ein Kloster betrat; und es dauerte zwei Jahre, ehe der Vater sich mit seinem Sohn versöhnt hatte, und selbst dann blieben seine Ansichten dieselben.
Luthers Eltern verwandten große Sorgfalt auf die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Sie bestrebten sich, sie in der Gotteserkenntnis und in der Ausübung christlicher Tugenden zu unterweisen. Oft hörte der Sohn des Vaters Gebete zum Himmel emporsteigen, daß das Kind des Namens des Herrn gedenken und eines Tages in der Förderung der Wahrheit mit helfe. Jede Gelegenheit zur sittlichen oder geistigen Bildung, die das arbeitsreiche Leben gestattete, wurde von diesen Eltern eifrig benutzt. Ihre Bemühungen, die Kinder für ein Leben der Frömmigkeit und Nützlichkeit zu erziehen, waren ernsthaft und ausdauernd. In ihrer Entschiedenheit und Charakterfestigkeit übten sie bisweilen eine zu große Härte aus; aber der Reformator selbst, obgleich er sich in mancher Beziehung bewußt war, daß sie geirrt hatten, fand in ihrer Zucht mehr zu billigen als zu verurteilen.
In der Schule, die er schon im frühen Alter besuchte, wurde Luther mit Strenge, ja mit Härte behandelt. So groß war die Armut seiner Eltern, daß er, als er das Vaterhaus verließ, um die Schule eines andern Ortes zu besuchen, eine Zeitlang genötigt war, sich seine Nahrung durch Singen von Tür zu Tür zu erwerben, wobei er oft Hunger litt. Die damals herrschenden finsteren, abergläubischen Vorstellungen von Religion erfüllten ihn mit Furcht. Er legte sich nachts mit sorgenschwerem Herzen nieder, sah mit Zittern in die dunkle Zukunft und schwebte in beständiger Furcht, wenn er an Gott dachte, den er sich mehr als einen harten, unerbittlichen Richter und grausamen Tyrannen als einen liebevollen himmlischen Vater vorstellte.
Doch strebte Luther trotz den vielen und großen Entmutigungen entschlossen vorwärts dem hohen Vorbilde sittlicher und geistiger Vortrefflichkeit zu, welches seine Seele anzog. Ihn dürstete nach Erkenntnis, und sein ernster und praktischer Sinn verlangte eher nach dem Dauerhaften und Nützlichen als nach dem Scheinenden und Oberflächlichen.
Als er im Alter von achtzehn Jahren in die Universität zu Erfurt eintrat, war seine Lage günstiger und seine Aussichten glänzender als in seinen jüngeren Jahren. Da seine Eltern sich durch Fleiß und Sparsamkeit ein Auskommen erworben hatten, waren sie imstande, ihm allen nötigen Beistand zu gewähren; auch hatte der Einfluß verständiger Freunde die düsteren Wirkungen seiner früheren Erziehung etwas gemildert. Er gab sich nun eifrig dem Studium der besten Schriftsteller hin, bereicherte sein Verständnis mit ihren gewichtigsten Gedanken und eignete sich die Weisheit der Weisen an. Sogar unter der rauhen Zucht seiner ehemaligen Lehrmeister berechtigte er schon frühe zu Hoffnungen, sich auszuzeichnen, und unter günstigem Einfluß entwickelte sein Geist sich jetzt schnell. Ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Einbildung, starke Urteilskraft und unermüdlicher Fleiß gewannen ihm bald einen Platz in den vordersten Reihen seiner Gefährten. Schulzucht reifte seinen Verstand und erweckte eine Geistestätigkeit und einen Scharfblick, die ihn für die Kämpfe seines Lebens vorbereiteten.
Die Furcht des Herrn wohnte in Luthers Herzen; sie befähigte ihn, an seinen Vorsätzen festzuhalten und führte ihn zu tiefer Demut vor Gott. Er war sich beständig seiner Abhängigkeit von der göttlichen Hilfe bewußt und versäumte nicht, jeden Tag mit Gebet anzufangen, während sein Herz fortwährend um Führung und Beistand flehte. „Fleißig gebetet,“ sagte er oft, „ist über die Hälfte studiert.“ (Mathesius Historien, 1. Pred., 15. Abschn., Nürnberg, 1567.)
Als Luther eines Tages die Bücher in der Universitätsbibliothek durchschaute, entdeckte er eine lateinische Bibel. Solch ein Buch hatte er nie zuvor gesehen. Er hatte nicht einmal gewußt, daß es überhaupt existiere. Er hatte beim öffentlichen Gottesdienst Bruchstücke der Evangelien und der Episteln gehört und vermutet, daß diese die Bibel ausmachten. Nun blickte er zum ersten Mal auf das ganze Wort Gottes. Mit einem Gemisch von Ehrfurcht und Erstaunen wandte er die heiligen Blätter um; mit beschleunigtem Pulse und klopfendem Herzen las er selbst die Worte des Lebens, dann und wann anhaltend, um auszurufen: „O, daß Gott mir solch ein Buch als mein Eigentum geben wollte!“ (Luthers Werke, Erl., Bd. 60, S. 255.) Engel vom Himmel waren ihm zur Seite, und Strahlen des Lichtes vom Throne Gottes offenbarten seinem Verständnis die Schätze der Wahrheit. Er hatte sich stets gefürchtet, Gott zu beleidigen; jetzt aber bemächtigte sich seiner eine tiefe Überzeugung seines sündhaften Zustandes wie nie zuvor.
Ein aufrichtiges Verlangen, frei von Sünden zu sein und Frieden mit Gott zu haben, veranlaßte ihn schließlich, in ein Kloster einzutreten und ein Mönchsleben zu führen. Hier wurde von ihm verlangt, die niedrigsten Arbeiten zu verrichten und von Haus zu Haus zu betteln. Er stand in dem Alter, da Achtung und Anerkennung am meisten begehrt werden, und diese niedrigen Beschäftigungen kränkten seine natürlichen Gefühle tief; aber geduldig ertrug er die Demütigung, weil er glaubte, es sei notwendig um seiner Sünden willen.
Jeden Augenblick, den er von seinen täglichen Pflichten erübrigen konnte, verwandte er aufs Studium, beraubte sich des Schlafes und gönnte sich kaum die Zeit für seine bescheidenen Mahlzeiten. Vor allem andern erfreute ihn das Studium des Wortes Gottes. Er hatte an der Klostermauer angekettet eine Bibel gefunden und zog sich oft zu ihr zurück. Je mehr er von seinen Sünden überzeugt wurde, desto mehr suchte er durch eigene Werke Vergebung und Frieden zu erlangen. Er führte ein höchst strenges Leben und bemühte sich, seine böse Natur, wovon sein Mönchsstand ihn nicht zu befreien vermocht hatte, durch Fasten, Wachen und Kasteien zu besiegen. Er schreckte vor keinem Opfer zurück, durch welches er die Reinheit des Herzens erlangen möchte, die ihn befähigen wurde, Gott angenehm zu sein. „Wahr ist's, ein frommer Mönch bin ich gewesen, und habe so gestrenge meinen Orden gehalten, daß ich's sagen darf: ist je ein Mönch gen Himmel kommen durch Möncherei, so wollte ich auch hinein gekommen sein; denn ich hätte mich (wo es länger gewährt hätte), zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit.“ (Ebd., Bd. 31, S. 273.) Diese schmerzhafte Zucht schwächte ihn, und. er litt an Ohnmachtsanfällen, von deren Folgen er sich nie ganz erholte. Aber trotz allen Anstrengungen fand seine geängstigte Seele keine Erleichterung, sondern wurde der Verzweiflung nahegebracht.
Als es Luther schien, daß alles verloren sei, erweckte ihm Gott einen Helfer und Freund. Der fromme Staupitz eröffnete das Wort Gottes dem Verständnisse Luthers und riet ihm, seine Aufmerksamkeit von sich selbst weg und auf Jesum, seinen Sünden vergebenden Heiland, zu lenken. „Wirf dich in die Arme des Erlösers. Vertraue auf ihn - auf die Gerechtigkeit seines Lebens ' die Versöhnung in seinem Tode. Horch auf den Sohn Gottes. Er ist Mensch geworden, dir die Gewißheit seiner göttlichen Gunst zu geben.“ „Liebe ihn, der dich zuerst geliebt hat.“ (Luther, Walch-Aufl., 11, S. 264.) So sprach dieser Bote der Gnade. Seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf Luthers Gemüt. Nach gar manchem Kampfe mit lang gehegten Irrtümern war er imstande, die Wahrheit zu erfassen, und Friede kam in seine beunruhigte Seele.
Luther wurde zum Priester geweiht und aus dem Kloster als Professor an die Universität zu Wittenberg berufen. Hier widmete er sich dem Studium der Heiligen Schrift in den Ursprachen, begann darüber Vorlesungen zu halten und eröffnete das Buch der Psalmen, die Evangelien und Episteln dem Verständnisse von Scharen entzückter Zuhörer. Staupitz nötigte ihn, die Kanzel zu besteigen und das Wort Gottes zu predigen'. Luther zögerte, da er sich unwürdig fühlte, als Bote Christi zum Volke zu reden. Nur nach langem Widerstreben willfahrte er den Bitten seiner Freunde. Bereits war er mächtig in der Heiligen Schrift, und Gottes Gnade ruhte auf ihm. Seine Beredsamkeit fesselte die Zuhörer, die Klarheit und Macht in der Darstellung der Wahrheit überzeugten ihr Verständnis, und seine Inbrunst rührte die Herzen.
Luther war noch immer ein treuer Sohn der päpstlichen Kirche und hatte keinen Gedanken daran, je etwas anderes zu sein. Nach der Vorsehung Gottes bot sich ihm Gelegenheit, Rom zu besuchen. Er reiste zu Fuß, wobei er in den am Wege liegenden Klöstern Herberge fand. In einem Kloster in Italien wurde er mit Verwunderung erfüllt über den Reichtum, die Pracht und den Aufwand, die er sah. Mit einem fürstlichen Einkommen beschenkt, wohnten die Mönche in glänzenden Gemächern, kleideten sich in die reichsten und köstlichsten Gewänder und führten eine üppige Tafel. Mit schmerzlicher Besorgnis verglich Luther diesen Aufwand mit der Selbstverleugnung und der Mühsal seines eigenen Lebens. Seine Gedanken wurden verwirrt.
Endlich erblickte er aus der Ferne die Stadt der sieben Hügel. In tiefer Rührung warf er sich auf die Erde nieder, indem er ausrief: „Sei mir gegrüßt, du heiliges Rom.“ (Luther,- Erl. A., Bd. 62, S. 441.) Er betrat die Stadt, besuchte die Kirchen, horchte auf die von den Priestern und Mönchen wiederholten wunderbaren Erzählungen und verrichtete alle vorgeschriebenen Zeremonien. Überall boten sich ihm Anblicke, die ihn mit Erstaunen und Schrecken erfüllten. Er sah, daß unter allen Klassen der Geistlichkeit Gottlosigkeit herrschte. Von den Lippen der Prälaten mußte er unanständige Scherze hören, und ihr sehr gemeines Wesen, selbst während der Messe, erfüllte ihn mit Entsetzen. Als er sich unter die Mönche und Bürger mischte, fand er Verschwendung und Ausschweifung. Wohin er sich auch wandte, traf er anstatt der Heiligkeit Entheiligung. „Niemand glaubt, was zu Rom für Büberei und greuliche Sünde und Schande gehen,... er sehe, höre und erfahre es denn. Daher sagt man: 'Ist irgendeine Hölle, so muß Rom drauf gebaut sein; denn da gehen alle Sünden im Schwang.` (Ebd.)
Durch einen kürzlichen Erlaß war vom Papst allen denen ein Ablaß verheißen worden, die auf den Knien die „Pilatusstiege“ hinauf rutschen würden, von welcher gesagt wird, unser Heiland sei auf ihr herabgestiegen, als er das römische Gerichtshaus verließ, und daß sie durch ein Wunder von Jerusalem nach Rom gebracht worden sei. Luther erklomm eines Tages andächtig diese Treppe, als plötzlich eine Donner ähnliche Stimme zu ihm zu sagen schien: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben!“ (Röm. 1, 17.) Mit Scham und Schrecken sprang er auf die Füße und floh von der Stätte. Jene Bibelstelle verlor nie ihre Wirkung auf seine Seele. Von jener Zeit an sah er deutlicher als je zuvor die Täuschung, auf Menschenwerke zu vertrauen, um Erlösung zu erlangen, und die Notwendigkeit eines beständigen Glaubens an die Verdienste Christi. Seine Augen waren geöffnet worden, um für die Betrügereien des Papsttums nie wieder verschlossen zu werden. Als er Rom den Rücken kehrte, hatte er sich auch in seinem Herzen abgewandt, und von jener Zeit an wurde die Trennung größer, bis er alle Verbindung mit der päpstlichen Kirche abschnitt.
Nach seiner Rückkehr von Rom wurde Luther auf der Universität zu Wittenberg zum Doktor der Theologie ernannt. Nun stand es ihm frei, sich wie nie zuvor der Heiligen Schrift, die er liebte, zu widmen. Er hatte ein feierliches Gelübde getan, alle Tage seines Lebens Gottes Wort, und nicht die Aussprüche und Lehren der Päpste, zu studieren und gewissenhaft zu predigen. Er war nicht länger der einfache Mönch oder Professor, sondern der bevollmächtigte Herold der Bibel; er war zu einem Hirten berufen, die Herde Gottes zu weiden, die nach der Wahrheit hungerte und dürstete. Mit Bestimmtheit erklärte er, daß die Christen keine anderen Lehren annehmen sollten als die, welche auf der Autorität der Heiligen Schrift beruhten. Diese Worte trafen ganz und gar die Grundlage der Oberherrschaft des Papsttums; sie enthielten den wahren Grundsatz der Reformation.
Luther erkannte die Gefahr, menschliche Lehrsätze über das Wort Gottes zu erheben. Furchtlos griff er den spitzfindigen Unglauben der Schulgelehrten an und beanstandete die Philosophie und Theologie, welche so lange einen herrschenden Einfluß auf das Volk ausgeübt hatten. Er verwarf dergleichen Studien als nicht nur wertlos, sondern auch verderblich und suchte die Gemüter seiner Zuhörer von den Trugschlüssen der Philosophen und Theologen abzuziehen und auf die ewigen Wahrheiten zu lenken, welche die Propheten und Apostel verkündigten.
Köstlich war die Botschaft, welche er der begierigen Menge, die an seinen Lippen hing, bringen durfte. Nie zuvor waren solche Lehren zu ihren Ohren gedrungen. Die frohe Kunde von einer Heilandsliebe, die Gewißheit der Vergebung und des Friedens durch das versöhnende Blut erfreuten ihre Herzen und erweckten in ihnen eine unsterbliche Hoffnung. In Wittenberg war ein Licht angezündet worden, dessen Strahlen die entlegensten Teile der Erde erreichen und bis zum Ende der Zeit an Helle zunehmen sollten.
Aber Licht und Finsternis können sich nicht vertragen. Zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ein unvermeidlicher Kampf. Das eine aufrecht halten und verteidigen, heißt das andere angreifen und umstürzen. Unser Heiland selbst erklärte: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert,“ (Matth. 10, 34.) Und Luther schrieb einige Jahre nach dem Anfang der Reformation: „Gott reißet, treibet und führet mich; ich bin meiner nicht mächtig; ich will stille sein und werde mitten in den Tumult hinein gerissen.“ (L. W., Erl., B d. 1, S. 430, Febr. 20, 1519.)
Die katholische Kirche hatte die Gnade Gottes zu einem Handelsgut gemacht. (Vergl. Matth. 21, 12.) Die Tische der Geldwechsler wurden neben ihren Altären aufgestellt, und die Luft ertönte vom Geschrei der Käufer und Verkäufer. Unter dem Vorwand, Mittel zur Erbauung der St. Peterskirche in Rom zu erheben, wurden kraft der Autorität des Papstes öffentlich Ablässe für die Sünde zum Verkauf angeboten. Auf Kosten von Verbrechen sollte ein Tempel zur Verehrung Gottes gebaut - sein Eckstein mit dem Lohn der Ungerechtigkeit gelegt werden. Aber gerade das Mittel zur Vergrößerung Roms sollte den tödlichsten Schlag gegen' seine Macht und Größe hervorrufen. Gerade dies erweckte die entschlossensten und erfolgreichsten Gegner des Papsttums und führte zu dem Kampf, der den päpstlichen Thron erschütterte und die dreifache Krone auf dem Haupte des Oberpriesters wankend machte.
Der Beamte, der bestimmt war, den Verkauf der Ablässe in Deutschland zu leiten - Tetzel mit Namen - war der gemeinsten Vergehen gegen die menschliche Gesellschaft und gegen das Gesetz Gottes überwiesen worden; nachdem er aber der seinen Verbrechen angemessenen Strafe entronnen war, wurde er angestellt, um die habsüchtigen gewissenlosen Pläne des Papstes zu fördern.
Wenn Tetzel („Leo teilte Deutschland in drei Gebiete ein und übergab 1515 einen Teil Albrecht, Erzbischof von Mainz und Magdeburg.“ „Der Erzbischof bestimmte Johann Tetzel zu seinem Bevollmächtigten.“ Schaff, Deutsche Ref., 1, 150-155), eine Stadt betrat, ging ein Bote vor ihm her und verkündigte: „Die Gnade Gottes und des heiligen Vaters ist vor den Toren.“ Und das Volk bewillkommnete ihn, daß „man hätte nicht wohl Gott selber schöner empfangen und halten können.“ (Dorneth, Luther, S. 102.) Der Handel ging in der Kirche vor sich, Tetzel bestieg die Kanzel und pries die Ablässe als eine kostbare Gabe Gottes. Er erklärte, daß kraft seiner Ablaßzettel dem Käufer alle Sünden, „auch noch so ungeheuerliche, welche der Mensch noch begehen möchte,“ verziehen würden. „Es wäre nicht not, Reue noch Leid oder Buße für die Sünde zu haben.“ Seine Ablässe besäßen Kraft, Lebende und Tote zu retten; wenn einer Geld in den Kasten legte für eine Seele im Fegefeuer, so führe, sobald der Pfennig auf den Boden fiel und klänge, die Seele heraus gen Himmel. (Luthers Werke, Erl., Bd. 26, S. 51 f ., „Wider Hans Wurst.“ Siehe auch Hagenbach, Kirchengesch., Bd. 3, S. 76 f., Leipzig 1887.)
Als Simon Magus sich von den Aposteln die Macht, Wunder zu wirken, erkaufen wollte, antwortete ihm Petrus: „Daß du verdammt werdest mit deinem Gelde, darum daß du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt.“ (Apg. 8,20.) Aber Tetzels Anerbieten wurde von Tausenden gierig ergriffen. Gold und Silber floß in seinen Kasten. Eine Seligkeit, welche mit Geld erkauft werden konnte, war leichter zu erlangen als solche, welche Reue, Glauben und eifrige Anstrengungen erforderte, der Sünde zu widerstehen und sie zu überwinden. (Siehe Anhang.)
Der Ablaßlehre hatten sich schon gelehrte und fromme Männer in der römischen Kirche widersetzt, und es gab viele, welche kein Vertrauen hatten in Behauptungen, die sowohl der Vernunft als der Offenbarung zuwider waren. Kein Prälat wagte es, seine Stimme gegen diesen gottlosen Handel zu erheben; aber die Gemüter der Menschen wurden beunruhigt und ängstlich, und viele forschten ernstlich, ob Gott nicht durch irgendein Werkzeug die Reinigung seiner Kirche bewirken würde.
Luther, obwohl noch immer ein höchst eifriger Anhänger des Papstes, wurde ob den gotteslästerlichen Anmaßungen der Ablaßkrämer mit Entsetzen erfüllt. Viele aus seiner eigenen Gemeinde hatten sich Ablaßbriefe gekauft und kamen bald zu ihrem Beichtvater, bekannten ihre verschiedenen Sünden und erwarteten Freisprechung, nicht weil sie bußfertig waren und sich zu bessern wünschten, sondern auf Grund des Ablasses. Luther verweigerte ihnen die Freisprechung und warnte sie, daß sie, wenn sie nicht Buße täten und ihren Wandel änderten, in ihren Sünden umkommen müßten. In großer Bestürzung suchten sie Tetzel auf und klagten ihm, daß ihr Beichtvater seine Briefe verworfen habe; ja einige forderten kühn die Rückgabe ihres Geldes. Der Mönch wurde mit Wut erfüllt. Er äußerte die schrecklichsten Verwünschungen, ließ etliche mal auf dem Markt ein Feuer anzünden und „beweiste damit, wie er vom Papst Befehl hätte, die Ketzer, die sich wider den Allerheiligsten, den Papst und seinen Allerheiligsten Ablaß legten, zu verbrennen.“ (L. W., Walch, Bd. 15, S. 471.)
Luther trat nun kühn sein Werk als Kämpfer für die Wahrheit an. Seine Stimme wurde von der Kanzel in ernster, feierlicher Warnung gehört. Er zeigte dem Volke das Schädliche der Sünde und lehrte, daß es für den Menschen unmöglich sei, durch seine eigenen Werke die Schuld zu verringern oder der Strafe zu entrinnen. Nichts als Buße vor Gott und der Glaube an Christum könne den Sünder retten. Gottes Gnade könne nicht erkauft werden; sie sei eine freie Gabe. Er riet dem Volke, keine Ablässe zu kaufen, sondern im Glauben auf den gekreuzigten Erlöser zu schauen. Er erzählte seine eigene schmerzliche Erfahrung, da er umsonst gesucht habe, sich durch Demütigung und Buße Erlösung zu verschaffen, und versicherte seinen Zuhörern, daß er Friede und Freude gefunden, als er von sich selbst weggesehen und an Christum geglaubt habe,
Als Tetzel seinen Handel und seine gottlosen Behauptungen fortsetzte, entschloß sich Luther zu einem wirksameren Widerstand gegen diese schreienden Mißbräuche. Bald bot sich hierzu die Gelegenheit. Die Schloßkirche zu Wittenberg war im Besitz vieler Reliquien, welche an gewissen Festtagen für das Volk ausgestellt wurden, und volle Vergebung der Sünden wurde allen gewährt, die dann die Kirche besuchten und beichteten. Demzufolge begab sich viel Volk an diesen Tagen dorthin. Eine der wichtigsten Gelegenheiten, das Fest der „Allerheiligen“, nahte sich. Am vorhergehenden Tage schloß Luther sich der Menge an, die bereits auf dem Wege nach der Kirche war und heftete einen Bogen von 95 Sätzen gegen die Ablaßlehre an die Kirchentür. Er erklärte sich bereit, am folgenden Tage in der Universität diese Sätze gegen alle, die sie angreifen würden, zu verteidigen.
Seine Sätze zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie wurden gelesen und abermals gelesen und in allen Richtungen wiederholt. Eine große Aufregung entstand in der Universität und in der ganzen Stadt. Durch diese Lehrsätze wurde gezeigt, daß die Macht, Vergebung der Sünden zu gewähren und ihre Strafe zu erlassen, nie dem Papst oder irgendeinem anderen Menschen übergeben worden sei. Der ganze Plan sei ein Betrug, ein Kunstgriff, um Geld zu erpressen, indem man den Aberglauben des Volkes ausbeute - eine List Satans, um die Seelen aller zu verderben, welche sich auf seine lügenhaften Vorspiegelungen verlassen würden. Es wurde klar gezeigt, daß das Evangelium Christi der kostbarste Schatz der Kirche ist, und daß die darin offenbarte Gnade Gottes allen frei gewährt wird, welche sie in Reue und Glauben suchen.
Luthers Lehrsätze forderten zur Besprechung heraus; aber niemand wagte es, die Herausforderung anzunehmen. Die von ihm gestellten Fragen hatten sich in wenigen Tagen über ganz Deutschland verbreitet und erschollen in wenigen Wochen durch die ganze Christenheit. Viele ergebene Römlinge, welche die in der Kirche herrschende schreckliche Ungerechtigkeit gesehen und beklagt, aber nicht gewußt hatten, wie sie deren Fortgang aufhalten sollten, lasen die Sätze mit großer Freude und erkannten in ihnen die Stimme Gottes. Sie fühlten, daß der Herr gnädig seine Hand ausgestreckt hatte, um die rasch anschwellende Flut der Verderbnis, welche von dem römischen Stuhl ausging, aufzuhalten. Fürsten und Beamte freuten sich im geheimen, daß der anmaßenden Gewalt, welche behauptete, daß gegen ihre Beschlüsse kein Einwand zu erheben sei, Zügel angelegt werden sollten.
Aber die sündenliebende und abergläubische Menge entsetzte sich, als die Spitzfindigkeiten, welche ihre Furcht beruhigt hatten, hinweggefegt wurden. Verschlagene Geistliche, welche in ihrem Treiben, das Verbrechen zu billigen, unterbrochen wurden und ihren Gewinn gefährdet sahen, gerieten in Wut und vereinigten sich, um ihre Behauptung aufrecht zu erhalten. Der Reformator stieß auf erbitterte Ankläger. Einige beschuldigten ihn, in Übereilung und Leidenschaft gehandelt zu haben. Andere klagten ihn der Vermessenheit an und erklärten, daß er nicht von Gott geleitet werde, sondern aus Stolz und Voreile handle. „Wer kann eine neue Idee vorbringen,“ antwortete er, „ohne einen Anschein von Hochmut, ohne Beschuldigung der Streitlust? . .. Weshalb sind Christus und alle Märtyrer getötet worden? Weil sie stolze Verächter der Wahrheit ihrer Zeit geschienen und neue Ansichten ausgesprochen, ohne die Organe der alten Meinung einmütiglich um Rat zu fragen. Ich will nicht, daß nach Menschen Rat, sondern nach Gottes Rat geschehe, was ich tue; ist das Werk von Gott, wer möcht's hindern, ist's nicht aus Gott, wer möcht's fördern? Es geschehe nicht mein Wunsch, noch ihr, noch euer, sondern dein Wille, Heiliger Vater im Himmel!“ (Luthers Werke, St. L., Bd. 15, S. 394; an Lang, Nov. 11, 1517.)
Obwohl Luther vom Geiste Gottes getrieben worden war, sein Werk zu beginnen, so sollte er es doch nicht ohne schwere Kämpfe fortführen. Die Vorwürfe seiner Feinde, ihre Mißdeutung seiner Absichten und ihre ungerechten und boshaften Bemerkungen über seinen Charakter und seine Beweggründe ergossen sich über ihn gleich einer überschwemmenden Flut und blieben nicht ohne Wirkung. Er hatte zuversichtlich darauf gerechnet, daß die Leiter des Volkes sowohl in der Kirche als auch in der Schule sich ihm bereitwillig in seinen Bemühungen zugunsten der Reformation anschließen würden. Worte der Ermutigung von hochgestellten Persönlichkeiten hatten ihm Freude und Hoffnung eingeflößt. In der Vorempfindung hatte er bereits einen helleren Tag für die Gemeinde anbrechen sehen. Aber die Ermutigung hatte sich in Vorwurf und Verurteilung verwandelt. Viele Würdenträger der Kirche und des Staates waren von der Wahrheit seiner Lehrsätze überzeugt; aber sie sahen bald, daß die Annahme dieser Wahrheiten große Veränderungen in sich schließen würde. Das Volk zu erleuchten und umzugestalten, hieße in Wirklichkeit die Autorität Roms untergraben, Tausende von Strömen, die nun in ihre Schatzkammer flossen, aufhalten und auf diese Weise die Verschwendung und den Aufwand der Führer Roms in hohem Grade beschränken. Noch mehr, das Volk zu lehren, als verantwortliche Wesen zu denken und zu handeln und allein auf Christum zu blicken, um selig zu werden, würde den Thron des Papstes stürzen und am Ende ihre (der Würdenträger) Autorität zugrunde richten. Aus diesem Grunde wiesen sie die von Gott dargebotene Erkenntnis zurück und erhoben sich durch ihren Widerstand gegen Christum und die Wahrheit, indem sie gegen den Mann, welchen Gott zu ihrer Erleuchtung gesandt hatte, Stellung nahmen.
Luther zitterte, als er auf sich sah, „mehr einer Leiche, denn einem Menschen gleich,“ den gewaltigsten Mächten der Erde gegenübergestellt. Zuweilen zweifelte er, ob ihn der Herr in seinem Widerstand wider die Autorität der Kirche wirklich leite. Er schrieb: „Wer war ich elender, verachteter Bruder dazumal, der sich sollte wider des Papstes Majestät setzen, vor welcher die Könige auf Erden und der ganze Erdboden sich entsetzten und allein nach seinen Winken sich mußten richten? Was mein Herz in jenen zwei Jahren ausgestanden und erlitten habe und in welcherlei Demut, ja Verzweiflung, ich da schwebte, ach! da wissen die sichern Geister wenig von, die hernach des Papstes Majestät mit großem Stolz und Vermessenheit angriffen.“ (Seckendorf, Commentarius, 1. Buch, 13. Abschn.). Doch er wurde nicht gänzlich entmutigt; fehlten menschliche Stützen, so schaute er auf Gott und lernte, daß er sich mit vollkommener Sicherheit auf dessen allmächtigen Arm verlassen konnte.
Einem Freund der Reformation schrieb Luther: „Es ist vor allem gewiß, daß man die Heilige Schrift weder durch Studium noch mit dem Verstand erfassen kann. Deshalb ist es zuerst Pflicht, daß du mit dem Gebet beginnst und den Herrn bittest, er möge dir zu seiner Ehre, nicht zu deiner, in seiner großen Barmherzigkeit das wahre Verständnis seiner Worte schenken. Das Wort Gottes wird uns von seinem Urheber ausgelegt, wie er sagt, daß sie alle von Gott gelehrt sind. Hoffe deshalb nichts von deinem Studium und Verstand; vertraue allein auf den Einfluß des Geistes. Glaube meiner Erfahrung.“ (Luthers Werke, St. L., B d. 10, S. 218; Jan. 18, 1518.) Hier haben wir eine Lehre von hochwichtiger Bedeutung für alle, die sich von Gott berufen fühlen, anderen die feierlichen Wahrheiten für die gegenwärtige Zeit vorzuführen. Diese Wahrheiten erregen die Feindschaft Satans und derer, welche die Fabeln lieben, die er erdichtet hat. Zum Kampf mit den bösen Mächten ist mehr vonnöten als Verstandeskraft und menschliche Weisheit.
Beriefen sich die Gegner auf Gebräuche und Überlieferungen oder auf die Behauptungen und die Autorität des Papstes, so trat Luther ihnen mit der Bibel, nur mit der Bibel gegenüber. Hier waren Beweisführungen, die sie nicht widerlegen konnten; deshalb schrien die Sklaven des Formenwesens und des Aberglaubens nach seinem Blut, wie die Juden nach dem Blute Christi geschrien hatten. „Er ist ein Ketzer!“ riefen die römischen Eiferer. „Es ist Hochverrat gegen die Kirche, wenn ein so schändlicher Ketzer noch eine Stunde länger lebt. Errichtet den Scheiterhaufen für ihn!“ (Seckendorf, Commentarius, 1. Buch, 12. Abschn.) Aber Luther fiel ihrer Wut nicht zur Beute. Gott hatte ein Werk für ihn zu tun, und himmlische Engel wurden ausgesandt, ihn zu beschützen. Viele jedoch, die von Luther das köstliche Licht empfangen hatten, wurden ein Gegenstand der Wut Satans und erlitten um der Wahrheit willen furchtlos Marter und Tod.
Luthers Lehren zogen die Aufmerksamkeit denkender Geister in ganz Deutschland auf sich. Seine Predigten und Schriften verbreiteten Lichtstrahlen, welche Tausende erweckten und erleuchteten. Ein lebendiger Glaube nahm die Stelle des toten Formenwesens ein, in welchem die Kirche so lange gehalten worden war. Das Volk verlor täglich mehr das Zutrauen zu den abergläubischen Lehren der römischen Religion. Die Schranken des Vorurteils gaben nach. Das Wort Gottes, nach welchem Luther jede Lehre und jede Behauptung prüfte, war gleich einem zweischneidigen Schwert, das sich seinen Weg zu dem Herzen des Volkes bahnte. Überall erwachte ein Verlangen nach geistigem Fortschritt; überall entstand solch ein Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit, wie man es seit Jahrhunderten nicht gekannt hatte. Die so lange auf menschliche Gebräuche und irdische Vermittler gerichteten Blicke des Volkes wandten sich nun in Reue und Glauben auf Christum, den Gekreuzigten.
Dieses weitverbreitete Heilsverlangen erweckte die Furcht der päpstlichen Autoritäten noch mehr. Luther erhielt eine Aufforderung, in Rom zu erscheinen, um sich gegen die Anklage der Ketzerei zu verantworten. Der Befehl erfüllte seine Freunde mit Schrecken. Sie kannten nur zu gut die Gefahr, welche ihm in jener verderbten, vom Blute der Zeugen Jesu trunkenen Stadt drohte. Sie erhoben Einsprache gegen seine Reise nach Rom und reichten ein Gesuch ein, ihn in Deutschland verhören zu lassen.
Dieses wurde schließlich genehmigt und der päpstliche Gesandte dazu bestimmt, den Fall anzuhören. In den Kajetan mitgeteilten Unterweisungen wurde ausgesagt, daß Luther bereits als Ketzer erklärt worden sei. Der Gesandte wurde deshalb beauftragt, „ihn zu verfolgen und unverzüglich zu verhaften!“ Falls er standhaft bleiben oder der Legat seiner nicht habhaft werden könnte, wurde er bevollmächtigt, ihn an allen Orten Deutschlands zu ächten, zu verbannen, zu verfluchen und alle seine Anhänger in den Bann zu tun. (Luthers Werke, St. L., Bd. 15. S. 443.) Um die Pest der Ketzerei vollständig auszurotten, befahl der Papst seinem Gesandten, alle, ohne Rücksicht auf ihr Amt, mit Ausnahme des Kaisers, in Kirche und Staat in die Acht zu erklären, falls sie es unterließen, Luther und seine Anhänger zu ergreifen und der Rache Roms auszuliefern.
Hier zeigte sich der wahre Geist des Papsttums. Nicht eine Spur christlicher Grundsätze oder auch nur gewöhnlicher Gerechtigkeit war aus dem ganzen Schriftstück ersichtlich. Luther war von Rom weit entfernt; er hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Standpunkt zu erklären oder zu verteidigen, sondern war, bevor sein Fall untersucht worden war, ohne weiteres als Ketzer erklärt und am selben Tage gewarnt, angeschuldigt, gerichtet und verurteilt worden, und zwar von dem anmaßlich Heiligen Vater, der alleinigen höchsten, unfehlbaren Autorität in Kirche und Staat!
Um diese Zeit, da Luther der Liebe und des Rates eines treuen Freundes so sehr bedurfte, sandte Gottes Vorsehung Melanchthon nach Wittenberg. Jung an Jahren, bescheiden und zurückhaltend in seinem Benehmen, gewannen Melanchthons gesundes Urteil, umfassendes Wissen und gewinnende Beredsamkeit im Verein mit der Reinheit und Redlichkeit seines Charakters ihm allgemeine Bewunderung und Achtung. Seine glänzenden Talente waren nicht bemerkenswerter als die Sanftmut seines Gemüts. Er wurde bald ein eifriger Jünger des Evangeliums und Luthers vertrautester Freund und geschätzte Stütze; seine Sanftmut, Vorsicht und Genauigkeit ergänzten Luthers Mut und Tatkraft. Ihr vereintes Wirken gab der Reformation Kraft und war für Luther eine Quelle großer Ermutigung.
Augsburg war als der Ort des Verhörs festgesetzt worden, und der Reformator trat die Reise zu Fuß an. Ernste Befürchtungen wurden seinetwegen gehegt. Man hatte, ihn öffentlich bedroht, ihn auf dem Wege zu ergreifen und zu ermorden, und seine Freunde baten ihn, sich dem nicht auszusetzen. Sie drangen sogar in ihn, Wittenberg für eine Zeitlang zu verlassen und sich dem Schutz derer anzuvertrauen, welche ihn bereitwillig beschirmen würden. Er aber wollte die Stelle nicht verlassen, wo Gott ihn hingestellt hatte. Ungeachtet der übrigen hereinbrechenden Stürme mußte er getreulich die Wahrheit aufrechterhalten. Er sagte sich.: „Ich bin mit Jeremia gänzlich der Mann des Haders und der Zwietracht; ... je mehr sie drohen, desto freudiger bin ich, ... mein Name und Ehre muß auch jetzt gut herhalten; also ist mein schwacher und elender Körper noch übrig, wollen sie den hinnehmen, so werden sie etwas um ein paar Stunden Leben ärmer machen, aber die Seele werden sie mir doch nicht nehmen; ... wer Christi Wort in die Welt tragen will, muß mit den Aposteln stündlich gewärtig sein, mit Verlassung und Verleugnung aller Dinge den Tod zu leiden.“ (Ebd., S. 2377; Juli 10, 1518.)
Die Nachricht von Luthers Ankunft in Augsburg erfüllte den päpstlichen Gesandten mit großer Genugtuung. Der unruhestiftende Ketzer, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte, schien nun in der Gewalt Roms zu sein, und der Legat war entschlossen, ihn nicht entrinnen zu lassen. Der Reformator hatte versäumt, sich mit einem Sicherheitsgeleit zu versehen. Seine Freunde überredeten ihn, nicht ohne ein solches vor dem Gesandten zu erscheinen und unternahmen es, ihm eins vom Kaiser zu verschaffen. Der Legat hatte die Absicht, Luther, wenn möglich, zum Widerrufen zu zwingen oder, falls ihm dies nicht gelang, ihn nach Rom bringen zu lassen, damit er dort das Schicksal eines Hus und Hieronymus teile. Deshalb versuchte er durch seine Werkzeuge Luther zu bewegen, ohne ein Sicherheitsgeleit zu erscheinen und sich seiner Gnade anzuvertrauen. Der Reformator weigerte sich jedoch, dies zu tun und erschien nicht vor dem päpstlichen Gesandten, bis er das Schriftstück, welches ihm den Schutz des Kaisers verbürgte, erhalten hatte.
Aus Staatsklugheit hatten sich die Römlinge entschlossen, Luther durch einen Anschein von Wohlwollen zu gewinnen. Der Legat zeigte in seinen Unterredungen mit ihm eine große Freundlichkeit, verlangte aber, daß Luther sich der Autorität der Kirche bedingungslos unterwerfe und in jedem Punkt ohne Beweis oder Frage nachgebe. Er hatte den Charakter des Mannes, mit dem er verhandelt hatte, nicht richtig eingeschätzt. Luther drückte in Erwiderung seine Achtung gegen die Kirche aus, sein Verlangen nach der Wahrheit, seine Bereitwilligkeit, alle Einwände gegen das, was er gelehrt hatte, zu beantworten und seine Lehren dem Entscheid gewisser tonangebender Universitäten zu unterbreiten. Gleichzeitig aber protestierte er gegen die Verfahrensweise des Kardinals, von ihm einen Widerruf zu verlangen, ohne ihm den Irrtum bewiesen zu haben.
Die einzige Antwort war: „Widerrufe! Widerrufe!“ Der Reformator berief sich auf die Heilige Schrift und erklärte bestimmt, daß er die Wahrheit nicht aufgeben könne. Der Legat, welcher den Beweisführungen Luthers nicht gewachsen war, überhäufte ihn so mit Vorwürfen, Sticheleien und Schmeichelei, vermengt mit Anführungen aus den päpstlichen Bullen und den Vätern, daß der Reformator überhaupt nicht recht zum Worte kam. Luther, der die Nutzlosigkeit einer derartigen Unterredung sah, erhielt schließlich die mit Widerstreben erteilte Erlaubnis, seine Verteidigung schriftlich einzureichen.
Dadurch erzielte Luther trotz seiner Bedrückung einen doppelten Gewinn. Er konnte seine Verteidigung der ganzen Welt zur Beurteilung unterbreiten und auch besser durch eine wohl gesetzte Schrift auf das Gewissen und die Furcht eines anmaßenden und geschwätzigen Tyrannen einwirken, der ihn immer wieder überschrie. (Ebd., Erl., Bd. 17, S. 209; Bd. 53, 3f.) Bei der nächsten Zusammenkunft gab Luther eine klare, gedrängte und eindrucksvolle Erklärung, die er durch viele Schriftstellen begründete, und überreichte sie dem Kardinal, nachdem er sie laut vorgelesen hatte. Dieser warf sie jedoch verächtlich beiseite mit der Bemerkung, sie enthalte nur eine Menge unnützer Worte und unzutreffender Schriftstellen. Luther, nun auch völlig wach, begegnete dem herrischen Prälaten auf seinem eigenen Gebiet - den Überlieferungen und Lehren der Kirche - und widerlegte völlig seine Darlegungen.
Der Prälat sah, daß Luthers Gründe unwiderlegbar waren, verlor seine Selbstbeherrschung und rief schließlich nur voll Wut: „Widerrufe!“ Wenn Luther dies nicht sofort tue oder in Rom sich seinen Richtern stelle, so werde er über ihn und alle, die ihm gewogen seien, den Bannfluch und über alle, zu denen er sich hinwenden werde, das kirchliche Interdikt verhängen. Zuletzt erhob sich der Kardinal mit den Worten: „Gehe! Widerrufe oder komme mir nicht wieder vor die Augen.“ (Ebd., Erl., Bd. 64 S. 364; Bd. 62 S. 72.)
Der Reformator zog sich sofort mit seinen Freunden zurück und gab deutlich zu verstehen, daß man keinen Widerruf von ihm erwarten könne. Dies entsprach keineswegs der Hoffnung des Kardinals. Er hatte sich geschmeichelt, Luther mit Gewalt und Einschüchterung unterwürfig zu machen. Jetzt mit seinen Gönnern allein gelassen, blickte er von dem einen zum andern im höchsten Ärger über das unerwartete Mißlingen seiner Anschläge.
Luthers Bemühungen bei diesem Anlaß waren nicht ohne gute Folgen. Die anwesende große Versammlung hatte Gelegenheit, die beiden Männer zu vergleichen und selbst ein Urteil zu fällen über den Geist, der sich in ihnen offenbarte, und über die Stärke und die Wahrhaftigkeit ihrer Stellungen. Wie bezeichnend der Unterschied! Der Reformator, einfach, bescheiden, entschieden, stand da in der Kraft Gottes, die Wahrheit auf seiner Seite; der Vertreter des Papstes, eingebildet, anmaßend, hochmütig und unverständig, ohne einen einzigen Beweis aus der Heiligen Schrift, laut schreiend: „Widerrufe oder du wirst nach Rom geschickt, um die verdiente Strafe zu erleiden!“
Trotzdem Luther sich ein Sicherheitsgeleit verschafft hatte, planten die Römlinge, ihn zu ergreifen und einzukerkern. Seine Freunde baten ihn dringend, da es für ihn nutzlos sei, seinen Aufenthalt zu verlängern, ohne Aufschub nach Wittenberg zurückzukehren, wobei die äußerste Vorsicht beobachtet werden müsse, um seine Absichten zu verbergen. Demgemäß verließ er Augsburg vor Tagesanbruch zu Pferde, nur von einem Führer, der ihm vom Stadtoberhaupt zur Verfügung gestellt war, begleitet. Unter trüben Ahnungen nahm er heimlich seinen Weg durch die dunklen und stillen Straßen der Stadt; sannen doch wachsame und grausame Feinde auf seinen Untergang! Würde er den ihm gelegten Schlingen entrinnen? Dies waren Augenblicke der Besorgnis und des ernsten Gebetes. Er erreichte ein kleines Tor in der Stadtmauer. Man öffnete ihm, und ohne Hindernis zog er mit seinem Führer hinaus. Sicher außerhalb des Stadtbezirks beschleunigten die Flüchtlinge ihren Ritt, und ehe noch der Legat Kenntnis von Luthers Abreise erhielt, war dieser außer dem Bereich seiner Verfolger. Satan und seine Abgesandten waren überlistet. Der Mann, den sie in ihrer Gewalt glaubten, war entkommen wie der Vogel den Schlingen des Voglers.
Die Nachricht von Luthers Flucht versetzte den Legaten in Überraschung und Ärger. Er hatte erwartet, für die Klugheit und Entschiedenheit in seinem Verfahren mit diesem Unruhestifter der Kirche große Ehre zu empfangen; fand sich jedoch in seiner Hoffnung enttäuscht. Er gab seinem Zorn in einem Briefe an Friedrich, den Kurfürsten von Sachsen, Ausdruck, indem er Luther bitter anschuldigte und verlangte, daß Friedrich den Reformator nach Rom senden oder aus Sachsen verbannen solle.
Zu seiner Rechtfertigung verlangte Luther, daß der Legat oder der Papst ihn seiner Irrtümer aus der Heiligen Schrift überführe, und verpflichtete sich höchst feierlich, seine Lehren zu widerrufen, falls erwiesen werden könnte, daß sie dem Worte Gottes widersprächen. Er drückte auch Gott seine Dankbarkeit aus, daß er würdig erachtet worden sei, um einer so heiligen Sache willen zu leiden.
Der Kurfürst hatte bis dahin nur eine geringe Kenntnis von den reformierten Lehren; aber die Aufrichtigkeit, die Kraft und die Klarheit der Worte Luthers machten einen tiefen Eindruck auf ihn, und er beschloß, solange als des Reformators Beschützer aufzutreten, bis dieser des Irrtums überführt werden könnte. In Antwort auf die Forderung des Legaten schrieb er: „Weil der Doktor Martinus vor euch zu Augsburg erschienen ist, so. könnt ihr zufrieden sein. Wir haben nicht erwartet, daß ihr ihn, ohne ihn widerlegt zu haben, zum Widerruf zwingen wollt. Kein Gelehrter in unsern Fürstentümern hat behauptet, daß die Lehre Martins gottlos, unchristlich und ketzerisch sei.“ (L. W., Erl., lat., Bd. 33, S. 409 f. Siehe auch D'Aubigné, 4. Buch, 10. Absch.) Der Fürst weigerte sich, Luther nach Rom zu schicken oder ihn aus seinem Lande zu vertreiben.
Der Kurfürst sah, daß ein allgemeiner Zusammenbruch der sittlichen Schranken der Gesellschaft im Gange war. Ein großes Reformationswerk war Bedürfnis. Die verwickelten und kostspieligen Einrichtungen zur Verhinderung und Bestrafung des Verbrechens würden unnötig sein, wenn die Menschen Gottes Gebote und die Vorschriften eines erleuchteten Gewissens anerkennten und ihnen Gehorsam leisteten. Er erkannte, daß Luther daraufhin arbeitete, dieses Ziel zu erreichen, und er freute sich heimlich, daß sich ein besserer Einfluß in der Kirche fühlbar machte.
Er sah auch, daß Luther als Professor an der Universität ungemein erfolgreich war. Nur ein Jahr war verstrichen, seitdem der Reformator seine Sätze an die Schloßkirche angeschlagen hatte; dennoch hatte die Zahl der Pilger, welche die Kirche bei Anlaß des Allerheiligenfestes besuchten, bedeutend abgenommen. Rom war seiner Anbeter und Opfergaben beraubt worden; aber ihr Platz wurde von einer anderen Klasse eingenommen, die jetzt nach Wittenberg kam - nicht etwa Pilger, um hier Reliquien zu verehren, sondern Studenten, um die Lehrsäle zu füllen. Luthers Schriften hatten überall ein neues Verlangen nach der Heiligen Schrift wachgerufen, und nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus anderen Ländern strömten Studenten der Universität zu. Jünglinge, die zum ersten Male der Stadt Wittenberg ansichtig wurden, „erhoben die Hände gen Himmel, lobten Gott, daß er wie einst in Zion dort das Licht der Wahrheit leuchten lasse und es in die fernsten Lande schicke.“ (Scultet. Annal. 1, 17.)
Luther war erst teilweise von den Irrtümern Roms bekehrt. Als er aber Gottes Wort mit den päpstlichen Erlassen verglich, schrieb er voll Erstaunen: „Ich gehe die Dekrete der Päpste für meine Disputation durch und bin - ich sage dir's ins Ohr - ungewiß, ob der Papst der Antichrist selbst ist oder ein Apostel des Antichristen; elendiglich wird Christus, d. h. die Wahrheit von ihm in den Dekreten gekreuzigt.“ (L. W., St. L., Bd. 21a, S 156; März 13, 1519.) Noch immer war Luther ein Anhänger der römischen Kirche und dachte nicht daran, sich von ihrer Gemeinschaft zu trennen.
Die Schriften und Lehren des Reformators gingen zu allen Nationen der Christenheit. Das Werk dehnte sich bis zur Schweiz und nach Holland aus. Abschriften seiner Werke fanden ihren Weg nach Frankreich und Spanien. In England wurden seine Lehren als das Wort des Lebens aufgenommen. Auch nach Belgien und Italien drang die Wahrheit. Tausende erwachten aus ihrem todesähnlichen Schlaf zu der Freude und Hoffnung eines Glaubenslebens.
Rom wurde über die Angriffe Luthers mehr und mehr aufgebracht, und einige seiner fanatischen Gegner, sogar Doktoren katholischer Universitäten, erklärten, daß Luthers Ermordung keine Sünde sei. Eines Tages näherte sich dem Reformator ein Fremder, der eine Pistole unter dem Mantel verborgen hatte und ihn fragte, warum er so allein gehe. „Ich stehe in Gottes Hand,“ antwortete Luther. „Er ist meine Kraft und mein Schild. Was kann mir ein Mensch tun?“ (Neith, Umstände, S. 89; L. W., St. L., Bd. 15, S. 444.) Als der Unbekannte diese Worte hörte, erblaßte er und floh wie vor der Gegenwart himmlischer Engel.
Rom war auf die Vernichtung Luthers erpicht; aber Gott war seine Verteidigung. Seine Lehren wurden überall vernommen, „in Hütten und Klöstern,... in Ritterburgen, in Akademien und königlichen Palästen“; und edle Männer erhoben sich auf allen Seiten, um seine Anstrengungen zu unterstützen.
Um diese Zeit las Luther Hus' Werke, und da er dabei fand, daß auch der böhmische Reformator die große Wahrheit der Rechtfertigung durch den Glauben hochgehalten hatte, schrieb er: „Ich habe unbewußt bisher alle seine Lehren vorgetragen und behauptet... Wir sind Hussiten, ohne es zu wissen; schließlich sind auch Paulus und Augustin bis aufs Wort Hussiten.“ „Ich weiß vor starrem Staunen nicht, was ich denken soll, wenn ich die schrecklichen Gerichte Gottes in der Menschheit sehe, daß die offenkundige evangelische Wahrheit schon über hundert Jahre lang öffentlich verbrannt ist und für verdammt gilt.“ (Ebd., Bd. 21a, S. 239; Febr. 1520.)
In einem Aufruf an den Kaiser und den Adel deutscher Nation zur Besserung des christlichen Standes schrieb Luther über den Papst: „Es ist greulich und erschrecklich anzusehen, daß der Oberste in der Christenheit, der sich Christi Statthalter und Petri Nachfolger rühmt, so weltlich und prächtig fährt, daß ihm darinnen kein König, kein Kaiser mag erlangen und gleich werden ... Gleicht sich das mit dem armen Christo und St. Peter, so ist's ein neu Gleichen.“ „Sie sprechen, er sei ein Herr der Welt. Das ist erlogen. Denn Christus, des Statthalter und Amtmann er sich rühmet, sprach vor Pilato: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Es kann je kein Statthalter weiter regieren, denn sein Herr“. (L. W., Erl. Bd. 21, S. 292. 293. 350. 351. Siehe auch D'Aubigné, 6. Buch, 3. Kap., S. 77, Stuttgart, 1848.)
Von den Universitäten schrieb er folgendes: „Ich habe große Sorge, die hohen Schulen seien große Pforten der Hölle, so sie nicht emsiglich, die Heilige Schrift üben und treiben ins junge Volk.“ „Wo aber die Heilige Schrift nicht regiert, da rate ich fürwahr niemand, daß er sein Kind hin tue. Es muß verderben alles, was nicht Gottes Wort ohne Unterlaß treibt.“ D'Aubigné, ebd., S. 81 .)
Dieser Aufruf verbreitete sich mit Windesschnelle über ganz Deutschland und übte einen mächtigen Einfluß auf das Volk aus. Die ganze Nation war in Aufregung, und ganze Scharen wurden angetrieben, sich um die Fahne der Reformation zu sammeln. Luthers Gegner, voller Rachegelüste, drangen in den Papst, entscheidende Maßregeln gegen ihn zu treffen. Es wurde beschlossen, daß seine Lehren sofort verdammt werden sollten. Sechzig Tage wurden dem Reformator und seinen Anhängern gewährt, nach welcher Zeit alle, falls sie nicht widerriefen, aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden sollten.
Dies war die Zeit einer großen Entscheidung für die Reformation. Jahrhundertelang hatte Roms Richterspruch des Kirchenbanns mächtigen Monarchen Schrecken eingeflößt, hatte gewaltige Reiche mit Elend und Verwüstung erfüllt. Alle, auf die sein Fluch fiel, wurden allgemein mit Furcht und Entsetzen angesehen; sie wurden von dem Verkehr mit ihren Genossen ausgeschlossen und als Geächtete behandelt, die man hetzen müsse, bis sie ausgerottet seien. Luther war nicht blind für den auf ihn losbrechenden Sturm; aber er stand fest, vertrauend, daß Christus sein Helfer und sein Schirm sei. Mit dem Glauben und Mut eines Märtyrers schrieb er: „Wie soll es werden? Ich bin blind für die Zukunft und nicht darum besorgt sie zu wissen. ... Wohin der Schlag fällt, wird mich ruhig lassen. ... Kein Baumblatt fällt auf die Erde ohne den Willen des Vaters, wieviel weniger wir. ... Es ist ein geringes, daß wir um des Worts willen sterben oder umkommen, da er selbst im Fleisch zuerst für uns gestorben ist. Also werden wir mit demselben aufstehen, mit welchem wir umkommen und mit ihm durchgegangen, wo er zuerst durchgegangen ist, daß wir endlich dahin kommen, wohin er auch gekommen ist und bei ihm bleiben ewiglich.“ (L. W., St. L., Bd. 15, S. 299; 1. Okt. 1529. Siehe auch D'Aubigné, 6. Buch, 9. Kap., S. 113, Stuttgart, 1848.)
Als die Bulle Luther erreichte, schrieb er: „Endlich ist die römische Bulle mit Eck angekommen. ... Ich verlache sie nur und greife sie jetzt als gottlos und lügenhaft ganz Eckianisch an. Ihr seht, daß Christus selbst darin verdammt werde. .... Ich freue mich aber doch recht herzlich, daß mir um der besten Sache willen Böses widerfahre. ... Ich bin nun viel freier, nachdem ich gewiß weiß, daß der Papst als der Antichrist und des Satans Stuhl offenbarlich erfunden sei.“ (L. W., ebd., S. 1475; 12. Okt. 1520.)
Doch das Urteil Roms blieb nicht wirkungslos. Gefängnis, Folter und Schwert erwiesen sich als mächtige Waffen, um den Gehorsam zu erzwingen. Schwache und Abergläubische erzitterten vor dem Erlaß des Papstes. Während man allgemeine Teilnahme für Luther bekundete, schätzten doch viele ihr Leben als zu kostbar, um es für die Reformation zu wagen. Alles deutete darauf hin, daß das Werk des Reformators sich seinem Abschluß nahe.
Luther verblieb aber noch immer furchtlos. Rom hatte seine Bannflüche gegen ihn geschleudert, und die Welt schaute zu in der sicheren Erwartung, daß er verderben oder sich unterwerfen müsse. Doch mit einer schrecklichen Gewalt schleuderte er das Verdammungsurteil auf seinen Urheber zurück und erklärte öffentlich seinen Entschluß, auf immer mit Rom zu brechen. In Gegenwart einer Menge Studenten, Gelehrten und Bürgersleuten jeglichen Ranges verbrannte Luther die päpstliche Bulle, auch die Dekretalien und andere Schriftstücke seiner Gegner, welche Roms Macht unterstützten. Er begründete sein Vorgehen mit den Worten: „Dieweil durch ihr solch Bücherverbrennen der Wahrheit einen großen Nachteil und bei dem schlechten, gemeinen Volke ein Wahn dadurch erfolgen möchte zu vieler Seelen Verderben, habe ich... der Widersacher Bücher wiederum verbrannt.“ „Es sollen diese ein Anfang des Ernstes sein; denn ich bisher doch nur gescherzt und gespielt habe mit des Papstes Sache. Ich habe es in Gottes Namen angefangen; hoffe, es sei an der Zeit, daß es auch in demselben ohne mich sich selbst ausführe.“ (L. W., Erl., Bd. 24, S. 153. 162.)
Auf die Vorwürfe seiner Feinde, welche ihn mit der Schwäche seiner Sache stichelten, erwiderte Luther: „Wer weiß, ob mich Gott dazu berufen und erweckt hat und ihnen zu fürchten ist, daß sie nicht Gott in mir verachten.“ „Mose war allein im Ausgang von Ägypten, Elia allein zu König Ahabs Zeiten, Elisa auch allein nach ihm; Jesaja war allein in Jerusalem. ... Hesekiel allein zu Babylon.“ „Dazu hat er noch nie den obersten Priester oder andere hohe Stände zu Propheten gemacht; sondern gemeiniglich niedrige, verachtete Personen auferweckt, auch zuletzt den Hirten Amos. ... Also haben die lieben Heiligen allezeit wider die Obersten, Könige, Fürsten, Priester, Gelehrten predigen und schelten müssen, den Hals daran wagen und lassen.“ „Ich sage nicht, daß ich ein Prophet sei; ich sage aber, daß ihnen so vielmehr zu fürchten ist, ich sei einer,... so bin ich jedoch gewiß für mich selbst, daß das Wort Gottes bei mir und nicht bei ihnen ist.“ (Ebd., S. 55. 56.)
Es geschah jedoch nicht ohne einen schrecklichen inneren Kampf, daß sich Luther zu einer schließlichen Trennung von Rom entschloß. Ungefähr um diese Zeit schrieb er: „Ich empfinde täglich bei mir, wie gar schwer es ist, langwährige Gewissen, und mit menschlichen Satzungen gefangen, abzulegen. 0 wie mit viel großer Mühe und Arbeit, auch durch gegründete heilige Schrift, habe ich mein eigen Gewissen kaum können rechtfertigen, daß ich einer allein wider den Papst habe dürfen auftreten, ihn für den Antichrist halten. ... Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft, und mir vorgeworfen ihr einig stärkstes Argument: Du bist allein klug? Sollten die anderen alle irren, und so eine lange Zeit geirrt haben? Wie, wenn du irrst und so viele Leute in den Irrtum verführest, welche alle ewiglich verdammt würden? Bis so lang, daß mich Christus mit seinem einigen gewissen Wort befestigt und bestätigt hat, daß mein Herz nicht mehr zappelt.“ (Ebd., Bd. 53, S. 93. 94. Siehe auch Martyn, Leben und Zeiten Luthers, S - 372. 373 .)
Der Papst hatte Luther den Kirchenbann angedroht, falls er nicht widerrufen wollte, und die Drohung wurde jetzt ausgeführt. Eine neue Bulle erschien, welche die schließliche Trennung des Reformators von der römischen Kirche ankündigte, ihn als vom Himmel verflucht erklärte und in dieselbe Verdammung alle einschloß, die seine Lehren annehmen würden. Der große Kampf war völlig angetreten worden.
Widerstand ist das Schicksal aller, welche Gott benutzt, um Wahrheiten, welche eine besondere Anwendung auf ihre Zeit haben, zu verkündigen. Es gab eine gegenwärtige Wahrheit in den Tagen Luthers - eine Wahrheit, die zu jener Zeit von besonderer Wichtigkeit war; es gibt auch eine gegenwärtige Wahrheit für die heutige Kirche. Ihm, der alles nach dem Rat seines Willens vollzieht, hat es gefallen, die Menschen in verschiedene Verhältnisse zu bringen und ihnen Pflichten aufzuerlegen, die der Zeit, in der sie leben, und den Umständen, in denen sie sich befinden, entsprechen. Würden sie das ihnen verliehene Licht wertschätzen, so würde ihnen auch die Wahrheit in größerem Maße offenbart werden. Aber die Mehrzahl begehrt die Wahrheit heutzutage ebensowenig wie damals die Römlinge, die Luther widerstanden. Es besteht noch heute dieselbe Neigung, menschliche Theorien und Überlieferungen, anstatt des Wortes Gottes anzunehmen wie in früheren Zeiten. Die, welche die Wahrheit für diese Zeit bringen, dürfen nicht erwarten, eine günstigere Aufnahme zu finden als die früheren Reformatoren. Der große Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Christo und Satan, wird bis zum Schluß der Geschichte dieser Welt an Heftigkeit zunehmen.
Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt. Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: 'Der Knecht ist nicht größer, denn sein Herr.' Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“ (Joh. 15, 19.20.) Anderseits erklärte unser Heiland deutlich: „Wehe euch, wenn euch jedermann wohl redet! Desgleichen taten ihre Väter den falschen Propheten auch.“ (Luk. 6, 26.) Der Geist der Welt steht heute nicht mehr in Übereinstimmung mit dem Geiste Christi als in früheren Zeiten; und wer das Wort Gottes in seiner Reinheit verkündigt, wird heute nicht willkommener sein als damals. Die Art und Weise des Widerstands gegen die Wahrheit mag sich verändern, die Feinschaft mag weniger offen sein, weil sie verschlagener ist; aber die nämliche Feindschaft besteht noch und wird sich bekunden bis zum Ende der Zeit.
KAPITEL 8
LUTHER VOR DEM REICHSTAG
Ein neuer Kaiser, Karl V., hatte den Thron Deutschlands bestiegen, und die römischen Legaten beeilten sich, ihre Glückwünsche darzubringen und den Monarchen zu bewegen, seine Macht gegen die Reformation anzuwenden. Auf der anderen Seite ersuchte ihn der Kurfürst von Sachsen, dem der Kaiser zum großen Teil seine Krone verdankte, keine Schritte gegen Luther zu unternehmen, bevor er ihm Gehör verliehen hätte. Der Kaiser sah sich auf diese Weise in eine sehr schwierige Lage versetzt. Die Römlinge würden mit nichts Geringerem als einem kaiserlichen Erlaß, der Luther zum Tode verurteilte, zufrieden sein. Der Kurfürst hatte bestimmt erklärt, ihm sei weder von kaiserlicher Majestät noch von sonst jemand nachgewiesen worden, daß Luthers Schriften widerlegt seien; er verlange deshalb, daß Luther unter sicherem Geleite vor gelehrten, frommen und unparteiischen Richtern erscheine. (Köstlin, Luther, S. 365f., 398; Elberf., 1883.)
Die Aufmerksamkeit aller Parteien wurde nun auf die Versammlung der deutschen Staaten gerichtet, welche kurz nach dem Karl den kaiserlichen Thron bestiegen hatte, in Worms tagte. Wichtige politische Fragen und Gegenstände sollten auf dieser Nationalberatung erörtert werden; zum ersten Mal sollten die deutschen Fürsten ihrem jugendlichen Monarchen auf einer Ratsversammlung begegnen. Aus allen Teilen des Vaterlandes hatten sich die Würdenträger der Kirche und des Staates eingefunden. Weltliche Herren vom Adel, gewaltig und eifersüchtig auf ihre Erbrechte; Kirchenfürsten, stolz in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit in Rang und Macht; galante Ritter und ihr bewaffnetes Gefolge; Gesandte von fremden und fernen Ländern - alle versammelten sich in Worms. Und auf dieser ungeheuren Versammlung war der Gegenstand, der die größte Aufmerksamkeit erregte, die Sache des sächsischen Reformators
Karl hatte zuvor den Kurfürsten angewiesen, Luther mit sich auf den Reichstag zu bringen; er hatte ihm des Schutzes versichert und ihm eine freie Erörterung mit maßgebenden Personen zugesagt, um die strittigen Punkte zu besprechen. Luther wartete mit Spannung auf sein Erscheinen vor dem Kaiser. Seine Gesundheit hatte zu jener Zeit sehr gelitten; doch schrieb er an den Kurfürsten: „Ich werde, wenn man mich ruft, kommen, so weit an mir liegt, ob ich mich auch krank müßte hinfahren lassen, denn man darf nicht zweifeln, daß ich vom Herrn gerufen werde, wenn der Kaiser mich ruft. Greifen sie zur Gewalt, wie es wahrscheinlich ist - denn dazu, um belehrt zu werden, lassen sie mich nicht rufen -, so muß man dem Herrn die Sache befehlen; dennoch lebt und regiert derselbige, der die drei Knaben im Feuerofen des Königs von Babylon erhalten hat. Will er mich nicht erhalten, so ist's um meinen Kopf eine geringe Sache,... man muß nur dafür sorgen, daß wir das Evangelium, das wir begonnen, den Gottlosen nicht zum Spott werden lassen,... wir wollen lieber unser Blut dafür vergießen. Wir können nicht wissen, ob durch unser Leben oder unsern Tod dem allgemeinen Wohle mehr genützt werde; ... nimm von mir alles, nur nicht, daß ich fliehe oder widerrufe: fliehen will ich nicht, widerrufen noch viel weniger.“ (L. W., St. L., B d - 15, S. 1885f ., Dez. 21. 1520.)
Als sich zu Worms die Nachricht verbreitete, daß Luther vor dem Reichstag erscheinen sollte, rief sie eine allgemeine Aufregung hervor. Aleander, der päpstliche Gesandte, dem der Fall besonders anvertraut worden war, geriet in Unruhe und Wut. Er sah, daß die Folgen für die päpstliche Sache verhängnisvoll werden würden. Eine Untersuchung anzustellen in einem Falle, in welchem der Papst bereits das Verdammungsurteil ausgesprochen hatte, hieße die Autorität des unumschränkten Priesterfürsten geringschätzen. Auch befürchtete er, daß die beredten und gewaltigen Beweisführungen dieses Mannes viele der Fürsten von der Sache des Papstes abwendig machen könnten. Er erhob deshalb vor Karl auf die dringlichste Weise Einwendungen gegen das Erscheinen Luthers in Worms. Ungefähr um diese Zeit wurde die Bulle, welche Luthers Ausschließung erklärte, veröffentlicht, und dies, zusammen mit den Vorstellungen des Legaten, veranlaßte den Kaiser, nachzugeben. Er schrieb dem Kurfürsten, daß, wenn Luther nicht widerrufen wolle, er zu Wittenberg bleiben müsse.
Nicht zufrieden mit diesem Siege wirkte Aleander mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht und Schlauheit daraufhin, Luthers Verurteilung zu erreichen. Mit einer Beharrlichkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, lenkte er die Aufmerksamkeit der Fürsten, Prälaten und anderer Mitglieder der Versammlung auf die Sache, indem er den Reformator des Aufstandes, der Empörung, Gottlosigkeit und Gotteslästerung anschuldigte. Aber die Heftigkeit und Leidenschaft, welche der Legat an den Tag legte, zeigten nur zu deutlich, von welchem Geist er getrieben wurde. Man fühlte allgemein, „es sei mehr Neid und Rachelust als Eifer der Frömmigkeit, die ihn aufreizten.“ (Cochlaeus J., „De actis et scriptis M. Lutheri,“ S. 27-29, Paris, 1565.) Die Mehrzahl der Reichsstände war geneigter als je, Luthers Sache günstig zu beurteilen.
Mit doppeltem Eifer drang Aleander in den Kaiser, daß es seine Pflicht sei, die päpstlichen Erlasse auszuführen. Dies konnte jedoch unter den bestehenden deutschen Gesetzen nicht ohne die Zustimmung der Fürsten getan werden; und schließlich der Zudringlichkeit des Legaten unterliegend, gestattete ihm Karl, seine Sache vor den Reichstag zu bringen. „Es war ein stolzer Tag für den Nuntius. Die Versammlung war groß; noch größer war die Sache. Aleander sollte für Rom, die Mutter und Herrin aller Kirchen, das Wort führen.“ Er sollte vor den versammelten Machthabern der Christenheit das Fürstentum Petri rechtfertigen. „Er hatte die Gabe der Beredsamkeit und zeigte sich der Erhabenheit des Anlasses gewachsen. Die Vorsehung wollte es, daß Rom vor dem erlauchtesten Tribunal erscheinen und seine Sache durch den begabtesten seiner Redner vertreten werden sollte, ehe es verdammt würde.“ (Wylie, History of Protestantism, 6. Buch, 4. Kap.)
Mit Besorgnis sahen die Gönner des Reformators der Wirkung der Rede Aleanders entgegen. Der Kurfürst von Sachsen war nicht zugegen, doch wohnten nach seiner Bestimmung etliche seiner Räte bei, um die Ansprache des Nuntius zu berichten.
Aleander bot alle Gelehrsamkeit und Beredsamkeit auf, die Wahrheit zu stürzen. Beschuldigung auf Beschuldigung schleuderte er gegen Luther als einen Feind der Kirche und des Staates, der Lebenden und der Toten, der Geistlichkeit und der Laien, der Konzilien und der einzelnen Christen. Er sagte, in Luthers Schriften seien so viele Irrtümer, daß hunderttausend Ketzer ihrethalben verbrannt werden könnten.
Zum Schluß versuchte er, die Anhänger der Reformation verächtlich zu machen. „Wie viel zahlreicher, gelehrter und an jenen Gaben, welche im Wettstreit den Ausschlag geben, überlegener ist doch die katholische Partei! Die berühmtesten Universitäten haben Luther verurteilt. Wer dagegen sind diese Lutheraner? Ein Haufe unverschämter Grammatiker, verderbter Priester, unordentlicher Mönche, unwissender Advokaten, entarteter Adeliger und verführten Pöbels. Ein einstimmiger Beschluß dieser erlauchten Versammlung wird die Einfältigen belehren, die Unklugen warnen, die Schwankenden befestigen und die Schwachen kräftigen.“ (Pallavicini, 1. Buch, 25. Kap., S. 111.)
Mit solchen Waffen sind die Verteidiger der Wahrheit zu jeder Zeit angegriffen worden. Dieselben Beweise werden noch immer gegen alle vorgebracht, welche es wagen, im Gegensatz zu den eingebürgerten Irrtümern die klaren und deutlichen Lehren des Wortes Gottes zu zeigen. Wer sind diese Prediger neuer Lehren? Rufen diejenigen aus, welche eine volkstümliche Religion begehren. Es sind Ungebildete, gering an Zahl und aus dem ärmeren Stande; doch behaupten sie, die Wahrheit zu haben und das auserwählte Volk Gottes zu sein. Sie sind unwissend und betrogen. Wieviel steht unsere Kirche an Zahl und Einfluß über ihnen! Wie viele gelehrte und große Männer sind in unseren Reihen, wieviel mehr Macht auf unserer Seite! Dies sind Beweise, welche einen entscheidenden Einfluß auf die Welt haben, aber jetzt nicht folgerichtiger sind als in den Tagen des Reformators.
Die Reformation endete nicht mit Luther, wie viele annehmen; sie muß bis zum Ende der Geschichte dieser Welt fortgesetzt werden. Luthers großes Werk bestand darin, das Licht, das Gott auf ihn scheinen ließ, auf andere widerstrahlen zu lassen; doch hatte er nicht alles Licht empfangen, welches der Welt mitgeteilt werden sollte. Von jener Zeit an bis heute hat ununterbrochen neues Licht auf die Heilige Schrift geschienen, und neue Wahrheiten sind seither beständig enthüllt worden.
Die Ansprache des Legaten machte einen tiefen Eindruck auf den Reichstag. (Hefele, Konziliengesch., Bd. 9, S. 202.) Kein Luther war zugegen, um den päpstlichen Kämpfer mit den klaren und überzeugenden Wahrheiten des Wortes Gottes zu überwinden. Kein Versuch wurde gemacht, den Reformator zu verteidigen. Man war allgemein geneigt, nicht nur ihn und seine Lehren zu verdammen, sondern womöglich auch die Ketzerei selbst auszurotten. Rom hatte die günstigste Gelegenheit gehabt, seine Sache zu verteidigen. Alles, was es zu seiner Rechtfertigung sagen konnte, war gesagt worden. Aber der scheinbare Sieg war das Zeichen der Niederlage. Künftighin sollte der Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum deutlicher erkannt werden, da sie sich im offenen Kampfe messen sollten. Von jenem Tage an sollte Rom nie mehr so sicher stehen, wie es gestanden hatte.
Während die meisten Mitglieder des Reichstages nicht gezögert haben würden, Luther der Rache Roms zu übergeben, sahen und beklagten viele die in der Kirche bestehende Verderbtheit und wünschten eine Unterdrückung der Mißbräuche, welche das deutsche Volk infolge der Verkommenheit und der Gewinnsucht der Priesterherrschaft dulden mußte. Der Legat hatte die päpstliche Herrschaft im günstigsten Lichte dargestellt. Nun bewog der Herr ein Mitglied des Reichstages, die Wirkung der päpstlichen Gewaltherrschaft wahrheitsgetreu zu schildern. Mit edler Entschiedenheit erhob sich Herzog Georg von Sachsen in jener fürstlichen Versammlung und beschrieb mit unerbittlicher Genauigkeit die Betrügereien und Greuel des Papsttums und dessen schlimme Folgen. Zum Schluß sagte er: „Da ist keine Scham in Herausstreichung und Erhebung des Ablasses, man suchet nur, daß man viel Geld zusammenbringe; also geschieht, daß die Prediger, welche die Wahrheit lehren sollten, nichts als Lügen und Betrug den Leuten vorschwatzen. Das duldet man und diesen Leuten lohnet man, weil je mehr Geld in den Kasten kommt, je mehr die Leute beschwatzt werden. Aus diesem verderbten Brunnen fließt ein groß Ärgernis in die Bäche heraus,... plagen die Armen mit Bußen ihrer Sünden wegen, verschonen die Reichen, übergehen die Priester. ... Daher nötig ist eine allgemeine Reformation anzustellen, welche nicht füglicher als in einem allgemeinen Konzil zu erhalten ist; darum bitten wir alle solches mit höchstem Fleiß zu fördern.“ (Seckendorf , Commentarius, 1. Buch, 37. Absch.)
Luther selbst hätte die Mißbräuche Roms nicht klarer und eindrücklicher vorführen können. Die Tatsache aber, daß der Redner ein entschlossener Feind des Reformators war, verlieh seinen Worten desto mehr Einfluß.
Wären den Versammelten die Augen geöffnet worden, so würden sie Engel Gottes in ihrer Mitte erblickt haben, welche durch die Finsternis des Irrtums Strahlen des Lichts ergossen und Gemüter und Herzen für die Wahrheit empfänglich machten. Selbst die Gegner der Reformation wurden von der Macht des Gottes der Wahrheit und Weisheit beeinflußt, und auf diese Weise wurde der Weg für das große Werk, das nun vollbracht werden sollte, bereitet. Martin Luther war nicht zugegen; aber man hatte die Stimme eines Größeren als Luther in jener Versammlung gehört.
Sofort wurde von dem Reichstag ein Ausschuß bestimmt, um eine Liste der päpstlichen Mißbräuche, die so schwer auf dem deutschen Volk lasteten, aufzustellen. Dies Verzeichnis, welches 101 Beschwerden enthielt, wurde dem Kaiser mit dem Gesuch unterbreitet, unmittelbare Schritte zur Beseitigung dieser Mißbräuche tun zu wollen. „Es gehen so viele Seelen verloren,“ sagten die Bittenden, „so viele Räubereien, Bestechungen finden statt, weil das geistliche Oberhaupt der Christenheit sie gestattet. Es muß dem Untergang und der Schande unseres Volkes vorgebeugt werden. Wir bitten euch untertänigst und inständigst, dahin zu wirken, daß eine Besserung und gemeine Reformation geschehe.“ (Kapp, Nachlese ref. Urkunden, Bd. 3, S. 275.)
Die Reichsstände drangen auf das Erscheinen Luthers. Ungeachtet aller Bitten, Einwände und Drohungen Aleanders willigte der Kaiser schließlich doch ein, und Luther wurde aufgefordert, vor dem Reichstage zu erscheinen. Mit der Aufforderung wurden ihm auch die nötigen Geleitbriefe ausgestellt, die ihm auch seine Rückkehr nach einem sicheren Ort verbürgten. (Der Herzog Georg von Sachsen, der Kurfürst und auch der Kaiser stellten Geleitbriefe aus. Siehe L., W., Erl. Bd. 3, S. 406. 409. 412.) Ein Herold, der beauftragt war, ihn sicher nach Worms zu bringen, überbrachte die Briefe nach Wittenberg.
Freunde Luthers wurden von Schrecken und Bestürzung ergriffen. Sie kannten das Vorurteil und die gegen ihn herrschende Feindschaft und befürchteten, daß selbst das Sicherheitsgeleite nicht beachtet und sein Leben gefährdet werden möchte. Auf ihr Bitten, davon abzustehen, erwiderte er einem, die Römlinge wollten ihn nicht in Worms sehen, doch „ich schreibe auch jetzt und bitte dich, bete nicht für mich, sondern für das Wort Gottes. Jener Widersacher Christi setzt alle Kräfte ein, mich zu verderben. Der Wille Gottes geschehe! Christus wird mir seinen Geist geben, daß ich diese Widersacher des Satans verachte im Leben, besiege im Tode. ... Sie arbeiten, daß ich viele Artikel widerrufe; aber mein Widerruf wird also lauten: Ich habe früher gesagt, der Papst sei der Statthalter Christi, jetzt widerrufe ich und sage, der Papst ist der Widersacher Christi und der Apostel des Teufels.“ (L. W., St. L., Bd. 20a, S. 345; 24. März 1521.)
Luther sollte seine gefahrvolle Reise nicht allein machen. Außer dem kaiserlichen Boten hatten sich drei seiner treuesten Freunde entschlossen, ihn zu begleiten. Es verlangte Melanchthon herzlich, sich ihnen anzuschließen. Sein Herz hing an Luther, und er sehnte sich, ihm zu folgen, wenn es sein müsse ins Gefängnis oder in den Tod. Seine Bitten wurden jedoch abgeschlagen. Sollte Luther umkommen, so ruhte die Hoffnung der Reformation allein auf seinem jugendlichen Mitarbeiter.
Unterwegs nahmen sie wahr, daß die Gemüter des Volkes von düsteren Vorahnungen beschwert waren. In einigen Städten erwies man ihnen keine Ehrenbezeigung. Als sie übernachteten, gab ein freundlich gesinnter Priester seinen Befürchtungen Ausdruck, indem er Luther das Bild eines italienischen Reformators, der den Tod erlitten hatte, zeigte. (Das Bild Savonarolas wurde ihm in Naumburg gezeigt.) Am andern Tage erfuhren sie, daß seine Schriften zu Worms verdammt worden seien. Boten verkündigten des Kaisers Erlaß und forderten jedermann auf, die geächteten Bücher den Behörden auszuliefern. Der Herold, der um Luthers Sicherheit auf dem Reichstag bekümmert war und befürchtete, sein Entschluß könnte dadurch erschüttert sein, fragte: „Herr Doktor, wollt ihr fortziehen? Da antwortete ich: Ja, unangesehen daß man mich hätte in Bann getan und das in allen Städten veröffentlicht, so wollt ich doch fortziehen.“ (L. W., Erl. Bd. 64, S. 367.)
In Erfurt wurde Luther mit großen Ehren empfangen. Von der bewundernden Menge umgeben, durchschritt er die Straßen, die er oft mit seinem Bettelsack durchzogen hatte. Er besuchte seine Klosterzelle und gedachte der Kämpfe, durch welche das nun über Deutschland strömende Licht auch über seine Seele sich ergossen hatte. Man nötigte ihn zum Predigen. Zwar war ihm dies verboten, aber der Herold gestattete es. Der Mönch, der einst im Kloster jedermanns Handlanger gewesen war, bestieg jetzt die Kanzel.
Zu einem überfüllten Hause predigte er über die Worte Christi: „Friede sei mit euch!“ und „zeigte ... ihnen die Hände und seine Seite.“ „Ihr wisset auch, daß alle Philosophen, Doktoren und Scribenten sich beflissen zu lehren und schreiben, wie sich der Mensch der Frömmigkeit halten soll, haben sich des sehr bemüht, aber wie man sieht, wenig ausgerichtet.“ „Denn Gott, der hat auserwählet einen Menschen, den Herrn Jesum Christ, daß der soll den Tod zerknirschen, die Sünde zerstören und die Hölle zerbrechen,... also daß wir durch seine Werke, die uns fremd sind, und nicht mit unsern Werken selig werden.“ „Unser Herr Christus hat gesagt: Habt Frieden und sehet meine Hände. Sieh, Mensch, ich bin der allein, der deine Sünde hat hinweg genommen, der dich erlöste. Nun habe Frieden.“
„So soll ein jeglicher Mensch sich besinnen und denken, daß wir uns nicht helfen können, sondern Gott, auch daß unsere Werke gar gering sind: so haben wir den Frieden Gottes; und ein jeglicher Mensch soll sein Werk also schicken, daß ihm nicht allein nutz sei, sondern auch einem andern, seinem Nächsten. Ist er reich, so soll sein Gut den Armen nutz sein; ist er arm, soll sein Verdienst den Reichen zu gut kommen... dann wann du merkst, daß du deinen Nutzen allein schaffst, so ist dein Dienst falsch.“ (Ebd., Bd. 16, S. 251f.)
Das Volk lauschte seinen Worten wie gebannt. Das Brot des Lebens wurde jenen hungernden Seelen gebrochen. Christus wurde vor ihnen über Papst, Legat, Kaiser und König erhoben. Luther machte keine Andeutungen auf seine gefährliche Lage. Er suchte sich nicht zum Gegenstand der Gedanken oder des Mitgefühls zu machen. In der Betrachtung Christi hatte er sich selbst ganz aus den Augen verloren. Er verbarg sich hinter dem Schmerzensmann von Golgatha und trachtete nur danach, Jesum als den Erlöser des Sünders darzustellen.
Auf der Weiterreise betrachtete das Volk den Reformator mit der größten Teilnahme. Eine neugierige Menge drängte sich überall um ihn, und freundschaftliche Stimmen warnten ihn vor den Absichten der Römlinge. Einige sagten: Man wird dich verbrennen wie den Hus. Luther antwortete: Und wenn sie gleich ein Feuer machten, das zwischen Wittenberg und Worms bis an den Himmel reicht, weil es aber gefordert wäre, so wollte er doch im Namen des Herrn erscheinen und dem Behemoth zwischen seine großen Zähne treten und Christum bekennen und denselben walten lassen. (Ebd., Walch, Bd. 15, S. 2172. 2173.)
Die Kunde, daß Luther sich Worms nähere, rief große Aufregung hervor. Seine Freunde zitterten für seine Sicherheit; seine Feinde fürchteten um den Erfolg ihrer Sache. Ernste Anstrengungen wurden gemacht, ihm von seinem Eintritt in die Stadt abzuraten. Auf Anstiften der Römlinge drang man in ihn, sich auf das Schloß eines befreundeten Ritters zu begeben, wo nach ihrer Darstellung dann alle Schwierigkeiten auf freundschaftlichem Wege beigelegt werden könnten. Freunde bestrebten sich, ihm durch Vorhalten der ihm drohenden Gefahr Furcht einzuflößen. Alle Bemühungen blieben nutzlos. Luther wankte nicht, sondern schrieb: Er wollte gen Worms, wenngleich so viel Teufel drinnen wären, als immer Ziegel auf ihren Dächern! (L. W., St. L., Bd. 15, S. 1828; April 1521.)
Bei seiner Ankunft in Worms war die Zahl derer, welche sich den Toren zudrängten, ihn zu bewillkommnen, sogar noch größer als beim Einzug des Kaisers. Es herrschte eine ungeheure Erregung, und aus der Mitte der Volksmenge sang eine durchdringende, klagende Stimme ein Grablied, um Luther vor dem bevorstehenden Schicksal zu warnen. „Gott wird mit mir sein,“ sprach er mutig beim Verlassen des Wagens.
Die Anhänger des Papstes hatten nicht erwartet, daß Luther es doch noch wagen würde, in Worms zu erscheinen, und seine Ankunft bestürzte sie aufs äußerste. Der Kaiser rief sofort seine Räte zusammen, um das einzuschlagende Verfahren zu erwägen. Einer der Bischöfe, ein fester Anhänger Roms, erklärte: „Wir haben uns schon lange darüber beraten. Kaiserliche Majestät möge diesen Mann beiseite tun und ihn umbringen lassen. Sigismund hat den Johann Hus ebenso behandelt; einem Ketzer braucht man kein Geleit zugeben oder zu halten.’ Karl verwarf diesen Vorschlag, man müsse halten, was man versprochen habe. Der Reformator solle also vorgeladen werden.“ D'Aubigné, 7. Buch, 8. Kap., S. 195, Stuttgart, 1848. Siehe auch Ranke, Reformationsgesch., 1, S. 330f.)
Die ganze Stadt wollte diesen merkwürdigen Mann sehen, und bald füllte sich seine Wohnung mit vielen Besuchern. Luther hatte sich kaum von seiner kürzlichen Krankheit erholt; er war ermüdet von der Reise, die zwei volle Wochen in Anspruch genommen hatte; er mußte sich auf die wichtigen Ereignisse des morgenden Tages vorbereiten und bedurfte der Stille und der Ruhe. Das Verlangen, ihn zu sehen, war jedoch so groß, daß er sich nur einiger Stunden der Stille erfreut hatte, als Edelleute, Ritter, Priester und Bürger sich begierig um ihn sammelten. Unter ihnen waren viele der Edelleute, welche von dem Kaiser so kühn eine Reform der kirchlichen Mißbräuche verlangt hatten, und die, wie sich Luther ausdrückte, „alle durch mein Evangelium frei geworden waren.“ Feinde sowohl als Freunde kamen, um den unerschrockenen Mönch zu sehen, aber er empfing sie mit unerschütterlicher Ruhe und antwortete allen mit Würde und Weisheit. Seine Haltung war fest und mutig; sein bleiches, abgemagertes Gesicht, welches Spuren von Mühe und Krankheit zeigte, trug einen freundlichen, ja sogar freudigen Ausdruck. Die Feierlichkeit und der tiefe Ernst seiner Worte verliehen ihm eine Macht., welcher selbst seine Feinde nicht gänzlich widerstehen konnten. Freunde und Feinde waren voller Bewunderung. Einige waren überzeugt, daß ein göttlicher Einfluß ihn begleite; andere erklärten wie die Pharisäer hinsichtlich Christi: Er hat den Teufel.
Am folgenden Tage wurde Luther aufgefordert, vor dem Reichstag zu erscheinen. Ein kaiserlicher Beamter sollte ihn in den Empfangssaal führen; aber nur mit Mühe erreichte er den Ort. Jeder Zugang war angefüllt mit Beobachtern, die den Mönch sehen wollten, der es gewagt hatte, der Autorität des Papstes zu widerstehen.
Als Luther im Begriff war, vor seine Richter zu treten, sagte ein Feldherr, der Held mancher Schlacht, zu ihm: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen Gang, einen Stand zu tun, dergleichen ich und mancher Oberster auch in unsern aller ernstesten Schlachtordnungen nicht getan haben. Bist du auf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen fort und sei getrost, Gott wird dich nicht verlassen.“ (Spangenberg, Adelsspiegel Ill,S.54.)
Endlich, stand Luther vor dem Reichstag. Der Kaiser saß auf dem Thron. Er war von den erlauchtesten Persönlichkeiten des Kaiserreichs umgeben. Nie zuvor war je ein Mensch vor einer bedeutsameren Versammlung erschienen als jene war, vor welcher Martin Luther seinen Glauben verantworten sollte. „Die Erscheinung selbst war ein großer Sieg über das Papsttum. Der Papst hatte diesen Mann verurteilt, und dieser Mann stand jetzt vor einem Gericht, welches sich dadurch über den Papst stellte. Der Papst hatte ihn in den Bann getan, von aller menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, und er war in ehrenhaften Ausdrücken vorgeladen und erschien vor der höchsten Versammlung der Welt. Der Papst hatte ihm den Mund verschlossen, und er sollte vor Tausenden von Zuhörern aus den verschiedensten Landen der Christenheit reden. So hatte Luther eine gewaltige Revolution durchgesetzt: Rom stieg schon von seinem Thron herab, und das Wort eines Mönches gab die Veranlassung dazu.“ (D'Aubigné, 7. Buch, 8. Abschn., S. 199, Stuttgart, 1848.)
Vor jener gewaltigen und hochadeligen Versammlung schien der in Niedrigkeit geborene Reformator eingeschüchtert und verlegen. Mehrere der Fürsten, die seine Gefühle bemerkten, näherten sich ihm, und einer von ihnen flüsterte: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten.“ Ein anderer sagte: „Wenn ihr vor Fürsten und Könige geführt werdet um meinetwillen, wird es euch durch den Geist eures Vaters gegeben werden, was ihr reden sollt.“ (Melanchthon, Leben Luthers, S. 53.) Auf diese Weise wurden Christi Worte von den Großen dieser Erde gebraucht, um Gottes Diener in der Stunde der Prüfung zu stärken.
Luther wurde ein Platz unmittelbar vor dem kaiserlichen Thron angewiesen. Tiefes Schweigen herrschte in der großen Versammlung. Dann erhob sich der vom Kaiser beauftragte Redner und verlangte, indem er auf eine Sammlung von Luthers Schriften hinwies, daß der Reformator zwei Fragen beantworte: ob er die hier vorliegenden Bücher für die seinigen anerkenne oder nicht; und ob er die Ansichten, die er darin vorgebracht hatte, widerrufe.
Nachdem die Titel der Bücher verlesen worden waren, erwiderte Luther, daß er hinsichtlich der ersten Frage jene Bücher für die seinigen annehme und nichts je davon ableugne. Aber was da folge, „weil dies eine Frage vom Glauben und der Seelen Seligkeit sei und das göttliche Wort betreffe, was das höchste sei im Himmel und auf Erden,... da wäre es vermessen und sehr gefährlich, etwas Unbedachtes auszusprechen. Ich könnte ohne vorherige Überlegung leicht weniger behaupten als die Sache erfordere, oder mehr als der Wahrheit gemäß wäre, und durch das eine und andere jenem Urteile Christi verfallen: Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater. (Matth. 10, 33.) Deshalb bitte ich von Kaiserlicher Majestät aufs aller untertänigste um Bedenkzeit, damit ich ohne Nachteil für das göttliche Wort und ohne Gefahr für meine Seele dieser Frage genugtue.“ (L. W., Erl., Bd. 64, S. 377f; lat. 37, 5-8.)
Indem Luther dieses Gesuch stellte, handelte er weislich. Sein Benehmen überzeugte die Versammlung, daß er nicht aus Leidenschaft oder bloßem Antrieb handle. Solche Ruhe und Selbstbeherrschung, wie man sie von einem, der sich so kühn und unnachgiebig gezeigt hatte, nicht erwartet hätte, erhöhten Luthers Macht und befähigten ihn nachher, mit einer Vorsicht, Entschiedenheit, Weisheit und Würde zu antworten, daß seine Gegner überrascht und enttäuscht und ihre Anmaßung und ihr Stolz beschämt wurden.
Am nächsten Tage sollte er erscheinen, um seine endgültige Antwort zu geben. Als er die gegen die Wahrheit verbündeten Mächte betrachtete, entfiel ihm für den Augenblick der Mut. Sein Glaube schwankte, Furcht und Zittern ergriffen ihn und Grauen überkam ihn. Die Gefahren vervielfältigten sich vor ihm, seine Feinde schienen im Begriff zu siegen und die Mächte der Finsternis die Oberhand zu gewinnen. Wolken sammelten sich um ihn und drohten, ihn von Gott zu trennen. Er sehnte sich nach der Gewißheit, daß der Herr der Heerscharen mit ihm sei. In seiner Seelennot warf er sich mit dem Angesicht auf die Erde und stieß jene gebrochenen, herzzerreißenden Angstrufe aus, die Gott allein völlig versteht.
Er betete: „Allmächtiger, ewiger Gott! Wie ist es nur ein Ding um die Welt! Wie sperrt sie den Leuten die Mäuler auf! Wie klein und gering ist das Vertrauen der Menschen auf Gott! ... und siehet nur allein bloß an, was prächtig und gewaltig, groß und mächtig ist und ein Ansehen hat. Wenn ich auch meine Augen dahin wenden soll, so ist's mit mir aus, die Glocke ist schon gegossen und das Urteil gefällt. Ach Gott! o du mein Gott, stehe du mir bei wider alle Welt, Vernunft -und Weisheit. Tue du es; du mußt es tun, du allein. Ist es doch nicht meine, sondern deine Sache. Habe ich doch für meine Person hier nichts zu schaffen und mit diesen großen Herren der Welt zu tun. ... Aber dein ist die Sache, Herr, die gerecht und ewig ist. Stehe mir bei, du treuer, ewiger Gott! Ich verlasse mich auf keinen Menschen. Es ist umsonst und vergebens, es hinket alles, was fleischlich ist. ... Hast du mich dazu erwählt? Ich frage dich; wie ich es denn gewiß weiß; Ei, so walt es Gott; ... steh mir bei in dem Namen deines lieben Sohnes Jesu Christi, der mein Schutz und Schirm sein soll, ja meine feste Burg.“ (Ebd., Bd. 64, S. 289f.)
Eine allweise Vorsehung hatte Luther gestattet, seine Gefahr zu erkennen, damit er nicht auf seine eigene Kraft baue und sich vermessen in Gefahr stürze. Es war jedoch nicht die Furcht vor dem eigenen Leiden, nicht die Angst vor der scheinbar direkt vor ihm stehenden Qual oder dem Tod, welche ihn mit ihrem Schrecken überwältigten; er hatte einen entscheidenden Zeitpunkt erreicht und fühlte seine Untüchtigkeit, darin zu bestehen. Die Sache der Wahrheit könnte infolge seiner Schwäche Verlust erleiden. Er rang mit Gott, nicht um seine eigene Sicherheit, sondern um des Sieges des Evangeliums willen. Die Angst und das Ringen seiner Seele glich jenem nächtlichen Kampf Israels am einsamen Bach; wie jener trug auch er den Sieg davon. In seiner gänzlichen Hilflosigkeit klammerte sich sein Glaube an Christum, den mächtigen Befreier. Er wurde durch die Versicherung gestärkt, daß er nicht allein vor dem Reichstag erscheinen sollte; Friede zog wiederum in seine Seele ein, und er freute sich, daß es ihm vergönnt war, das Wort Gottes vor den Herrschern des Volkes empor zuhalten.
Mit festem Gottvertrauen bereitete sich Luther auf den ihm bevorstehenden Kampf vor. Er plante seine Antwort, prüfte etliche Stellen seiner eigenen Schriften und suchte in der Bibel passende Belege zur Unterstützung seiner Behauptungen. Dann gelobte er, seine Linke auf das offen vor ihm liegende heilige Buch legend und seine Rechte zum Himmel erhebend, „dem Evangelium treu zu bleiben und seinen Glauben frei zu bekennen, sollte er ihn auch mit seinem Blute besiegeln.“ (D'Aubigné, Reformationsgesch., Buch 7,S.8.)
Als er wieder vor den Reichstag geführt wurde, trug sein Angesicht keine Spur von Furcht oder Verlegenheit. Ruhig und friedlich, dennoch mutig und edel stand er als Gottes Zeuge unter den Großen der Erde. Der kaiserliche Beamte verlangte nun seinen Entscheid, ob er gewillt sei, seine Lehren zu widerrufen. Luther gab die Antwort in einem unterwürfigen und bescheidenen Ton, ohne Heftigkeit oder Erregung. Sein Benehmen war demütig und ehrerbietig; dennoch offenbarte er eine Zuversicht und eine Freudigkeit, welche die Versammlung überraschte.
Seine Antwort lautete. „Allerdurchlauchtigster, großmächtigster Kaiser, durchlauchtigste Fürsten, gnädigste und gnädige Herren! Auf die Bedenkzeit, mir auf gestrigen Abend ernannt, erscheine ich gehorsam und bitte durch die Barmherzigkeit Gottes eure Kais. Maj. und Gnaden, daß sie wollen, wie ich hoffe, diese Sachen der Gerechtigkeit und Wahrheit gnädiglich zuhören, und so ich von wegen meiner Unerfahrenheit ... wider die höflichen Sitten handle, mir solches zu verzeihen als einen, der nicht an fürstlichen Höfen erzogen, sondern in Mönchswinkeln aufkommen.“ (Luthers Werke, Erl., Bd. 64, S. 378.)
Indem er dann zur Frage überging, erklärte er, daß seine Bücher nicht einerlei Art seien. Einige behandelten den Glauben und die guten Werke, daß auch seine Widersacher sie für nützlich und unschädlich anerkennen müßten. Diese zu widerrufen wäre ein Verdammen der Wahrheiten, welche alle Freunde und Feinde zugleich bekennen. Die zweite Art bestehe aus Büchern, welche die Verderbtheiten und Übeltaten des Papsttums darlegten. Diese Werke zu widerrufen, würde die Gewaltherrschaft Roms nur stärken und würde die Tür für viele und große Gottlosigkeiten noch weiter öffnen. In der dritten Art seiner Bücher habe er einzelne Personen angegriffen, welche bestehende Übelstände verteidigt hätten. Betreffs dieser bekenne er, heftiger gewesen zu sein, als es sich gezieme. Er beanspruche keineswegs fehlerfrei zu sein. Aber auch diese Bücher könne er nicht widerrufen, denn auf diese Weise würden die Feinde der Wahrheit nur noch kühner werden, und sie würden Gelegenheit nehmen, das Volk Gottes mit noch größerer Grausamkeit zu bedrücken.
„Dieweil aber ich ein Mensch und nicht Gott bin, so mag ich meine Büchlein anders nicht verteidigen, denn mein Herr Jesus Christus seine Lehre unterstützt hat: Habe ich übel geredet, so gib Zeugnis vom Übel.“ (Joh. 18, 23.) „Derhalben bitte ich durch die Barmherzigkeit Gottes Eure Kaiserliche Majestät und Gnaden oder aber alle anderen Höchsten und Niedrigen mögen mir Zeugnis geben, mich Irrtums überführen, mich mit prophetischen und evangelischen Schriften überwinden. Ich will auf das Allerwilligste bereit sein, so ich dessen überwiesen werde, alle Irrtümer zu widerrufen und der Allererste sein, meine Bücher in das Feuer zu werfen; aus welchem allen ist, meine ich, offenbar, daß ich genügsam bedacht, erwogen und ermessen habe die Gefahr, Zwietracht, Aufruhr und Empörung, so wegen meiner Lehre in der Welt erwachsen ist. ... Wahrlich mir ist das Liebste zu hören, daß wegen des göttlichen Wortes sich Mißhelligkeit und Uneinigkeit erheben; denn das ist der Lauf, Fall und Ausgang des göttlichen Wortes, wie der Herr selbst sagt: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. (Matth. 10, 34.) ... Darum müssen wir bedenken, wie wunderbar und schrecklich unser Gott ist in seinen Gerichten, auf daß nicht das, was jetzt unternommen wird, um die Uneinigkeit beizulegen, hernach, so wir den Anfang dazu mit Verdammung des göttlichen Wortes machen, vielmehr zu einer Sintflut unerträglicher Übel ausschlage; bedenken müssen wir und fürsorgen, daß nicht diesen jungen, edlen Kaiser Karl, von welchem nächst Gott vieles zu hoffen ist, ein unseliger Eingang und ein unglücklich Regiment zuteil werde. Ich könnte dafür reichliche Exempel bringen aus der Heiligen Schrift, von Pharao, vom König zu Babel und von den Königen Israels, welche gerade dann am meisten Verderben sich bereit haben, wenn sie mit den klügsten Reden und Anschlägen ihr Reich zu befrieden und zu befestigen gedachten. Denn der Herr ist's, der die Klugen erhaschet in ihrer Klugheit und die Berge umkehrt, ehe sie es innewerden; darum tut's not, Gott zu fürchten.“ (L. W., Erl., Bd. 64, S. 370. 379-382; lat. Bd. 37, S. 11-13.)
Luther hatte in deutscher Sprache geredet; er wurde nun ersucht, dieselben Worte in lateinischer Sprache zu wiederholen. Wiewohl er durch die frühere Anstrengung erschöpft war, willfahrte er doch der Bitte und trug dieselbe Rede ebenso deutlich und tatkräftig noch einmal vor, so daß ihn alle verstehen konnten. Gottes Vorsehung waltete in dieser Sache. Viele Fürsten waren durch Irrtum und Aberglauben so verblendet, daß sie bei Luthers erster Anrede die Wichtigkeit seiner Gründe nicht klar erfassen konnten; diese Wiederholung aber setzte sie in den Stand, die vorgeführten Punkte nun deutlich zu sehen.
Die, welche ihre Herzen dem Lichte hartnäckig verschlossen und sich geflissentlich nicht von der Wahrheit überzeugen lassen wollten, wurden durch die Macht seiner Worte in Wut versetzt. Als er aufhörte zu reden, mahnte der Redner des Reichs im strafenden Ton, Luther hätte nicht zur Sache geantwortet, und es gebühre sich nicht, hier Verdammungsurteile und Feststellungen von Konzilien in Frage zu ziehen. Luther solle eine schlichte und klare Antwort, geben, ob er widerrufen wolle oder nicht.
Darauf erwiderte der Reformator: „Weil denn Ew. Majestät und die Herrschaften eine einfache Antwort begehren, so will ich eine geben, die weder Hörner noch Zähne hat, dermaßen: wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder helle Gründe werde überwunden werden, (denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben), so bin ich überwunden durch die von mir angeführten Schriften und mein Gewissen gefangen in Gottes Worten; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unsicher und nicht lauter ist.“ (L. W., Erl., Bd. 64, S. 382.) „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helf mir. Armen.“ (Ebd., lat., Bd. 37, S. 13.)
Also stand dieser gerechte Mann auf dem sicheren Grunde des göttlichen Wortes. Des Himmels Licht erleuchtete sein Angesicht. Die Größe und Reinheit seines Charakters sowie auch der Friede und die Freude seines Herzens offenbarten sich allen, als er die Macht des Irrtums bloßstellte und die Hoheit jenes Glaubens, der die Welt überwindet, bezeugte.
Die Versammlung staunte über diese kühne Verteidigung. Seine erste Antwort hatte Luther mit gedämpfter Stimme in achtungsvoller, beinahe unterwürfiger Haltung gesprochen. Die Römlinge hatten dies als einen Beweis gedeutet, daß sein Mut zu wanken angefangen habe. Sie betrachteten sein Gesuch um Bedenkzeit nur als einen Vorläufer seiner Widerrufung. Sogar Kaiser Karl, der halb verächtlich die gebeugte Gestalt des Mönches, sein schlichtes Gewand und die Einfachheit seiner Ansprache wahrnahm, hatte erklärt: „Der soll mich nicht zum Ketzer machen.“ Der Mut aber und die Festigkeit, welche Luther nun an den Tag legte, sowohl als auch die Macht und Klarheit seiner Beweisführung, überraschten alle Parteien. Viele deutsche Fürsten blickten mit Stolz und Freude auf diesen Vertreter ihrer Nation.
Die Anhänger Roms waren geschlagen worden, und ihre Sache erschien in einem sehr ungünstigen Licht. Sie suchten nicht etwa dadurch ihre Macht aufrechtzuerhalten, daß sie sich auf die Heilige Schrift beriefen, sondern sie nahmen ihre Zuflucht zu Roms stets benutztem Beweismittel, nämlich zur Drohung. Der Redner des Reiches sagte: „Würde er keinen Widerspruch tun, so würden K. Maj. samt den Fürsten und Ständen des Reiches ratschlagen, wie sie gegen einen solchen Ketzer verfahren sollten.“
Luthers Freunde hatten seiner edlen Verteidigungsrede mit großer Freude gelauscht, doch diese Worte machten sie für seine Sicherheit zittern. Luther selbst aber sagte gelassen: „So helf mir Gott, denn einen Widerruf kann ich nicht tun.“ (L. W., Walch, B. 15, S. 2234. 2235.)
Luther trat aus dem Reichstage ab, damit die Fürsten sich beraten konnten. Man fühlte, daß man vor einem großen Wendepunkt stand. Luthers beharrliche Weigerung, sich zu unterwerfen, könnte die Geschichte der Kirche auf Jahrhunderte hinaus beeinflussen. Es wurde beschlossen, ihm eine weitere Gelegenheit zum Widerruf zu geben. Zum letzten Male wurde er in die Versammlung gebracht. Der Redner des Reichs fragte ihn nochmals im Namen des Kaisers, ob er nicht einen bestimmten Widerruf leisten wolle. Darauf erwiderte er: „Ich weiß keine andere Antwort zu geben wie die bereits vorgebrachte, er könne nicht widerrufen, er wäre denn aus Gottes Wort eines besseren überwiesen.“ (L. A. Bd. 17, S. 580.) Es war offenbar, daß weder Versprechungen noch Drohungen ihn zur Nachgiebigkeit gegen Roms Befehle bewegen konnten.
Die Vertreter Roms ärgerten sich, daß ihre Macht, vor welcher Könige und Adelige gezittert hatten, auf diese Weise von einem bescheidenen Mönch geringgeschätzt werden sollte; sie sehnten sich danach, ihn ihren Zorn fühlen zu lassen, indem sie ihn zu Tode marterten. Aber Luther, der seine Gefahr begriff, hatte zu allen mit christlicher Würde und Gelassenheit gesprochen. Seine Worte waren frei von Stolz, Leidenschaft und Verdrehung gewesen. Er hatte sich selbst und die großen Männer, die ihn umgaben, aus den Augen verloren und fühlte nur, daß er in der Gegenwart dessen war, der unendlich erhaben über Päpste, Prälaten, Könige und Kaiser ist. Christus hatte durch Luthers Zeugnis mit einer Macht und Größe gesprochen, die zur Zeit sowohl Freunden als Feinden Ehrfurcht und Erstaunen einflößten. Der Geist Gottes war in jener Versammlung gegenwärtig gewesen und hatte die Herzen der Großen des Kaiserreichs ergriffen. Mehrere Fürsten anerkannten offen die Gerechtigkeit der Sache Luthers. Viele waren von der Wahrheit überzeugt; bei einigen aber dauerten die Eindrücke nicht an. Andere drückten zur Zeit ihre Überzeugung nicht aus, wurden aber später, nachdem sie die Heilige Schrift für sich selbst durchforscht hatten, kühne Vertreter der Reformation.
Der Kurfürst Friedrich hatte mit großer Besorgnis dem Erscheinen Luthers vor dem Reichstag entgegengesehen und hörte jetzt mit tiefer Bewegung seiner Rede zu. Mit Stolz und Freude sah er den Mut, die Entschiedenheit und die Selbstbeherrschung des Doktors und nahm sich vor, ihn entschiedener als je zu verteidigen. Er verglich die streitenden Parteien und erkannte, daß die Weisheit der Päpste, der Könige und der Prälaten durch die Macht der Wahrheit zunichte gemacht worden war. Das Papsttum hatte eine Niederlage erlitten, welche unter allen Nationen und zu allen Zeiten gefühlt werden sollte.
Als der Legat die Wirkung von Luthers Rede wahrnahm, fürchtete er wie nie zuvor für die Sicherheit der römischen Macht und entschloß sich, alle ihm zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um den Untergang des Reformators zu bewirken. Mit all der Beredsamkeit und dem staatsklugen Geschick, worin er sich in einem so hohen Grade auszeichnete, stellte er dem jugendlichen Kaiser die Torheit und die Gefahr dar, eines unbedeutenden Mönches wegen die Freundschaft und die Hilfe des mächtigen Stuhles in Rom zu opfern.
Seine Worte blieben nicht wirkungslos. Schon am nächsten Tage ließ der Kaiser Karl den Reichsständen seinen Beschluß melden, daß er nach der Weise seiner Vorfahren fest entschlossen sei, ihren Glauben zu unterstützen und zu beschützen. Da Luther sich geweigert hatte, seinen Irrtümern zu entsagen, sollten die strengsten Maßregeln gegen ihn und die Ketzereien, die er lehrte, angewendet werden. „Es sei offenkundig, daß ein durch seine eigene Torheit verleiteter Mönch der Lehre der ganzen Christenheit widerstreite, ... so bin ich fest entschlossen, alle meine Königreiche, das Kaisertum, Herrschaften, Freunde, Leib, Blut und das Leben und mich selbst daran zu setzen, daß dies gottlose Vornehmen nicht weiter um sich greife. ... Gebiete demnach, daß er sogleich nach der Vorschrift des Befehls wieder heimgebracht werde und sich laut des öffentliches Geleites in acht nehme, nirgends zu predigen, noch dem Volk seine falschen Lehren weiter vorzutragen. Denn ich habe fest beschlossen, wider ihn als einen offenbaren Ketzer zu verfahren. Und begehre daher von euch, daß ihr in dieser Sache dasjenige beschließet, was rechten Christen gebührt und wie ihr zu tun versprochen habt.“ (L. W., Walch, Bd. 15, S. 2236. 2237.) Der Kaiser erklärte, daß Luther das sichere Geleit müsse gehalten werden, und ehe Maßregeln gegen ihn getroffen werden könnten, müsse ihm gestattet sein, seine Heimat in Sicherheit zu erreichen.
Wiederum machten sich zwei entgegengesetzte Meinungen der Reichsstände geltend. Die Legaten und Vertreter des Papstes forderten von neuem, daß das Sicherheitsgeleit Luthers nicht beachtet werden sollte und sagten: „Der Rhein muß seine Asche in sich aufnehmen, wie die des Hus vor einem Jahrhundert.“ (D'Aubigné, 7. Buch, 9. Kap.) Doch deutsche Fürsten, wiewohl päpstlich gesinnt und offene Feinde Luthers, erklärten sich gegen einen öffentlichen Treubruch als einen Schandflecken für die Ehre der ganzen Nation. Sie wiesen auf das schreckliche Unglück hin, welches auf den Tod des Hus folgte, und erklärten, daß sie es nicht wagten, eine Wiederholung dieser fürchterlichen Schrecknisse über Deutschland und auf das Haupt ihres jugendlichen Kaisers zu bringen.
Karl selbst erwiderte auf den niederträchtigen Vorschlag: „Wenn Treue und Glauben nirgends mehr gelitten würden, so sollten doch solche an den fürstlichen Höfen ihre Zuflucht finden.“ (Seckendorf, Commentarius, 1. Buch, 38. Abschn.) Die unerbittlichsten der römischen Feinde Luthers drangen noch weiter auf den Kaiser ein, mit dem Reformator zu verfahren, wie Sigismund Hus behandelt hatte und ihn der Gnade der Kirche zu überlassen. Karl V. aber, der sich ins Gedächtnis zurückrief, wie Hus in der öffentlichen Versammlung auf seine Ketten hingewiesen und den Kaiser an seine verpfändete Treue erinnert hatte, erklärte entschlossen: „Ich will nicht wie Sigismund erröten!“ (Lenfant, Historie du Concile de Constance, 1. Bd., 3. Buch, S. 404, Amsterdam, 1727.)
Karl hatte jedoch mit Vorbedacht die von Luther verkündigten Wahrheiten verworfen. „Ich bin,“ schrieb der Herrscher, „fest entschlossen, in die Fußstapfen meiner Ahnen zu treten.“ (D'Aubigne, 7. Buch, 9. Kap.) Er hatte sich entschieden, nicht vom Pfade herkömmlichen Gebrauchs abzuweichen, selbst nicht um in den Wegen der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu wandeln. Weil seine Väter es taten, wollte auch er das Papsttum mit all seiner Grausamkeit und Verderbtheit aufrechterhalten. Bei diesem Entscheid blieb er und weigerte sich, irgendwelches weitere Licht, als seine Väter erhalten hatten, anzunehmen oder irgendeine Pflicht auszuüben, die sie nicht erfüllt hatten.
Viele halten heute in gleicher Weise an den Gebräuchen und Überlieferungen der Väter fest. Schickt der Herr ihnen weiteres Licht, so weigern sie sich, es anzunehmen, weil ihre Väter, da es ihnen nicht gewährt ward, es auch nicht angenommen hatten. Wir stehen nicht da, wo unsere Väter standen, infolgedessen sind unsere Pflichten und Verantwortlichkeiten auch nicht dieselben. Gott wird es nicht gutheißen, wenn wir auf das Beispiel unserer Väter blicken, anstatt das Wort der Wahrheit für uns selbst zu untersuchen, um unsere Pflichten zu erkennen. Unsere Verantwortlichkeit ist größer als die unserer Vorfahren. Wir sind verantwortlich für das Licht, welches sie erhielten und uns als Erbgut überkommen ist, und wir müssen auch Rechenschaft ablegen für das hinzukommende Licht, welches jetzt aus dem Worte Gottes auf uns scheint.
Christus sagte von den ungläubigen Juden: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, ihre Sünde zu entschuldigen.“ (Joh. 15, 22.) Dieselbe göttliche Macht hatte durch Luther zu dem Kaiser und den Fürsten Deutschlands gesprochen. Und als das Licht aus dem Worte Gottes strahlte, rechtete sein Geist mit vielen in jener Versammlung zum letzten Male. Wie Pilatus Jahrhunderte zuvor dem Stolz und der Volksgunst gestattete, dem Erlöser der Welt sein Herz zu verschließen; wie der zitternde Felix den Boten der Wahrheit bat: „Gehe hin auf diesmal; wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich herrufen lassen;“ (Apg. 24, 25.) Wie der stolze Agrippa bekannte: „Es fehlt nicht viel, du überredest mich, daß ich ein Christ würde,“ (Apg. 26, 8.) und sich doch von der vom Himmel gesandten Botschaft abwandte, so hatte Karl V., den Eingebungen des weltlichen Stolzes und der Staatsklugheit folgend, sich entschieden, das Licht der Wahrheit zu verwerfen.
Gerüchte über die Absichten gegen Luther wurden weithin verbreitet und verursachten große Aufregung in der ganzen Stadt. Der Reformator hatte sich viele Freunde erworben, welche, da sie die verräterische Grausamkeit Roms gegen alle kannten, die es wagten, seine Verkommenheit bloßzustellen, beschlossen, daß er nicht geopfert werden solle. Hunderte von Edelleuten verpflichteten sich, ihn zu beschützen. Nicht wenige rügten die kaiserliche Botschaft öffentlich als einen Beweis der Schwäche, sich der Macht Roms unterzuordnen. An Haustüren und auf öffentlichen Plätzen wurden Plakate angebracht, von denen einige Luther verurteilten und andere ihn unterstützen. Auf einem von ihnen waren nur die bedeutsamen Worte des weisen Mannes geschrieben: „Wehe dir Land, dessen König ein Kind ist.“ (Pred. 10, 16.) Die Begeisterung des Volkes für Luther, welche in ganz Deutschland herrschte, überzeugte sowohl den Kaiser als auch den Reichstag, daß irgendwelches ihm zugefügte Leid den Frieden des Reiches und selbst die Sicherheit des Thrones gefährden würde.
Friedrich von Sachsen verhielt sich in wohlweislicher Zurückhaltung und verbarg sorgfältig seine wirklichen Gefühle gegen den Reformator, während er ihn gleichzeitig mit unermüdlicher Wachsamkeit beschützte und sowohl seine als auch die Bewegungen seiner Feinde überwachte. Viele jedoch sprachen offen ihre Teilnahme für Luther aus. Er wurde besucht von vielen Fürsten, Grafen, Baronen und anderen einflußreichen Personen von weltlicher und kirchlicher Seite. „Das kleine Zimmer des Doktors,“ schrieb Spalatin, „konnte die vielen Besucher, die sich vorstellten, nicht fassen.“ (L. W., Erl., lt., Bd. 37, S. 15. 16.) Selbst solche, die seine Lehren nicht glaubten, mußten doch jenen Seelenadel bewundern, der ihn antrieb, eher sein Leben in den Tod zu geben als sein Gewissen zu verletzen.
Doch wurden noch weitere ernstliche Anstrengungen gemacht, um Luther zu einem Ausgleich mit Rom zu bewegen. Besondere kleine Ausschüsse, aus Fürsten, Prälaten und Gelehrten bestehend, bemühten sich weiter um ihn, und sein Geleitbrief wurde gegen den Wunsch des Legaten um fünf Tage verlängert. Sie stellten ihm vor, daß wenn er hartnäckig auf seiner Meinung bestände, sein eigenes Urteil gegen das der Kirche und Konzilien aufrechtzuerhalten, der Kaiser ihn aus dem Reich vertreiben und in ganz Deutschland keine Zuflucht lassen würde. Luther antwortete auf diese ernste Vorstellung: „Ich weigere mich nicht, Leib, Leben und Blut dahin zugeben, nur will ich nicht gezwungen werden, Gottes Wort zu widerrufen, in dessen Verteidigung man Gott mehr als den Menschen gehorchen muß. Auch kann ich nicht das Ärgernis des Glaubens verhüten, sintemal Christus ein Stein des Ärgernisses ist.“ (Ebd., S. 18.)
Wiederum drang man auf ihn ein, seine Bücher dem Urteil des Kaisers und des Reiches ohne Furcht zu unterwerfen. Luther erwiderte: „Ich habe nichts dawider, daß der Kaiser oder die Fürsten oder der geringste Christ meine Bücher prüfen, aber nur nach dem Worte Gottes. Die Menschen dürfen diesem allein gehorchen. Mein Gewissen ist mit Gottes Wort und Heiliger Schrift gebunden.“ (D'Aubigné, 7. Buch, 7. Kap., S. 221. 224, Stuttgart 1848.)
Auf einen andern Versuch, ihn zu überreden, gab er zur Antwort: „Ich will eher das Geleit aufgeben, meine Person und mein Leben dem Kaiser preisgeben, aber niemals Gottes Wort.“ (s. vorige Anm.) Er erklärte sich bereit, sich dem Entscheid eines allgemeinen Konzils zu unterwerfen, aber nur unter der Bedingung, daß es nach der Schrift zu entscheiden sich gezwungen halte. „Was das Wort Gottes und den Glauben anbelangt,“ fügte er hinzu, „so kann jeder Christ ebensogut urteilen wie der Papst es für ihn tun könnte, sollten ihn auch eine Million Konzilien unterstützen.“ (Luthers Werke, Halle, 2. Bd., S. 107.) Sowohl Freunde als Gegner wurden schließlich überzeugt, daß weitere Versöhnungsversuche nutzlos waren.
Hätte der Reformator nur in einem einzigen Punkt nachgegeben, so würden die Mächte der Finsternis den Sieg davongetragen haben. Aber sein felsenfestes Ausharren beim Worte Gottes war das Mittel zur Befreiung der Gemeinde und der Anfang eines neuen und besseren Zeitalters. Indem Luther in Sachen der Religion für sich selbst zu denken und zu handeln wagte, übte er nicht nur eine Wirkung auf Kirche und Weh in seinen eigenen Tagen aus, sondern auch in allen künftigen Zeitaltern. Seine Standhaftigkeit und Treue sollten bis zum Ende der Tage alle stärken, welche ähnliche Erfahrungen zu bestehen haben. Gottes Macht und Majestät standen erhaben über dem Rat der Menschen und über der gewaltigen Macht des Bösen.
Bald darauf erging an Luther der kaiserliche Befehl, nach seiner Heimat zurückzukehren, und er wußte, daß dieser Weisung bald auch seine Verurteilung folgen würde. Drohende Wolken hingen über seinem Pfad. Doch als er Worms verließ, erfüllten Freude und Preis sein Herz. „Der Teufel hat auch wohl verwahret des Papstes Regiment und wollte es verteidigen; aber Christus machte ein Loch darein.“ (L. W., Leipz., Bd. 17, S. 589.)
Auf seiner Heimreise schrieb Luther, der noch immer von dem Wunsche beseelt war, daß seine Festigkeit nicht als Empörung mißdeutet werden möchte, an den Kaiser: „Gott, der ein Herzenskündiger ist, ist mein Zeuge, daß ich in aller Untertänigkeit E. K. Maj. Gehorsam zu leisten ganz willig und bereit bin, es sei durch Leben oder Tod, durch Ehre, durch Schande, Gut oder Schaden. Ich habe auch nichts vorgehalten als allein das göttliche Wort, in welchem der Mensch nicht allein lebt, sondern wonach es auch den Engeln gelüstet zu schauen.“ „In zeitlichen Sachen sind wir schuldig, einander zu vertrauen, weil derselben Dinge Unterwerfung, Gefahr und Verlust, der Seligkeit keinen Schaden tut. Aber in Gottes Sache und ewigen Gütern leidet Gott solche Gefahr nicht, daß der Mensch dem Menschen solches unterwerfe.“ „Solcher Glaube und Unterwerfung ist das wahre rechte Anbeten und der eigentliche Gottesdienst.“ (Ebd., Erl., Bd. 3, S. 129-141, 28. April 1521.)
Auf der Rückreise von Worms war Luthers Empfang sogar noch großartiger als auf der Hinreise. Hochstehende Geistliche bewillkommten den mit dem Bann belegten Mönch, und weltliche Obrigkeiten ehrten den von dem Kaiser geächteten Mann. Er wurde zur Predigt gedrungen und betrat auch trotz dem kaiserlichen Verbote die Kanzel. Selbst hatte er kein Bedenken; „denn er hatte nicht darein gewilligt, daß Gottes Wort gebunden werde.“ (L. W., St. L., Bd. 15, S. 2512; 14. Mai 1521.)
Die Legaten des Papstes erpreßten bald nach seiner Abreise vom Kaiser die Erklärung der Reichsacht. (Ebd., Erl., Bd. 24, S. 215f., 224.) Darin wurde Luther „nicht als ein Mensch, sondern als der böse Feind in Gestalt eines Menschen mit angenommener Mönchskutte“ (D'Aubigné, 7. Buch, 11. Kap., S. 232, Stuttgart, 1848.) gebrandmarkt. Es wurde befohlen, daß nach Ablauf seines Sicherheitsgeleites Maßregeln gegen ihn ergriffen werden sollten, um sein Werk aufzuhalten. Es war jedermann verboten, ihn zu beherbergen, ihm Speise oder Trank anzubieten, noch durch Wort oder Tat öffentlich oder geheim ihm zu helfen oder ihn zu unterstützen. Er sollte, ganz gleich wo er sei, ergriffen und der Obrigkeit ausgeliefert werden. Seine Anhänger sollten ebenfalls gefangengesetzt und ihr Eigentum beschlagnahmt werden. Seine Schriften sollten vernichtet und schließlich alle, die es wagen würden, diesem Erlasse entgegenzuhandeln, in seine Verurteilung eingeschlossen werden. Der Kurfürst von Sachsen und die Fürsten, welche Luther am günstigsten waren, hatten Worms bald nach seiner Abreise verlassen, und der Reichstag hatte zu dem Erlaß des Kaisers seine Genehmigung gegeben. Jetzt frohlockten die Römlinge und betrachteten das Schicksal der Reformation als besiegelt.
Gott hatte für seinen Diener in dieser Stunde der Gefahr einen Weg des Entrinnens vorgesehen. Ein wachsames Auge war Luthers Bewegungen gefolgt, und ein treues und edles Herz hatte sich zu seiner Befreiung entschlossen. Es war klar, daß Rom sich mit nichts Geringerem als mit seinem Tode begnügen würde; nur durch Geheimhaltung konnte er vor dem Rachen des Löwen bewahrt werden. Gott gab Friedrich von Sachsen Weisheit, einen Plan zu entwerfen, den Reformator zu erhalten. Unter der Mitwirkung treuer Freunde wurde des Kurfürsten Absicht ausgeführt und Luther erfolgreich vor Freunden und Feinden verborgen. Auf seiner Heimreise wurde er ergriffen, von seinen Begleitern getrennt und in aller Eile durch die Wälder nach dem Schloß Wartburg, einer einsamen Burgfeste, befördert. Sowohl seine Gefangennahme als auch seine Verbergung geschahen so geheimnisvoll, daß selbst Friedrich lange nicht wußte, wohin Luther geführt worden war. Diese Unkenntnis war plangemäß, denn solange der Kurfürst nichts von Luthers Aufenthalt wußte, konnte er keine Auskunft geben. Er vergewisserte sich, daß der Reformator in Sicherheit war, und mit dieser Kenntnis gab er sich zufrieden.
Frühling, Sommer und Herbst gingen vorbei, der Winter kam und Luther blieb noch immer ein Gefangener. Aleander und seine Anhänger frohlockten, daß das Licht des Evangeliums dem Auslöschen nahe schien. Statt dessen aber füllte der Reformator seine Lampe aus dem Vorratshause der Wahrheit, damit ihr Licht in einem um so helleren Glanze leuchte.
In der freundlichen Sicherheit der Wartburg erfreute sich Luther eine Zeitlang seiner Befreiung von der Hitze und dem Getümmel des Kampfes. Aber in der Ruhe und Stille konnte er nicht lange Befriedigung finden. An ein Leben der Tätigkeit und des harten Kampfes gewöhnt, konnte er es schwer ertragen, untätig zu sein. In jenen einsamen Tagen trat der Zustand der Kirche vor seine Augen, und er rief in seiner Not: „Aber es ist niemand, der sich aufmache und zu Gott halte oder sich zur Mauer stelle für das Haus Israel an diesem letzten Tage des Zorns Gottes!“ (L. W., St - L., B d. 15, S. 2514; 12. Mai 1521 an Melanchthon.) Wiederum richteten sich seine Gedanken auf sich selbst, und er befürchtete, daß er durch seinen Rückzug vom Kampfe der Feigheit beschuldigt würde. Dann machte er sich Vorwürfe wegen seiner Sorglosigkeit und Selbstbefriedigung. Und doch vollbrachte er zu derselben Zeit täglich mehr, als für einen Mann zu tun möglich schien. Seine Feder war nie müßig. Während seine Feinde sich schmeichelten, ihn zum Schweigen gebracht zu haben, wurden sie erstaunt und verwirrt durch handgreifliche Beweise, daß er noch immer tätig war. Ein Heer von Abhandlungen, die aus seiner Feder flossen, machten die Runde durch ganz Deutschland. Auch leistete er seinen Landsleuten einen höchst wichtigen Dienst, indem er das Neue Testament in die deutsche Sprache übersetzte. Von seinem felsigen Patmos aus fuhr er beinahe ein ganzes Jahr lang fort, das Evangelium zu verkündigen und die Sünden und Irrtümer der Zeit zu rügen.
Es geschah aber nicht nur, um Luther vor dem Zorn seiner Feinde zu bewahren oder um ihm für diese wichtigen Arbeiten eine Zeit der Ruhe zu verschaffen, daß Gott seinen Diener dem Schauplatze des öffentlichen Lebens entrückt hatte. Köstlichere Erfolge als diese sollten erzielt werden. In der Einsamkeit und Verborgenheit seiner bergigen Zufluchtsstätte war Luther allen irdischen Stützen fern und abgeschlossen von menschlichem Lob. Somit war er vor dem Stolz und dem Selbstvertrauen bewahrt, welche so oft durch den Erfolg verursacht werden. Durch Leiden und Demütigung wurde er vorbereitet, wiederum mit Sicherheit die schwindelnden Höhen zu betreten, wozu er so plötzlich erhoben worden war.
Wenn Menschen sich der Freiheit, welche die Wahrheit ihnen bringt, erfreuen, so sind sie geneigt, die zu verherrlichen, welche Gott gebraucht, um die Ketten des Irrtums und des Aberglaubens zu brechen. Satan versucht, der Menschen Gedanken und Zuneigungen von Gott abzuwenden und sie auf menschliche Werkzeuge zu richten. Er veranlaßt sie, das bloße Werkzeug zu ehren und die Hand, welche alle Ereignisse der Vorsehung leitet, unbeachtet zu lassen. Nur zu oft verlieren religiöse Leiter, welche auf diese Weise gepriesen und verehrt werden, ihre Abhängigkeit von Gott aus den Augen und vertrauen auf sich selbst. Infolgedessen suchen sie die Gemüter und Gewissen des Volkes, welches geneigt ist, auf sie, anstatt auf das Wort Gottes um Führung zu sehen, zu beherrschen. Das Werk der Reformation wird oft gehemmt, weil dieser Geist von ihren Anhängern genährt wird. Vor dieser Gefahr wollte Gott die Sache der Reformation bewahren. Er wünschte, daß dieses Werk nicht das Gepräge des Menschen, sondern das Gepräge Gottes empfange. Die Augen der Menschen hatten sich auf Luther, den Ausleger der Wahrheit, gewandt; er wurde entfernt, damit aller Augen auf den ewigen Urheber der Wahrheit gerichtet werden möchten.
KAPITEL 9
DER REFORMATOR DER SCHWEIZ
In der Wahl der Werkzeuge zur Verbesserung der Kirche zeigt sich derselbe göttliche Plan wie bei der Pflanzung der Gemeinde. Der himmlische Lehrer ging an den Großen der Erde, an den Angesehenen und Reichen, welche gewohnt waren, als Leiter des Volkes Lob und Huldigung zu empfangen, vorüber. Diese waren so stolz und vertrauten so sehr auf ihre viel gerühmte Überlegenheit, daß sie nicht umgebildet werden konnten, um mit ihren Nebenmenschen zu fühlen und Mitarbeiter des demütigen Nazareners zu werden. An die ungelehrten, schwer arbeitenden Fischer von Galiläa erging der Ruf: „Folget mir, und ich will euch zu Menschenfischern machen.“ (Matth. 4, 19.) Diese Jünger waren demütig und ließen sich belehren. Je weniger sie von den falschen Lehren ihrer Zeit beeinflußt waren, desto erfolgreicher konnte Christus sie unterrichten und für seinen Dienst heranbilden. So war es auch in den Tagen der großen Reformation. Die leitenden Reformatoren waren Männer von geringer Herkunft - Männer, die unter ihren Zeitgenossen von Rangstolz und dem Einfluß der Scheinfrömmigkeit und Priesterlist am freiesten waren. Es liegt im Plane Gottes, sich demütiger Werkzeuge zur Erreichung großer Erfolge zu bedienen. Dann wird nicht die Ehre den Menschen gegeben, sondern dem, der durch sie das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt.
Nur wenige Wochen nach Luthers Geburt in der Hütte eines sächsischen Bergmannes wurde in den Alpen Ulrich Zwingli geboren. Zwinglis Umgebung in seiner Kindheit und seine erste Erziehung waren derart, daß sie ihn für seine zukünftige Aufgabe vorbereiteten. Erzogen inmitten einer Umgebung von natürlicher Pracht, feierlicher Schönheit und Erhabenheit, wurde sein Gemüt frühzeitig von einem Gefühl der Größe, der Macht und der Hoheit Gottes erfüllt. Die Geschichte der auf seinen heimatlichen Bergen vollbrachten tapferen Taten entzündete seine jugendlichen Bestrebungen. Zu den Füßen seiner frommen Großmutter lauschte er auf die wenigen köstlichen Erzählungen aus der Bibel, welche sie aus den Legenden und den Überlieferungen der Kirche entnommen hatte. Mit tiefem Anteil hörte er von den großen Taten der Erzväter und Propheten, von den Hirten, die auf den Hügeln Palästinas ihre Herden weideten, wo Engel mit ihnen von dem Kindlein zu Bethlehem und dem Mann auf Golgatha redeten.
Gleich Hans Luther wünschte Zwinglis Vater, daß sein Sohn eine gute Ausbildung empfange, und der Knabe wurde frühzeitig aus seinem heimatlichen Tale fortgeschickt. Sein Verstand entwickelte sich rasch, und bald entstand die Frage, wo man fähige Lehrer für ihn finden könne. Im Alter von dreizehn Jahren ging er nach Bern, wo damals die hervorragendste Schule der Schweiz war. Hier jedoch erhob sich eine Gefahr, die sein verheißungsvolles Leben zu vernichten drohte. Die Mönche machten beharrliche Anstrengungen, ihn in ein Kloster zu locken. Die Dominikaner und die Franziskaner wetteiferten um die Gunst des Volkes, die sie durch den glänzenden Schmuck ihrer Kirchen, das Gepränge ihrer Zeremonien, den Reiz berühmter Reliquien und Wunder wirkende Bilder zu erreichen suchten.
Die Dominikaner von Bern sahen, daß, falls sie diesen begabten jungen Studenten gewinnen könnten, sie sich Gewinn und Ehre verschaffen würden. Seine außerordentliche Jugend, seine natürliche Fähigkeit als Redner und Schreiber sowie seine Begabung für Musik und Dichtkunst würden wirksamer sein, das Volk zu ihren Gottesdiensten herbeizuziehen und die Einkünfte ihres Ordens zu vermehren als all ihr Prunk und Aufwand. Durch Täuschung und Schmeichelei bemühten sie sich, Zwingli zu verleiten, in ihr Kloster einzutreten. Luther hatte sich, während er Student auf einer Hochschule war, in eine Klosterzelle begraben und würde für die Welt verloren gewesen sein, hätte nicht Gottes Vorsehung ihn befreit. Zwingli geriet nicht .in dieselbe Gefahr. Die Vorsehung fügte es so, daß sein Vater von der Absicht der Mönche erfuhr, und da er nicht gewillt war, daß sein Sohn dem müßigen und nutzlosen Leben der Mönche folge und erkannte, daß dessen zukünftige Brauchbarkeit auf dem Spiele stand, wies er ihn an, unverzüglich nach Hause zurückzukehren.
Der Jüngling gehorchte, doch blieb er nicht lange in seinem heimatlichen Tale; er nahm bald seine Studien wieder auf und ging kurze Zeit darauf nach Basel. Hier hörte Zwingli das Evangelium einer freien Gottesgnade zum ersten Mal. Wyttenbach, ein Lehrer der alten Sprachen, war durch das Studium des Griechischen und Hebräischen zu der Heiligen Schrift geführt worden, und so ergossen sich in die Gemüter derer, die er unterrichtete, Strahlen des göttlichen Lichtes. (Staehelin, Zwingli, 1. Bd., 1. Kap., S. 38-43, Basel, 1895.) Er erklärte, daß es eine Wahrheit gebe, die älter und von unendlich größerem Werte sei als die Ansichten der Schulgelehrten und Philosophen. Er lehrte, „der Tod Christi sei die einzige Genugtuung für unsere Sünden.“ (Wirz, helv. Kirchengesch. 3, S. 452.) Für Zwingli waren diese Worte wie der erste Lichtstrahl der Morgendämmerung.
Bald wurde Zwingli von Basel abgerufen, um seine Lebensaufgabe anzutreten. Sein erstes Arbeitsfeld war eine Pfarrei in den Alpen, nicht weit von seinem heimatlichen Tale. Nachdem Zwingli die Priesterweihe empfangen hatte, widmete er sich ganz der Erforschung der göttlichen Wahrheit, „denn er wußte, fügte Mykonius hinzu, wie vieles derjenige zu wissen nötig hat, welchem das Amt anvertraut ist, die Herde Christi zu lehren.“ (Staehelin, 1. Bd., 2. Kap., S. 45.) Je mehr er in der Heiligen Schrift forschte, desto deutlicher sah er den Gegensatz zwischen ihren Wahrheiten und den Irrlehren Roms. Er unterwarf sich der Bibel als dem Worte Gottes, der allein fähigen, unfehlbaren Richtschnur. Er sah, daß sie ihr eigener Ausleger sein müsse, und wagte es nicht, die Heilige Schrift auszulegen, um eine vorgefaßte Ansicht oder Lehre zu beweisen, sondern hielte es für seine Pflicht, ihre bestimmte, offenbare Lehre zu erforschen. Er bediente sich eines jeden Hilfsmittels, um ein volles und richtiges Verständnis ihres Sinnes zu erlangen und erflehte den Beistand des Heiligen Geistes, der nach seiner Überzeugung es allen, die ihn aufrichtig und mit Gebet suchten, offenbaren würde.
Zwingli schrieb hierüber: „Die Schrift ist von Gott und nicht von Menschen hergekommen.“ 2.. Petr. 1, 21. „Eben der Gott, der erleuchtet, der wird auch dir zu verstehen geben, daß seine Rede von Gott kommt.“ „Das Wort Gottes ist gewiß, fehlt nicht, es ist klar, läßt nicht in der Finsternis irren, es lehrt sich selbst, tut sich selbst auf und bescheint die menschliche Seele mit allem Heil und Gnaden, tröstet sie in Gott, demütigt sie, so daß sie selbst verliert, ja verwirft und faßt Gott in sich, in dem lebt sie, darnach fechtet sie.“ (Zwingli [Schuler und Schultheß] 1, S. 81.) Zwingli hatte die Wahrheit dieser Worte an sich selbst erfahren, wie er auch später mit folgenden Worten bezeugt: „Als ich vor sieben oder acht Jahren anhub, mich ganz an die Heilige Schrift zu lassen, wollte mir Philosophie und Theologie der Zänker immerdar ihre Einwürfe machen. Da kam ich zuletzt dahin, daß ich dachte, (doch mit Schrift und Wort Gottes dazu geleitet): Du mußt das alles lassen liegen und die Meinung Gottes lauter aus seinem eignen einfältigen Wort lernen. Da hub ich an, Gott zu bitten um sein Licht, und fing mir an die Schrift viel heller zu werden.“ (Zwingli 1, S. 79.)
Die Lehre, welche Zwingli verkündigte, hatte er nicht von Luther empfangen: es war die Lehre Christi. „Predigt Luther Christum,“ schrieb der schweizerische Reformator, „so tut er eben dasselbe, was ich tue; wiewohl, Gott sei gelobt, durch ihn eine unzählbare Welt mehr als durch mich und andere zu Gott geführt werden. Dennoch will ich keinen andern Namen tragen als den meines Hauptmanns Christi, dessen Kriegsmann ich bin; der wird mir Amt und Sold geben, so viel ihm gut dünkt.“ „Dennoch bezeuge ich vor Gott und allen Menschen, daß ich keinen Buchstaben alle Tage meines Lebens Luther geschrieben habe, noch er mir, noch hab ich solches veranstaltet. Solches habe ich nicht unterlassen aus Menschenfurcht, sondern weil ich dadurch habe allen Menschen offenbaren wollen, wie einhellig der Geist Gottes sei, daß wir so weit voneinander wohnen, dennoch so einhellig die Lehre Christi lehren, obwohl ich ihm nicht anzuzählen bin, denn jeder von uns tut, soviel ihm Gott weist.“ (Zwingli 1, S. 256 f.)
Zwingli wurde 1516 eine Pfarrstelle am Kloster zu Einsiedeln angeboten. Hier sollte er eine klarere Einsicht in die Verderbtheit Roms erhalten und einen reformatorischen Einfluß ausüben, der weit über seine heimatlichen Alpen hinaus gefühlt wurde. Ein Gnadenbild der Jungfrau Maria, angeblich ein wunderwirkendes, übte hier die größte Anziehung aus. Über der Eingangspforte des Klosters prangte die Inschrift: „Hier findet man volle Vergebung aller Sünden.“ (Wirz, 4, S. 142.) Das Jahr hindurch zogen Pilger zu dem Altare Marias. Doch an einem jährlichen großen Feste kamen sie massenhaft aus allen Teilen der Schweiz und auch aus Deutschland und Frankreich. Dieser Anblick schmerzte Zwingli sehr, und er benutzte solche Gelegenheiten, ihnen die herrliche Freiheit des Evangeliums zu verkündigen.
Die Verzeihung der Sünden und das ewige Leben seien „bei Christo und nicht bei der heiligen Jungfrau zu suchen; der Ablaß, die Wallfahrt und Gelübde, die Geschenke, die man den Heiligen mache, haben wenig Wert. Gottes Gnade und Hilfe sei allen Orten gleich nahe, und er höre das Gebet anderswo nicht weniger als zu Einsiedeln.“ (Wirz, 4, S. 142.) „Wir ehren Gott mit Plappergebeten, mit viel Fasten, mit auswendigem Schein der Kutten, mit weißen Geschleife, mit säuberlich geschorenen Glatzen, mit langen, schön gefalteten Röcken, mit wohl vergoldeten Mauleseln.“ „Aber das Herz ist fern von Gott.“ „Christus, der sich einmal für uns geopfert, ist ein in Ewigkeit währendes und bezahlendes Opfer für die Sünden aller Gläubigen.“ (Zwingli, 1, S. 216. 232.)
Nicht allen seiner vielen Zuhörer war diese Lehre willkommen. Es enttäuschte manche sehr, daß ihre lange und mühsame Pilgerreise umsonst gemacht worden sei. Sie konnten die ihnen in Christo frei angebotene Vergebung nicht fassen, und der alte Weg zum Himmel, wie ihn Rom vorgezeichnet hatte, genügte ihnen. Sie schreckten zurück vor der Schwierigkeit, nach etwas Besserem zu suchen. Ihre Seligkeit Papst und Priestern anzuvertrauen, fiel ihnen leichter, als nach Reinheit des Herzens zu trachten. Andere aber freuten sich über die frohe Kunde der Erlösung in Christo. Ihnen hatten die von Rom auferlegten Bürden keinen Seelenfrieden gebracht, und gläubig nahmen sie des Heilandes Blut zu ihrer Versöhnung an. Froh kehrten sie nach ihrer Heimat zurück, um andern das empfangene köstliche Licht zu offenbaren. Auf diese Weise pflanzte sich die Wahrheit von Weiler zu Weiler und von Stadt zu Stadt fort, die Zahl der Pilger nach dem Altar der Jungfrau dagegen nahm ab, die Gaben verringerten sich, und somit auch sein Gehalt, das aus diesen Gaben bestritten wurde. Doch ihm verursachte es nur Freude zu sehen, daß die Macht des Fanatismus und Aberglaubens gebrochen wurde.
Seine Vorgesetzten wußten von Zwinglis Wirken. Er drang in sie, die Mißstände abzustellen; aber sie schritten nicht ein, sondern hofften durch Schmeichelei ihn für ihre Sache zu gewinnen. Unterdessen faßte die Wahrheit Wurzel in den Herzen des Volkes. Zwinglis Wirken in Einsiedeln hatte ihn für ein größeres Feld vorbereitet, welches er bald betreten sollte. Im Dezember 1518 wurde er zum Leutpriester am Dom in Zürich berufen. Es war damals schon die bedeutendste Stadt der schweizerischen Genossenschaft, so daß der dort ausgeübte Einfluß sich weithin fühlbar machte. Die Domherren, auf deren Einladung Zwingli nach Zürich gekommen war, schärften ihm bei seiner Verpflichtung zur Amtsordnung, da sie Neuerungen befürchteten, folgende Hauptpflichten ein:
„Du mußt nicht versäumen, für die Einkünfte des Domkapitels zu sorgen und auch das Geringste nicht verachten. Ermahne die Gläubigen von der Kanzel und dem Beichtstuhle, alle Abgaben und Zehnten zu entrichten und durch Gaben ihre Anhänglichkeit an die Kirche zu bewähren. Auch die Einkünfte von Kranken, von Opfern und jeder andern kirchlichen Handlung mußt du zu mehren suchen. Auch gehört zu deinen Pflichten die Verwaltung des Sakramentes, die Predigt und die Seelsorge. In mancher Hinsicht, besonders in der Predigt, kannst du dich durch einen Vikar ersetzen lassen. Die Sakramente brauchst du nur den Vornehmen, wenn sie dich fordern, zu reichen; du darfst es sonst ohne Unterschied der Personen nicht tun.“ (Schuler, Zwingli, S. 227; Hottinger, Hist. Eccl. 4, S. 6385.)
Ruhig hörte Zwingli diesem Auftrage zu, drückte auch seinen gebührenden Dank aus für die Ehre, zu solchem wichtigen Amt berufen worden zu sein und erklärte ihnen, welchen Lauf er einzuschlagen gedenke: „Von der Geschichte Christi des Erlösers, wie sie der Evangelist Matthäus beschrieben hat, sei wohl schon der Titel länger bekannt, aber deren Vortrefflichkeit sei schon lange Zeit nicht ohne Verlust des göttlichen Ruhmes und der Seelen verborgen geblieben. Dasselbe sei nicht nach menschlichem Gutdünken zu erklären, sondern im Sinne des Geistes mit sorgfältigem Vergleich und innigem Gebet,“ (Myconius, Zwingli, S. 6) „alles zur Ehre Gottes und seines einigen Sohnes und dem rechten Heil der Seelen und Unterrichtung der frommen und biedern Leute.“ (Bullinger, 1. Bd., 4. Kap., Frauenfeld, 1838.) Wiewohl etliche Domherren diesen Plan nicht billigten und ihn davon abzubringen suchten, blieb doch Zwingli standhaft und erklärte, diese Art zu predigen sei keine neue, sondern gerade die alte und ursprüngliche, wie sie die Kirche in ihrem reineren Zustande geübt habe.
Da bereits seine Zuneigung für die von ihm gelehrten Wahrheiten geweckt war, strömte das Volk in großer Zahl herzu, um seinen Predigten zu lauschen. Viele, die schon lange keine Gottesdienste besucht hatten, befanden sich unter seinen Zuhörern. Er begann sein Amt mit dem ersten Kapitel Matthäus und erklärte, wie ein Zuhörer dieser ersten Predigt berichtet, „das Evangelium so köstlich durch alle Propheten und Patriarchen, desgleichen auch nach aller Urteil nie gehört worden war.“ (Füßli, Beiträge, 4, S. 34.) Wie in Einsiedeln, so stellte er auch hier das Wort Gottes als die alleinige unfehlbare Autorität und den Tod Christi als das einzige, völlige Opfer dar. Sein Hauptzweck war, „Christus aus der Quelle zu predigen und den reinen Christus in die Herzen einzupflanzen.“ Zwingli 7, S. 142 f.) Alle Stände des Volkes, Ratsherren und Gelehrte sowohl wie auch der Handwerker und Bauer, scharten sich um diesen Prediger. Mit innigstem Anteil lauschten sie seinen Worten. Er verkündigte nicht nur das Angebot eines freien Heils, sondern rügte auch furchtlos die Übelstände und Verderbnisse seiner Zeit. Viele priesen Gott bei ihrer Rückkehr aus dem Dom und sprachen: „Dieser ist ein rechter Prediger der Wahrheit, der wird sagen, wie die Sachen stehn und als ein Moses uns aus Ägypten führen.“ (Hottinger, helv. Kirchengesch., 6, S. 40.)
Seine Bemühungen wurden zuerst mit großer Begeisterung aufgenommen; doch mit der Zeit regte sich der Widerstand immer mehr. Die Mönche bemühten sich, sein Werk zu hindern und seine Lehren zu verurteilen. Viele bestürmten ihn mit Hohn und Spott; andere drohten und schmähten. Zwingli erduldete alles mit christlicher Geduld und sagte: „Wenn man die Bösen zu Christo führen will, so muß man bei manchem die Augen zudrücken.“ (Salats, Ref.-Chr., S. 155.)
Ungefähr um diese Zeit kam ein neues Werkzeug hinzu, die Sache der Reformation zu fördern. Ein gewisser Lucian wurde von einem Freunde des reformierten Glaubens in Basel, welcher meinte, daß der Verkauf jener Bücher ein mächtiges Mittel zur Ausbreitung des Lichtes sein möchte, mit etlichen Schriften Luthers nach Zürich gesandt. Er schrieb Zwingli: „Wenn nun dieser Lucian Klugheit und Geschmeidigkeit genügend zu haben scheint, so muntere ihn auf, daß er Luthers Schriften, vor allen die für Laien gedruckte Auslegung des Herrn Gebets, in allen Städten, Flecken, Dörfern, auch von Haus zu Haus verbreite. Je mehr man ihn kennt, desto mehr Absatz hat er. Doch soll er sich hüten, gleichzeitig andere Bücher zu verkaufen, denn je mehr er gezwungen ist, nur diese anzupreisen, eine desto größere Menge solcher Bücher verkauft er.“ (Zwingli, 7, S. 81, 2. Juli 1519.) Auf solche Weise fand das Licht Eingang.
Doch wenn Gott sich anschickt, die Fesseln der Unwissenheit und des Aberglaubens zu brechen, dann wirkt auch Satan mit der größten Macht, die Menschen in Finsternis zu hüllen und ihre Bande noch fester zu schmieden. Männer standen in verschiedenen Ländern auf, um den Menschen die freie Vergebung und Rechtfertigung durch das Blut Christi anzubieten; Rom aber öffnete mit erneuter Tatkraft seinen Markt in der ganzen Christenheit, Vergebung um Geld feilzubieten.
Jede Sünde hatte ihren Preis, und den Menschen wurde volle Freiheit für grobe Vergehungen gewährt, wenn nur der Schatzkasten der Kirche damit wohl gefüllt erhalten wurde. So schritten beide Bewegungen voran, die eine bot Freisprechung von Sünden um Geld an, die andere Vergebung durch Christum; Rom erlaubte die Sünde und machte sie zu einer Quelle seiner Einnahmen; die Reformatoren verurteilten die Sünde und wiesen auf Christum als den einzigen Versöhner und Befreier hin.
In Deutschland war der Verkauf von Ablässen den Dominikanermönchen anvertraut worden, wobei Tetzel solche berüchtigte Rolle spielte. In der Schweiz lag der Handel in den Händen der Franziskaner und wurde von Samson, einem italienischen Mönch, geleitet. Samson hatte der Kirche bereits gute Dienste geleistet, indem er sich aus der Schweiz und auch aus Deutschland ungeheure Summen verschafft hatte, um die Schatzkammer des Papstes zu füllen. Jetzt durchreiste er die Schweiz unter großem Zuzug, beraubte die armen Landleute ihres dürftigen Einkommens und erpreßte reiche Geschenke von den wohlhabenden Klassen. Aber der Einfluß der Reformation machte sich bereits fühlbar, und dieser Handel wurde, wenn ihm auch nicht völlig Einhalt geboten werden konnte, sehr beschnitten. Als Samson zuerst die Schweiz betrat und den Ablaß in einem benachbarten Orte anbot, weilte Zwingli noch zu Einsiedeln. Sobald er von seinem Kommen hörte, widersetzte er sich ihm auch. Die beiden trafen sich wohl nicht, doch stellte Zwingli die Anmaßungen des Mönches mit solchem Erfolge bloß, daß Samson die Gegend verlassen mußte.
Auch in Zürich predigte Zwingli eifrig gegen den Ablaßhandel, und als Samson sich später dieser Stadt näherte, deutete ihm ein Ratsbote an, er solle weiterziehen. Doch schließlich verschaffte er sich durch List Eingang, wurde jedoch fortgeschickt ohne einen einzigen Ablaß verkauft zu haben, und bald darauf verließ er die Schweiz. (Staehelin, Zwingli, 1. Bd., 2. Kap. S. 144f., Basel, 1895.)
Das Auftreten der Pest, des sogenannten „schwarzen Todes“, welche 1519 die Schweiz heimsuchte, verlieh der Reformation einen großen Anstoß. Als die Menschen auf diese Weise dem Verderben von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt wurden, fingen viele an einzusehen, wie nichtig und wertlos die Ablässe seien, die sie so kürzlich gekauft hatten, und sie sehnten sich nach einem sicheren Grund für ihren Glauben. In Zürich wurde auch Zwingli niedergeworfen und lag so schwer krank danieder, daß alle Hoffnung auf seine Genesung aufgegeben wurde und weit umher das Gerücht sich verbreitete, er sei tot. In jener schweren Stunde der Prüfung blieben jedoch seine Hoffnung und sein Mut unerschüttert. Er blickte im Glauben auf das Kreuz von Golgatha und vertraute auf die allgenugsame Versöhnung für die Sünde. Als er von der Pforte des Todes zurückkehrte, predigte er das Evangelium mit größerer Kraft als je zuvor, und seine Worte übten eine ungewöhnliche Macht aus. Das Volk begrüßte seinen geliebten Seelsorger, der von der Schwelle des Grabes zu ihm zurückkehrte, mit Freuden. Selbst mit der Besorgung der Kranken und Sterbenden beschäftigt, fühlte es wie nie zuvor den Wert des Evangeliums.
Zwingli war zu einem klareren Verständnis der Evangeliumswahrheit gelangt und hatte an sich selbst seine neu gestaltende Macht völliger erfahren. Der Sündenfall und der Erlösungsplan waren die Gegenstände, mit welchen er sich beschäftigte. Er schrieb: „In Adam sind wir alle tot und in Verderbnis und Verdammnis versunken,“ aber Christus ist „wahrer Mensch, gleichwie wahrer Gott und ein ewig währendes Gut.“ „Sein Leiden ist ewig gut und fruchtbar, tut der göttlichen Gerechtigkeit in Ewigkeit für die Sünden aller Menschen genug, die sich sicher und gläubig darauf verlassen.“ Doch lehrte er deutlich, daß es den Menschen wegen der Gnade Christi nicht freistehe, in Sünde fortzufahren. „Siehe, wo der wahre Glaube ist (der von der Liebe nicht geschieden), da ist Gott. Wo aber Gott ist, da geschieht nichts Arges,... da fehlt es nicht an guten Werken.“ (Zwingli 1, S. 182 f., Art. 5.)
Zwinglis Predigten erregten ein solches Aufsehen, daß der Dom die Menge nicht fassen konnte, die kam, um ihm zuzuhören. Nach und nach wie sie es ertragen konnten, eröffnete er seinen Zuhörern die Wahrheit. Er war sorgfältig, nicht gleich am Anfang Lehren einzuführen, welche sie erschrecken und Vorurteile erregen würden. Seine Aufgabe war, ihre Herzen für die Lehren Christi zu gewinnen, sie durch seine Liebe zu erweichen und ihnen sein Beispiel vor Augen zu halten; dann würden auch, indem sie die Grundsätze des Evangeliums annahmen, ihre abergläubischen Begriffe und Gebräuche unvermeidlich schwinden.
Schritt für Schritt ging die Reformation in Zürich vorwärts Voll Schrecken erhoben sich ihre Feinde zu tatkräftigem Widerstand. Ein Jahr zuvor hatte der Mönch von Wittenberg in Worms dem Papst und dem Kaiser sein Nein ausgesprochen, und nun schien in Zürich alles auf ein ähnliches Widerstreben gegen die päpstlichen Aussprüche hinzudeuten. Zwingli wurde wiederholt angegriffen. In den päpstlichen Kantonen wurden von Zeit zu Zeit Jünger des Evangeliums auf den Scheiterhaufen gebracht., doch das genügte nicht; der Lehrer der Ketzerei mußte zum Schweigen gebracht werden. Demgemäß sandte der Bischof von Konstanz drei Abgeordnete an den Rat zu Zürich mit der Anklage, daß Zwingli das Volk lehre, die Gesetze der Kirche zu übertreten und er somit den Frieden und die gute Ordnung der Gesellschaft gefährde. Sollte aber, behauptete er, die Autorität der Kirche unberücksichtigt bleiben, so würde ein Zustand allgemeiner Gesetzlosigkeit eintreten. Zwingli antwortete: „Ich habe schon beinahe vier Jahre lang das Evangelium Jesu mit saurer Mühe und Arbeit hier gepredigt. Zürich ist ruhiger und friedlicher als kein anderer Ort der Eidgenossenschaft, und dies schreiben alle guten Bürger dem Evangelium zu.“ (Wirz, B d. 4, S. 226. 227.)
Die Abgeordneten des Bischofs hatten die Räte ermahnt, da es außer der Kirche kein Heil gebe, in ihr zu verharren. Zwingli erwiderte: „Laßt euch, liebe Herrn und Bürger, durch diese Ermahnung nicht auf den Gedanken führen, daß ihr euch jemals von der Kirche Christi gesondert habt. Ich glaube zuversichtlich, daß ihr euch noch wohl zu erinnern wißt, was ich euch in meiner Erklärung über Matthäus gesagt habe, daß jener Fels, welcher dem ihn redlich bekennenden Jünger den Namen Petrus gab, das Fundament der Kirche sei. In jeglichem Volk, an jedem Ort, wer mit seinem Munde Jesum bekennt und im Herzen glaubt, Gott habe ihn von den Toten auferweckt, wird selig werden. Es ist gewiß, daß niemand außer derjenigen Kirche selig werden kann.“ (Ebd. S. 233.) Die Folge der Verhandlung war, daß bald darauf Wanner, einer der drei Abgeordneten des Bischofs, sich offen zum Evangelium bekannte. (Staehelin, Zwingli, 1. Bd. 5. Kap. S. 212. Basel, 1895.)
Der Züricher Rat lehnte jedes Vorgehen gegen Zwingli ab, und Rom rüstete sich zu einem neuen Angriff. Da aber Zwingli vernahm, daß sie den Kampf erneuern wollten, schrieb er, „welche ich weniger fürchte, wie ein hohes Ufer die Wellen drohender Flüsse. Mit Gott!“ (Zwingli 7, S. 202, 22. Mai 1522.) Die Anstrengung der Priester förderten nur die Sache, welche sie zu stürzen trachteten. Die Wahrheit breitete sich immer mehr aus. In Deutschland faßten die Anhänger Luthers, welche durch sein Verschwinden niedergeschlagen waren, neuen Mut, da sie von dem Fortschritt des Evangeliums in der Schweiz hörten.
Als die Reformation in Zürich Wurzel faßte, sah man ihre Früchte in der Unterdrückung des Lasters und in der Förderung guter Ordnung und friedlichen Einvernehmens, so daß Zwingli schreiben konnte: „Der Friede weilt in unserer Stadt. Zu dieser Ruhe hat aber wohl die Einigkeit der Prediger des Worts nicht das geringste beigetragen. Zwischen uns gibt es keine Spannung, keine Zwietracht, keinen Neid, keine Zänkereien und Streitigkeiten. Wem könnte man aber diese Übereinstimmung der Gemüter mehr zuschreiben als wie dem höchsten, besten Gott?“ (Zwingli, 7, S. 389, 5. April 1525.)
Die von der Reformation errungenen Siege reizten die Anhänger Roms zu noch größeren Anstrengungen, sie zu vernichten. Da die Unterdrückung der Sache Luthers in Deutschland durch Verfolgung so wenig fruchtete, entschlossen sie sich, die Reform mit ihrer eigenen Waffe zu schlagen. Sie wollten ein Streitgespräch mit Zwingli halten, und da die Anordnung der Sache in ihrer Hand lag, wollten sie sich dadurch den Sieg sichern, daß sie beides, den Kampfplatz und die Richter wählten, welche zwischen den Streitenden entscheiden sollten. Konnten sie einmal Zwingli in ihre Gewalt bekommen, dann wollten sie schon dafür sorgen, daß er ihnen nicht entwische. Und war der Führer zum Schweigen gebracht, dann konnte die Bewegung rasch erstickt werden. Doch verheimlichten sie sorgfältig ihre Absicht.
Das Religionsgespräch wurde in Baden abgehalten; Zwingli wohnte aber nicht bei. Der Züricher Rat mißtraute den Absichten Roms, auch das Auflodern der in den katholischen Kantonen für die Evangelischen angezündeten Scheiterhaufen diente als Warnung; Deshalb verbot er seinem Seelsorger, sich dieser Gefahr auszusetzen. Zwingli stand bereit, sich allen Römlingen in Zürich zur Verantwortung zu stellen, aber nach Baden zu gehen, wo eben erst das Blut von Märtyrern um der Wahrheit willen vergossen worden war, hätte für ihn nur sicheren Tod bedeutet. Ökolampad und Haller vertraten die Reformation, während der bekannte Dr. Eck, den eine Schar päpstlicher Gelehrten und Kirchenfürsten unterstützten, der Kämpe Roms war.
War auch Zwingli nicht zugegen, so wurde doch sein Einfluß verspürt. Die Katholischen hatten selbst die Schreiber bestimmt, und allen andern war jede Aufzeichnung bei Todesstrafe verboten. Dessen ungeachtet erhielt Zwingli täglich von den in. Baden abgehaltenen Reden genauen Bericht. Ein bei den Verhandlungen anwesender Student schrieb jeden Abend die Beweisführungen auf. Zwei andere Jünglinge übernahmen es, diesen Bericht über die Verhandlungen des Tages sowie die brieflichen Anfragen Ökolompads und seiner Genossen an Zwingli zu befördern. Die brieflichen Antworten des Reformators mußten nachts geschrieben und seine Ratschläge und Andeutungen erteilt werden. Frühmorgens kehrten dann die Jünglinge nach Baden zurück. Um der Wachsamkeit der an den Stadttoren aufgestellten Hüter zu entgehen, brachten sie auf ihren Häuptern Körbe mit Federvieh und konnten so ungehindert hindurchgehen.
Auf diese Weise kämpfte Zwingli mit seinen verschlagenen Gegnern. „Er hat“, schreibt Myconius, „während des Gesprächs durch Nachdenken, Wachen, Raten, Ermahnen und Schreiben mehr gearbeitet, als wenn er der Disputation selbst beigewohnt hätte.“ (Zwingli, 7, S. 517; Myconius, Vita Zwingli, S. 10.)
Die Römlinge, jubelfroh infolge des voraussichtlichen Sieges, hatten sich in ihrem schönsten Kleide und ihren glänzendsten Juwelen nach Baden begeben. Sie lebten schwelgerisch; ihre Tafeln waren mit den köstlichsten Leckerbissen und ausgesuchtesten Weinen besetzt. Die Lasten ihrer kirchlichen Pflichten wurden mit Schmausen und Lustbarkeiten erleichtert. In bezeichnendem Gegensatz erschienen die Reformatoren, welche von dem Volke als wenig besser denn eine Schar von Bettlern angesehen wurden, und ihre anspruchslosen Mahlzeiten hielten sie nur kurze Zeit bei Tische. Ökolampads Hauswirt, der Anlaß nahm, ihn auf seinem Zimmer zu überwachen, fand ihn stets beim Studium oder im Gebet und sagte in großer Verwunderung: „Man muß gestehen, das ist ein sehr frommer Ketzer.“ (D'Aubigné, 11. Buch, 13. Kap., S. 271, Stuttgart, 1848. Siehe auch Bullinger, 1. Bd., 189 Kap. S. 351, Frauenfeld, 1838.)
Bei der Versammlung betrat Eck „eine prächtig verzierte Kanzel, der einfach gekleidete Ökolampad mußte ihm gegenüber auf ein grob gearbeitetes Gerüste treten.“ (D'Aubigné, ebd., S. 270.) Ecks mächtige Stimme und seine unbegrenzte Zuversicht ließen ihn nie im Stich. Sein Eifer wurde durch die Aussicht auf Gold und Ruhm gereizt, war doch dem Verteidiger des Glaubens eine ansehnliche Belohnung zugesichert. Wo es ihm an besseren Belegen mangelte, wandte er beleidigende Reden und sogar Flüche an.
Der bescheidene Ökolampad, der in sich kein Vertrauen setzte, hatte vor dem Streit zurückgeschreckt und erklärte am Anfang feierlichst, daß alles nach dem Worte Gottes als Richtschnur ausgemacht werden sollte. Sein Auftreten war bescheiden und geduldig, doch erwies er sich als fähig und tapfer. „Eck, der mit der Schrift nicht zurechtkommen konnte, berief sich immer wieder auf Überlieferungen und Herkommen, Ökolompad antwortet: ’Über allen Übungen steht in unserem Schweizerlande das Landesrecht. Unser Landbuch aber (in Glaubenssachen) ist die Bibel.` (Hagenbach, Väter d. ref. Kirche, Bd. 2, S. 94.)
Der Gegensatz zwischen den beiden Hauptrednern verfehlte nicht seine Wirkung. Die ruhige, deutliche Beweisführung Ökolampads und sein bescheidenes Betragen gewannen die Gemüter für sich, welche sich mit Widerwillen von den prahlerischen und lauten Behauptungen Ecks abwandten. Das Religionsgespräch dauerte 18 Tage. An dessen Schlusse beanspruchten die Anhänger Roms mit großer Zuversicht den Sieg. Die meisten Abgesandten hielten es mit Rom, und die Sitzung erklärte die Reformatoren für geschlagen und mit Zwingli, ihrem Haupt, von der Kirche ausgeschlossen. Die Früchte dieses Religionsgespräches offenbarten jedoch, auf welcher Seite der Vorteil lag. Das Streitgespräch verlieh der protestantischen Sache einen starken Antrieb, und nicht lange nachher erklärten sich die wichtigen Städte Bern und Basel für die Reformation.
KAPITEL 10
FORTSCHRITT DER REFORMATION IN DEUTSCHLAND
Luthers geheimnisvolles Verschwinden erregte in ganz Deutschland Bestürzung. Nachfragen über ihn wurden überall gemacht. Die wildesten Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt, und viele glaubten, er sei ermordet worden. Es entstand großes Klagen, nicht nur unter seinen offenen Freunden, sondern auch unter Tausenden, welche nicht öffentlich ihren Stand für die Reformation genommen hatten. Manche banden sich durch einen feierlichen Eid, seinen Tod zu rächen.
Die römischen Machthaber sahen mit Schrecken, auf welche Höhe die Gefühle gegen sie gestiegen waren. Obgleich sie erst über den vermeintlichen Tod Luthers frohlockten, wünschten sie bald, sich vor dem Zorn des Volkes zu verbergen. Seine Feinde waren durch die kühnsten Handlungen während seines Verweilens unter ihnen nicht so beunruhigt worden wie durch sein Verschwinden. Die in ihrer Wut den kühnen Reformator umzubringen suchten, wurden nun, da er ein hilfloser Gefangener war, mit Furcht erfüllt. „Es bleibt uns nur das Rettungsmittel übrig,“ sagte einer, „daß wir Fackeln anzünden und Luther in der Welt aufsuchen, um ihn dem Volke, das nach ihm verlangt, wiederzugeben.“ (D'Aubigné, 9. Buch, 1. Abschn., S. 5, Stuttgart, 1848.) Der Erlaß des Kaisers schien kraftlos zu sein, und die päpstlichen Gesandten wurden entrüstet, als sie sahen, daß ihm weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als dem Schicksal Luthers.
Die Kunde, daß er, wenngleich ein Gefangener, doch in Sicherheit sei, beruhigte die Befürchtungen des Volkes, steigerte aber auch dessen Begeisterung für ihn. Seine Schriften wurden mit größerer Begierde gelesen als je zuvor. Eine stets wachsende Zahl schloß sich der Sache des heldenmütigen Mannes an, der einer so ungeheuren Überlegenheit gegenüber das Wort Gottes verteidigt hatte. Die Reformation gewann fortwährend an Kraft. Der von Luther gesäte Same ging überall auf. Seine Abwesenheit vollbrachte ein Werk, welches seine Anwesenheit nicht hätte tun können. Andere Arbeiter fühlten jetzt, da ihr großer Anführer verschwunden war, eine ernste Verantwortlichkeit. Mit neuem Glauben und Eifer strebten sie voran, um alles zu tun, was in ihrer Macht stehe, damit das so edel begonnene Werk nicht gehindert werde.
Satan war jedoch auch nicht müßig. Er versuchte nun, was er bei jeder anderen Reformbewegung zu tun versucht hat - das Volk zu täuschen und zu verderben, indem er an Stelle des wahren Werkes eine Nachahmung unterschob. Wie es im ersten Jahrhundert der christlichen Gemeinde falsche Christi gab, so erhoben sich im 16. Jahrhundert falsche Propheten.
Etliche Männer, durch die Erregung in der religiösen Welt tief ergriffen, bildeten sich ein, besondere Offenbarungen vom Himmel erhalten zu haben und erhoben den Anspruch, göttlich beauftragt worden zu sein, das Werk der Reformation, das von Luther nur schwach begonnen worden sei, zur Vollendung zu bringen. In Wahrheit rissen sie gerade das wieder nieder, was er aufgebaut hatte. Sie verwarfen den Hauptgrundsatz, die wahre Grundlage der Reformation - das Wort Gottes als die allgenugsame Glaubens und Lebensregel, und setzten an Stelle jenes untrüglichen Führers den veränderlichen, unsicheren Maßstab ihrer eigenen Gefühle und Eindrücke. Dadurch wurde der große Prüfstein des Irrtums und des Betrugs beseitigt und Satan der Weg geöffnet, die Gemüter zu beherrschen, wie es ihm am besten gefiel.
Einer dieser Propheten behauptete, von dem Engel Gabriel unterrichtet worden zu sein. Ein Student, der sich mit ihm vereinigte, verließ seine Studien und erklärte, von Gott selbst mit Weisheit ausgerüstet zu sein, die Schrift auszulegen. Andere, die von Natur zur Schwärmerei geneigt waren, verbanden sich mit ihnen. Das Vorgehen dieser Schwarmgeister rief keine geringe Aufregung hervor. Luthers Predigten hatten überall das Volk erweckt, um die Notwendigkeit einer Reform einzusehen, und nun wurden einige wirklich redliche Seelen durch die Behauptungen der neuen Propheten irregeleitet.
Die Anführer der Bewegung begaben sich nach Wittenberg und nötigten Melanchthon und seinen Mitarbeitern ihre Ansprüche auf. Sie sagten: „Wir sind von Gott gesandt, das Volk zu unterweisen. Wir haben vertrauliche Gespräche mit Gott und sehen in die Zukunft; wir sind Apostel und Propheten und berufen uns auf den Doktor Luther.“ (Ebd., 9. Buch, 7. Abschn., S. 42f.)
Die Reformatoren waren erstaunt und verlegen. Dies war eine derartige Richtung, wie sie es nie zuvor angetroffen hatten, und sie wußten nicht, welches Verfahren dagegen einzuschlagen sei. Melanchthon sagte: „Diese Leute sind ungewöhnliche Geister, aber was für Geister? ... Wir wollen den Geist nicht dämpfen, aber uns auch vom Teufel nicht verführen lassen.“ (Ebd.)
Die Früchte dieser neuen Lehre wurden bald offenbar. Das Volk wurde zur Vernachlässigung oder gänzlichen Verwerfung der Bibel verleitet. Die Hochschulen wurden in Verwirrung gestürzt. Studierende verließen, sich über alle Schranken hinwegsetzend, ihre Studien und zogen sich von der Universität zurück. Die Männer, welche sich selbst als maßgebend betrachteten, das Werk der Reformation wieder zu beleben und zu leiten, brachten sie bis zum Rande des Untergangs. Die Römlinge gewannen nun ihr Vertrauen wieder und riefen frohlockend aus: „Noch ein Versuch,... und alles wird wiedergewonnen.“ (Ebd.)
Als Luther auf der Wartburg hörte, was vorging, sagte er in tiefem Kummer: „Ich habe immer erwartet, daß Satan uns eine solche Wunde versetzen würde.“ (s. vorige Anm.) Er gewahrte den wahren Charakter jener angeblichen Propheten und sah die Gefahr, welche der Sache der Wahrheit drohte. Der Widerstand des Papstes und des Kaisers hatte ihm nicht so große Unruhe und Kummer verursacht, wie er nun durchmachte. Aus den vorgeblichen Freunden der Reformation waren die schlimmsten Feinde erwachsen. Gerade die Wahrheiten, welche ihm so große Freude und Trost gebracht hatten, wurden jetzt benutzt, um Zwiespalt und Verwirrung in der Gemeinde zu stiften.
In dem Werke der Reformation war Luther vom Geiste Gottes angetrieben und über sich selbst hinaus geführt worden. Er hatte nicht beabsichtigt, eine Stellung, wie die seinige jetzt war, einzunehmen oder so gründliche Veränderungen zu machen. Er war nur das Werkzeug in der Hand der unendlichen Macht Gottes gewesen. Doch zitterte er oft für die Folgen seines Werkes. Einst hatte er gesagt: „Wüßte ich, daß meine Lehre einem einfältigen Menschen schadete (und das kann sie nicht, denn sie ist das Evangelium selbst), so möchte ich eher zehn Tode leiden, als nicht widerrufen.“ (Ebd. Siehe auch Anhang.)
Jetzt fiel aber Wittenberg selbst, der eigentliche Mittelpunkt der Reformation, schnell unter die Macht des Fanatismus und der Gesetzlosigkeit. Dieser schreckliche Zustand wurde nicht von Luthers Lehren verursacht, und doch warfen in ganz Deutschland seine Feinde die Schuld auf ihn. In der Bitterkeit seiner Seele fragte er zuweilen: „Dahin sollte es mit der Reformation kommen?“ Wenn er aber mit Gott im Gebet rang, ergoß sich der Friede in sein Herz: „Gott hat es begonnen, Gott wird es vollenden.“ (Siehe vorige Anm.) „Du wirst es nicht dulden, daß es durch Aberglauben und Fanatismus verderbt wird.“ Doch der Gedanke, sich zu dieser entscheidenden Zeit länger von dem Schauplatz des Kampfes fernzuhalten, wurde ihm unerträglich; er entschloß sich, nach Wittenberg zurückzukehren.
Ohne Verzug trat er seine gefahrvolle Reise an. Er war unter dem Reichsbann. Seinen Feinden stand es frei, ihm das Leben zu nehmen; seinen Freunden war es untersagt, ihm zu helfen oder ihn zu beschützen. Die kaiserliche Regierung ergriff die strengsten Maßregeln gegen seine Anhänger. Aber er sah, daß das Evangeliumswerk gefährdet war, und im Namen des Herrn ging er furchtlos für die Wahrheit in den Kampf.
In einem Schreiben an den Kurfürsten sagte Luther, nachdem er seine Absicht, die Wartburg zu verlassen, ausgesprochen hatte: „E.K. Gnaden wisse, ich komme gen Wittenberg in gar viel einem höheren Schutz denn des Kurfürsten. Ich hab‘s auch nicht im Sinne von E.K. Gnaden Schutz zu begehren; ja ich halt, ich wollte E.K. Gnaden mehr schützen, denn sie mich schützen könnte. Dazu, wenn ich wüßte, daß E.K. Gnaden mich könnte und wollte schützen, so wollte ich nicht kommen. Dieser Sache soll noch kann kein Schwert raten oder helfen, Gott muß hier allein schaffen, ohne alles menschliche Sorgen und Zutun. Darum, wer am meisten glaubt, der wird hier am meisten schützen.“ (Ebd., 9. Buch, 8. Absch., S. 53f).
In einem zweiten Brief, den er auf dem Wege nach Wittenberg verfaßte, fügte Luther hinzu: „Ich will E.K. Gnaden Ungunst und der ganzen Welt Zorn ertragen. Die Wittenberger sind meine Schafe. Gott hat sie mir anvertraut. Ich muß mich für sie in den Tod begeben. Ich fürchte in Deutschland einen großen Aufstand, wodurch Gott unser Volk strafen will. (Ebd.)
Mit großer Vorsicht und Demut, doch fest und entschlossen, trat er sein Werk an. „Mit dem Worte“, sagte er, „müssen wir streiten, mit dem Worte stürzen, was die Gewalt eingeführt hat. Ich will keinen Zwang gegen Aber- und Ungläubige. … Keiner soll zum Glauben und zu dem, was des Glaubens ist, gezwungen werden.“ (s. vorige Anm.) Bald wurde es in Wittenberg bekannt, daß Luther zurückgekehrt sei und predigen solle. Das Volk strömte aus allen Richtungen herbei, und die Kirche war überfüllt. Er bestieg die Kanzel und lehrte, ermahnte und strafte mit großer Weisheit und Zartgefühl. Indem er auf das Verfahren etlicher hinwies, welche sich der Gewalt bedient hatten, um die Messe abzuschaffen, sagte er:
„Die Messe ist ein böses Ding, und Gott ist ihr feind; sie muß abgetan werden, und ich wollte, daß in der ganzen Welt allein die gemeine evangelische Messe gehalten würde. Doch soll man niemand mit dem Haar davonreißen, denn Gott soll man hierin die Ehre geben und sein Wort allein wirken lassen, nicht unser Zutun und Werk. Warum? Ich habe nicht in meiner Hand die Herzen der Menschen, wie der Hafner den Leimen. Wir haben wohl das Recht der Rede, aber nicht das Recht der Vollziehung. Das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll allein in seinem Gefallen sein. So ich nun darein falle, so wird dann aus dem Gezwang oder Gebot ein Spiegelfechten, ein äußerlich Wesen, ein Affenspiel, aber da ist kein gut Herz, kein Glaube, keine Liebe. Wo diese drei fehlen, ist ein Werk nichts; ich wollte nicht einen Birnstiel darauf geben. ... Also wirkt Gott mit seinem Wort mehr, denn wenn du und ich alle Gewalt auf einen Haufen schmelzen. Also wenn du das Herz hast, so hast du ihn nun gewonnen. …
„Predigen will ich‘s, sagen will ich‘s, schreiben will ich‘s; aber zwingen, dringen mit der Gewalt will ich niemand, denn der Glaube will willig und ohne Zwang angezogen werden. Nehmt ein Exempel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich hab allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe … also viel getan, daß das Papsttum also schwach geworden ist, daß ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel abgebrochen hat. Ich habe nichts getan, das Wort hat es alles gehandelt und ausgericht. Wenn ich hätte wollen Ungemach fahren, ich wollte Deutschland in ein groß Blutvergießen gebracht haben. Aber was wär es? Ein Verderbnis an Leib und Seele. Ich habe nichts gemacht, ich habe das Wort lassen handeln.“ (Ebd.)
Tag um Tag, eine ganze Woche lang, predigte Luther der aufmerksam lauschenden Menge. Das Wort Gottes brach den Bann der fanatischen Aufregung. Die Macht des Evangeliums brachte das irregeleitete Volk auf den Weg der Wahrheit zurück.
Luther hatte kein Verlangen, den Schwärmern, deren Verfahren so großes Übel hervorgebracht hatte, zu begegnen. Er wußte, daß es Männer von erkrankter Urteilskraft und unbeherrschten Leidenschaften waren, welche, während sie behaupteten, vom Himmel besonders erleuchtet zu sein, nicht den geringsten Widerspruch oder auch nur die freundlichste Ermahnung oder einen Rat dulden würden. Da sie sich selbst die höchste Autorität anmaßten, verlangten sie von einem jeden, daß er ohne jegliche Frage ihre Ansprüche anerkenne. Als sie aber eine Unterredung mit ihm verlangten, willigte er ein mit ihnen zusammenzukommen; und so erfolgreich stellte er ihre Anmaßungen bloß, daß die Betrüger Wittenberg plötzlich verließen.
Die Schwärmerei war für eine Zeit lang gedämpft, brach aber einige Jahre später mit noch größerer Heftigkeit und schrecklicheren Folgen abermals aus. Luther sagte betreffs der Anführer in dieser Bewegung: „Die Heilige Schrift war für sie nichts als ein toter Buchstabe, und alle schrien: Geist, Geist! Aber wahrlich,, ich gehe nicht mit ihnen, wohin ihr Geist sie führt. Der barmherzige Gott behüte mich ja vor der christlichen Kirche, darin lauter Heilige sind. Ich will da bleiben, wo es Schwache, Niedrige, Kranke gibt, welche ihre Sünden kennen und empfinden, welche unablässig nach Gott seufzen und schreien aus Herzensgrund, um seinen Trost und Beistand zu erlangen.“
Thomas Münzer, der tätigste dieser Schwärmer, war ein Mann von beträchtlicher Fähigkeit, welche ihn, wenn richtig geleitet, in den Stand gesetzt haben würde, Gutes zu tun; er hatte jedoch die ersten Grundsätze wahrer Religion nicht gelernt. Er bildete sich ein, er sei von Gott verordnet, die Welt zu reformieren, wobei er gleich vielen anderen Schwärmern vergaß, daß die Reform bei ihm selbst zu beginnen habe. Er war ehrgeizig, Stellung und Einfluß zu erreichen und nicht willig, irgend jemanden nachzustehen, auch Luther nicht. Er schuldigte die Reformatoren an, sie richteten, da sie sich allein an die Bibel hielten, nur eine andere Art Papsttum auf. Er betrachtete sich selbst als von Gott berufen die wahre Reformation einzuführen. „Wer diesen Geist besitzt,“ sagte er, „hat den wirksamen Glauben, und wenn er auch sein Leben lang nichts von der Heiligen Schrift sähe.“
Die schwärmerischen Lehrer ließen sich von Eindrücken leiten, indem sie jeden Gedanken und jeglichen Antrieb als Stimme Gottes bezeichneten; in Folge dessen begingen sie die größten Übertreibungen. Einige verbrannten sogar ihre Bibeln, wobei sie ausriefen: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Münzers Lehren richteten sich an das dem Menschen angeborene Verlangen nach dem Wunderbaren, während sie ihren Stolz dadurch befriedigten, daß sie menschliche Ideen und Meinungen in der Tat über Gottes Wort erhoben. Tausende nahmen seine Lehre an. Bald verwarf er alle Ordnung im öffentlichen Gottesdienst und erklärte, daß den Fürsten gehorchen so viel heiße, als zu versuchen, Gott und Belial zu dienen.
Die Gemüter des Volkes, das bereits anfing, das Joch des Papsttums abzuschütteln, wurden auch ungeduldig unter den Einschränkungen der Staatsgewalt. Münzers revolutionäre Lehren, für die er göttliche Eingebung beanspruchte, führte sie dahin, sich von aller Einschränkung loszureißen und ihren Vorurteilen und Leidenschaften Zügel schießen zu lassen. Die schrecklichsten Auftritte der Empörung und des Streites folgten, und die Gefilde Deutschlands wurden mit Blut getränkt.
Der Seelenkampf, welchen Luther so lange zuvor zu Erfurt durchgemacht hatte, stürmte nun mit verdoppelter Wucht auf ihn ein, als er sah, daß die Folgen der Schwärmerei der Reformation zur Last gelegt wurden. Die päpstlichen Fürsten erklärten – und viele standen bereit es zu glauben – daß Luthers Lehre die Ursache der Empörung gewesen sei. Obwohl die Anschuldigung auch der geringsten Grundlage entbehrte, mußte sie doch dem Reformator großen Kummer verursachen. Daß die Sache der Wahrheit auf diese Weise herabgewürdigt werden sollte, indem man sie zu der niedrigsten Schwärmerei gesellte, schien mehr zu sein, als er aufzuhalten vermochte. Auf der anderen Seite haßten die Anführer des Aufstandes Luther, weil er sich nicht nur ihren Lehren widersetzt und ihre Ansprüche auf göttliche Eingebung verleugnet, sondern sie als Empörer gegen die bürgerliche Obrigkeit erklärt hatte. In Wiedervergeltung erklärten sie ihn als gemeinen Betrüger. Er schien sich sowohl die Feinschaft der Fürsten wie die des Volkes zugezogen zu haben.
Die Römlinge frohlockten, indem sie erwarteten, den baldigen Untergang der Reformation zu erblicken. Und sie tadelten Luther sogar für die Irrtümer, die er mit größten Eifer zu verbessern gesucht hatte. Die schwärmerische Partei bewerkstelligte es, durch die Behauptung, sie seien mit großer Ungerechtigkeit behandelt worden, die Zuneigung einer großen Menschenmasse zu gewinnen, und wie das öfters der Fall ist mit denen, welche sich auf die Seite des Unrechts stellen, wurden sie als Märtyrer betrachtet. Gerade diejenigen, welche alle Energie aufwandten, um sich der Reformation zuwidersetzen, wurden auf diese Weise als Opfer der Grausamkeit und Unterdrückung bemitleidet und gepriesen. Dies war das Werk Satans, angeregt von demselben Geist der Empörung, der zuerst im Himmel an den Tag gelegt wurde.
Satan sucht beständig, die Menschen zu hintergehen und verleitet sie, die Sünde Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit Sünde zu nennen. Wie erfolgreich ist sein Werk gewesen! Wie oft werden Tadel und Vorwürfe auf Gottes treue Diener geschleudert, weil sie entschlossen sind, furchtlos für die Verteidigung der Wahrheit aufzutreten! Männer, welche die Werkzeuge Satans sind, werden gepriesen und mit Schmeicheleien überhäuft, ja sogar als Märtyrer angesehen, während diejenigen, welche um ihrer Treue zu Gott willen, geachtet und unterstützt werden sollten, unter Verdacht und Mißtrauen alleine stehen gelassen werden.
Unechte Heiligkeit, gefälschte Heiligung, tun noch immer ihr Werk des Betruges. Unter verschiedenen Formen zeigen sie denselben Geist wie in den Tagen Luthers; sie lenken auch heute noch die Gemüter von der Heiligen Schrift ab und verführen die Menschen dazu, ihren eigenen Gefühlen und Eindrücken zu folgen, eher als dem Gesetz Gottes Gehorsam zu leisten. Dies ist einer der erfolgreichsten Anschläge Satans, um die Unschuld und die Wahrheit mit Vo
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