"LET THERE BE LIGHT" Ministries
DER GROSSE KONFLIKT
Inhalt
Einleitung
Ehe die Sünde in die Welt kam, erfreute sich Adam eines freien Verkehrs mit seinem Schöpfer; aber seit der Mensch sich durch die Übertretung von Gott trennte, wurde ihm dies hohe Vorrecht entzogen. Durch den Erlösungsplan wurde jedoch ein Weg geöffnet, durch den die Bewohner der Erde noch immer mit dem Himmel in Verbindung treten können. Gott hat mit den Menschen durch seinen Geist verkehrt und der Welt göttliches Licht vermittels der Offenbarungen an seine erwählten Knechte mitgeteilt. „Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“ (2. Petr. 1, 21.)
Während der ersten 2500 Jahre der menschlichen Geschichte gab es keine geschriebene Offenbarung. Die von Gott gelehrt worden waren, teilten ihre Erkenntnis anderen mit, und sie pflanzte sich vom Vater auf den Sohn durch die kommenden Geschlechter fort. Die Herstellung des geschriebenen Wortes begann zur Zeit Moses, und zwar wurden die vom Geiste Gottes eingegebenen Offenbarungen zu einem inspirierten Buch vereinigt. Dies geschah 1600 Jahre lang, von Mose, dem Geschichtschreiber der Schöpfung und der Gesetzgebung an, bis auf Johannes, den Schreiber der erhabensten Wahrheiten des Evangeliums.
Die Bibel bezeichnet Gott als ihren Urheber, und doch wurde sie von Menschenhänden geschrieben und zeigt auch in dem eigenartigen Stil ihrer verschiedenen Bücher die besonderen Züge der jeweiligen Verfasser. Ihre offenbarten Wahrheiten sind alle von Gott eingegeben (2. Tim. 3, 16), gelangen aber in menschlichen Worten zum Ausdruck. Der Unendliche hat durch seinen Heiligen Geist den Verstand und das Herz seiner Knechte erleuchtet. Er hat Träume und Gesichte, Symbole und Bilder gegeben, und diejenigen, denen die Wahrheit auf solche Weise offenbart wurde, haben die Gedanken in menschliche Sprache gekleidet.
Die Zehn Gebote wurden von Gott selbst gesprochen und mit seiner eigenen Hand geschrieben. Sie sind von Gott und nicht von Menschen verfaßt. Aber die Bibel mit ihren von Gott eingegebenen, in menschlicher Sprache ausgedrückten Wahrheiten stellt eine Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen dar. Eine solche Vereinigung bestand in Christus, welcher der Sohn Gottes und des Menschen Sohn war. Mithin gilt dasselbe von der Bibel, was von Christus geschrieben steht: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh. 1, 14.)
In verschiedenen Zeitaltern und von Menschen geschrieben, die dem Rang und der Beschäftigung, dem Verstand und den Geistesgaben nach sehr ungleich waren, bieten die Bücher der Bibel nicht nur eine große Verschiedenheit im Stil, sondern auch in der Natur der entfalteten Gegenstände dar. Die verschiedenen Schreiber bedienen sich verschiedener Ausdrucksweisen; oft wird die gleiche Wahrheit von dem einen nachdrücklicher betont als von dem andern. Und da mehrere Schreiber einen Gegenstand von verschiedenen Gesichtspunkten und Beziehungen betrachten, mag der oberflächliche, nachlässige oder mit Vorurteil erfüllte Leser da Ungereimtheiten oder Widersprüche sehen, wo der nachdenkende, andächtige Forscher mit klarerer Einsicht die zugrunde liegende Übereinstimmung erblickt.
Da die Wahrheit von verschiedenen Persönlichkeiten vorgeführt wird, sehen wir sie auch von ihren verschiedenen Gesichtspunkten aus. Der eine Schreiber steht mehr unter dem Eindruck von der einen Seite des Gegenstandes; er erfaßt die Punkte, welche mit seiner Erfahrung übereinstimmen oder in dem Maße, wie er sie begreift oder würdigt; ein anderer nimmt sie von einer anderen Seite auf, aber jeder stellt das dar, was unter der Leitung des Geistes Gottes auf sein eigenes Gemüt den stärksten Eindruck macht, und so hat man in jedem eine bestimmte Seite der Wahrheit und doch eine vollkommene Übereinstimmung in allem. Und die auf diese Weise offenbarten Wahrheiten verbinden sich zu einem vollkommenen Ganzen, das den Bedürfnissen der Menschen in allen Umständen und Erfahrungen des Lebens angepaßt ist.
Es hat Gott gefallen, der Welt die Wahrheit durch menschliche Werkzeuge mitzuteilen, und er selbst hat vermittels seines Heiligen Geistes die Menschen befähigt, dies Werk zu verrichten. Er hat die Gedanken geleitet in der Wahl dessen, was zu reden oder zu schreiben war. Der Schatz war irdischen Gefäßen anvertraut worden, ist aber nichtdestoweniger vom Himmel. Das Zeugnis wird vermittels der unvollkommenen Ausdrücke der menschlichen Sprache getragen und ist dennoch das Zeugnis Gottes, und das gehorsame, gläubige Gotteskind sieht darin die Herrlichkeit einer göttlichen Macht, voller Gnade und Wahrheit.
In seinem Wort hat Gott den Menschen die zur Seligkeit nötige Erkenntnis übergeben. Die Heilige Schrift soll als eine maßgebende, rechtskräftige, untrügliche Offenbarung seines Willens angenommen werden. Sie ist der Maßstab des Charakters, der Kundgeber der Vorschriften, der Prüfstein der Erfahrung. „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.“ (2. Tim. 3, 16. 17.)
Doch hat die Tatsache, daß Gott seinen Willen dem Menschen durch sein Wort offenbart hat, die beständige Gegenwart und Leitung des Heiligen Geistes nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil, unser Heiland verhieß den Heiligen Geist, damit dieser seinen Knechten das Wort eröffne, dessen Lehren beleuchte und anwende. Und da der Geist Gottes die Bibel eingab, ist es auch unmöglich, daß die Lehren des Geistes dem Wort je entgegen sein können.
Der Geist wurde nicht gegeben und kann auch nie dazu mitgeteilt werden, um die Bibel zu verdrängen; denn die Schrift erklärt ausdrücklich, daß das Wort Gottes der Maßstab ist, an welchem alle Lehren und jede Erfahrung geprüft werden müssen. Der Apostel Johannes sagt: „Glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“ (l. Joh. 4, 1.) Und Jesaj a erklärt: ja, nach dem Gesetz und Zeugnis! Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte nicht haben." (Jes. 8, 20.)
Große Schmach ist auf das Werk des Heiligen Geistes geworfen worden durch die Irrtümer etlicher Menschen, welche beanspruchen, von ihm erleuchtet zu sein und behaupten, einer weiteren Führung des Wortes Gottes nicht mehr zu bedürfen. Sie lassen sich von Eindrücken leiten, die sie für die Stimme Gottes in der Seele annehmen; aber der Geist, der sie beherrscht, ist nicht der Geist Gottes. Ein solches Befolgen der Gefühle, wodurch die Heilige Schrift vernachlässigt wird, kann nur zu Verwirrung, Täuschung und Verderben führen. Da das Amt des Heiligen Geistes für die Gemeinde Christi von höchster Wichtigkeit ist, gehört es auch zu den listigen Anschlägen Satans, durch die Irrtümer der Überspannten und Schwärmer Verachtung auf das Werk des Geistes zu werfen und das Volk Gottes zu veranlassen, diese Quelle der Kraft, welche uns der Herr selbst vorgesehen hat, zu vernachlässigen.
In Übereinstimmung mit dem Worte Gottes sollte der Heilige Geist sein Werk während der ganzen Zeit der Gnadenhaushaltung des Evangeliums fortsetzen. Während der Zeit, da die Schriften des Alten und Neuen Testamentes gegeben wurden, hörte der Heilige Geist nicht auf, außer den Offenbarungen, welche dem heiligen Buche einverleibt werden sollten, auch die Seelen einzelner zu erleuchten. Die Bibel selbst berichtet, daß Menschen durch den Heiligen Geist Warnungen, Tadel, Rat und Belehrungen empfingen in Angelegenheiten, die in keiner Beziehung zur Ubermittlung der Heiligen Schrift standen, und zu verschiedenen Zeiten werden Propheten erwähnt, über deren Aussprüche nichts verzeichnet steht. Gleicherweise sollte, nachdem der Kanon der Schrift abgeschlossen war, der Heilige Geist auch weiterhin sein Werk, zu erleuchten, zu warnen und Gottes Kinder zu trösten, fortsetzen.
Jesus verhieß seinen Jüngern: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe.“ „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten, ... und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“ (Joh. 14, 26; 16, 13.) Die Schrift lehrt deutlich, daß diese Verheißungen, weit davon entfernt, auf die Zeit der Apostel beschränkt zu sein, für die Gemeinde Christi in'allen Zeiten gelten. Der Heiland versichert seinen Nachfolgern: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28, 20), und Paulus erklärt, daß die Gaben und Kundgebungen des Geistes der Gemeinde gegeben worden seien, damit „die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Amts, dadurch der Leib Christi erbaut werde, bis daß wir alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, der da sei in dem Maße des vollkommenen Alters Christi.“ (Eph. 4, 12. 13.)
Für die Gläubigen zu Ephesus betete der Apostel: „Der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis und erleuchtete Augen eures Verständnisses, daß ihr erkennen möget, welche da sei die Hoffnung eurer Berufung, und ... welche da sei die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, die wir glauben.“ (Eph. 1, 17-19.) Das Amt des Geistes Gottes in der Erleuchtung des Verständnisses und dem Auftun der Tiefen der Heiligen Schrift war der Segen, welchen Paulus auf die Gemeinde zu Ephesus herabflehte.
Nach der wunderbaren Ausgießung des Heiligen. Geistes am Pfingsttage ermahnte Petrus das Volk zur Buße und Taufe im Namen Christi zur Vergebung ihrer Sünden und sagte: „So werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird.“ (Apg. 2, 38. 39.)
Im unmittelbaren Zusammenhang mit den Begebenheiten des großen Tages Gottes hat der Herr durch den Propheten Joel eine besondere Offenbarung seines Geistes verheißen. (Joel 3, 1.) Diese Prophezeiung erhielt eine teilweise Erfüllung in der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttage; aber sie wird ihre volle Erfüllung in der Offenbarung der göttlichen Gnade erreichen, weiche das Schlußwerk des Evangeliums begleiten wird.
Der große Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen wird an Heftigkeit zunehmen bis ganz ans Ende der Zeit. Zu allen Zeiten offenbarte sich der Zorn Satans gegen die Gemeinde Christi; und Gott hat seinem Volk seine Gnade und seinen Geist verliehen, um es zu stärken, damit es vor der Macht des Bösen bestehen könne. Als die Apostel das Evangelium in die Welt hinaustragen und es für alle Zukunft berichten sollten, wurden sie besonders mit der Erleuchtung des Geistes ausgerüstet. Wenn sich aber der Gemeinde Gottes die schließliche Befreiung naht, wird Satan mit größerer Macht wirken. Er kommt herab „und hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat.“ (Offb. 12, 12.) Er wird „mit allerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundern“ wirken. (2. Thess. 2, 9.) 6000 Jahre lang hat jener mächtige Geist, einst der höchste unter den Engeln Gottes, es völlig auf Täuschung und Verderben abgesehen, und alle dadurch erlangte satanische Kunst und Verschlagenheit, alle in diesem jahrhundertelangen Ringen entwickelte Grausamkeit werden in dem letzten Kampf gegen Gottes Volk ins Feld geführt werden. In dieser gefahrvollen Zeit sollen die Nachfolger Christi der Welt die Botschaft von der Wiederkunft des Herrn bringen; ein Volk muß zubereitet werden, das bei seinem Kommen "unbefleckt und unsträflich“ vor ihm stehen kann. (2. Petr. 3, 14.) Zu dieser Zeit bedarf die Gemeinde der besonderen Gabe der göttlichen Gnade und Macht nicht weniger als in den Tagen der Apostel.
Durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes sind mir, der Verfasserin dieser Seiten, die Ereignisse des langanhaltenden Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen offenbart worden. Etliche Male wurde es mir gestattet, den großen Kampf zwischen Christus, dem Fürsten des Lebens, dem Herzog unserer Seligkeit, und Satan, dem Fürsten des Bösen, dem Urheber der Sünde, dem ersten Übertreter des heiligen Gesetzes Gottes, in verschiedenen Zeitaltern zu schauen. Satans Feindschaft gegen Christum hat sich gegen dessen Nachfolger bekundet. Derselbe Haß gegen die Grundsätze des Gesetzes Gottes, dieselben trügerischen Pläne, durch welche der Irrtum als Wahrheit erscheint, menschliche Gesetze an Stelle des Gesetzes Gottes gebracht und die Menschen verleitet werden, eher das Geschöpf als den Schöpfer anzubeten, können in der ganzen Geschichte der Vergangenheit verfolgt werden. Satans Bemühungen, den Charakter Gottes verkehrt darzustellen, um die Menschen dahinzubringen, eine falsche' Vorstellung von dem Schöpfer zu hegen und ihn daher eher mit Furcht und Haß als mit Liebe zu betrachten, seine Anstrengungen, das göttliche Gesetz beiseite zu setzen und das Volk glauben zu machen, daß es von dessen Anforderungen frei sei; sein Verfolgen derer, die es wagen, sich seinen Täuschungen zu widersetzen, lassen sich in allen Jahrhunderten deutlich nachweisen. Sie können in der Geschichte der Patriarchen, Propheten und Apostel, der Märtyrer und Reformatoren wahrgenommen werden.
In dem letzten großen Kampf wird Satan dieselbe Klugheit anwenden, denselben Geist bekunden und nach demselben Ziel streben wie in allen vergangenen Zeiten. Was gewesen ist, wird wieder sein, ausgenommen daß sich der kommende Kampf durch eine so schreckliche Heftigkeit kennzeichnet, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Satans Täuschungen werden schlauer, seine Angriffe entschlossener sein. Wenn es möglich wäre, würde er selbst die Auserwählten verführen. (Mark. 13, 22.)
Als mir durch den Geist Gottes die großen Wahrheiten seines Wortes und. die Ereignisse der Vergangenheit und der Zukunft erschlossen wurden, erhielt ich den Auftrag, anderen bekanntzumachen, was mir offenbart worden war, nämlich die Geschichte des Kampfes in der Vergangenheit zu verfolgen und sie besonders so darzustellen, daß dadurch Licht. auf den rasch herannahenden Kampf der Zukunft geworfen werde. In Verfolgung dieser Absicht habe ich mich bestrebt, Ereignisse aus der Kirchengeschichte zu wählen und auf solche Weise zusammenzustellen, daß sie die Enticklung der großen prüfenden Wahrheiten zeigen, welche zu verschiedenen Zeiten der Welt gegeben wurden, die den Zorn Satans und die Feindschaft einer verweltlichten Kirche erregten und die durch das Zeugnis derer aufrechterhalten werden, welche „nicht haben ihr Leben geliebt bis an den Tod.“
In diesen Berichten können wir ein Bild des uns bevorstehenden Kampfes erblicken. Wenn wir sie in dem Licht des Wortes Gottes und durch die Erleuchtung seines Geistes betrachten, können wir unverhüllt die Anschläge des Bösen und die Gefahren sehen, welchen alle ausweichen müssen, die beim Kommen des Herrn „unsträflich" erfunden werden wollen.
Die großen Ereignisse, welche den Fortschritt der Reformation in vergangenen Jahrhunderten kennzeichneten, sind wohlbekannte und von der protestantischen Welt allgemein anerkannte geschichtliche Tatsachen, die niemand bestreiten kann. Diese Schilderung habe ich in Übereinstimmung mit dem Zweck des Buches und der Kürze, welche notwendigerweise beobachtet werden mußte, deutlich dargestellt und so weit zusammengedrängt, wie es zu einem richtigen Verständnis ihrer Anwendung möglich war. In etlichen Fällen, wo ein Geschichtschreiber die Ereignisse so zusammengestellt hat, daß sie in aller Kürze einen gedrängten Überblick über den Gegenstand gewährten, oder wo er die Einzelheiten in passender Weise zusammenfaßte, sind seine Worte angeführt worden; aber in einigen Fällen wurden keine Namen erwähnt, da sie nicht in der Absicht angeführt wurden, den betreffenden Schreiber als Autorität hinzustellen, sondern weil seine Aussagen eine treffende und kraftvolle Darstellung des Gegenstandes boten. In der Beschreibung der Erfahrungen und der Ansichten derer, welche das Reformationswerk in unserer Zeit vorwärtsführen, wurde von ihren veröffentlichten Werken ein ähnlicher Gebrauch gemacht.
Es ist nicht so sehr der Zweck dieses Buches, neue Wahrheiten über die Kämpfe früherer Zeiten zu bringen, als Tatsachen und Grundsätze hervorzuheben, welche einen Einfluß auf kommende Ereignisse haben. Jedoch erlangen diese Berichte über die Vergangenheit, angesehen als ein Teil des Kampfes zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis, eine neue Bedeutung, und durch sie scheint ein Licht auf die Zukunft und erleuchtet den Pfad derer, welche selbst auf die Gefahr hin, aller irdischen Güter verlustig zu gehen, wie die früheren Reformatoren berufen werden, Zeugnis abzulegen „um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi.“
Der Zweck dieses Buches ist, die Begebenheiten des großen Kampfes zwischen Wahrheit und Irrtum zu beschreiben, Satans listige Anschläge und die Mittel, durch welche wir ihm erfolgreich widerstehen können, zu offenbaren, eine befriedigende Lösung des großen Problems der Sünde zu geben, indem ein derartiges Licht über den Ursprung und die schließliche Abrechnung mit allem Bösen gegeben wird, daß dadurch die Gerechtigkeit und die Güte Gottes in all seinem Handeln mit seinen Geschöpfen völlig offenbar werde, sowie die heilige, unveränderliche Natur seines Gesetzes zu zeigen. Daß durch den Einfluß des Buches Seelen von der Macht der Finsternis befreit und Teilhaber werden am „Erbe der Heiligen im Licht" zum Lobe dessen, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat, ist mein ernstliches Gebet. E.G.W. Healsdburg, Cal., Mai, 1888.
KAPITEL 1
DIE ZERSTÖRUNG JERUSALEMS
„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängsten; und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ (Luk. 19, 42-44.)
Vom Gipfel des Ölberges herab schaute Jesus auf Jerusalem. Lieblich und friedvoll war die vor ihm ausgebreitete Szene. Es war die Zeit des Passahfestes, und von allen Ländern hatten sich die Kinder Jakobs versammelt, um dies große Nationalfest zu feiern. Inmitten von Gärten, Weinbergen und grünen, mit Zelten der Pilger besäten Abhängen, erhoben sich die terrassenförmig abgestuften Hügel, die stattlichen Paläste und massiven Bollwerke der Hauptstadt Israels. Die Tochter Zions schien in ihrem Stolz zu sagen: „Ich sitze als eine Königin,... und Leid werde ich nicht sehen;“ So anmutig war sie und wähnte sich der Gunst des Himmels sicher, wie ehedem der königliche Sänger, da er ausrief: „Schön ragt empor der Berg Zion, des sich das ganze Israel tröstet; ... die Stadt des großen Königs.“ (Offb. 18, 7; Ps. 48, 3.) Gerade vor seinen Augen lagen die prächtigen Gebäude des Tempels; die Strahlen der sinkenden Sonne erhellten das schneeige Weiß seiner marmornen Mauern und leuchteten von dem goldenen Tor, dem Turm und der Zinne. In vollendeter Schönheit stand Zion da, der Stolz der jüdischen Nation. Welches Kind Israels konnte bei diesem Anblick ein Gefühl der Freude und der Bewunderung unterdrücken! Aber weit andere Gedanken beschäftigten das Gemüt Jesu. „Als er nahe hinzukam, sah er die Stadt an und weinte über sie.“ (Luk. 19, 41.) Inmitten der allgemeinen Freude des triumphierenden Einzuges, während Palmzweige ihm entgegenwehten, fröhliche Hosiannarufe von den Hügeln widerhallten und Tausende von Stimmen ihn zum König ausriefen, überwältigte den Welterlöser ein plötzlicher und geheimnisvoller Schmerz. Er, der Sohn Gottes, der Verheißene Israels, dessen Macht den Tod besiegt und seine Gefangenen aus den Gräbern hervorgerufen hatte, weinte - keine Tränen eines gewöhnlichen Wehes, sondern eines heftigen, unaussprechlichen Seelenschmerzes.
Christi Tränen flossen nicht um seinetwillen, obgleich er wohl wußte, wohin sein Weg ihn führte. Vor ihm lag Gethsemane, der Schauplatz seines bevorstehenden Seelenkampfes. Das Schaftor war ebenfalls sichtbar, durch welches seit Jahrhunderten die Schlachtopfer geführt worden waren, und das sich auch vor ihm auftun sollte, wenn er „wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt“ (Jes. 53, 7) würde. Nicht weit entfernt lag Golgatha, die Stätte der Kreuzigung. Auf den bald zu betretenden Pfad mußten die Schatten großer Finsternis fallen, da Christus seine Seele zu einem Sühnopfer für die Sünde geben sollte. Doch war es nicht die Betrachtung derartiger Szenen, die in dieser Stunde der allgemeinen Fröhlichkeit den Schatten auf ihn warf. Keine Vorahnungen seiner eigenen übermenschlichen Angst trübten das selbstlose Gemüt. Er beweinte das Los der Tausenden in Jerusalem, die Blindheit und Unbußfertigkeit derer, die er zu segnen und zu retten gekommen war.
Gottes besondere Gunst und Fürsorge, die sich über tausend Jahre dem auserwählten Volke offenbart hatte, lagen offen vor dem Blick Jesu. Dort erhob sich der Berg Morija, wo der Sohn der Verheißung, ein widerstandsloses Opfer, auf den Altar gebunden worden war (l. Mose 22, 9) - ein Sinnbild der Aufopferung des Sohnes Gottes. Dort war der Bund des Segens, die glorreiche messianische Verheißung, dem Vater der Gläubigen bestätigt worden. (l. Mose 22, 16-18.) Dort hatten die gen Himmel aufsteigenden Flammen des Opfers in der Tenne Omans das Schwert des Würgengels abgewandt (l. Chr. 21) - ein passendes Symbol von des Heilandes Opfer für die schuldigen Menschen. Jerusalem war von Gott vor der ganzen Erde geehrt worden. Der Herr hatte „Zion erwählt“, er hatte „Lust, daselbst zu wohnen.“ (Ps. 132, 13.) Dort hatten die heiligen Propheten jahrhundertelang ihre Botschaften der Warnung verkündigt; die Priester hatten ihre Rauchnäpfe geschwungen, und die Wolke des Weihrauchs mit den Gebeten der Frommen war zu Gott aufgestiegen. Dort war täglich das Blut der geopferten Lämmer dargebracht worden, die auf das Lamm Gottes hinwiesen. Dort hatte Jehovah in der Wolke der Herrlichkeit über dem Gnadenstuhl seine Gegenwart offenbart. Dort hatte der Fuß jener geheimnisvollen Leiter geruht, welche die Erde mit dem Himmel verband (l. Mose 28, 12; Joh. 1, 51) - jener Leiter, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und welche der Welt den Weg in das Allerheiligste öffnete. Hätte Israel als eine Nation dem Himmel seine Treue bewahrt, so würde Jerusalem, die auserwählte Stadt Gottes, ewig gestanden haben. (Jer. 17, 21-25.) Aber die Geschichte jenes bevorzugten Volkes gab einen Bericht über Abtrünnigkeit und Empörung. Es hatte sich der Gnade des Himmels widersetzt, seine Vorrechte mißbraucht und die günstigen Gelegenheiten unbeachtet gelassen.
Die Israeliten „spotteten der Boten Gottes- und verachteten seine Worte und äfften seine Propheten,“ (2. Chron. 36, 15. 16) und doch hatte Gott sich ihnen immer noch als der „Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue erwiesen.“ (2. Mose 34, 6.) Ungeachtet der wiederholten Verstoßungen war ihnen immer noch seine Gnade nachgegangen. Mit mehr als väterlicher, mitleidsvoller Liebe für das Kind seiner Sorge sandte Gott „zu ihnen durch seine Boten früh und immerfort; denn er schonte seines Volkes und seiner Wohnung.“ (2. Chron. 36, 15.) Nachdem Vorstellungen, Bitten und Zurechtweisungen fehlgeschlagen hatten, sandte er ihnen die beste Gabe des Himmels; ja er schüttete den ganzen Himmel in jener einen Gabe aus.
Der Sohn Gottes selbst wurde gesandt, um mit der unbußfertigen Stadt zu unterhandeln. War es doch Christus, der Israel als einen guten Weinstock aus Ägypten geholt hatte. (Ps. 80, 9.) Seine eigene Hand hatte die Heiden vor ihm her ausgetrieben. Er hatte ihn „an einen fetten Ort“ (Jes. 5, 1-4) gepflanzt. In seiner Fürsorge hatte er einen Zaun um ihn herum gebaut und seine Knechte ausgesandt, ihn zu pflegen. „Was sollte man doch mehr tun an meinem Weinberge,“ ruft er aus, „das ich nicht getan habe an ihm?“ Doch als er „wartete, daß er Trauben brächte,“ hat er „Herlinge gebracht.“ (Jes. 5, 1-4.) Dessen ungeachtet kam er mit einer noch immer sehnlichen Hoffnung auf Fruchtbarkeit persönlich in seinen Weinberg, damit dieser, wenn möglich, vor dem Verderben bewahrt bleibe. Er grub um den Weinstock herum; er beschnitt und pflegte ihn. Unermüdlich waren seine Bemühungen, diesen selbst gepflanzten Weinstock zu retten.
Drei Jahre lang war der Herr des Lichts und der Herrlichkeit unter seinem Volk ein- und ausgegangen. Er war umhergezogen und hatte wohlgetan und gesund gemacht alle, die vom Teufel überwältigt waren; (Apg. 10, 38; Luk. 4, 18; Matth. 11, 5;) Er hatte die zerstoßenen Herzen geheilt, die Gefangenen losgelassen, den Blinden das Gesicht wiedergegeben, die Lahmen gehen und die Tauben hören gemacht, die Aussätzigen gereinigt, die Toten auferweckt und den Armen das Evangelium verkündigt. An alle ohne Unterschied war die gnadenreiche Einladung ergangen: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28.)
Obgleich ihm Gutes mit Bösem und Liebe mit Haß belohnt wurde (Ps. 109, 5), so war er doch unverwandt seiner Mission der Barmherzigkeit nachgegangen. Nie waren diejenigen abgewiesen worden, die seine Gnade suchten. Selbst ein heimatloser Wanderer, dessen täglicher Teil Schmach und Entbehrung war, hatte er gelebt, um den Bedürftigen zu dienen, das Leid der Menschen zu lindern und Seelen zur Annahme der Gabe des Lebens zu bewegen. Die Wogen der Gnade, obgleich sie sich an widerspenstigen Herzen brachen, kehrten in noch stärkerer Flut mitleidsvoller, unaussprechlicher Liebe zurück. Aber Israel hatte sich von seinem besten Freunde und einzigen Helfer abgewandt, hatte die Mahnungen seiner Liebe verachtet, seine Ratschläge verschmäht, seine Warnungen verlacht.
Die Stunde der Hoffnung und der Gnade nahte sich dem Ende; die Schale des lange zurückgehaltenen Zornes Gottes war beinahe voll. Die nunmehr unheildrohende Wolke, die sich während der Zeit des Abfalles und der Empörung gesammelt hatte, war im Begriff, sich über ein schuldiges Volk zu entladen, und er, der allein von dem bevorstehenden Schicksal hätte retten können, war verachtet, mißhandelt, verworfen worden und sollte bald gekreuzigt werden. Mit Christi Kreuzestod auf Golgatha würde Israels Zeit als eine von Gott begünstigte und gesegnete Nation aufhören. Der Verlust auch nur einer Seele ist ein Unglück, welches den Gewinn und die Schätze einer Welt unendlich überwiegt. Als aber Christus auf Jerusalem blickte, sah er das Schicksal einer ganzen Stadt, einer ganzen Nation - jener Stadt, jener Nation, die einst die Auserwählte Gottes, sein besonderes Eigentum gewesen war.
Propheten hatten über den Abfall der Kinder Israel und die schrecklichen Verwüstungen geweint, welche infolge ihrer Sünden über sie ergingen. Jeremia wünschte, daß seine Augen Tränenquellen wären, daß er Tag und Nacht die Erschlagenen der Tochter seines Volkes und des Herrn Herde, die gefangen geführt worden war, beweinen möchte. (Jer. 8, 23; 13, 17.) Welchen Schmerz muß aber Christus empfunden haben, dessen prophetischer Blick nicht Jahre, sondern ganze Zeitalter umfaßte! Er sah den Würgengel mit dem Schwert gegen die Stadt erhoben, die so lange Jehovas Wohnstätte gewesen war. Von der Spitze des Ölberges, derselben Stelle, welche später von Titus und seinem Heer besetzt wurde, schaute er über das Tal auf die heiligen Höfe und Säulenhallen, und mit seinem tränenumflorten Auge erblickte er ein grauenhaftes Fernbild; die Stadtmauern von einem feindlichen Heer umzingelt. Er hörte das Stampfen der sich sammelnden Horden, vernahm die Stimmen der in der belagerten Stadt nach Brot schreienden Mütter und Kinder. Er sah ihren heiligen, prächtigen Tempel, die Paläste und Türme den Flammen preisgegeben, und wo sie einst gestanden hatten, sah er nur einen Haufen rauchender Trümmer.
Den Strom der Zeit hinabblickend, sah er das Bundesvolk in alle Länder zerstreut, gleich Wracks an einem öden Strande. In der zeitlichen Vergeltung, die im Begriff war, seine Kinder heimzusuchen, sah er die ersten Tropfen aus jener Zornesschale, die sie bei dem Gericht bis auf die Hefe leeren mußten. Göttliches Erbarmen, mitleidige Liebe fand ihren Ausdruck in den trauervollen Worten: Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ (Matth. 23, 37.) 0 daß du, das vor allen andern bevorzugte Volk, die Zeit deiner Heimsuchung und das, was zu deinem Frieden dient, erkannt hättest! Ich habe den Engel der Strafe aufgehalten, ich habe dich zur Buße gerufen, aber umsonst. Nicht nur Knechte, Boten und Propheten hast du abgewiesen, sondern den Heiligen Israels, deinen Erlöser, hast du verworfen; wenn du vernichtet wirst, so bist du allein verantwortlich. „Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.“ (Joh. 5, 40)
Christus sah in Jerusalem ein Sinnbild der in Unglauben und Empörung verhärteten Welt, die dem wiedervergeltenden Gericht Gottes entgegeneilt. Die Leiden eines gefallenen Geschlechts bedrückten seine Seele und entlockten seinen Lippen jenen außerordentlich bittern Schrei. Er sah im menschlichen Elend, in Tränen und Blut die Spuren der Sünde; sein Herz wurde von unendlichem Mitleid mit den Bedrängten und Leidenden auf Erden bewegt; er sehnte sich danach, ihnen allen Erleichterung zu verschaffen. Aber selbst seine Hand vermochte nicht die Flut menschlichen Elends abzuwenden; denn nur wenige würden sich an ihre einzige Hilfsquelle wenden. Er war willens, seine Seele in den Tod zu geben, um ihnen die Erlösung erreichbar zu machen, aber nur wenige würden zu ihm kommen, daß sie das Leben haben möchten.
Die Majestät des Himmels in Tränen! Der Sohn des unendlichen Gottes niedergebeugt von Seelenangst! Dieser Anblick setzte den ganzen Himmel in Erstaunen. Jene Szene offenbart uns die überaus große Sündhaftigkeit der Sünde; sie zeigt, welch eine schwere Aufgabe es selbst für die göttliche Allmacht ist, die Schuldigen von den Folgen der Übertretung des Gesetzes zu retten. Hinunterschauend auf das letzte Geschlecht, sah Jesus die Welt von einer Täuschung befallen, ähnlich derer, welche die Zerstörung Jerusalems bewirkte. Die große Sünde der Juden war die Verwerfung Christi; das große Vergehen der christlichen Welt würde die Verwerfung des Gesetzes Gottes, der Grundlage seiner Regierung im Himmel und auf Erden, sein. Die Vorschriften Jehovas würden verachtet und verworfen werden. Millionen, in den Banden der Sünde und Sklaven Satans, verurteilt, den andern Tod zu erleiden, würden sich in den Tagen ihrer Heimsuchung weigern, auf die Worte der Wahrheit zu lauschen. Schreckliche Blindheit! Seltsame Betörung!
Zwei Tage vor dem Passahfest, als Christus zum letzten Male den Tempel verließ, wo er die Scheinheiligkeit der jüdischen Obersten bloßgestellt hatte, ging er abermals mit seinen Jüngern nach dem Ölberg und setzte sich mit ihnen auf den mit Gras bewachsenen Abhang, der einen Blick über die Stadt gewährte. Noch einmal schaute er auf ihre Mauern, Türme und Paläste; noch einmal betrachtete er den Tempel in seiner blendenden Pracht, ein Diadem der Schönheit, das den heiligen Berg krönte.
Tausend Jahre zuvor hatte der Psalmist die Güte Gottes gegen Israel gepriesen, weil er dessen heiliges Haus zu seiner Wohnstätte gemacht hatte: „Zu Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion.“ Er „erwählte den Stamm Juda, den Berg Zion, welchen er liebte. Und baute sein Heiligtum hoch, wie die Erde, die ewiglich fest stehen soll.“ (Ps. 76, 3; 78, 68. 69.) Der erste Tempel war während der Glanzzeit der Geschichte Israels errichtet worden. Große Vorräte an Schätzen waren zu diesem Zweck vom König David gesammelt und die Pläne zu seiner Herstellung durch die göttliche Eingebung entworfen worden. (l. Chron. 28, 12. 19.) Salomo, der weiseste der Fürsten Israels, hatte das Werk vollendet. Dieser Tempel war das herrlichste Gebäude, welches die Welt je gesehen hatte. Doch hatte der Herr durch den Propheten Haggai betreffs des zweiten Tempels erklärt: „Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer werden, denn des ersten gewesen ist.„ „Ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll dann kommen aller Heiden Bestes; und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Haggai 2, 9. 7.)
Nach der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar wurde er ungefähr fünfhundert Jahre vor der Geburt Christi wieder erbaut von einem Volk, das aus einer lebenslänglichen Gefangenschaft in ein verwüstetes und beinahe verlassenes Land zurückgekehrt war. Unter ihm waren bejahrte Männer, welche die Herrlichkeit des salomonischen Tempels gesehen hatten und bei der Gründung des neuen Gebäudes weinten, daß es so sehr hinter dem ersten zurückstehen müsse. Das damals herrschende Gefühl wird von dem Propheten nachdrücklich beschrieben: „Wer ist unter euch übriggeblieben, der dies Haus in seiner vorigen Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr's nun an? Ist's nicht also, es dünkt euch nichts zu sein?“ (Haggai 2, 3; Esra 3, 12.) Dann wurde die Verheißung gegeben, daß die Herrlichkeit dieses letzteren Hauses größer sein sollte, denn die des vorigen.
Der zweite Tempel kam jedoch dem ersten an Großartigkeit nicht gleich, wurde auch nicht durch jene sichtbaren Zeichen der göttlichen Gegenwart geheiligt, welche dem ersten Tempel eigen waren. Keine übernatürliche Macht offenbarte sich bei seiner Einweihung; die Wolke der Herrlichkeit erfüllte nicht das neu errichtete Heiligtum; kein Feuer fiel vom Himmel hernieder, um das Opfer auf seinem Altar zu verzehren. Die Herrlichkeit Gottes thronte nicht mehr zwischen den Cherubim im Allerheiligsten; die Bundeslade, der Gnadenstuhl und die Tafeln des Zeugnisses wurden nicht darin gefunden. Keine Stimme ertönte vom Himmel, um dem fragenden Priester den Willen Jehovas kundzutun.
Jahrhundertelang hatten die Juden vergebens versucht zu zeigen, inwiefern jene durch Haggai gegebene Verheißung Gottes erfüllt worden war; jedoch verblendeten Stolz und Unglauben ihre Gemüter, so daß sie die wahre Bedeutung der Worte des Propheten nicht verstehen konnten. Der zweite Tempel wurde nicht durch die Wolke der Herrlichkeit Jehovas geehrt, sondern durch die lebendige Gegenwart dessen, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte - welcher Gott selbst war, offenbart im Fleische. Der „aller Heiden Bestes“ war tatsächlich zu seinem Tempel gekommen, als der Mann von Nazareth in den heiligen Vorhöfen lehrte und heilte. Durch die Gegenwart Christi, und zwar nur dadurch, übertraf der zweite Tempel den ersten an Herrlichkeit. Aber Israel hatte die angebotene Gabe des Himmels von sich gestoßen. Mit dem demütigen Lehrer, der an jenem Tage durch das Goldene Tor hinausgegangen, war die Herrlichkeit für immer von dem Tempel gewichen. Schon waren die Worte des Heilandes erfüllt: „Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden.“ (Matth. 23, 38.)
Die Jünger waren bei Jesu Weissagung von der Zerstörung des Tempels mit heiliger Scheu und mit Staunen erfüllt worden, und sie wünschten die Bedeutung seiner Worte völliger zu verstehen. Reichtum, Arbeit und Baukunst waren während mehr als vierzig Jahre in freigebiger Weise zu seiner Verherrlichung verwendet worden. Herodes der Große hatte ihm sowohl römischen Reichtum als auch jüdische Schätze zugewandt, und sogar der Kaiser der Welt ihn mit seinen Geschenken bereichert. Massive Blöcke weißen Marmors von beinahe fabelhafter Größe, zu diesem Zweck aus Rom herbeigeschafft, bildeten einen Teil seines Baues; und auf diese hatten die Jünger die Aufmerksamkeit ihres Meisters gelenkt, als sie sagten: „Meister, siehe, welche Steine und welch ein Bau ist das!“ (Mark. 13, 1.)
Auf diese Worte machte Jesus die feierliche und überraschende Erwiderung: „Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (Matth. 24, 2.)
Die Jünger verbanden mit der Zerstörung Jerusalems die Ereignisse der persönlichen Wiederkunft Christi in zeitlicher Herrlichkeit, um den Thron des Weltreiches einzunehmen, die unbußfertigen Juden zu strafen und das römische Joch am Halse der Nation zu zerbrechen. Der Herr hatte ihnen gesagt, daß er wiederkommen werde; deshalb richteten sich ihre Gedanken bei der Erwähnung der Gerichte, die über Jerusalem kommen sollten, auf jenes Kommen, und als sie auf dem Ölberg um den Heiland versammelt waren, fragten sie ihn: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und welches wird das Zeichen sein deiner Zukunft und des Endes der Welt?“ (Matth. 24, 3.)
Die Zukunft war den Jüngern gnädiglich verhüllt. Hätten sie zu jener Zeit die zwei furchtbaren Tatsachen völlig verstanden - des Heilandes Leiden und Tod sowie die Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels -, so würden sie von Entsetzen überwältigt worden sein. Christus gab ihnen einen Umriß der hervorragendsten Ereignisse, die vor dem Ende der Zeit stattfinden sollen. Seine Worte wurden damals nicht völlig verstanden; aber ihr Sinn sollte enthüllt werden, wann sein Volk der darin gegebenen Belehrung bedürfe. Die Prophezeiung, welche er aussprach, hatte eine doppelte Anwendung, indem sie sich zunächst auf die Zerstörung Jerusalems bezog und gleichzeitig die Schrecken des Jüngsten Tages schilderte.
Jesus erzählte den lauschenden Jüngern von den Gerichten, welche auf das abtrünnige Israel kommen sollten, und sprach besonders von der wiedervergeltenden Rache, die es wegen der Verwerfung und Kreuzigung des Messias ereilen werde. Untrügliche Zeichen sollten dem furchtbaren Ende vorausgehen. Die gefürchtete Stunde würde plötzlich und schnell hereinbrechen. Und der Heiland warnte seine Nachfolger: „Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung (davon gesagt ist durch den Propheten Daniel), daß er steht an der heiligen Stätte (wer das liest, der merke darauf!), alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist.“ (Matth. 24, 15. 16; Luk. 21, 20.) Wenn die abgöttischen Standarten der Römer auf dem heiligen Boden, welcher sich einige Feldwege außerhalb der Stadtmauern ausdehnte, aufgepflanzt sein würden, dann sollten die Nachfolger Christi sich durch die Flucht retten. Wenn das Warnungszeichen sichtbar würde, dürften diejenigen, welche zu entrinnen wünschten, nicht zögern; im ganzen Lande Judäa, wie in Jerusalem selbst müßte man dem Zeichen zur Flucht sofort gehorchen. Wer gerade auf dem Dache sein würde, dürfte nicht ins Haus gehen, selbst nicht, um seine köstlichsten Schätze zu retten. Wer auf dem Felde oder im Weinberg arbeitete, sollte sich nicht die Zeit nehmen, wegen des Oberkleides, das er während der Hitze des Tages abgelegt hatte, zurückzukehren. Sie dürften nicht einen Augenblick zögern, wenn sie nicht in der allgemeinen Zerstörung mit zugrunde gehen wollten.
Während der Regierung des Herodes war Jerusalem nicht nur bedeutend verschönert worden, sondern durch die Errichtung von Türmen, Mauern und Festungswerken war die von Natur schon geschützte Stadt, wie es schien, uneinnehmbar geworden. Wer zu dieser Zeit öffentlich ihre Zerstörung vorhergesagt hätte, würde gleich Noah in seinen Tagen ein unsinniger Ruhestörer genannt worden sein. Christus aber hatte gesagt: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matth. 24, 35.) Ihrer Sünde wegen war der Zorn über die Stadt Jerusalem angedroht worden, und ihr hartnäckiger Unglaube besiegelte ihr Schicksal.
Der Herr. hatte durch den Propheten Micha erklärt: „So höret doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Fürsten im Hause Israel, die ihr das Recht verschmäht, und alles, was aufrichtig ist, verkehret; die ihr Zion mit Blut bauet und Jerusalem mit Unrecht. Ihre Häupter richten um Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld, verlassen sich auf den Herrn und sprechen: Ist nicht der Herr unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen.“ (Micha 3, 9-1 L)
Diese Worte schilderten genau die verderbten und selbstgerechten Einwohner Jerusalems. Während sie behaupteten, die Vorschriften des Gesetzes Gottes streng zu beobachten, übertraten sie alle seine Grundsätze. Sie haßten Christum, weil seine Reinheit und Heiligkeit ihre Bosheit offenbarte; und sie klagten ihn an, die Ursache all des Unglücks zu sein, das infolge ihrer Sünden über sie gekommen war. Obwohl sie wußten, daß er sündlos war, erklärten sie, daß sein Tod zu ihrer Sicherheit als Nation notwendig sei. „Lassen wir ihn also,“ sagten die jüdischen Obersten, „so werden sie alle an ihn glauben; so kommen dann die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh. 11, 48.) Wenn Christus geopfert würde, könnten sie noch einmal ein starkes, einiges Volk werden. So urteilten sie und stimmten der Entscheidung ihres Hohenpriesters bei, daß es besser sei, ein Mensch sterbe, denn daß das ganze Volk verderbe.
Auf diese Weise hatten die jüdischen Leiter „Zion mit Blut gebaut und Jerusalem mit Unrecht,“ und während sie ihren Heiland töteten, weil er ihre Sünden tadelte, war ihre Selbstgerechtigkeit so groß, daß sie sich als Gottes begnadigtes Volk betrachteten und vom Herrn erwarteten, er werde sie von ihren Feinden befreien. „Darum,“ fuhr der Prophet fort, „wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zum Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer wilden Höhe.“ (Micha 3, 10. 12.)
Beinahe vierzig Jahre, nachdem das Schicksal Jerusalems von Christo selbst ausgesprochen worden war, verzog der Herr seine Gerichte über die Stadt und das Volk. Wunderbar war die Langmut Gottes gegen die Verwerfer seines Evangeliums und die Mörder seines Sohnes. Das Gleichnis vom unfruchtbaren Baum stellte das Verfahren Gottes mit dem jüdischen Volke dar. Das Gebot war ausgegangen: „Haue ihn ab! Was hindert er das Land?“ (Luk. 13, 7) aber die göttliche Gnade hatte ihn noch ein wenig länger verschont. Es gab noch viele Juden, die in bezug auf den Charakter und das Werk Christi unwissend waren; die Kinder hatten nicht die günstigen Gelegenheiten genossen und nicht das Licht empfangen, welches ihre Eltern von sich gestoßen hatten. Durch die Predigt der Apostel und ihrer Genossen wollte Gott auch ihnen das Licht scheinen lassen; ihnen wurde es gestattet zu sehen, wie die Prophezeiung nicht nur durch die Geburt und das Leben Christi, sondern auch durch seinen Tod und seine Auferstehung erfüllt worden war. Die Kinder wurden nicht um der Sünden ihrer Eltern willen verurteilt; wenn sie aber trotz der Kenntnis alles Lichtes, das ihren Eltern gegeben wurde, das hinzukommende, ihnen selbst gewährte Licht verwürfen, würden sie Teilhaber der Sünden ihrer Eltern und das Maß ihrer Missetat vollmachen.
Gottes Langmut gegen Jerusalem bestärkte die Juden nur in ihrer hartnäckigen Unbußfertigkeit. In ihrem Haß und ihrer Grausamkeit gegen die Jünger Jesu verwarfen sie das letzte Anerbieten der Gnade. Dann entzog Gott ihnen seinen Schutz; er beschränkte die Macht Satans und seiner Engel nicht länger, und die Nation wurde der Herrschaft des Leiters überlassen, den sie sich gewählt hatte. Ihre Kinder hatten die Gnade Christi verschmäht, die sie in den Stand gesetzt hätte, ihre bösen Triebe zu unterdrücken, und diese wurden nun Sieger. Satan erweckte die heftigsten und niedrigsten Leidenschaften der Seele. Die Menschen überlegten nicht; sie waren von Sinnen, wurden durch Begierde und blinde Wut geleitet. Sie wurden satanisch in ihrer Grausamkeit. In der Familie wie unter dem Volk, unter den höchsten wie unter den niedrigsten Klassen herrschte Argwohn, Neid, Haß, Streit, Empörung, Mord. Nirgends war Sicherheit zu finden. Freunde und Verwandte verrieten sich untereinander. Eltern erschlugen ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Die Führer des Volkes hatten keine Macht, sich selbst zu beherrschen. Ungezügelte Leidenschaften machten sie zu Tyrannen. Die Juden hatten ein falsches Zeugnis angenommen, um den unschuldigen Gottessohn zu verurteilen. Jetzt machten falsche Anklagen ihr eigenes Leben unsicher. Durch ihre Handlungen hatten sie lange gesagt: „Lasset den Heiligen Israels aufhören bei uns!“ (Jes. 30, 11.) Nun war ihr Wunsch gewährt; Gottesfurcht beunruhigte sie nicht länger. Satan stand an der Spitze der Nation, und die höchsten bürgerlichen und religiösen Obrigkeiten wurden von ihm beherrscht.
Die Anführer der Gegenparteien vereinigten sich zuzeiten, um ihre unglücklichen Opfer zu plündern und zu martern, und dann fielen sie übereinander her und mordeten ohne Gnade. Selbst die Heiligkeit des Tempels konnte ihrer schrecklichen Grausamkeit nicht wehren. Die Anbetenden wurden vor dem Altar niedergemetzelt, und das Heiligtum ward durch die Leichname der Erschlagenen verunreinigt. Und doch erklärten die Anstifter dieses höllischen Werkes in ihrer blinden und gotteslästerlichen Vermessenheit öffentlich, daß sie keine Furcht hätten, Jerusalem möchte zerstört werden, denn es sei Gottes eigene Stadt. Um ihre Macht fester zu gründen, bestachen sie falsche Propheten, die, selbst als die römischen Legionen den Tempel belagerten, verkündigen mußten, daß das Volk auf Befreiung von Gott warten solle. Bis aufs äußerste hielt die Menge an dem Glauben fest, daß der Allerhöchste sich zur Vernichtung der Gegner ins Mittel legen werde. Israel aber hatte den göttlichen Schutz verschmäht und stand nun ohne Verteidigung da. Unglückliches Jerusalem! Durch innere Spaltungen zerrissen, die Straßen gefärbt von dem Blut seiner Söhne, die sich gegenseitig würgten, während fremde Heere seine Festungswerke niederwarfen und seine Krieger erschlugen!
Alle Weissagungen Christi in bezug auf die Zerstörung Jerusalems wurden buchstäblich erfüllt. Die Juden erfuhren die Wahrheit seiner Warnungsworte: „Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.“ (Matth. 7, 2.)
Als Vorboten von Unglück und Gericht erschienen Zeichen und Wunder. Inmitten der Nacht schwebte ein unnatürliches Licht über dem Tempel und Altar. Auf den Abendwolken zeigten sich Bilder von Kriegern und Streitwagen, die sich zum Kampfe sammelten. Die nachts im Heiligtum dienenden Priester wurden erschreckt durch geheimnisvolle Töne; die Erde erbebte, und eine Menge Stimmen hörte man sagen: „Lasset uns von hinnen gehen!“ Das große östliche Tor, welches so schwer war, daß es nur mit Mühe von zwanzig Männern geschlossen werden konnte, und dessen ungeheure eiserne Riegel tief in der Steinschwelle befestigt waren, tat sich um Mitternacht von selbst auf. (Josephus, Vom jüd. Kriege, VI, 5. Siehe auch Milman, Geschichte der Juden, 13. Buch.)
Sieben Jahre lang ging ein Mann die Straßen Jerusalems auf und ab und verkündigte das Unglück, das über die Stadt kommen sollte. Tag und Nacht sang er das wilde Trauerlied: „Stimme von Morgen, Stimme von Abend, Stimme von den vier Winden, Stimme über Jerusalem und den Tempel, Stimme über den Bräutigam und die Braut, Stimme über das ganze Volk.“ Dies seltsame Wesen wurde eingekerkert und gegeißelt; aber keine Klage entrang sich seinen Lippen. Auf Schmähungen und Mißhandlungen kam nur die Antwort: „Wehe, wehe Jerusalem! Wehe, wehe der Stadt, dem Volk und dem Tempel!“ Dieser Warnungsruf hörte nicht auf, bis der Mann bei der Belagerung, die er vorhergesagt hatte, umkam.
Nicht ein Christ kam bei der Zerstörung Jerusalems um. Christus hatte seine Jünger gewarnt und alle, die seinen Worten glaubten, warteten auf das verheißene Zeichen. „Wenn ihr aber sehen werdet Jerusalem belagert mit einem Heer,“ sagte Jesus, „so merket, daß herbei gekommen ist ihre Verwüstung. Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf das Gebirge, und wer drinnen ist, der weiche heraus.“ (Luk. 21, 20. 21.) Nachdem die Römer unter Cestius die Stadt eingeschlossen hatten, hoben sie unerwarteterweise die Belagerung auf, gerade zu einer Zeit, da alles zu einem unmittelbaren Angriff günstig zu sein schien. Die Belagerten, die an einem erfolgreichen Widerstand zweifelten, waren im Begriff, sich zu ergeben, als der römische Feldherr ohne irgendwelchen sichtbaren Grund plötzlich seine Streitkräfte zurückzog. Gottes gnädige Vorsehung gestaltete die Ereignisse zum Besten seines Volkes. Das verheißene Zeichen war den wartenden Christen gegeben worden. Nun wurde allen, die des Heilandes Warnung Folge leisten wollten, die Gelegenheit geboten, und zwar ordnete der Herr die Ereignisse derart, daß weder die Juden noch die Römer die Flucht der Christen hindern konnten. Nach dem Rückzug des Cestius machten die Juden einen Ausfall aus Jerusalem und verfolgten das sich zurückziehende Heer, und während beide Streitkräfte auf diese Weise völlig in Anspruch genommen waren, hatten die Christen Gelegenheit, die Stadt zu verlassen. Um diese Zeit war auch das Land von Feinden, welche hätten versuchen können, sie aufzuhalten, gesäubert worden. Zur Zeit der Belagerung waren die Juden zu Jerusalem versammelt, um das Laubhüttenfest zu feiern, und auf diese Weise waren die Christen im ganzen Lande imstande, ihre Flucht unbelästigt zu bewerkstelligen. Ohne Verzug flohen sie nach einer Stätte der Sicherheit - der Stadt Pella, im Lande Peräa, jenseits des Jordans.
Die jüdischen Streiter, die Cestius und sein Heer verfolgten, warfen sich mit solcher Wut auf die Nachhut, daß ihr vollständige Vernichtung drohte. Nur mit großer Schwierigkeit gelang es den Römern, ihren Rückzug auszuführen. Die Juden kamen beinahe ohne allen Verlust davon und kehrten mit ihrer Beute triumphierend nach Jerusalem zurück. Doch brachte ihnen dieser scheinbare Erfolg nur Unheil. Er beseelte sie mit einem Geist des hartnäckigen Widerstandes gegen die Römer, wodurch schnell ein unaussprechliches Weh über die verurteilte Stadt hereinbrach.
Schrecklich war das Unglück, welches über Jerusalem kam, als die Belagerung von Titus wieder aufgenommen wurde. Die Stadt wurde zur Zeit des Passahfestes, da Millionen von Juden in ihren Mauern weilten, umlagert. Die Vorräte an Lebensmitteln, welche, wenn sorgfältig bewahrt, jahrelang für die Einwohner ausgereicht hätten, waren schon durch die Eifersucht und Rache der streitenden Parteien zerstört worden, und jetzt erlitten sie alle Schrecken der Hungersnot. Ein Maß Weizen wurde für ein Talent verkauft. So schrecklich waren die Qualen des Hungers, daß manche an dem Leder ihrer Gürtel, Sandalen und Bezüge ihrer Schilde nagten. Viele Leute schlichen des Nachts aus der Stadt, um wilde Kräuter, die außerhalb der Stadtmauern wuchsen, zu sammeln, obwohl etliche ergriffen und unter grausamen Martern mit dem Tode bestraft, und andere, die wohlbehalten zurückkehrten, des unter so großer Gefahr Gesammelten beraubt wurden. Die unmenschlichsten Qualen wurden von den Machthabern aufgelegt, um den vom Mangel Bedrückten die letzten spärlichen Vorräte, die sie möglicherweise verborgen hatten, abzuzwingen. Und diese Grausamkeiten wurden nicht selten von Menschen ausgeübt, die selbst wohlgenährt waren und nur danach trachteten, einen Vorrat an Lebensmitteln für die Zukunft aufzuspeichern.
Tausende starben an Hungersnot und Pestilenz. Die natürlichen Bande der Liebe schienen zerstört zu sein. Der Mann beraubte seine Frau und die Frau ihren Mann. Man sah Kinder, die den greisen Eltern das Brot vom Munde wegrissen. Der Frage des Propheten: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen?“ (Jes. 49, 15) wurde innerhalb der Mauern jener verurteilten Stadt die Antwort zuteil: „Es haben die barmherzigsten Weiber ihre Kinder selbst müssen kochen, daß sie zu essen hätten in dem Jammer der Tochter meines Volks.“ (Klag. 4, 10.) Wiederum wurde die warnende Weissagung erfüllt, welche vierzehn Jahrhunderte zuvor gegeben worden war: „Ein Weib unter euch, das zuvor zärtlich und in Üppigkeit gelebt hat, daß sie nicht versucht hat ihre Fußsohle auf die Erde zu setzen, vor Zärtlichkeit und Wohlleben, die wird dem Manne in ihren Armen und ihrem Sohne und ihrer Tochter nicht gönnen die Nachgeburt, ... dazu ihre Söhne, die sie geboren hat; denn sie werden sie vor Mangel an allem heimlich essen in der Angst und Not, womit dich dein Feind bedrängen wird in deinen Toren.“ (5. Mose 28, 56. 57.)
Die römischen Anführer bestrebten sich, die Juden mit Schrecken zu erfüllen und dadurch zur Übergabe zu bewegen. Gefangene, welche sich bei ihrer Ergreifung widersetzten, wurden gegeißelt, gefoltert und vor der Stadtmauer gekreuzigt. Hunderte wurden täglich auf diese Weise getötet und das grauenvolle Werk fortgesetzt, so daß das Tal Josaphat entlang und auf Golgatha die Kreuze in so großer Anzahl aufgerichtet waren, daß kaum Raum blieb, sich zwischen ihnen zu bewegen. So schrecklich erfüllte sich die frevelhafte, vor dem Richterstuhl des Pilatus ausgesprochene Verwünschung: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“ (Matth. 27, 25.)
Titus hätte der Schreckensszene gern ein Ende gemacht und damit der Stadt Jerusalem das volle Maß ihres Gerichts erspart. Er wurde mit Entsetzen erfüllt, als er die Leichname der Erschlagenen haufenweise in den Tälern liegen sah. Wie bezaubert schaute er vom Gipfel des Ölberges auf den herrlichen Tempel und gab den Befehl, nicht einen Stein davon zu berühren. Ehe er in den Besitz dieses festen Platzes zu gelangen versuchte, ließ er einen ernsten Aufruf an die jüdischen Führer ergehen, ihn doch nicht zu zwingen, die heilige Stätte mit Blut zu beflecken. Wenn sie herauskommen und an irgendeinem anderen Ort kämpfen wollten, so sollte kein Römer die Heiligkeit des Tempels verletzen. Josephus selbst beschwor sie in einer höchst beredten Ansprache, sich zu übergeben, sich selbst, ihre Stadt und die Stätte der Anbetung zu retten. Aber seine Worte wurden mit bitteren Verwünschungen beantwortet. Wurfspieße wurden nach ihm, ihrem letzten menschlichen Vermittler, geschleudert, als er vor ihnen stand, um mit ihnen zu unterhandeln. Die Juden hatten die Bitten des Sohnes Gottes verworfen, und nun machten die ernsten Vorstellungen und Bitten sie nur um so entschiedener, bis aufs äußerste zu widerstehen. Des Titus Bemühungen, den Tempel zu retten, waren vergeblich. Ein Größerer als er hatte erklärt, daß nicht ein Stein auf dem andern gelassen werden sollte.
Die blinde Hartnäckigkeit der jüdischen Anführer und die verabscheuungswürdigen Verbrechen, die in der belagerten Stadt verübt wurden, erweckten bei den Römern Entsetzen und Entrüstung, und endlich beschloß Titus, den Tempel im Sturm zu nehmen, ihn jedoch, wenn möglich, vor der Zerstörung zu bewahren. Aber seine Befehle wurden mißachtet. Als er sich abends in sein Zelt zurückgezogen hatte, machten die Juden einen Ausfall aus dem Tempel und griffen die Soldaten außerhalb an. Im Handgemenge wurde von einem Soldaten ein Feuerbrand durch eine Öffnung der Halle geschleudert, und unmittelbar darauf standen die mit Zedernholz getäfelten Räume des heiligen Gebäudes in Flammen. Titus eilte nach dem Ort, gefolgt von seinen Generalen und Obersten und befahl den Soldaten, die Flammen zu löschen. Seine Worte blieben unbeachtet. In ihrer Wut schleuderten die Soldaten Feuerbrände in die an den Tempel stoßenden Gemächer und metzelten viele mit dem Schwerte nieder, die daselbst Zuflucht gefunden hatten. Das Blut floß gleich Wasser die Tempelstufen hinunter. Tausende und aber Tausende von Juden kamen um. Das Schlachtgetöse wurde übertönt von Stimmen, welche riefen: „lchabod!“ - die Herrlichkeit ist dahin.
„Titus fand es unmöglich, der Wut der Kriegsknechte Einhalt zu tun; er trat mit seinen Offizieren ein und nahm Einsicht von dem Innern des heiligen Gebäudes. Der Glanz erregte ihre Bewunderung, und da die Flammen noch nicht bis zum Heiligtum gedrungen waren, machte er einen letzten Versuch, es zu retten. Er sprang hervor und forderte die Mannschaften auf, das Umsichgreifen der Feuerbrunst zu verhindern. Der Hauptmann Liberalis versuchte mit seinem Befehlshaberstab, Gehorsam zu erzwingen; doch selbst die Achtung vor dem Kaiser verging vor der rasenden Feindseligkeit gegen die Juden, der heftigen Aufregung des Kampfes und der unersättlichen Beutegier. Die Soldaten sahen alles um sich herum vom Golde strahlen, das im wilden Licht der Flammen einen blendenden Glanz erzeugte; sie wähnten, unberechenbare Schätze seien in dem Heiligtum aufgespeichert. Unbemerkt warf ein Soldat eine brennende Fackel zwischen die Angeln der Tür, und im Nu stand das ganze Gebäude in Flammen. Der erstickende Rauch und das Feuer zwangen die Offiziere, sich zurückzuziehen, und der herrliche Bau wurde seinem Schicksal überlassen.
„War es schon für die Römer ein erschreckendes Schauspiel, was mag es für die Juden gewesen sein! Der ganze Gipfel, der die Stadt weit überragte, erschien wie ein feuerspeiender Berg. Eins nach dem andern stürzten die Gebäude ein und wurden von dem feurigen Abgrund verschlungen. Die Dächer von Zedernholz waren einem Feuermeer gleich, das vergoldete Zinnenwerk erglänzte wie leuchtende Feuerzungen, die Türme der Tore schossen Flammengarben und Rauchsäulen empor. Die benachbarten Hügel waren erleuchtet; dunkle Gruppen von Zuschauern verfolgten in fürchterlicher Angst die fortschreitende Zerstörung; auf den Mauern und Höhen der oberen Stadt drängte sich Gesicht an Gesicht, einige bleich vor Angst und Verzweiflung, andere mit düsteren Blicken ohnmächtiger Rache. Die Rufe der hin- und hereilenden römischen Soldaten, das Heulen der Aufständigen, die in den Flammen umkamen, vermischten sich mit dem Getöse der Feuersbrunst und dem donnernden Krachen des stürzenden Gebälks. Das Echo antwortete von den Bergen und widerhallte die Schreckensrufe des Volkes auf den Höhen; die Wälle entlang erschallte Angstgeschrei und Wehklagen; Menschen, die von der Hungersnot erschöpft im Sterben lagen, rafften alle Kraft zusammen, um einen letzten Schrei der Angst und der Trostlosigkeit auszustoßen.
„Das Gemetzel im Innern war sogar noch schrecklicher als der Anblick von außen. Männer und Frauen, alt und jung, Aufrührer und Priester, Kämpfende und um Gnade Flehende wurden ohne Unterschied im Blutbad nieder gehauen. Die Anzahl der Erschlagenen überstieg die der Würger. Die Soldaten mußten über Haufen Leichname hinweg klettern, um ihr Vertilgungswerk fortsetzen zu können.“ (Milman, Geschichte der Juden, 16. Buch.)
Nach der Zerstörung des Tempels fiel bald die ganze Stadt in die Hände der Römer. Die Anführer der Juden gaben ihre uneinnehmbaren Türme auf, und Titus fand sie alle verlassen. Mit Verwunderung blickte er auf sie und erklärte, daß Gott sie in seine Hände gegeben habe; denn keine Maschinen, wie gewaltig sie auch sein mochten, hätten über jene staunenswerten Festungsmauern die Oberhand gewinnen können. Sowohl die Stadt als auch der Tempel wurden bis auf den Grund geschleift, und der Boden, worauf das heilige Gebäude gestanden hatte, wurde „wie ein Acker gepflügt.“ (Jer. 26, 18.) In der Belagerung und dem darauffolgenden Gemetzel kamen über eine Million Menschen um; die Überlebenden wurden in die Gefangenschaft geführt, als Sklaven verkauft, nach Rom geschleppt, um des Eroberers Triumph zu zieren, in den Amphitheatern den wilden Tieren vorgeworfen oder als heimatlose Wanderer über die ganze Erde zerstreut.
Die Juden hatten ihre eigenen Fesseln geschmiedet, hatten sich selbst den Becher der Rache gefüllt. In der vollständigen Vernichtung, die sie als eine Nation befiel, und in all dem Weh, das ihnen in ihrer Zerstreuung nachfolgte, ernteten sie nur, was sie mit eigenen Händen gesät hatten. Der Prophet schreibt: „Israel, du bringest dich in Unglück,“ „denn du bist gefallen um deiner Missetat willen.“ (Hos. 13, 9; 14, 1.) Ihre Leiden werden oft als eine Strafe hingestellt, mit welcher sie auf direkten Befehl Gottes heimgesucht wurden. Auf diese Weise sucht der große Betrüger sein eigenes Werk zu verbergen. Durch eigensinnige Verwerfung der göttlichen Liebe und Gnade hatten die Juden es bewirkt, daß ihnen der Schutz Gottes entzogen und es Satan gestattet wurde, sie nach Willkür zu beherrschen. Die schrecklichen Grausamkeiten, die bei der Zerstörung Jerusalems ausgeübt wurden, kennzeichnen Satans rachgierige Macht über diejenigen, welche sich seiner Leitung überlassen.
Wir können nicht wissen, wieviel wir Christo für den Frieden und Schutz schuldig sind, deren wir uns erfreuen. Es ist die zurückhaltende Kraft Gottes, die es verhindert, daß die Menschen völlig unter die Herrschaft Satans geraten. Die Ungehorsamen und die Undankbaren haben allen Grund, Gott für seine Gnade und Langmut dankbar zu sein, weil er die grausame, boshafte Macht des Bösen im Zaum hält. Überschreiten aber die Menschen die Grenzen der göttlichen Nachsicht, dann wird jene Einschränkung aufgehoben. Gott stellt sich dem Sünder nicht als ein Vollstrecker des Urteils für die Übertretungen gegenüber, sondern er überläßt die Verwerfer seiner Gnade sich selbst, damit sie ernten, was sie gesät haben. Jeder verworfene Lichtstrahl, jede verschmähte oder unbeachtete Warnung, jede gepflegte Leidenschaft, jede Übertretung des Gesetzes Gottes ist ein gesäter Same, der seine gewisse Ernte hervorbringt. Der Geist Gottes wird schließlich dem Sünder entzogen, der sich ihm beharrlich widersetzt, und dann bleibt dem Betreffenden keine Kraft mehr, die bösen Leidenschaften der Seele zu beherrschen, und kein Schutz vor der Bosheit und Feindschaft Satans. Die Zerstörung Jerusalems ist eine furchtbare und feierliche Warnung an alle, die das Anerbieten der göttlichen Gnade geringachten und den Mahnrufen der Barmherzigkeit Gottes widerstehen. Nie wurde ein bestimmteres Zeugnis für den Haß Gottes gegen die Sünde und für die sichere Bestrafung der Schuldigen gegeben.
Die Weissagung des Heilandes, welche die heimsuchenden Gerichte über Jerusalem ankündigte, wird noch eine andere Erfüllung haben, von welcher jene schreckliche Verwüstung nur ein schwacher Schatten war. In dem Schicksal der auserwählten Stadt können wir das Los einer Welt sehen, die Gottes Barmherzigkeit von sich gewiesen und sein Gesetz mit Füßen getreten hat. Grauenhaft sind die Berichte des menschlichen Elends, dessen die Erde während der langen Jahrhunderte des Verbrechens Zeuge sein mußte. Das Herz wird beklommen und der Geist verzagt beim Nachdenken über diese Dinge. Schrecklich sind die Folgen der Verwerfung der Machtstellung des Himmels gewesen. Doch ein noch furchtbareres Bild wird uns in den Offenbarungen über die Zukunft enthüllt. Die Berichte der Vergangenheit - die lange Reihe von Aufständen, Kämpfen und Empörungen, aller Kriege „mit Ungestüm und die blutigen Kleider“ (Jes. 9, 5) - was sind sie im Vergleich mit den Schrecken jenes Tages, wenn der zügelnde Geist Gottes den Gottlosen gänzlich entzogen werden und nicht länger die Ausbrüche menschlicher Leidenschaften und satanischer Wut im Zaume halten wird! Dann wird die Welt wie nie zuvor die Folgen der Herrschaft Satans sehen.
An jenem Tage aber, wie zur Zeit der Zerstörung Jerusalems, wird Gottes Volk errettet werden, „ein jeglicher, der geschrieben ist unter die Lebendigen.“ (Jes. 4, 3.) Christus hat vorhergesagt, daß er zum andernmal kommen will, um seine Getreuen zu sich zu sammeln: „Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden von einem Ende des Himmels zu dem andern.“ (Matth. 24, 30. 31.) Dann werden alle, die dem Evangelium nicht gehorchen, umgebracht mit dem Geist seines Mundes und vernichtet werden durch die Erscheinung seiner Zukunft. (2. Thess. 2, 8.) Gleichwie Israel vor alters bringen die Gottlosen sich selbst um; sie fallen infolge ihrer Übertretungen. Durch ein Leben der Sünde sind sie so wenig im Einklang mit Gott, und durch das Böse ist ihre Natur so entwürdigt worden, daß die Offenbarung seiner Herrlichkeit für sie ein verzehrendes Feuer ist.
Möchten die Menschen sich doch hüten, die ihnen in Christi Worten gegebenen Lehren geringzuschätzen! Gleichwie er seine Jünger vor der Zerstörung Jerusalems warnte, indem er ihnen ein Zeichen des herannahenden Unterganges gab, damit sie fliehen möchten, so hat er die Welt vor dem Tage der schließlichen Zerstörung gewarnt und ihr Zeichen dieses kommenden Tages gegeben, damit alle, die wollen, dem zukünftigen Zorn entrinnen können. Jesus erklärt: „Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein.“ (Luk. 21, 25; Matth. 24, 29; Mark. 13, 24-26; Offb. 6, 12-17.) Wer diese Vorboten seines Kommens sieht, soll wissen, „daß es nahe vor der Tür ist.“ „So wachet nun,“ sind seine Worte der Ermahnung. Alle, welche auf diese Stimme achten, sollen nicht in Finsternis gelassen werden, daß jener Tag sie unvorbereitet übereile; aber über alle, die nicht wachen wollen, wird der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht. (Matth. 24, 33; Mark 13. 35.)
Die Welt ist jetzt nicht geneigter, die Warnungen für diese Zeit anzunehmen als damals die Juden, die sich der Botschaft unseres Heilandes über Jerusalem widersetzten. Mag er kommen, wann er will, der Tag des Herrn wird die Gottlosen unvorbereitet finden. Wenn das Leben seinen gewöhnlichen täglichen Gang geht, wenn die Menschheit von Vergnügen, Geschäften, Handel und Gelderwerb in Anspruch genommen ist, wenn religiöse Leiter den Fortschritt und die Erleuchtung der Welt verherrlichen und das Volk in falsche Sicherheit gewiegt wird - dann wird, wie ein Dieb sich um Mitternacht in die unbewachte Behausung einschleicht, das plötzliche Verderben die Sorglosen und Bösewichte überfallen, „und werden nicht entrinnen.“ (l. Thess. 5, 2-5.)
KAPITEL 2
VERFOLGUNG IN DEN ERSTEN JAHRHUNDERTEN
Als Christus seinen Jüngern das Schicksal Jerusalems und die Ereignisse seines zweiten Kommens enthüllte, sprach er auch von den zukünftigen Erfahrungen seines Volkes von der Zeit an, da er von ihnen genommen werden sollte, bis er sie bei seiner Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit befreien würde. Vom Ölberg aus sah der Heiland die bald über die apostolische Gemeinde hereinbrechenden Stürme, und weiter in die Zukunft dringend, erblickte sein Auge die grimmigen, verwüstenden Wetter, die sich in den kommenden Zeiten der Finsternis und der Verfolgung über seine Nachfolger entladen würden. In wenigen, kurzen Äußerungen furchtbarer Bedeutsamkeit sagte er ihnen im voraus, welches Maß die Herrscher dieser Welt der Gemeinde Gottes zumessen würden (Matth. 24, 9. 21. 22.) Die Nachfolger Christi müßten denselben Pfad der Demütigung, der Schmach und des Leidens betreten, den ihr Meister gegangen war. Die Feindschaft, die sich gegen den Erlöser der Welt Bahn brach, würde gegen alle, die an seinen Namen glauben, offenbar werden.
Die Geschichte der ersten Christengemeinde bezeugt die Erfüllung der Worte Jesu. Die Mächte der Erde und der Hölle vereinigten sich gegen Christum in seinen Nachfolgern. Wohl sah das Heidentum voraus, daß seine Tempel und Altäre niedergerissen werden würden, falls das Evangelium triumphierte; deshalb bot es alle Kräfte auf, um das Christentum zu vernichten. Die Feuer der Verfolgung wurden angezündet, Christen wurden ihrer Besitztümer beraubt und aus ihren Heimstätten vertrieben. Sie erduldeten „einen großen Kampf des Leidens“ (Hebr. 10, 32). Sie „haben Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis“ (Hebr. 11, 36). Eine große Anzahl besiegelte ihr Zeugnis mit ihrem Blut; Edelmann und Sklave, reich und arm, Gelehrte und Unwissende wurden ohne Unterschied erbarmungslos umgebracht.
Diese Verfolgungen, welche unter Nero, ungefähr zur Zeit des Märtyrertums Pauli begannen, dauerten mit größerer oder geringerer Heftigkeit jahrhundertelang fort. Christen wurden fälschlich der abscheulichsten Verbrechen angeklagt und als die Ursache großer Unglücksfälle, wie Hungersnot, Pestilenz und Erdbeben, hingestellt. Da sie zum Gegenstand des allgemeinen Hasses und Verdachts wurden, fanden sich auch leicht Ankläger, die um des Gewinnes willen Unschuldige verrieten. Sie wurden als Empörer gegen das Reich, als Feinde der Religion und als Schädlinge der Gesellschaft verurteilt. Viele wurden wilden Tieren vorgeworfen oder lebendig in den Amphitheatern verbrannt. Etliche wurden gekreuzigt, andere mit den Fellen wilder Tiere bedeckt in die Arena geworfen, um von Hunden zerrissen zu werden. Die ihnen gewärtige Strafe bildete oft den Hauptgegenstand der Unterhaltung bei öffentlichen Festen. Große Mengen versammelten sich, um sich des Anblicks zu erfreuen, und begrüßten ihre Todesschmerzen mit Gelächter und Beifallsklatschen.
Wo die Nachfolger Christi auch Zuflucht fanden, immer wurden sie gleich Raubtieren aufgejagt. Sie waren genötigt, sich an öden und verlassenen Stätten zu verbergen. „Mit Mangel, mit Trübsal, mit Ungemach (deren die Welt nicht wert war), sind“ sie „im Elend gegangen in den Wüsten, auf den Bergen und in den Klüften und Löchern der Erde.“ (Hebr. 11, 37-38.) Die Katakomben boten Tausenden eine Zufluchtsstätte. Unter den Hügeln außerhalb der Stadt Rom waren lange, durch Erde und Felsen getriebene Gänge, deren dunkles, verschlungenes Netzwerk sich meilenweit über die Stadtmauern hinaus erstreckte. In diesen unterirdischen Bergungsorten bestatteten die Nachfolger Christi ihre Toten, und hier fanden sie auch, wenn sie verdächtigt und geächtet wurden, eine Zufluchtsstätte. Wenn der Lebensspender diejenigen, welche den guten Kampf gekämpft haben, auferwecken wird, werden viele, die um Christi Sache willen Märtyrer geworden sind, aus jenen düsteren Höhlen hervorkommen.
Unter der heftigsten Verfolgung hielten diese Zeugen für Jesum ihren Glauben unbefleckt. Obwohl jeder Bequemlichkeit beraubt, abgeschlossen vom Lichte der Sonne, im dunkeln aber freundlichen Schoße der Erde ihre Wohnung aufschlagend, äußerten sie keine Klage. Mit Worten des Glaubens, der Geduld und der Hoffnung ermutigten sie einander, Entbehrungen und Trübsal zu erdulden. Der Verlust aller irdischen Segnungen vermochte sie nicht zu zwingen, ihrem Glauben an Christum zu entsagen. Prüfungen und Verfolgungen waren nur Stufen, auf denen sie ihrer Ruhe und Belohnung näher kamen.
Viele wurden gleich den Dienern Gottes vor alters „zerschlagen und haben keine Erlösung angenommen, auf daß sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten.“ (Hebr. 11, 35.) Sie riefen sich die Worte ihres Meisters ins Gedächtnis zurück, daß sie bei Verfolgungen um Christi willen fröhlich und getrost sein sollten, denn groß würde ihre Belohnung im Himmel sein; auch die Propheten vor ihnen waren also verfolgt worden. Sie freuten sich, würdig erachtet zu werden, für die Wahrheit zu leiden, und Siegeslieder stiegen mitten aus den prasselnden Flammen empor. Im Glauben aufwärts schauend erblickten sie Christum und heilige Engel, die, über die Brüstung des Himmels lehnend, sie mit innigster Teilnahme beobachteten und wohlgefällig ihre Standhaftigkeit betrachteten. Eine Stimme kam vom Throne Gottes zu ihnen hernieder: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offb. 2, 10.)
Vergeblich waren Satans Anstrengungen, die Gemeinde Christi mit Gewalt zu zerstören. Der große Kampf, in dem Christi Jünger ihr Leben hingaben, hörte nicht auf, als diese getreuen Bannerträger auf ihrem Posten fielen. Durch ihre Niederlage siegten sie. Gottes Arbeiter wurden erschlagen; sein Werk aber ging beständig vorwärts. Das Evangelium breitete sich aus, die Zahl seiner Anhänger nahm zu; es drang in Gebiete ein, die selbst für die Adler Roms unzugänglich waren. Ein Christ, der mit den heidnischen Herrschern verhandelte, welche die Verfolgung eifrig betrieben, sagte: „Tötet uns, quält uns, verurteilt uns; ... eure Ungerechtigkeit ist der Beweis für unsere Unschuld! Auch nützt ausgesuchtere Grausamkeit von eurer Seite noch nicht einmal etwas; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; das Blut der Christen ist ein Same.“ (Tertullians Apologetikus, Kap. 50.)
Tausende wurden eingekerkert und umgebracht; aber andere standen auf, um diese Lücken auszufüllen. Die, welche um ihres Glaubens willen den Märtyrertod erlitten, waren Christo gesichert und wurden von ihm als Überwinder erachtet. Sie hatten den guten Kampf gekämpft und sollten die Krone der Herrlichkeit empfangen, wenn Christus wiederkommen würde. Die Leiden, welche die Christen erduldeten, verbanden sie inniger miteinander und mit ihrem Erlöser. Ihr Beispiel im Leben, ihr Bekenntnis im Sterben waren ein beständiges Zeugnis für die Wahrheit; und wo es am wenigsten zu erwarten war, verließen Untertanen Satans seinen Dienst und stellten sich unter das Banner Christi.
Satan plante, erfolgreicher gegen die Regierung Gottes Krieg zu führen, indem er sein Banner in der christlichen Gemeinde aufpflanzte. Könnten die Nachfolger Christi getäuscht und verleitet werden, Gott zu mißfallen, dann würde ihre Kraft, Festigkeit und Beharrlichkeit dahin sein und sie ihm als Beute leicht zufallen.
Der große Gegner suchte nun durch Hinterlist das zu erreichen, was er sich mit Gewalt nicht hatte sichern können. Die Verfolgungen hörten auf, an ihre Stelle traten die gefährlichen Lockungen irdischen Wohllebens und weltlicher Ehre. Götzendiener wurden veranlaßt, einen Teil des christlichen Glaubens anzunehmen, wogegen sie andere wesentliche Wahrheiten verwarfen. Sie gaben vor, Jesum als den Sohn Gottes anzuerkennen und an seinen Tod und seine Auferstehung zu glauben; aber sie hatten keine Erkenntnis ihrer Sünden und fühlten kein Bedürfnis der Reue oder einer Veränderung des Herzens. Selbst zu einigen Zugeständnissen bereit, schlugen sie den Christen vor, ebenfalls Einräumungen zu machen, um alle in dem Glaubensbekenntnis an Christum zu vereinigen.
Nun befand sich die Gemeinde in einer furchtbaren Gefahr, mit welcher Gefängnis, Folter, Feuer und Schwert verglichen, als Segnungen dastanden. Einige Christen standen fest und erklärten, daß sie auf keinerlei Übereinkommen eingehen könnten. Andere stimmten für ein Entgegenkommen oder die Abschwächung einiger ihrer Glaubensregeln und verbanden sich mit denen, die das Christentum teilweise angenommen hatten, indem sie geltend machten, es möchte jenen zur vollständigen Bekehrung dienen. Dies war für die treuen Nachfolger Christi eine Zeit großer Angst. Unter dem Deckmantel eines scheinbaren Christentums wußte Satan sich in die Gemeinde einzuschleichen, um ihren Glauben zu verfälschen und die Gemüter vom Worte der Wahrheit abzulenken.
Der größte Teil der Christen war bereit, von ihrer erhöhten Stufe hinabzusteigen, und eine Vereinigung zwischen dem Christentum und dem Heidentum kam zustande. Obwohl die Götzendiener vorgaben, bekehrt zu sein, und sich der Gemeinde anschlossen, hielten sie doch noch am Götzendienste fest und verwandelten nur den Gegenstand ihrer Anbetung. Ungesunde Lehren, abergläubische Gebräuche und abgöttische Zeremonien wurden ihrem Glauben und ihrem Gottesdienste einverleibt. Als die Nachfolger Christi sich mit den Götzendienern verbanden, wurde die christliche Gemeinde verderbt, und ihre Reinheit und Kraft gingen verloren. Immerhin gab es etliche, die durch diese Täuschungen nicht irregeleitet wurden, die dem Fürsten der Wahrheit ihre Treue bewahrten und Gott allein anbeteten.
Unter den bekenntlichen Nachfolgern Christi hat es jederzeit zwei Klassen gegeben. Während die eine das Leben des Heilandes erforscht und sich ernstlich bemüht, jeglichen Fehler an sich zu verbessern und ihrem Vorbilde ähnlich zu werden, scheut die andere die klaren, praktischen Wahrheiten, die ihre Irrtümer bloßstellen. Selbst in ihrem besten Zustand bestand die Gemeinde nicht nur aus wahren, reinen und aufrichtigen Seelen. Unser Heiland lehrte, daß die, welche sich willig der Sünde hingeben, nicht in die Gemeinde aufgenommen werden sollen; dennoch verband er Männer von fehlerhaftem Charakter mit sich und gewährte ihnen die Vorteile seiner Lehren und seines Beispiels, damit sie Gelegenheit hätten, ihre Fehler zu sehen und zu verbessern. Unter den zwölf Aposteln war ein Verräter. Judas wurde nicht um seiner Charakterfehler willen, sondern ungeachtet derselben aufgenommen. Er wurde den Jüngern zugezählt, damit er durch die Unterweisungen und das Beispiel Christi lerne, worin ein christlicher Charakter besteht, und auf diese Weise seine Fehler erkennen, Buße tun und mit Hilfe der göttlichen Gnade seine Seele reinigen mochte „im Gehorsam der Wahrheit.“ Aber Judas wandelte nicht in dem Licht, das ihm so gnädig schien; er gab der Sünde nach und forderte dadurch die Versuchungen Satans heraus. Seine bösen Charakterzüge gewannen die Oberhand. Er ließ sich von den Mächten der Finsternis leiten, wurde zornig, wenn seine Fehler getadelt wurden, und gelangte auf diese Weise dahin, das furchtbare Verbrechen des Verrats an seinem Meister zu begehen. So hassen alle, die unter einem Bekenntnis von Gottseligkeit das Böse lieben, diejenigen, welche ihren Frieden stören und dadurch ihre sündhafte Laufbahn verurteilen. Bietet sich ihnen eine günstige Gelegenheit, so werden sie, wie auch Judas tat, diejenigen verraten, welche versucht haben, sie zu ihrem Besten zurechtzuweisen.
Die Apostel trafen Glieder in der Gemeinde, welche vorgaben, fromm zu sein, während sie im geheimen der Sünde huldigten. Ananias und Saphira waren Betrüger, denn sie behaupteten, Gott ein vollständiges Opfer darzubringen, wenn sie habsüchtigerweise einen Teil davon für sich zurückhielten. Der Geist der Wahrheit offenbarte den Aposteln den wirklichen Charakter dieser Scheinheiligen, und Gottes Gericht befreite die Gemeinde von diesem Flecken, der ihre Reinheit beschmutzte. Dieser offenbare Beweis, daß der scharfsichtige Geist Christi in der Gemeinde war, wurde ein Schrecken für die Heuchler und Übeltäter, die nicht lange in Verbindung mit jenen bleiben konnten, die der Handlung und Gesinnung nach beständig Stellvertreter Christi waren; und als Prüfungen und Verfolgungen über seine Nachfolger hereinbrachen, wünschten nur die seine Jünger zu werden, die bereit waren, alles um der Wahrheit willen zu verlassen. Somit blieb die Gemeinde, solange die Verfolgung dauerte, verhältnismäßig rein. Als sie aber aufhörte und Neubekehrte, welche weniger aufrichtig und ergeben waren, hinzugetan wurden, öffnete sich der Weg für Satan, in der Gemeinde Fuß zu fassen.
Es gibt aber keine Gemeinschaft zwischen dem Fürsten des Lichts und dem Fürsten der Finsternis, mithin auch keine Vereinbarung unter ihren Nachfolgern. Als die Christen einwilligten, sich mit Seelen zu verbinden, die nur halb vom Heidentum bekehrt waren, betraten sie einen Pfad, der sie weiter und weiter von der Wahrheit abführte; Satan aber frohlockte, daß es ihm gelungen war, eine so große Zahl der Nachfolger Christi zu täuschen. Dann übte er seine Macht in einem noch stärkeren Grade auf die Betrogenen aus und trieb sie an, diejenigen zu verfolgen, welche Gott treu blieben. Niemand konnte dem wahren Christenglauben so kräftig widerstehen wie seine ehemaligen Verteidiger; und diese abtrünnigen Christen im Verein mit ihren halb heidnischen Gefährten zogen gegen die wesentlichsten Lehren Christi in den Kampf.
Es bedurfte eines verzweifelten Ringens seitens der Getreuen, festzuhalten gegen die Betrügereien und Greuel, die, von priesterlichen Gewändern verhüllt, in die Gemeinde eingeführt wurden. Die Bibel wurde nicht mehr als Richtschnur des Glaubens angenommen. Die Lehre von wahrer Religionsfreiheit wurde als Ketzerei gebrandmarkt, und ihre Verteidiger wurden gehaßt und geächtet.
Nach langem und schwerem Kampfe entschlossen sich die wenigen Getreuen, jede Gemeinschaft mit der abtrünnigen Kirche aufzuheben, falls diese sich beharrlich weigere, dem Irrtum und dem Götzendienst zu entsagen. Sie erkannten, daß Trennung eine unbedingte Notwendigkeit war, wenn sie selbst dem Worte Gottes gehorchen wollten. Sie wagten weder Irrtümer zu dulden, die für ihre eigenen Seelen gefährlich waren, noch ein Vorbild zu lassen, das den Glauben ihrer Kinder und Kindeskinder gefährden würde. Um Frieden und Einheit zu wahren, standen sie bereit, irgendwelche mit ihrer Gottestreue vereinbarte Zugeständnisse zu machen; sie fühlten aber, daß selbst der Friede unter Aufopferung ihrer Grundsätze zu teuer erkauft sei. Konnte Einigkeit nur dadurch gesichert werden, daß Wahrheit und Rechtschaffenheit aufs Spiel gesetzt würden, dann mochte lieber Spaltung, ja selbst Krieg kommen.
Es würde für die Gemeinde und die Welt gut sein, wenn die Grundsätze, welche jene standhaften Seelen zum Handeln bewogen, im Herzen des bekenntlichen Volkes Gottes wiederbelebt würden. Es herrscht eine beunruhigende Gleichgültigkeit bezüglich der Lehren, welche die Pfeiler des christlichen Glaubens sind. Die Meinung gewinnt die Oberhand, daß sie nicht von großer Wichtigkeit sind. Diese Entartung stärkt die Hände der Vertreter Satans so sehr, daß jene falschen Lehrbegriffe und verhängnisvollen Täuschungen, in deren Bekämpfung und Bloßstellung die Getreuen in vergangenen Zeiten ihr Leben wagten, jetzt von Tausenden vorgeblicher Nachfolger Christi günstig betrachtet werden.
Die ersten Christen waren in der Tat ein besonderes Volk. Ihr tadelloses Betragen und ihr unwandelbarer Glaube war ein beständiger Vorwurf, der die Ruhe der Sünder störte. Obwohl gering an Zahl, ohne Reichtümer, Stellung oder Ehrentitel, waren sie überall, wo ihr Charakter und ihre Lehren bekannt wurden, den Übeltätern ein Schrecken. Deshalb wurden sie von den Gottlosen gehaßt, wie ehemals Abel von dem bösen Kain verabscheut wurde. Derselbe Beweggrund, der Kain zu Abels Mörder machte, veranlaßte die, welche sich vom hemmenden Einfluß des Geistes Gottes zu befreien suchten, Gottes Kinder zu töten. Aus dem nämlichen Grunde verwarfen und kreuzigten die Juden den Heiland; denn die Reinheit und Heiligkeit seines Charakters war ein beständiger Vorwurf gegen ihre Selbstsucht und Verderbtheit. Von den Tagen Christi an bis jetzt haben seine getreuen Jünger den Haß und, den Widerspruch derer erweckt, welche die Wege der Sünde lieben und ihnen nachgehen.
Wie kann denn aber das Evangelium eine Botschaft des Friedens genannt werden? Als Jesaja die Geburt des Messias vorhersagte, gab er ihm den Titel „Friedefürst“. Als die Engel den Hirten verkündigten, daß Christus geboren sei, sangen sie über den Ebenen Bethlehems: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Luk. 2,14.) Es scheint ein Widerspruch zu bestehen zwischen diesen prophetischen Aussagen und den Worten Christi: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert,“ (Matth. 10,34.) aber richtig verstanden sind beide Aussprüche in vollkommener Übereinstimmung. Das Evangelium ist eine Botschaft des Friedens. Das Christentum verbreitet, wenn es angenommen wird, Friede, Eintracht und Glückseligkeit über die ganze Erde. Die Religion Christi verbindet alle, die ihre Lehren annehmen, in inniger Brüderschaft miteinander. Es war Jesu Werk, die Menschen mit Gott und somit auch miteinander zu versöhnen. Aber die Welt im großen und ganzen befindet sich unter der Herrschaft Satans, des bittersten Feindes Christi. Das Evangelium zeigt ihr die Grundsätze des Lebens, welche vollständig im Widerspruch mit ihren Sitten und Wünschen stehen, und gegen die sie sich empört. Sie haßt die Reinheit, welche ihre Sünden offenbart und verurteilt, und sie verfolgt und vernichtet alle, die ihr jene gerechten und heiligen Ansprüche vorhalten. In diesem Sinne - weil die erhabenen Wahrheiten, die das Evangelium bringt, Haß und Streit veranlassen -wird es ein Schwert genannt.
Das geheimnisvolle Wirken der Vorsehung, welche zuläßt, daß der Gerechte von der Hand des Gottlosen Verfolgung erleidet, ist für viele, die schwach im Glauben sind, eine Ursache großer Verlegenheiten geworden. Einige sind sogar bereit, ihr Vertrauen auf Gott wegzuwerfen, weil er es zuläßt, daß es den niederträchtigsten Menschen wohlergeht und die besten und reinsten von ihrer grausamen Macht bedrängt und gequält werden. Wie, fragt man, kann ein Gerechter und Barmherziger, der unendlich in seiner Macht ist, solche Ungerechtigkeit und Unterdrückung dulden? Mit einer solchen Frage haben wir nichts zu tun. Gott hat uns genügende Beweise seiner Liebe gegeben, und wir sollen nicht an seiner Güte zweifeln, weil wir das Wirken seiner Vorsehung nicht zu ergründen vermögen. Der Heiland sagte zu seinen Jüngern, da er die Zweifel voraussah, welche in den Tagen der Prüfung und der Finsternis ihre Seelen bestürmen würden: „Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: 'Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr'. Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen.“ (Joh. 15,20.) Jesus hat mehr gelitten für uns, als irgendeiner seiner Nachfolger von der Grausamkeit gottloser Menschen zu leiden haben kann. Wer berufen ist, Qualen und Märtyrertod durchzumachen, folgt nur in den Fußstapfen des teuren Gottessohnes.
„Der Herr verzieht nicht die Verheißung.“ (2. Petr. 3,9.) Er vergißt oder vernachlässigt seine Kinder nicht, aber gestattet den Gottlosen, ihren wahren Charakter zu offenbaren, auf daß keiner, der wünscht, seinen Willen zu tun, über sie getäuscht werden möchte. Wiederum läßt er die Gerechten durch den Feuerofen der Trübsal gehen, damit sie selbst gereinigt werden, damit ihr Beispiel andere von der Wirklichkeit des Glaubens und der Gottseligkeit überzeuge und ihr treuer Wandel die Gottlosen und Ungläubigen verurteile.
Gott läßt es zu, daß die Bösen gedeihen und ihre Feindschaft gegen ihn bekunden, damit wenn das Maß ihrer Ungerechtigkeit voll ist, alle Menschen in ihrem vollständigen Untergang seine Gerechtigkeit und Gnade sehen können. Der Tag seiner Rache eilt, da allen, die sein Gesetz übertreten und sein Volk unterdrückt haben, die gerechte Vergeltung für ihre Taten zuteil werden wird; da jede grausame und ungerechte Handlung gegen die Getreuen Gottes bestraft werden wird, als ob sie Christo selbst angetan worden sei.
Es gibt eine andere und wichtigere Frage, welche die Aufmerksamkeit der Kirchen unserer Tage in Anspruch nehmen sollte. Der Apostel Paulus erklärt, daß „alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden.“ (2. Tim. 3,12.) Wie kommt es denn, daß die Verfolgung gewissermaßen zu schlummern scheint? Der einzige Grund ist, daß die Kirchen sich der Welt angepaßt haben und deshalb keinen Widerstand erwecken. Die gegenwärtig volkstümlic |